Urlaub auf Kreta 1995

Von Gabi

Im September 1995 machte ich erneut Urlaub auf Kreta in Ágios Nikólaos. Diesmal wohnte ich im Hotel „Domeniko“, einem kleinem Hotel näher zum Stadtzentrum, in einer ruhigen Nebenstraße mit Blick zum Fußballstadion. 100 Meter entfernt vom Hotel lag das Meer, wo es eine kleine Taverne mit einer ausgezeichneten Küche gab. Hier durfte man in die Töpfe schauen, was es zu essen gab.

PicturesKJ/gabi7.jpgEin Ausflug führte in diesem Jahr in westliche Richtung. Ein Besuch des Klosters Arkádi ist unbedingt zu empfehlen, denn es spielt in der Geschichte der Insel Kreta eine wichtige Rolle.
Weiter ging die Fahrt nach Réthymnon mit seiner schönen Altstadt bis nach Chania. Die Zeit reichte leider nicht, um beide Städte ausgiebig zu durchlaufen und alles anzuschauen.

Außerdem spielte mir mein Fotoapparat einen Streich, der Verschluss öffnete sich nicht und ein ganzer Film war unbelichtet. Nicht nur deshalb werde ich sicher noch einmal nach Kreta reisen.
Ein Ausflug zur Lassithi-Hochebene und der Díkti-Höhle war sehr informativ. Leider sind nur noch ganz wenige Flügel der Mühlen mit Leinwand bespannt, sodass man schon suchen muss, um noch eine Mühle mit weißen Flügeln zu finden. Das Essen in der Taverne „Seli Ampelou“ schmeckt ausgezeichnet. Fleisch und auch die Kartoffeln werden im Backofen zubereitet.

PicturesKJ/gabi8.jpgSehr früh am Morgen brachen wir zu einer Tagesfahrt mit einem Kreuzfahrtschiff zur Insel Santorini auf. Zur Begrüßung gab es Frühstück. Bis zur Ankunft vor Santorini konnte man sich an Deck sonnen. Gegen 11:00 Uhr kamen wir an und das Ausschiffen auf dem Meer begann. Wir mussten in kleine Boote umsteigen, die uns an Land brachten.

Mein Ausflug auf die Insel Santoríni begann in Athinios und führte in das Bergdorf Pýrgos. Bekannt ist dieses Dorf durch seine Glockentürme. Von dort hat man einen herrlichen Ausblick auf das Meer.
Die Reiseführerin stürmte in Pýrgos die Stufen zu der Kirche mit den Glockentürmen hinauf, die Ausflügler im Sturmschritt hinterher. Das war mir in der Hitze entschieden zu stressig und so setzte ich mich in eine kleine Taverne, von wo aus der Ausblick genau so schön war.

Bei einem Frappe kam ich schnell mit den Besitzern ins Gespräch. Als die anderen wieder zurück kamen, wurde ich von allen in der Taverne herzlich verabschiedet. Die Reiseleiterin fragte mich, ach, sie kennen die Leute, sie waren schon mal hier? Ich antwortete, nein, ich habe sie gerade kennen gelernt! Bei allen schönen Aussichten und interessanten Geschichten, sollte man nicht den Kontakt zu den dort lebenden Menschen vergessen, denn diese Erlebnisse besitzen oft einen größeren Wiedererzählungswert, zumindest für mich!

PicturesKJ/gabi9.jpgAm Strand von Kamari hatten wir Zeit einiges anzusehen und in einer schönen Taverne Mittag zu essen. Dort bekam ich auch den beste Moussaka, den ich je in Griechenland gegessen habe. Ich brauchte einen großen Ouzo zur Verdauung, denn ich konnte erst aufhören, als ich alles aufgegessen hatte. Der Bus brachte uns dann nach Fíra, der Inselhauptstadt, die hoch über dem Meer liegt. Dort war es sehr voll und touristisch, da unser Schiff nicht das einzige mit Tagesausflüglern war. Sicher ist es viel schöner, durch die engen Gassen zu bummeln, wenn sie noch nicht so überfüllt sind.
Um zu den Booten zu kommen, die uns wieder an Bord unseres Schiffes brachten gab es drei Möglichkeiten:
1. die Stufen zu Fuß – nein
2. die Stufen auf dem Rücken eines Esels – nein
3. mit der Kabinen-Seilbahn – ja.

Wieder unten am Kai, wo die kleinen Boote lagen, die uns zurück auf das Schiff bringen sollten, reichte die Zeit noch für einen „Elliniko“. Eine kleine Taverne direkt neben der Seilbahn lag zur Hälfte im Felsen. Der Wirt servierte mir einen sehr starken griechischen Kaffee und versuchte mich zu überreden, meinen nächsten Urlaub auf Santorini zu verbringen – vielleicht später einmal!
Zurück ging es an Bord, wo es ein ausgiebiges Abendessen gab. Nach einer vierstündigen Fahrzeit war Kreta wieder in Sicht und ein schöner Ausflug zu Ende.
Von Gabi

Kreta – wie alles begann

Von Roswitha und Franz Heinrich
Es war einmal vor vielen Jahren – müssen so ca. 20 sein – eine heiße Diskussion mit Bekannten bezüglich Urlaub. Diese verbrachten seit Jahren immer ihre wohlverdienten Ferien in der gleichen Destination. Dies konnten und wollten wir einfach nicht verstehen. Wir konnten keine, wie immer gearteten Argumente akzeptieren – Geld, einfache Anreise wegen der Kinder, etc.
Für uns jedenfalls stand fest: wir wollen offen sein für viele Länder und Kulturen. Wir wollen und werden jedes Jahr etwas Neues entdecken …

PicturesKJ/Kreta_xyz1.jpgIn diesem Jahr war Kreta unser Reiseziel. Als „TOURISTEN“ genossen wir die Tage auf dieser Insel. Es war ein wunderschöner Urlaub – es passte einfach alles: Hotel, Klima, Ausflüge, usw. Doch alles geht dem Ende zu. Wir waren in Richtung Flughafen Chaniá mit dem Bus auf der New Road unterwegs. Sonnenuntergang, blutroter Himmel, tolle Wolkenstimmung, silberglänzendes Meer und schwarze Berge, aus den Buslautsprechern tönte blechern griechische Musik – diese, wirklich unter die Haut gehende Stimmung hatten wir noch nie zuvor und noch nirgendwo erlebt. … Und etwas für uns Unbegreifliches passierte: wir entschlossen uns, irgendwann einmal wieder nach Kreta zu kommen.

Nach nur zwei Jahren war es soweit. Wir flogen nach Kreta, wieder in das gleiche Hotel. Sofort nach der Ankunft machten wir eine – für uns unbegreifliche – Erfahrung mit den Kretern: Stavros, der Barkeeper, meinte sofort als er uns sah: „Ihr seid doch schon mal hier gewesen! Herzlich willkommen zurück!“ Und das in einem großen Hotel mit 560 Zimmern. Wenn man bedenkt, dass ein Zimmer mit zwei Personen belegt ist, normalerweise ein Turnus mit zwei Wochen berechnet wird und die Saison von April bis Oktober dauert, ist es doch fast unvorstellbar, dass man aus dieser Vielzahl an Gästen einfach zwei wieder erkennt. Doch es war nicht nur im Hotel so. In der kleinen Taverne, im Supermarkt, sogar der Taxifahrer, überall hieß es: „Willkommen zurück!“ Dieses Jahr hatten wir Kreta als GÄSTE besucht.
Und ein Virus befiel uns …

Mittlerweile waren wir schon ca. 20 mal auf dieser wunderschönen Insel. Mindestens einmal im Jahr kommen wir hierher, als FREUNDE, wie uns immer wieder versichert wird. Mit jedem Jahr wird es „anstrengender“ und „stressiger“, vor allem aber auch immer herzlicher. Von Sightseeing kann bei uns keine Rede mehr sein – wir sind ausgelastet mit Besuchen bei Stavros, Nikos, Michalis, Giannis und wie sie alle heißen.
PicturesKJ/Kreta_xyz2.jpgKretische Gastfreundschaft muss man einfach erlebt haben. Das zählt weitaus mehr als Besichtigungstouren, All Inclusive-Clubs, etc. Auf Kreta ist einfach der Mensch „all inclusive“. Davon zehrt man das ganze Jahr!

Nun werden wir ständig von unseren Bekannten gefragt: „Was treibt euch eigentlich jedes Jahr nach Kreta? Woanders gibt es doch auch schöne Strände und gute Hotels?“
Unsere Antwort ist ein Zitat von Nikos Kazantzakis: „Du musst Kreta mit dem Herzen sehen“. Was es wirklich genau ist, können auch wir nicht sagen. Es ist einfach ein Gefühl.
Das Logo unseres Hotels (zwei Schwalben) stammt von einem Fresco, 1750 v. Chr. und bedeutet „Heimkehr“. Wir hoffen, dass wir noch oft nach Kreta heimkommen können!
Von Roswitha und Franz Heinrich

Völkerverständigung

Von Elke Schroeder
Kürzlich war mein Freund Diomidis zu Besuch. Gegen Abend bat er mich, den Fernseher einzuschalten, um die griechischen Nachrichten zu verfolgen. Wir freuten uns wie die Kinder, weil der Moderator männlich war und stellten den Ton auf ohrenbetäubend. Griechische Moderatorinnen verlesen die neuesten Meldungen in Frequenzbereichen, die einem sopranistischen Terroranschlag auf das menschliche Innenohr gleichkommen. Selbst der Gesang eines einzelnen Schwertwals bei hohem Seegang hat keine derart verheerende Wirkung. Der Lautstärkeregler eines griechischen Fernsehgerätes kommt mit zwei Stufen aus:

Stufe 1: unhörbar
Stufe 2: infernalisch

Stufe 1 (unhörbar) tritt in Kraft, wenn
a) der Nachrichtensprecher weiblich ist oder
b) sich die Familie in Trauer befindet oder
c) der Gatte heimlich auf die nackten Mädels von Pol-Sat umschaltet, weil die Ehefrau endlich schläft.

Stufe 2 (infernalisch) erfreut sich großer Beliebtheit, wenn
a) der Nachrichtensprecher männlich ist oder
b) Fußballübertragungen gezeigt werden oder
c) das Gekreisch der zänkischen Ehefrau übertönt werden muss, die die nackten Mädels von Pol-Sat entdeckt hat.

Als die Nachrichten zu Ende waren, lehnte Diomidis sich zufrieden zurück. Eine Weile saßen wir in einträchtigem Schweigen zusammen. Dann schaute er mich erwartungsvoll an. Ich wusste nur zu gut, was sein Blick zu bedeuten hatte. Es war immer das gleiche mit Diomidis. Gleich nach den Nachrichten packte ihn der unheilvolle Drang, mich einem Kreuzverhör zu unterziehen. Stets fiel ihm etwas ein, was mir hätte auffallen sollen. Meistens handelte es sich um eine Nichtigkeit, die nur im entferntesten Sinne mit den Nachrichten zu tun hatte. Ein besonders fettes Insekt beispielsweise, das an der Außenmauer des Athener Parlamentsgebäude entlangkroch, oder eine vollbärtige Dame mit Enkelkind, die versehentlich für den Bruchteil einer Sekunde vom Sucher der Kamera erfasst wurde. In beiden Fällen – des Insekts wie auch der vollbärtigen Dame – war es zwischen Diomidis und mir zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Immer zeriss sein extremer Patriotismus jedes meiner Argumente in der Luft, analysierte und sezierte es so lange, bis es unansehnlich ausgebreitet vor unseren Füßen lag. Bei der bärtigen Dame war es besonders schlimm. Damals beschuldigte er das deutsche Kind der Lieblosigkeit.

„Hab ich hier auf deutschem Boden schon jemals eine bärtige Dame in Begleitung ihres Enkelkindes gesehen?“ fragte sich Diomidis.
Sicherheitshalber gab er sich die Antwort sogleich selbst:
„Nein, natürlich nicht! Die perfekten Kinderchen schämen sich in Grund und Boden. Omas mit Bartwuchs sind biologische Unfälle. Ein Fall für das Kuriositätenkabinett! Bah…!“
Ich lachte.
„Sei nicht albern!“
„So, du lachst also?“
Diomidis schäumte über.
„Hergott, Diomidis, deine haarsträubenden Behauptungen sind eben lustig. Was kann ich dafür, wenn mich dein herrlicher Zynismus zum Lachen bringt?“

Ich versuchte es bereits mit Schmeicheleien.
„Deutsche Kinder sind genauso liebesfähig wie griechische. Außerdem sind sie einfach unschuldig. Also lassen wir das Thema jetzt!“
Diomidis war da anderer Ansicht. Mit theatralischer Bedächtigkeit holte er zum nächsten Schlag aus:
„Weißt du, was euer Problem ist? Ihr habt kein Herz im Leib. Also, woher sollen eure Kinder es besser wissen? Aus Stein wird kein Fleisch geboren.“
Augenblicklich erhob mein Zorn sein Haupt:
„Das brauche ich mir nun wirklich nicht anzuhören. Diese Unterhaltung führt zu überhaupt nichts. Du bist unsachlich und unfair.“
Ärgerlich stand ich auf und leerte den übervollen Aschenbecher aus.

Diomidis rief aus dem Wohnzimmer:
„Typisch, wenn dir die Argumente ausgehen, beendest du einfach das Thema. Machst ‚Schnipp‘ und gehst zur Tagesordnung über.“
„Was, bitte schön, soll ich zu deinem lächerlichen Argument sagen? Dass wir eben Steinmenschen in einem Land aus Steinherzen sind, das sich an Menschen mit unkontrolliertem Haarwuchs bereichert? Ist es das, was du hören willst?“
Jetzt war es an Diomidis, zu lachen.
„Es ist unbestreitbar, dass ihr bei der Vergabe menschlicher Wärme zu kurz gekommen seid.“
„Siehst du, es hat keinen Sinn, mit dir zu diskutieren“, rief ich ihm aus der Küche zu.
„Außerdem konnte ich nicht ahnen, daß bärtige Frauen so wichtig für dich sind. Jedenfalls waren sie bisher kein Thema für mich.“
Diomidis kam mir in die Küche hinterher. Angriffslustig lehnte er im Türrahmen.
„Ach ja, und warum waren sie bisher kein Thema für dich?“
„Weil wir hier in Deutschland keine bärtigen Omas haben, der Hormonhaushalt der deutschen Frau ausgewogen ist und die Ärzte im Notfall auch zur Stelle sind. So einfach ist das!“

Diomidis knallte die Tür, als er ging.
Von Elke Schroeder

Völkerverständigung Teil 2

Von Elke Schroeder
Es dauerte zwei Wochen, bis die Sache vergessen war.
Diesmal wollte ich um jeden Preis einen Streit verhindern. Also ignorierte ich seine erwartungsvolle Haltung und wandte mich seinem Lieblingsthema zu: Die Schönheit der griechischen Flagge.
„Diesmal war sie besonders hübsch anzusehen, findest du nicht?“ fragte ich einfältig und grinste wie eine Schwachsinnige.

Diomidis war irritiert, und das war gut so.
„Was war hübsch anzusehen?“
„Na, eure Flagge. Sie hatte heute dieses satte Blau, schien mir einen Ton dunkler als sonst. Die Streifen stachen daraus hervor wie Enzianblüten an einer Felswand. Es war ergreifend.“
Für einen kurzen Augenblick spiegelte sich pure Freude auf seinem Gesicht. Bald darauf wurde er misstrauisch und am Ende hatte er den Braten gerochen.

„Ja, ja die Flagge. Ich weiß schon. Sie werden sie gewaschen haben. Aber was viel wichtiger ist …“
Er erhob den Zeigefinger wie ein Lehrer:
„Was ist dir sonst noch aufgefallen?“
Ich zuckte die Schultern und räusperte mich unbehaglich.
„Nichts, nur dass der Moderator etwas verschnupft war.“
Diomidis begab sich in kerzengerade Haltung und erklärte:
„Ist dir nicht aufgefallen, daß hinten rechts im Regal des französischen Premiers ein Französisch-Griechisch Lexikon stand?“
„Wie um Himmels willen fällt dir immer etwas derart Nebensächliches auf?“ wollte ich wissen. Und schon hatte ich das Stichwort zur Diskussion gegeben.
„Interessant! Das Französisch-Griechisch Lexikon ist also Nebensache für dich?“ hob Diomidis an. Automatisch setzte ich mich in Gefechtsposition.

„Nein, so habe ich das auch wieder nicht gemeint. Aber in Anbetracht der Rede des französischen Premiers zum Thema Europa und Währungsunion war sein Bücherregal im Hintergrund eher nebensächlich.“
Diomidis ließ meine Erklärung nicht ohne weiteres gelten. Er belehrte mich:
„Merke: Am kleinen Indiz erkennt man den Mörder.“
Ich lachte laut auf.
„Willst du jetzt Frankreichs Präsidenten des Mordes bezichtigen?“

Diomidis schlug sich gereizt auf die Stirn und stöhnte laut auf. Die folgenden Worte formte er so langsam und bedächtig, daß ich sie auch mühelos von seinen Lippen hätte ablesen können.
„Was ich meine ist, wenn schon Frankreichs Staatspräsident unsere Sprache in seinem Regal hat, entwickelt sich in Europa vielleicht doch noch das wahre Bewusststein.“
Ich verdrehte die Augen.
„Sag es nicht, bitte!“
„Warum soll ich es nicht beim Namen nennen? Ich sage es sogar laut und deutlich: Auf der ganzen Welt sollte Griechisch gesprochen werden“
„Ach ja? Warum?“
„Weil es die beste aller Sprachen ist. Sie ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend.“
„Das mag ja sein“, gab ich zu bedenken. „Aber Handelssprache ist und bleibt Englisch. Und das wird vorerst so bleiben.“

Diomidis grunzte unzufrieden und zog die Stirn kraus. Sein Blick streifte mich kalt, bevor er fragte:
„Was heißt hier: DAS MAG JA SEIN? Warum sagst du das so abwertend? DAS MAG JA SEIN bedeutet für mich: Griechisch ist hässlich und leicht zu lernen.“
„Das ist ja lächerlich“, rief ich ungewollt heftig aus.

Weil ich mich nicht aufregen wollte, erhob ich mich vom Sofa, nickte Diomidis kurz zu und verschwand auf die Toilette. Für mich ist sie der beste Ort zur Sammlung. Nirgends sonst wird man sich der eigenen Persönlichkeit derart bewusst wie auf der Klobrille. Es liegt wohl daran, dass man seine Ruhe hat und nicht abgelenkt wird. Ich dachte angestrengt nach. Vernünftig mit Diomidis zu diskutieren gleicht dem Versuch, einem Haifisch einen Kuss abzuringen. ‚Ja und Amen‘ zu sagen, bringt ihn nur noch mehr in Rage und führt zu gar nichts. Also musste ich es mit Schmeicheleien versuchen.

Als ich mir eine Strategie ausgedacht hatte, betätigte ich die Toilettenspülung und kehrte zum Sofa zurück. Besorgt stellte ich fest, daß mein Freund sich zwischenzeitlich nicht einen Millimeter gerührt hatte. Er wartete auf die Gelegenheit, explodieren zu können.
„Also hör zu!“ sagte ich ruhig. „Du weißt, ich liebe die griechische Sprache …“
„Stimmst du mir auch zu, dass sie alt, schwer und ungeheuer faszinierend ist?“ unterbrach er mich.
„Natürlich ist sie schwer. Wer sie lernt, kann ein Lied davon singen. Deshalb kommt sie als Handelssprache erst gar nicht in Frage. Erschwerend hinzu kommt euer anstrengendes Schriftbild. Allein wegen der fünf ‚i’s‘ käme der gesamte Welthandel zum Erliegen.“

Diomidis schwankte deutlich zwischen Stolz und Zorn.
„Dann sollen sie gefälligst die fünf ‚i’s‘ lernen. Auch ich habe sie lernen müssen.“
„Du sprichst sie, sicher, aber kannst du sie auch schreiben?“
Diomidis errötete.
„Was tut das jetzt zur Sache?“
„Na bitte, da hast du’s. Selbst der Grieche kann seine Sprache nicht schreiben.“
Triumph prasselte auf mich nieder wie ein sommerlicher Platzregen. Als Diomidis schwieg, wurde aus dem Platzregen eine Sintflut. Plötzlich tat er mir leid. Zum Glück fiel mir ein Beispiel ein:
„Nimm die Drachme, Diomidis, auch die ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Trotzdem wird der Euro sie ablösen. Man hat sich eben geeinigt.“

Diomidis Augen wurden hart.
„Ha! Du willst mir etwas über unsere Währung erzählen? Kennst du die Entstehungsgeschichte der Drachme? Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. prägten wir auf Mykene die erste Münze und ihre Kaufkraft war außerordentlich hoch.“
„Ja, und dann seid ihr maßlos geworden, habt eure Ernten und Töchter verkauft, um eure Gesichter im Glanz der Drachme zu spiegeln.“
„Und ihr mit eurer D-Mark führt euch in Griechenland auf wie die Götter!“

Der Platzregen versickerte im Erdreich. Ich verlor langsam die Beherrschung!
„DAS, MEIN LIEBER DIOMIDIS …“, schrie ich, „… SIND WIR IM VERGLEICH UNSERER BEIDEN WÄHRUNGEN AUCH!“
„WIR HABEN EURE WÄHRUNG NICHT NÖTIG!“ schrie Diomidis zurück.
„IHR NEHMT SIE ABER GERNE AN! IHR WÜRDET DOCH JETZT NOCH AUF ESELSPFADEN TRAMPELN, WENN UNSERE D-MARK EUCH NICHT SCHON JAHRELANG HUCKEPACK TRAGEN MÜSSTE.“
Diomidis wurde weiß um die Nase.

Von oben klopfte mein Nachbar dreimal mit dem Besenstiel auf den Boden.
Diomidis Gesichtsfarbe kehrte nur langsam zurück. Das gleichmäßige Zittern seiner aufgeblähten Nasenflügel verriet großen Zorn. Mühsam rang er um Beherrschung, bevor er fortfuhr:
„Gut, ok, langsam, wir drehen uns im Kreis. Du selbst hast das Thema Drachme auf den Tisch gebracht. Du sagtest, sie sei alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Erkläre mir das näher!“
„Da gibt es nichts weiter zu erklären“, erwiderte ich völlig ermattet.
„Aha! Du machst also wieder einfach ‚Schnipp‘ und entziehst dich einer stichhaltigen Argumentation. So geht das nicht.“

Meine Geduld war aufgebraucht. Mit festem Blick sah ich in Diomidis zusammengekniffene Augen.
„Du willst also ein stichhaltiges Argument? Also gut, hör zu: Es ist ungeheuer faszinierend, wie alt und schwer eure Münzen sind, dass ihr Gewicht jedes europäische Portemonnaie zerstört. Kein Land der Welt hat eine derart ungehobelte Währung.“
Es folgte minutenlanges Schweigen, unterbrochen nur vom rythmischen Trommeln von Diomidis’ Fingern auf der Tischplatte. Schließlich stand er auf und bewegte sich Richtung Haustür. Bevor er ging, schleuderte er mir einen letzten Satz ins Gesicht:
„Du wirst schon sehen. In Kürze werden weltweit alle Computer auf griechisch umgestellt.“
„Ja!“ rief ich meinem Freund hinterher. „Und der nächste Papst wird eine Frau!“

Irgendwann haben wir uns wieder versöhnt. Noch immer kommt Diomidis zu Besuch, aber wir schauen uns keine griechischen Nachrichten mehr an. Einzig erlaubt sind musikalische Werbeunterbrechungen.
Mittlerweile denke ich jedoch ernsthaft darüber nach, auch das zu unterbinden, denn nach einem der letzten Konzertausschnitte glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen:
„Ist dir das auch aufgefallen?“
„Was?“ fragte ich alarmiert.
„Das Mikrofon. Es kam aus Japan!“

Von Elke Schroeder

Kreta in einem halben Tag

Von Armin G.

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte über eine Odyssee quer durch die Insel. Nur die Namen von Personen und Hotels sind verfremdet.

Vorwort
Bereits seit Jahren spielen wir mit dem Gedanken, einmal auf Kreta überzusetzen. Nachdem wir die Peloponnes schon fast unsere zweite Heimat nennen würden, wir Korfu in- und auswendig kennen, von Thessaloníki bis Kap Soúnion, von Igoumenítsa bis Vólos fast alle Sehenswürdigkeiten des Festlandes abgegrast sind, soll es dieses Jahr endlich passieren.

Wir haben uns gut vorbereitet, die Kreta-Fibel ausführlich studiert, Fähren- und Hotelzimmer von zu Hause aus gebucht, es kann eigentlich nichts schief gehen, zumal wir keine Griechenlandanfänger mehr sind. Und Kreta ist doch auch Griechenland, oder?

Wir fahren nach Kreta und freuen uns wie die Könige, so viel haben wir schon gehört und gelesen über die große griechische Insel.

Wie schon seit über zehn Jahren haben wir in Toló im Hotel unseres Freundes Dimitris auf der Peloponnes zwei wunderschöne Urlaubswochen verbracht, in den nächsten beiden Wochen wollen wir den kleinen Kontinent zwischen Europa und Afrika erkunden. Und der Tag der Weiterreise ist gekommen.

Mittwoch, 28.09.1999
Der Tag davor.
Um viertel neun Uhr mache ich mich auf den Weg in den Frühstücksraum, ich brauche dringend eine Stärkung, bevor ich den Wagen bis unter das Dach belade. Wir haben den halben Yper-Market leer gekauft, Wein, Olivenöl und andere Leckereien für zu Hause sowie noch eine Kretakarte – sicher ist sicher! Wer weiß denn schon, ob es auf Kreta auch so einen tollen Supermarkt gibt.

Nach einer Stunde bin ich fertig, total durchgeschwitzt stelle ich mich unter die Dusche, mangels Badeschlappen, die sich natürlich ganz unten in der Reisetasche im Kofferraum befinden, stehe ich dabei auf einer zerfetzten Plastiktüte. Ist griechisch improvisiert und beugt dem Fußpilz vor. Wie immer am Morgen ist die Dusche eiskalt, die Sonne scheint ja noch nicht so lange.

Zahlen dürfen wir auch noch, die vorsorglich bereits vor ein paar Tagen verlangte Rechnung ist endlich fertig, handgemalt natürlich. Bei Hochbetrieb in der Rezeption, es ist Abreisetag, müssen wir zig Euroschecks ausstellen, jedes Jahr die selbe Prozedur. Da könnte ich einen richtigen Hass bekommen.

Nicht, daß mir Dimitris nicht traut, es liegt an seiner Bank, die die Schecks nur dann annimmt, wenn sie den Höchstbetrag von 45.000 Drachmen nicht übersteigen. Also stellen wir halt ein paar Schecks aus, wir haben Urlaub und daher jede Menge Zeit.

Als Entschädigung für das Ungemach erhalten wir zwölf Prozent Rabatt „for friends – gia filous“, – Dimitris wechselt fließend zwischen dem Englischen und dem Griechischen, damit es die beste aller Reisebegleiterinnen auch versteht – die Gemüter beruhigen sich wieder.

Wir sagen der Argolís adieu, auf der neuen Autobahn gelangen wir zum Kanal von Korinth, wo es gemäß alter Sitte köstliche Souvlakistäbchen gibt, vielleicht die besten auf dem Festland. Über den „Highway under Construction“ kommen wir schließlich zur Ausfahrt Piräus. Das Verkehrsschild hat auch schon bessere Zeiten erlebt, es ist total verbogen, halb umgefahren und daher fast unleserlich, griechisch eben.

Durch das Verkehrsgewühl der Hafenstadt erreichen wir erstaunlich flott die Odós Aigaléo, die nach rechts abzweigt und direkt zum Hafen führt. Punkt zwei Uhr sehen wir die Schiffe vor Anker liegen, nur die Hafeneinfahrt müssen wir etwas länger suchen, da das Tor zu den Kretafähren noch geschlossen ist und wir den ganzen Hafen umrunden, um einfach auf der anderen Seite einzufahren.

Jetzt ist es dreiviertel vier Uhr, wir sitzen im Hafencafé mit Blick auf die King Minos, die uns anstelle der in Deutschland gebuchten Nikos Kazantzakis nach Kreta bringen wird. Die Tickets sind schon abgestempelt, um halb fünf Uhr sollen wir einschiffen können.

Jetzt fragen wir uns nur noch, ob es auf Kreta wirklich 36 °C hat, so wie ich es gestern in der Zeitung gelesen habe. Falls ja, wird der Aufenthalt im nicht klimatisierten und bereits vorgebuchten Hotel Castellios vor allem nachts vielleicht etwas unangenehm warm werden.

Das Hotelzimmer haben wir bereits von Deutschland aus per Fax reserviert, die Adresse habe ich aus den Greek Travel Pages, die ich mir im Vorjahr gekauft habe. Das Castellios in Plakiás hinterließ dabei einen sehr guten Eindruck und bekam wegen des besseren Strandes den Vorzug vor dem Irini-Mare in Agía Galíni.

Nachdem ich den Einweiser zum fünften Mal mit der Frage nerve, ob wir schon an Bord kommen dürfen – parakaló –, winkt er uns genervt auf die elf Jahre alte Fähre. Elf Jahre bedeuten, dass das Schiff zwar nicht auf dem absolut neuesten Stand, aber durchaus annehmbar ist.

Die Zeit bis zum Ablegen verbringen wir voller Vorfreude mit Duschen, bei einem Kaffee in der „Distinguished-Class-Bar“ (es gibt hier wirklich noch eine erste Klasse) sowie auf Deck, wo wir das Ablegen beobachten. Zu meinem Erstaunen ist die Fähre ziemlich voll, vor allem Griechen nützen diese preiswerte Beförderungsmöglichkeit. Andere Touristen treffen wir fast keine.

Um acht Uhr legen wir ab, die Durchsage auf Deutsch lautet kurz und prägnant: „Achtung, letzte Meldung, das Schiff legt ab“. Wahrscheinlich war der Ansager einmal beim Militär.

Auf Wiedersehen Piräus, Kreta wir kommen.

Das Abendessen im Restaurant ist super und preiswert. Auf der innergriechischen Linie ist dasselbe Essen einige Drachmen günstiger, als auf der internationalen Route. Es gibt sogar Schnitzel mit Kartoffelbrei, wir entscheiden uns aber für Rindfleisch mit Reisnudeln sowie zwei sehr ölige Salate. Dazu trinken wir Bier und minoischen Rotwein.

Den Nachttrunk nehmen wir in der Bar ein, die gut besucht und total verqualmt ist. Schon wieder ist Champions-League-Tag und alle sitzen vor den Fernsehern, um lautstark einen Sieg von Olympiakos Piräus bejubeln zu können. Um halb elf Uhr sind wir müde und gehen in die Kabinen. Während meine Chefin sofort einschläft, liege ich noch lange wach und wälze mich hin und her.

Sollte es doch so etwas wie Vorahnungen geben? Nööö, alles wird gut.

Mittwoch, 29.09.1999
Die unglaubliche Geschichte – Kreta in zehn Stunden – ein Rückblick.

Ein Rückblick auf einen Tag, dessen Ablauf ich in meinen kühnsten Träumen niemals für möglich gehalten habe und mein Leben lang nicht vergessen werde. Immerhin sollte es zwei Tage dauern, bis ich seelisch überhaupt in der Lage dazu war, dieses Erlebnis zu niederzuschreiben.

Eigentlich würden drei Worte ausreichen, das Unfassbare umfassend auszudrücken: Ankunft, Suchfahrt, Flucht. Aber das würde das Warum nicht erklären und deswegen ist dieser Bericht entstanden.

Wir schon geschrieben, ich konnte überhaupt nicht einschlafen, bis mindestens halb zwei Uhr lag ich wach. Um fünf Uhr klingelte dann der Wecker, ich war total kaputt, freute mich jedoch auf Kreta.
Langsam näherten wir uns dem Hafen von Iráklion, die Lichter der Stadt, dahinter die Silhouetten der Berge, die Müdigkeit wich hoffnungsfroher Erwartung.

Eine Stunde später legte die Fähre an, kurz vor sieben Uhr betraten wir erstmals im Leben kretischen Boden und machten uns sogleich auf den Weg nach Plakiás.

Rund eine dreiviertel Stunde irrte ich bei angehender Dämmerung durch diverse Vororte von Iráklion. Nach langer Suche fand ich auf dem Parkplatz eines Industriekomplexes endlich einen Griechen, der mir den Weg zur illegalen Autobahnauffahrt weisen konnte, nachdem ich zuvor nur Leute getroffen habe, die dem Griechischen oder Englischen nicht mächtig waren. Waren es die letzten nachtschwärmenden nicht Englisch sprechenden Touristen, oder Nichtgriechen, die ihre Frühschicht in den Hotelbunkern rechts und links der Straße antraten?

Das Befahren der illegalen Auffahrt sollte nicht der letzte Verkehrsverstoß für heute gewesen sein. Wenn mich die Polizei erwischt hätte, wäre zumindest in Deutschland der Lappen weg gewesen.

Auf der autobahnähnlichen Schnellstraße ging es kurvenreich bis Réthymnon. Von der Straße aus sahen wir die venezianische Festung der Stadt und wir witzelten, dass wir diesen Punkt bereits abhaken könnten. Wir konnten jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz ahnen, dass bereits die komplette Stadtbesichtigung von Réthymnon abgehakt war.

Die Abzweigung nach Plakiás war gut ausgeschildert, zügig fuhren wir durch die Berge zu unserem vermeintlichen Urlaubsort an der Südküste, den wir durch eine romantische Schlucht gegen neun Uhr erreichten.

Während der Fahrt bekamen wir Hunger, da wir auf dem Schiff nichts mehr essen konnten und machten Witze, daß wir uns im Castellios hinsetzen und lautstark „Hunger, Hunger, Hunger“ rufen würden. Hätten wir natürlich nicht wirklich gemacht!

In Plakias klapperten wir den Ort nach unserem Hotel ab, ich musste den Weg jedoch mehrmals erfragen, so versteckt lag das Anwesen in einer Seitengasse. Und was für ein Schock!!!

Wir fanden ein total überwuchertes Gebäude vor, die Gäste aßen ihr Frühstück aus Plastiktüten in einem ungepflegten Garten sitzend, der auf dem Bild großzügig erscheinende Hof war mit Autos zugeparkt und Tische und Stühle standen wild herum. Das Chaos nahm seinen Anfang.

Ich ging in den, mir vom Prospekt her als gepflegt bekannten, in Wirklichkeit jedoch sehr unaufgeräumten und dreckigen Frühstücksraum, wo ein Mann gerade beim Kaffee kochen war. Als ich ihn nach unseren Zimmern mit Meerblick fragte, sah er mich ungläubig an und meinte: „Zimmer, Meerblick, Fax, Reservierung, heute“?

Kurz und gut, der Typ wusste absolut nichts von einer Reservierung, nur dass er Herr Bikalakis war, das gab er zu. Ob ich das Fax dabei hätte, fragte er mich mürrisch, immerhin hatte ich ihn ja beim Kaffee kochen gestört.

Ich antwortete, dass es vielleicht im Wagen wäre und ich es holen wollte. Sprach’s, lief zum Auto, legte den Rückwärtsgang ein und war verschwunden. Nichts wie weg, denn auch ein Blick in das Hotelinnere versprach nichts Gutes und der Pool war genauso vergammelt wie der Rest des Anwesens.

Wir stellen zwar keine großen Ansprüche an unser Quartier, aber sauber und, wenn es geht, auch bezahlbar sollte es schon sein.

Das war’s dann wohl mit „Hunger, Hunger, Hunger“.

Da wir also immer noch nichts gegessen hatten, hieß es erst einmal, im Ort ein Frühstückslokal zu finden, um wenigstens die Magennerven zu beruhigen. Die beste aller Ehefrauen machte mir Vorwürfe, daß ich einfach verschwunden wäre, von wegen „no show“ und so, aber ich möchte nicht zwei Wochen in einer verwunschenen Gammelburg verbringen.

Im Hotel Neckermanthos Beach, das wir ebenfalls angeschrieben und für unsere Bedürfnisse als nicht geeignet befunden hatten, schauten uns die im Speisesaal sitzenden Neckermänner recht komisch an, also suchten wir weiter und nahmen im daneben liegenden Café das Frühstück ein.

Es sollte unser einziges Essen auf Kreta bleiben, nur, das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da sich niemand dafür zuständig fühlte, die Gäste nach deren Wünschen zu befragen, musste ich unsere Bestellung an der Theke im Inneren des Lokals aufgeben.

Auf meine Frage, ob es im Ort noch sehr viele Urlauber gäbe, erhielt ich keine Antwort, ich musste meine Frage auf Englisch wiederholen, die Antwort lautete kurz und prägnant „Yes“. Very friendly! Gab es auf Kreta eigentlich auch Kreter, außer Herrn Bikalakis.

Voller Zuversicht, in Plakias eine andere ansprechende Unterkunft zu finden, brachen wir auf und klapperten alle angeschriebenen Hotels des Ortes ab. Da uns aber keines so recht gefallen hat, beschlossen wir, nach Agía Galíni weiterzufahren.

Dies war unser erster großer Fehler, denn in Agia Galini war sowohl im Hotel Sunshine noch im daneben liegenden Irini-Mare ein Quartier für zwei Wochen zu finden. Im Sunshine hieß es, wir sollten am Nachmittag nochmals vorbei kommen oder anrufen, im Irini-Mare sagte uns die überaus nette Chefin, dass wir nur zwei Tage bleiben könnten und dann leider wieder ausziehen müssten, ausgebucht!

Auf nach Matala, aber, was für eine Enttäuschung, die Hotels am Ortsanfang von meterhohen Schilfwänden umgeben und der Ort selbst, na ja, Matala, einst Hochburg der Hippies hatte ich mir ganz anders vorgestellt.

Kein Problem, dachte ich, wir fahren einfach an die Nordküste weiter, dort gibt es ein Riesenangebot an Zimmern, so stand es zumindest im Reiseführer.

Fehler Nummer zwei.
Jetzt schon etwas flotter brauste ich über die kurvige Landstraße, Spíli – toller Brunnen, wenn wir ihn denn gesehen hätten -, Réthymnon nochmals von oben, dann Georgioúpolis, ein überlaufener und lauter Ort, nichts für uns. Eine Cola und ein Wasser, am Períptero gekauft, das war unser Mittagessen. Abgehakt!

An der Schnellstraße nach Iráklion klapperten wir verschiedene Luxusbunker ab, einer größer und teuerer als der andere. Die Preise bewegten sich zwischen einhundert und vierhundert Mark die Nacht. Bornierte Urlauber und Lärm von der Autobahn gab es gratis dazu, nein Danke, wieder nichts für uns, wir fuhren zurück Richtung Chaniá. Erste leichte Panik kam auf.

Als wir in Kalýves angekommen waren, hatte ich wieder ein gutes Gefühl. Ein kleiner Ort, abseits der Straße gelegen und wenige Menschen unterwegs, dazu der Hinweis aus dem Reiseführer, dass hier die Welt vom touristischen Standpunkt her gesehen noch einigermaßen in Ordnung wäre.

In der Ortsmitte fand ich ein schönes Hotel, das anscheinend nicht so viele Gäste hatte, zumindest saßen und lagen auf der Terrasse neben dem Pool rund fünf oder sechs Leute herum. In der Rezeption wurde ich eines Besseren belehrt, ab morgen wären Zimmer frei, aber nur bis Montag früh, dann käme eine tschechische Reisegruppe, die das ganze Hotel reserviert hätte. Wieder nichts, Mist!
Meine Hoffnung, in eine der Privatpensionen noch ein annehmbares Quartier zu finden, um die Nacht nicht am Strand verbringen zu müssen, zerschlug sich in der Pension „“Maria, Rooms to let“ am Ortsanfang gelegen. „Den echume domatia“, hieß es kurz und prägnant.

Als einige Häuser weiter auch nichts zu bekommen war, da die überall auf den Balkonen hängenden Handtücher die Vollbelegung der Häuser sichtbar anzeigten und wir auch nirgendwo jemanden erreichen konnten, der uns Rooms vermieten wollte, rief ich meinen Freund Dimitris (der kretische Wurzeln hat) an. Einfach so, ich wußte auch nicht, was ich mir von diesem Anruf versprach.

Dimitris konnte dies alles nicht glauben, er meinte leichtfertig 2warum kommst du nicht zurück, hier ist dein Zuhause“…

Zuerst war ich verdutzt, konnte mich aber schnell mit dem Gedanken an zwei weitere Wochen Peloponnes anfreunden, ich treffe meine Entscheidungen gelegentlich sehr spontan. Da meine Chefin sehr genervt und todmüde war, hätte sie sich mit allem einverstanden erklärt, Hauptsache etwas zum Essen und ein Bett für die Nacht. Und sei es auf der Fähre.

Auf meine Rückfrage, ob Dimitris das Angebot ernst meinte, erwiderte er nach einer kleinen Pause, dass er uns die Stammzimmer ab morgen reservieren könnte. Zuerst sollten wir jedoch nach Chaniá fahren, um im dortigen Hafenbüro der Minoan den Rückfahrttermin ändern zu lassen, dann sollte ich nochmals Bescheid geben.

Also auf nach Chaniá, das nur wenige Kilometer von Kalýves entfernt liegt. Leider gab es in Chaniá kein Minoan-Büro mehr, nur ein vergilbtes Schild „enoikiasete“ (zu vermieten) zeugte davon, dass hier einmal ein Büro gewesen sein musste. „Ich werde wahnsinnig“, nur so ein Gedanke.

In einem anderen, noch aktiven Reisebüro, wo ein Minoan-Prospekt auslag, sagte man mir, eine Umbuchung wäre „no problem“, nur müsste ich schnellstens nach Iráklion zurückfahren, da dort das Hauptbüro der Gesellschaft und eine Umbuchung nur dort möglich wäre.

Mittlerweile war es drei Uhr, die Zeit wurde knapp, da das Schiff in wenigen Stunden ablegen würde. Mit dem Gasfuß am Bodenblech flogen wir die rund 170 Kilometer unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln (ich war da nicht stolz drauf, aber es musste einfach sein) in unter eineinhalb Stunden bis in die Randbezirke der Hauptstadt. Meiner Mitreisenden war kotzübel und ich war fix und alle.

Um dreiviertel fünf Uhr erreichten wir trotz dichtem Feierabendverkehr in Iráklion den Hafen, ich hatte kaum noch Hoffnung, daß die Umbuchung kurz vor dem Einschiffungstermin noch klappen würde.

Doch überraschender Weise war das Einzige, was an diesem verfluchten Tag klappen sollte, die Änderung des Rückreisedatums, Mittwoch, 29.09.1999.

Der Rest ist schnell erzählt:
Im Hafen riß ich erst einmal frische Klamotten aus dem Koffer, da meine Sachen, die ich anhatte dreckig und völlig durchgeschwitzt waren. Wir hatten an diesem Tag weit über dreißig Grad und mein alter Audi 80 kannte das Wort Klimaanlage nur vom Hörensagen.

Dass dabei ein Teil des Gepäcks im Hafen verstreut wurde, war mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Anschließend konnten wir sofort einschiffen.

Zuerst löschte ich meinen Durst mit einem eiskalten Cola in der Bar, bevor ich die dringend notwendige Dusche in der kleinen Kabine mit dem Doppelstockbett vornahm. Die Zeit bis zum Ablegen verbrachten wir in der Erste-Klasse-Bar, ich mochte gar nicht zusehen, wie wir die wunderschöne Insel nach nur zehn Stunden Aufenthalt verlassen mussten.

Um halb neun Uhr öffnete endlich das Restaurant, wir waren hungrig wie die Löwen, das letzte Essen hatten wir vor knapp zwölf Stunden. Eine französische Reisegruppe, die fast die kompletten Speisen zurückgehen ließ, hatte das Bordrestaurant so lange blockiert. Nach einem Drink in der überfüllten Deckbar waren wir bettreif und verzogen uns auf die Kabinen. Wir packten provisorisch den auf dem Bett liegenden Schiffskoffer zusammen, um uns überhaupt hinlegen zu können, nach vielleicht fünf Minuten war ich eingeschlafen. Am nächsten Tag sollte es schon wieder heißen: Fünf Uhr, Aufstehen! So ist Urlaub individuell!

Das waren unsere ersten Erfahrungen mit Kreta.

Kreta in zehn Stunden – ein Tagesausflug der besonderen Art. So wie andere über das Wochenende zum Skifahren in die Berge gehen, legen wir kurzerhand weit über zweitausend Kilometer bis ans Ende Europas für nicht einmal einen Tag zurück. Wahnsinn, und das ist noch untertrieben.

Was am Vormittag noch als Witz gedacht war, fand am Abend seine Erfüllung. Das Ida-Gebirge, die Weißen Berge, die Halbinsel Gramvousa und Réthymnon mit seiner venezianischen Festung haben wir von der Autobahn, die Häfen von Chaniá und Iráklion von ganz nah, die Wasserspeier von Spíli im Vorbeifahren, Plakiás, Agía Galíni, Mátala, Georgioúpolis und Kalýves vom Hin- und Herfahren gesehen sowie das Kloster Arkádi, Festós und Knossós auf den teils zerschossenen Verkehrsschildern zumindest gelesen.

Am Ende dieses Tages, nach rund fünfhundert schweißtreibenden Autokilometern, hatte ich mir geschworen, keinen Fuß mehr auf diese Erde zu setzen, jetzt zwei Tage später, schwöre ich mir, noch einmal wiederzukehren, zu wundervoll ist diese Insel, als dass man sie nicht näher kennenlernen sollte.

Der Reinfall des Jahrhunderts ist vorbei, wir kommen wieder, schon alleine deshalb, da wir nicht ein einziges Foto auf Kreta gemacht haben. Und das ist kein Wunschdenken, sondern ein Versprechen.

Nachsatz
Und wir haben unser Versprechen gehalten, nicht nur einmal, sondern jedes Jahr immer wieder aufs Neue.

Das ist der Kreta-Virus.

Obwohl – Kreta hatte uns auch in den nächsten Jahren noch nicht richtig lieb, Benzinstreik, Fähruntergang und Autopanne, aber das sind schon wieder andere wahre Geschichten von uns und dem Kontinent zwischen Europa und Afrika.
Von Armin G.

Kreta 1976 – wenn Englein reisen

Am 17. Mai 1976 lernte ich Yvonne kennen: Und wie sagt es schon der Schlager: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!“
Am 18. Mai fragte ich sie, ob sie mit mir im Sommer nach Kreta fahren wollte.

Ich erwähnte bereits, wie ich mich zu erinnern glaube, dass ich mit dieser süßen Blondine seit fast 33  Jahren zusammen und seit fast 29 Jahren verheiratet bin. Wer die Bilder sieht – sie ist die mit den langen Haaren -, wird mich sicher verstehen.

PicturesKJ/for-1976-03_Litochoro.jpgUnd nun fuhren wir das erste Mal zusammen in Urlaub. Für mich war es ja nicht das erste Mal Griechenland und so hatte ich ihr von meiner Lieblingsinsel Kreta ausführlich vorgeschwärmt und überzeugt, wie man als junger Mann des Sternzeichens Löwe nun einmal von sich sein kann, auch meine „ausführliche Erfahrung“ ebenso ausführlich betont. Und da es schon immer ihr Traum gewesen war, nach Griechenland zu fahren, passte alles wunderbar zusammen: Sie freute sich auf Griechenland und ich mich auf sie und Griechenland (in dieser Reihenfolge).

Zusammen mit Ulrike und Achim, dem Schlagzeuger unserer damaligen Swing- und Jazzband, machten wir uns in Achims alten Käfer auf die lange Tour durch Jugoslawien, von der ich nichts besonderes zu berichten weiß.

Der erste Halt fand traditionsgemäß in Litóchoro am Fuß des Olymps statt. Nach den zwingend notwendigen Souvláki im Dorf, die für mich immer noch die besten der Welt waren, wollte ich meinen Mitreisenden noch das lustige Lokal weiter oben mit den kleinen Wasserläufen und –rädern zeigen. Zuerst aber wanderten wir ein Stück am Berg entlang zum Ursprung des Wassers, immer auf der betonierten Wasserleitung entlang. Diesmal verkniffen wir uns aber das Baden im kleinen Teich, denn wie schon erwähnt war dieser ja das Trinkwasserreservoir des Dorfes.

PicturesKJ/for-1976-04-Litochoro.jpgNachdem wir genügend die Landschaft genossen hatten, kehrten wir dann auf Retsína und Salat im Lokal ein. Der notgeile Zwerg von Wirt – sorry – kriegte natürlich sofort feuchte Lefzen. Er hielt sich nur mühsam zurück, da die beiden hübschen Damen in kräftiger Begleitung waren. Dass die Damen hübsch und Achim kein Hänfling waren, kann man unschwer den beigefügten Fotos entnehmen.

In jedem Fall war es ein erholsamer Nachmittag, denn – auch das erwähnte ich schon – hier oben ließ und lässt sich selbst die größte Hitze aushalten.

Den Abend verbrachten wir wieder in der Bar mit dem Alleinunterhalter, einige Soldaten machten wie 1972 große Augen, aber zu näheren Kontakten kam es dieses Mal nicht, da wir augenscheinlich pro weiblichem auch ein männliches Wesen waren.

Die Nacht verbrachten wir ebenfalls wie gewohnt in den Schlafsäcken unten am Meer. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, warum so viele Mädchen so klaglos diese primitive Art des Reisens mitgemacht haben. „Meine“ Yvonne entwickelte aber im Laufe dieses Urlaubs ihre sehr persönliche Art der Körperpflege, d. h. sie fand immer eine Dusche und wenn sie auch mal kalt war. Und wie sie in Kókkinos Pýrgos sehr zur Begeisterung der einheimischen Männerwelt von mir mit Kneippschen Wassergüssen aus dem eiskalten Brunnen „gepflegt“ wurde, dazu später mehr.

PicturesKJ/for-1976-05_Piraeus.jpgAm nächsten Morgen badeten wir ausgiebig und überlegten, ob wir nun stur nach Piräus durchfahren, oder uns noch eine weitere Übernachtung auf der Strecke gönnen wollten. Da wir reichlich Zeit hatten, fiel die Entscheidung für letztere Option.

Wir fuhren bis Arkítsa, dem kleinen Fährort zur Nordspitze von Évvia (Euböa). Dort hatten wir vor, uns wieder ein ausführliches Essen zu gönnen und uns danach irgendwo unten am Meer einen Schlafplatz zu suchen. Am nächsten Morgen konnten wir es dann sehr ruhig angehen lassen, um zeitgerecht die Fähre nach Chaniá/Soúda zu erreichen.

Und dann kam es, wie es leider kommen musste. Ich kannte dieses Dorf bis zu jenem Tag noch nicht, sonst wäre ich gleich zum Fährhafen und zu den dortigen Souvláki-Bratereien gefahren, denn wie man die bestellt, wusste ich schon und die ganze Aktion wäre nicht so peinlich für mich geworden.

Kreta 1976 – Teil 2

Stattdessen hielten wir leider schon am Dorfplatz an und setzten uns in die einzige dort vorhandene Metzgereitaverne. „Leider“ nur, was den Eindruck betraf, den ich bei dieser Einkehr machte, denn das Lokal war im Endeffekt sehr gut. Wir waren dort übrigens die einzigen Touristen.

Ich bestellte Souvláki, was der Wirt mit einem bedauernden Schulterzucken verneinte. Alle weiteren Versuche, mich ihm verständlich zu machen, scheiterten kläglich. Er verstand weder Englisch noch Deutsch und ich kannte die Speisen nicht, die er mir auf Griechisch offerierte. Es gab natürlich auch keine Wärmetheke, so dass ich irgendwo drauf hätte zeigen können, es war ja eine Taverne und sein Fleisch hing im Kühlraum.

Es war mir entsetzlich peinlich, dass ich zum Schluss einen Sprachführer hervorziehen musste – zum Glück konnte der Wirt lesen – und es zwar zu einer befriedigenden Mahlzeit kam, aber leider auch zu einigen spöttischen Blicken und dezenten Bemerkungen meiner frischen Geliebten. Ich versank für Wochen im Boden und beschloss dann später, als ich wieder über die Grasnabe schauen konnte, zusammen mit ihr: „Nun werden Nägel mit Köpfen gemacht, wir lernen richtig Griechisch!“
PicturesKJ/for-1976-09_faehre.jpgUnd so war es im Oktober 1976, dass wir zum ersten Mal an der Kölner Uni vor Hans Eideneier saßen, inmitten von ca. 40 weiteren Sprachanfängern und wir haben es durchgehalten. Natürlich machen wir beide noch Fehler, aber wir können uns schon recht gut verständigen und auch durchaus sachbezogene Diskussionen führen.

Am nächsten Morgen widmeten wir uns nach der wiederum am Strand verbrachten Nacht sehr ausführlich der Körperpflege, denn wir hatten unterhalb (!) einer Viehtränke ein weiteres Süßwasserbecken entdeckt, in dem es sich trefflich baden ließ. Leider darf ich die Bilder der Grazien und der Faxen machenden Herren hier nicht veröffentlichen.

Sei es wie es sei, wir fuhren gegen Mittag die paar Kilometer nach Piräus weiter, erstanden die Tickets und gingen früh an Bord. Ebenfalls traditionsgemäß hatten wir alles für den Schweizer Wurstsalat dabei, die Damen schnibbelten und tranken, während die Herren eigentlich nur tranken und die Sauce anrührten. Auf einem der angefügten Fotos sieht man, dass man für das Anrühren nur eine Hand braucht.

PicturesKJ/for-1976-10_faehre.jpgDa damals viele PKWs immer noch auf dem Oberdeck standen, wenn auch ein Deck tiefer als wir, gelang mir ein lustiges Bild einer „Kälberkutsche“, aus der entweder einige entkommen oder vorübergehend zum „Grasen“ auf Deck freigelassen worden waren.

Irgendwann rollten wir uns in die Schlafsäcke … am nächsten Morgen würde wieder das „Kyani Akti“ bei Kalýves unser Ziel sein, denn das war immer noch einer der schönsten Plätze für mich, um auf Kreta erst einmal anzukommen und sich ein paar Tage zu akklimatisieren.

Gegen halb sieben Uhr lief die Fähre in die Souda-Bucht ein. Wir waren natürlich längst auf und bewunderten die majestätischen weißen Berge im Licht der aufgehenden Sonne. Yvonne und Ulrike waren frech wie Oskar wie schon am Vorabend in der 2. Klasse duschen gegangen. Ich erwähnte ja bereits, dass Yvonne immer eine gute Waschgelegenheit fand. Aber sie berichteten, dass sowohl die Duschen als auch die Toiletten sich jetzt am Morgen in einem ziemlich erbarmungswürdigen Zustand befanden.

Ich zeigte meinen Gefährten das Fort Izzedine und erklärte ihnen, dass wir dorthin fahren würden. Die Blamage von vorgestern gehörte der Vergangenheit an und ich gab wieder den erfahrenen Reiseleiter.
Wir hatten den Käfer günstig geparkt, da wir recht früh auf die Fähre gefahren waren und mussten uns also nicht besonders beeilen, in den Laderaum hinter zu steigen. Erst als das Schiff fest vertäut am Kai lag, packten wir unsere Siebensachen zusammen und machten uns auf.

PicturesKJ/for-1976-07_Faehre.jpgBis zum Kyani Akti und Kalýves sind es von Soúda aus nur wenige Kilometer. Wir kamen also zur besten Frühstückszeit an. Ich hatte die anderen aber schon vorgewarnt, dass sie mit einem mitteleuropäischen Frühstück nicht rechnen durften. Immerhin gab es Frappé … die Männer hielten sich schon wieder an Retsína. Ein großer Bauernsalat, zwei Portionen Féta mit „ládhi ke rígani“, Oliven und Brot … wir ließen es uns gut gehen. Die Familie erkannte mich wieder – dafür haben die Kreter und Griechen wie schon mal erwähnt ein besonderes Talent – und begrüßte uns entsprechend freundlich.

Dann wollten die Damen natürlich baden. Dies bereitet am Kyani Akti besonderes Vergnügen, da neben dem Meer auch noch der eiskalte Süßwasserfluss Kíliaris lockt. In diesem Jahr war er so ausgebaggert worden, dass er parallel zum Meer über den Strand floss, man musste also hindurch, um ins und aus dem Meer zu kommen. Heute verläuft er anders!
Das war ganz herrlich, denn beim Hineingehen schwamm bzw. watete man zuerst durch den kalten Fluss, um dann das wesentlich wärmere Meer wie eine Badewanne zu empfinden. Und auf dem Rückweg tauchte man einmal hindurch und war salzfrei … und sehr erfrischt.

Zudem gab und gibt es noch eine Außendusche, die Hygienemöglichkeiten waren also perfekt.
Das Schilfdach, unter dem noch vor ein paar Jahren unser Tempo Matador geparkt hatte gab es leider nicht mehr, so hatten wir eben keinen Schatten für das Auto, aber das war auch nicht weiter schlimm.

PicturesKJ/for-1976-12_Kyani.jpgWir blieben drei Tage dort, schliefen natürlich am Strand, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht (das erste Zimmer, das ich auf Kreta gemietet habe, war meiner Erinnerung nach 1979 – und das auch nur, weil es Frühjahr war und wir am Strand von einem ekelhaften Dauerregen überrascht wurden … eine andere Geschichte! Und wir aßen und tranken eine Menge, natürlich immer nur im Lokal, das für mich nach wie vor eines der allerbesten Kretas ist. Keine sehr große Speisekarte, aber ich habe dort mehrere hundert Male gegessen und nicht einmal (!) hat es meinen Mitreisenden oder mir nicht hervorragend geschmeckt.

Dann zog es uns aber wieder weiter. Wir fuhren nach Paleóchora, wo wir aber nicht lange blieben, da es recht windig war … (erst im nächsten Jahr sollte es ein längerer Aufenthalt werden).

Kreta 1976 – Teil 3

PicturesKJ/for-1976-16_Kokkinos.jpgUnd dann fuhren wir wieder mal nach Kókkinos Pýrgos, aber wie ich anderen Berichten entnehme, war ich nicht der Einzige, der in jenen Jahren immer wieder dort aufschlug. Das „Dorf“ bot nämlich neben aller Hässlichkeit den Vorteil, dass man dort im Gegensatz zu Mátala und insbesondere Agía Galíni kaum andere Touristen antraf (und wenn, immer die gleichen paar, die dort schon fast zum Inventar gehörten).
Es gab ja auch nicht viel Besonderes dort: Direkt an der Hafenmole, die damals noch viel kleiner war (siehe Foto) ein Restaurant, das auch ein paar Zimmer vermietete, und wirklich für damalige Verhältnisse überteuertes Essen anbot. Der Wirt wurde dem Vernehmen zufolge auch mal wegen Preiswuchers verknackt. Des weiteren Kostas Kafenío und Jannis unsägliche Kneipe, die ich ja schon beschrieben habe. Jannis betrachtete mich nach den Vorjahren sowieso als sein persönliches Eigentum und hätte gar nicht zugelassen, dass ich woanders esse … insbesondere, als er Yvonne in Augenschein genommen hatte. Er war schon von Susi und Helga sehr angetan gewesen, aber Yvonne schlug alles. Jannis scharwenzelte dauernd um sie herum … aber er war natürlich Gentleman genug – im Gegensatz zu dem erwähnten Herren vom Olymp – nicht wirklich zudringlich zu werden.

PicturesKJ/for-1976-13_Kokkinos.jpgWir schliefen in der Regel mit Luftmatratzen auf dem Dach der kleinen Betonhütte am Hafen (auf einem der Fotos kann man den Rand des Daches im Vordergrund sehen). Das hatte den Vorteil, dass wir morgens Schatten hatten.
Jannis kochte übrigens sehr gut – in seine Küche sollte man aber besser nicht schauen. Erst in späteren Jahren half ich auch mal abends aus, bereitete Bauernsalate zu und kellnerte. Aber nur zum Spaß …

Wir ließen uns von der Transusigkeit des Dorfes anstecken, badeten und sonnten uns auf der Mole, aßen und tranken Unmengen von Jannis‘ Hauswein, den er in Plastiklitermaßen an den Tisch brachte. Meistens holten wir ihn uns aber selber, denn wie jedes Jahr zahlte ich nur einmal, nämlich bei der Abreise. Alles, was wir verzehrten, musste ich selbst notieren, dafür hatte Jannis keinen Nerv. Ich habe ihn übrigens nie betrogen, jedenfalls nicht absichtlich. Oft wurden wir zum Essen der Familie eingeladen (was aber nicht immer ganz meinem Geschmack entsprach … denn was seine Familie betraf, war Jannis ein ziemlicher Geizhals).

PicturesKJ/for-1976-14_Kokkinos.jpgAuf den beiden Schwarz-Weiß-Fotos eine große Holztafel zu sehen, das war Jannis‘ „Speisekarte“. Natürlich standen da keine Preise drauf und er hatte auch nicht immer alles da, was darauf stand. Diese „Speisekarte“ gibt es heute noch, auch wenn das Lokal seit Jannis‘ Tod geschlossen ist.

Eines Tages passierte folgendes: Zwei Männer vom Ordnungsamt bestellten bei Jannis etwas zu essen und bekamen es auch. Nur hatte Jannis leider überhaupt keine Genehmigung, Essen anzubieten … Nachdem die beiden aufgegessen hatten, bezahlten sie und zeigten Jannis an, unter anderem mit der Begründung, man dürfe nicht kochen, wenn man keine Speisekarte hat. Da kamen sie bei Jannis aber nicht gut an. Mit Hilfe eines Freundes demontierte er die Tafel und karrte sie mit dem Pickup eines Bekannten zur Gerichtsverhandlung. Dort zeigte er seine „Speisekarte“ vor und wurde freigesprochen … er kochte bis zu seinem Tod weiter und keiner hat ihm je wieder Schwierigkeiten bereitet.

PicturesKJ/for-1976-15_Kokkinos.jpgJannis fuhr ein absolutes schrottreifes Moped, dies war sein einziges Fortbewegungsmittel. Die zwei Kilometer bis Timbáki schaffte er damit, aber dann und wann musste er auch nach Míres, um Zigarettennachschub einzukaufen. Ich glaube mich zu erinnern, dass es diesen Kioskwagen von   1976 noch nicht gab, damals lagerte Jannis die Zigaretten noch in Schubladen hinter dem Tresen.

Ein solcher Ausflug nach Míres bedeutete natürlich immer ein gewisses logistisches Problem, und so war er froh, wenn sich gerade ein Tourist bei ihm aufhielt, der über ein Auto verfügte. Ich war sein Lieblingsopfer …

Wir fuhren also morgens recht früh (Yvonne fuhr natürlich mit, die anderen schliefen noch) mit Jannis nach Míres. Er erledigte seine Einkäufe und dann gingen wir jedes Mal gemeinsam „frühstücken“. Ich setze das Wort hier in Anführungszeichen, denn es war für uns schon ungewöhnlich, morgens gegen neun Uhr in einer Psistariá (einer Grillstube) Platz zu nehmen und einen mit Koteletts überreichlich gefüllten Teller – einzige Beilage war Brot – zu verzehren. Dazu gab es pro Person mehrere Flaschen Bier, das ich ansonsten auch in diesem Jahr aus Kostengründen nicht trank. Mehr als gesättigt und alle leicht angesäuselt waren wir dann gegen halb elf wieder zurück in Kókkinos Pýrgos.

PicturesKJ/for-1976-35_Faehre.jpgYvonne ging gerne auch mal alleine spazieren, worüber sich Jannis immer wieder Sorgen machte. Zwar wussten alle im Dorf, dass sie die meine war – und bis auf eine einzige Ausnahme wurde sie auch nie belästigt – aber sie hätte sich ja was brechen können oder sonst was. Einmal sagte er den in die Annalen eingegangenen Satz zu ihr: „Du egal Ziega!“ Das sollte keine Beleidigung sein, sondern verdeutlichte nur, dass er es gar nicht so gut fand, wo sie überall herumkrauchte …

Ganz zu Beginn hatte Yvonne ihn scherzhaft gefragt, ob es im Meer Haifische gebe. Seine Antwort: „Nix im Meer, Eisfische (!) gibt nur an Strand!“

PicturesKJ/for-1976-36_Faehre.jpgAber auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Die Rückfahrt mit der Fähre verlebten wir einmal mehr „luxuriös“. Zwar hatten wir nur Holzklasse gebucht, d. h. wir schliefen wieder an Deck, doch ein opulentes Abendessen sollte schon sein. Und so bastelte ich es zusammen. An einem windgeschützten Platz – man hatte ja inzwischen so seine Erfahrungen – entstand ein „kaltes Buffet“ vom Feinsten.

Ulrike hatte sich zwischenzeitlich selbständig gemacht und fuhr nicht mit uns zurück, dafür jemand anderes, die Achim kennen gelernt hatte und die sehr nett war.

Kreta 2005 – Die Sprüche

Als im Jahre 2005 die „Glorreichen 7“ auf Kreta unterwegs waren, gab es einige freiwillige und auch unfreiwillige Kalauer. Die finden Sie nun hier verewigt:

„Ich hätte jetzt gerne ein frischgepresstes Mythos!“

„Willst Du noch ein Bier?“ – „Klar, ich bin doch nicht zum Vergnügen hier!“

„Wie schreibt man das?“ – „Na, so wie man’s schreibt …“

„Der Bäcker hat ab um sieben offen!“

„Gibt es diesen Kuchen auch mit ohne Honig?“

„Da kommt ja Klaus sein Auto.“

„Machen wir eigentlich heute schon Klöster?“

„Ganz schön schön hier!“

„Was sehen wir heute?“ – „Meer.“ – „Und morgen?“ – „Mehr Meer!“

Es wird Jogurt mit Honig serviert. Kommentar: „Das sieht aber lecker aus.“ – Wirtin: „Das Beste daran ist, der Honig ist von meinem Sohn!“ – Rückfrage: „Wie, nicht von Bienen?“

„Auf Athos gibt es keine weiblichen Hühner.“

„Das Lokal heißt Kyaní Ákti, zu Deutsch Blue Beach …“

„Was muss, das ist!“

„Ich habe keine Lust und davon viel.“

„Die Verkäuferin sprach Deutsch, ich konnte sie also gut verstehen.“

„Chelmiii steigert sich: Er hat nicht nur die falschen Schuhe an, sondern schon die falschen Füße.“

„Wo wohnt Ihr?“ – „Oben am Berg im Hotel, ist ein ziemlicher Aufstieg, aber ein herrlicher Blick! Und wo wohnt Ihr?“ – „In Bochum.“

Ausnahmsweise mit Urheber …
Klaus: „Oskar schaut immer so grimmig, wenn er fotografiert wird.“
Oskar: „Da muss ich aber lachen!“

„Agía Galíni hat mit Urlaub nix zu tun, das ist harte Arbeit!“

„Ich habe ein tolles Foto gemacht: Olivenbaum hinter blauem Himmel.“

„Ich kann ohne Augen nicht lesen!“ (gemeint war, ohne Brille)

„Wie spricht man das aus?“ – „Die Griechen sprechen das aus, wie sie’s schreiben.“

 

Kreta 1975 – ein echtes Abenteuer

Im Jahre 1975 war ich ganz alleine auf Kreta … ich hatte keine geeigneten Mitreisenden gefunden, mit denen ich gerne über längere Zeit auf Kreta zusammen sein wollte.
Stattdessen hatte ich mir eine Mitfahrgelegenheit nach Athen besorgt – zum Glück erwischte ich einen recht besonnenen Fahrer – und dann die Fähre nach Kreta genommen.

Was ich 1974 noch nicht erzählt hatte: Wir hatten damals am letzten Abend vor der Abreise aus Kókkinos Pýrgos ein paar einheimische Fischer kennen gelernt, die versprochen hatten, mich mal mit aufs Meer zu nehmen, wenn ich denn noch mal wieder käme.
Da wir uns sehr gut verstanden hatten – auch sprachlich, mit einem wilden Mischmasch aus deutschen, englischen und griechischen Brocken klappte das sehr gut – entschloss ich mich also nun nach Ankunft der Fähre in Iráklion, sie doch beim Wort zu nehmen. Eine billige Bleibe würde ich bei Jannis sicher finden … und wenn nicht, eben wieder im Freien schlafen.

So nahm ich den nächsten Bus nach Kókkinos Pýrgos.
Jannis freute mich sehr über mein Kommen, auch wenn er ein wenig enttäuscht schien, dass ich weder Susi noch Helga dabei hatte … aber ich vertröstete ihn auf (vielleicht) nächstes Jahr. Er hatte sogar eine Unterkunft für mich … heute würde ich da nicht mehr von Unterkunft sprechen, denn es war ein winziges Kämmerchen mit einer schießschartengroßen unverglasten Fensternische … und das noch direkt neben Jannis indiskutabler Toilette (die ich fortan jeden Tag mit viel Wasser zu putzen versuchte, um wenigstens einen Großteil der Fliegen – und den Geruch – einzuschränken). Heute würde ich diesen Raum nicht einmal in einem ABC-Schutzanzug mehr betreten … aber damals war ich jung, anspruchslos und hartgesotten. Außerdem hatte ich ein sicheres Plätzchen für meine Habseligkeiten und es kostete auch überhaupt nichts.

Am späten Nachmittag tauchten tatsächlich die Fischer auf. Sie begrüßten mich mit großem Hallo, wir tranken erstmal einen Raki, dann erinnerte ich sie an ihr Versprechen vom Vorjahr.
„Natürlich kannst du mitfahren. Du sollst uns ja schließlich helfen.“
Da ich noch nie auf einem Fischerboot gewesen war, sah ich schon vor mir, wie ich mich in die Netze verstricken oder sonst irgendeinen Unfug veranstalten würde. Andererseits … Abenteuern muss man sich einfach hingeben, es würde schon klappen.

Nach dem Raki verluden wir gemeinsam ein paar Kisten mit tiefgefrorenen Fischen auf ihr Boot, ein etwa zehn Meter langes altes Kaiki, das auf den schönen Namen „Koursaros“ hörte. Während ich mich fragte, warum sie Fische mit an Bord nahmen, da sie doch welche fangen wollten, zeigte Nikos, der Besitzer des Bootes (wie ich später erfuhr, gehörte der größte Teil allerdings der Bank) auf die Fische und auf mehrere viereckige Kisten, in deren oberem Rand fein säuberlich Unmengen von Angelhaken steckten. Offensichtlich hingen die Haken alle an einer Nylonschnur, die im Inneren der Kiste aufgerollt war.

Nikos zeigte auf die Fische, grinste und sagte „dóloma“, dann auf die Kisten und fügte hinzu „paragádia“. Ich kapierte zwar nichts, aber später wurde mir während der Arbeit klar, dass sie nicht mit Netzen fischten, sondern dass die Fische als Köder (dóloma) dienten und das „paragádia“ kilometerlange Treibangeln waren, an denen in gewissen Abständen Nebenschnüre befestigt waren, die in den erwähnten ziemlich großen Angelhaken endeten.

PicturesKJ/fischer1.jpgWährend Manolis das Boot aus dem Hafen steuerte und Kurs auf die Paximádia-Inseln nahm, halbierte Nikos mit meiner Hilfe die Köderfische. Und dann erklärte er mir, welche Aufgabe er für mich vorgesehen hatte. Kurz von den Paximádia-Inseln drosselte Manolis den Motor und wir trugen die erste Kiste mit den Angelleinen nach hinten. Nikos befestigte am Ende der Leine eine selbst gebastelte Boje aus einem Stück Styropor in einem blauen Müllsack, in dem oben eine Bambusstange mit einem zerrissenen schwarzen Plastikfähnchen am oberen Ende steckte.
Dann zeigte er mir noch einmal am gefrorenen Objekt, wie meine Handgriffe für die nächste Stunde aussehen würden, ich hockte mich auf die hintere Reling neben die Kiste und den Korb mit den Köderfischen, hakte mein rechtes Fußgelenk fest ein (denn ich würde beide Hände brauchen) … Nikos gab Manolis ein Zeichen und warf die Boje mit der verknoteten Angelleine ins Meer. Manolis gab langsam Gas.

Und so sah mein Job aus: Während Nikos hinten neben Manolis stehend die Angelleine durch die Hände laufen ließ, griff ich wie ein Fließbandarbeiter mit der linken Hand blind in den Korb mit den Köderfischen, während ich gleichzeitig mit rechten den nächsten Haken vom Rand der Kiste löste. Dann bohrte ich den Haken kräftig durch den Rücken des noch immer gefrorenen Fisches, sodass die mit einem Widerhaken versehene Spitze auf der anderen Seite wieder austrat. Dabei musste ich mich sehr beeilen, denn sobald sich Leine des Hakens straffte, musste ich das Ganze seitlich vom Boot fallen lassen … und schon wieder der nächste Fisch und der nächste Haken. Am Anfang stellte ich mich natürlich nur bedingt geschickt an … mancher Haken musste leer ins Wasser fallen und manch anderer riss mir ein wenig die Hand auf. Von den spitzen Flossen der Köderfische ganz zu schweigen, ich sah ja nicht, wo ich hin griff. Zwischendurch band Manolis immer wieder mal eine verschlossene leere Klorixdose oder ähnliches an die lange Leine, die dann ebenfalls im Kielwasser zurückblieb.

Mit der Zeit begriff ich das System: Diese gelegentlichen „Bojen“ hielten das „Paragadi“ freischwimmend im Meer, sodass die Köder nur etwa 10 Meter tief hinunter sinken konnten und dann frei im Meer schwammen, als würden sie noch leben. Ich fragte mich allerdings, auf was für Fische sie mit diesen großen Angelhaken eigentlich aus waren, aber Zeit zum Fragen hatte ich nicht, denn als Nikos bemerkte, dass ich mit der Arbeit allmählich besser klar kam, erhöhten wir ein wenig das Tempo. Und jetzt ging es wirklich Schlag auf Schlag … eine Ruhepause gab es nur dann, wenn eine neue Kiste oder ein neuer Korb mit Fischen nach hinten getragen werden musste.

Dann war es endlich geschafft und ich hatte einen ersten und bleibenden Eindruck davon bekommen, wie romantisch und gemütlich das echte kretische Fischerleben ist: Mir tat alles weh, besonders die Hände, die von Schrunden übersät waren, in denen Köderschmiere und Salzwasser ziemlich höllisch brannten. Während Nikos auch am Ende der Leine eine Boje anbrachte, die der ersten ähnelte, aber zusätzlich oben an der Stangenspitze über eine kleine Glühbirne und unten über eine wassergeschützte kleine Autobatterie verfügte, erhob ich mich ächzend aus meiner unbequemen Stellung an der Reling, was Nikos und Manolis mit einem kleinen Grinsen zur Kenntnis nahmen. Als die Birne brannte, wanderte auch diese Boje ins Meer.

Nikos zeigte auf das sich ganz langsam entfernende Lämpchen und erklärte mir in seinem wilden Kauderwelsch, mit Hilfe der Lampe würden wir die Leine heute Nacht wieder finden …
„Avrio du timoni!“ Er wies auf die Ruderpinne. „Manolis and me work at paragadi!“
Wurde ich jetzt schon zum Steuermann befördert?

Nikos warf einen Treibanker aus, stellte den Motor ab und wir nahmen beleuchtet von einer einsamen Glühbirne am Mast unser Abendessen zu uns: Brot, Käse, Oliven, Tomaten und Ölsardinen! Und reichlich Raki! Wer jemals behauptet hat, Kreter würden nicht trinken, der ist noch niemals Fischern oder Köhlern begegnet …

Dann löschte Nikos das Licht. Wir wollten uns ein paar Stunden ausruhen, um gegen vier Uhr morgens wieder mit dem Einholen der Leinen beginnen. Ich rollte mich in einige nach Fisch riechenden Decken auf dem Vorderdeck ein. Und so wurde es … nein, nicht die schlimmste, aber eine DER schlimmsten Nächte meines Lebens. Solange das Boot fuhr, war das Schaukeln problemlos gewesen, jetzt aber, als es vor Treibanker sachte, aber dafür in alle Richtungen krängte, wurde ich dermaßen seekrank, dass ich alles, was ich den vergangenen Stunden zu mir genommen hatte, nach und nach dem Meer opferte. Es war grauenhaft und ich schwor, ich sei hiermit das erste und letzte Mal Fischen gewesen. Ich hoffte nur, ich würde wieder an Land kommen, bevor sich mein Magen vollends nach außen stülpte … und an Land würde ich dann auch bleiben!

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