Kreta 1974 – volle Kanne auf die Insel

In diesem Jahr trat meine erste wirklich große Liebe in mein Leben. Die zweite kam zwei Jahre später und wir sind heute noch verheiratet … aber bis ich das erzähle, braucht ihr noch ein wenig Geduld.

Bleiben wir also bei der Ersten. Ich war damals Fakultätssprecher unserer Studentenschaft und es begann ein neues Semester. Also kamen viele zur Studienberatung. Wir hatten nur ein recht kleines Büro, das gerade mal Platz für drei Schreibtische bot. Mein ganz persönlicher Schreibtisch stand im Hintergrund am Fenster, während weiter vorne die Beratungen stattfanden. Ich war ziemlich beschäftigt, aber dann schaute sie etwas schüchtern zur Tür herein. Ich vergaß jede Art von Beschäftigung … und winkte sie zu mir.

Sie hieß Helga und wollte auf „Lehramt an berufsbildenden Schulen“ studieren, mit Schwerpunkt Romanistik. Nachdem wir uns ausführlich über Prüfungsordnungen und sonstiges Spannendes unterhalten hatten, konnte ich nicht anders: „Hast du heute Abend schon was vor?“
Sie hatte nicht … Alle weiteren Einzelheiten werde ich nun eurer Phantasie überlassen, denn sie hatten nicht sehr viel mit der Tatsache zu tun, dass wir in diesem Jahr dann zusammen nach Kreta fuhren. Und darum soll es hier ja ausschließlich gehen.

Das Quartett der Reisenden wurde von zwei Freunden komplettiert, Brigitte und Wilfried. Brigitte war (und ist noch) eine dunkelhaarige kühle Schönheit und Wilfried ist auch heute noch einer der größten Gemütsmenschen, die man sich vorstellen kann. Sie sind übrigens immer noch verheiratet. Ganz im Gegensatz zu Wilfrieds Gemütlichkeit stand sein Auto, dass uns damals nach Kreta trug, ein BMW 2002 TII mit sage und schreibe 140 PS.
Nachträglich besehen wundert es mich nicht, dass wir in Jugoslawien in mindestens 4 kostenpflichtige Radarfallen sausten.

Wir fuhren mal wieder abwechselnd und wir fuhren nicht brav – wie erwähnt. Der Autoput war auch damals noch bis auf ein kurzes Stück zwischen Belgrad und Nis nur zweispurig, aber es war ein Genuss, relativ unbesorgt überholen zu können, denn man war mit so einem Wagen recht schnell vorbei. Ich erinnere mich sehr gut, dass die Tachonadel häufig 180 km/h zeigte.

Langer Rede kurzer Sinn: Persönlicher Rekord Köln – Athen in 32 Stunden. Den natürlich obligatorischen Stopp in Litochoro habe ich abgerechnet. Auf Kreta allerdings mussten wir feststellen, dass ein tiefer gelegter Bolide nicht das Idealgefährt ist.

PicturesKJ/JANNIS.jpgDiesmal fuhren wir mit der Fähre nach Iráklion, denn ich wollte mit den anderen in das vermutlich hässlichste Dorf Kretas fahren: Kókkinos Pýrgos. Warum ich dieses Dorf in jenen und vielen folgenden Jahren so liebte, weiß ich selbst nicht so genau. Vermutlich lag es aber an den Menschen, die ich da kannte, allen voran der legendäre Jannis … den ich als Foto – zusammen mit Helga – beifüge. Jannis war eigentlich von allen meinen Freundinnen im Lauf der Jahre sehr angetan, allerdings kann ich vorausschauend schon feststellen … Yvonne, mit der ich erst zwei Jahre später bei ihm auftauchte, liebte er besonders. Na, ich ja auch …

Wir fuhren nach Norden, um uns Spíli anzuschauen. Nett fanden wir es und hatten auch recht gut gegessen, als wir wieder nach Kókkinos Pýrgos aufbrachen. Wir wollten aber noch etwas anderes sehen und nahmen den Umweg über Mélambes. Die Straße von Mélambes nach Agía Galíni war damals noch sehr übel. Von Asphalt keine Spur. Und so kam es, wie es leider kommen musste.

Irgendwann spürte ich, dass der Wagen über den Boden schurrte. Ich nahm es nicht besonders ernst. Erst als die Tankanzeige rapide gegen Null fiel und wir hinter uns eine entsprechende feuchte Spur ausmachten, da wussten wir, wir hatten uns ein Loch in den Tank gefahren – und das in der „Wildnis“. So standen wir also da. Ich krabbelte unter das Auto (ich war und bin ja dünn genug) und entdeckte das Loch. Was tun?

Uns fiel nichts Besseres ein, als mit versammelter Mannschaft Kaugummi weich zu kauen, dieses in Plastikfolie einzuwickeln – bloß kein Zucker im Tank – und dann das Ganze mit viel Pflaster aus der Bordapotheke anzubringen. Mit den 5 Litern aus dem Reservekanister schafften wir es dann bis Agía Galíni und dort wiederum konnten wir den leckenden Tank so weit füllen, dass wir bis nach Timbáki kamen, wo sich eine Werkstatt unseres Wagens annahm.

Kreta 1974 – Teil 2

Es war schon recht interessant und spannend, zuzuschauen, was die Jungs in der Werkstatt mit unserem Tank anstellten. Sie bauten ihn aus, ließen das bisschen Restbenzin in einen Eimer ab, füllten den Tank mit Wasser und begannen zu schweißen. Ich hatte Bedenken, aber sie wussten offensichtlich gut, was sie da taten. Fast im Handumdrehen war der Tank wieder eingebaut und selbst das Benzin wieder eingefüllt, wir würden also problemlos zur Tankstelle kommen. Der größte Überraschungseffekt kam allerdings erst dann: 200 Drachmen sollte das Ganze kosten. Wenn ich mich an den damaligen Umrechnungskurs noch einigermaßen erinnere, waren das ca. 25 deutsche Mark.
Ein wenig weiter oben deutete ich es schon an … es sollte nicht das letzte Problem mit diesem schönen Wagen sein.

PicturesKJ/Jannis2.jpgWir „wohnten“ in diesem Jahr auf dem Dach des kleinen Betonhäuschens am Hafen von Kókkinos Pýrgos. Dort gab es ein wenig Schatten durch Bäume, und es war damals einfach unsere Gewohnheit, unter freiem Himmel zu schlafen. Allerdings kam die Liebe hier in der Regel zu kurz, es war doch zu öffentlich. Na ja, es gab ja noch andere Möglichkeiten. Wieder einmal bedaure ich sehr, dass ein Foto, dass Helga und Brigitte beim Sonnenbaden im (züchtigen) Bikini auf eben diesem Dach zeigt, offensichtlich im Nirwana meiner geregelten Unordnung verschwunden zu sein scheint.

Kókkinos Pýrgos und Jannis‘ Taverne blieben in diesem Jahr unser Stammquartier (dass die beiden Herren nicht wirklich Gitarre spielen konnten, sieht der Kenner wohl auf den ersten Blick).

Wir unternahmen viele Ausflüge in die Umgebung, nach Festós, Mátala, Agía Triáda, Plakiás, Chóra Sfakíon etc.

Wir klapperten also den ganzen Süden fast systematisch ab. Bis der BMW eines Morgens plötzlich nicht mehr willens war, anzuspringen. Er war zwar ein Superauto, aber für kretische Verhältnisse offensichtlich nicht so ganz das Richtige.
Erste Diagnose: Die Batterie war leer … Na, es gab doch in Timbáki auch dafür eine Werkstatt.

Kreta 1974 – Teil 3

Wilfried und ich fuhren also dorthin. Wir hofften, dass es keine allzu große Sache war, denn in wenigen Tagen sollten wir eigentlich den Heimweg antreten – die Zeit war wieder einmal viel zu schnell vergangen.

Der Besitzer der Werkstatt schaute eine Weile stirnrunzelnd in den bis auf den letzten Winkel gefüllten Motorraum. Dann baute er die Batterie aus und hing sie erst mal an die Ladestation.
Uns bedeutete er, dass die Sache mit Sicherheit bis zum nächsten Tag dauern würde. Wo wir denn wohnten? Er würde den Wagen dann persönlich vorbeibringen.
Wir hinterließen als Kontaktadresse Jannis‘ Lokal und wanderten die zwei Kilometer nach Kókkinos Pýrgos zu Fuß zurück. Unser wichtigstes Gepäck lag sowieso bei Jannis.

Der nächste Tag ging vorbei, von unserem Auto sahen wir nichts … Der folgende Tag verlief ebenso ergebnislos. Wirklich misstrauisch wurden wir allerdings erst, als einer der Fischer, der regelmäßig bei Jannis einkehrte, unseren Wagen an den beiden vergangenen Tagen in Agía Galíni gesehen haben wollte. Der Werkstattbesitzer machte sich offensichtlich einen Spaß daraus, mit unserem schicken Auto spazieren zu fahren …

Also machten wir uns umgehend wieder nach Timbaki auf und trafen den Mann tatsächlich in der Werkstatt an. Auch der Wagen stand unversehrt vor der Tür.
Er begrüßte uns freundlich. Ja, er wäre sowieso heute nach Kókkinos Pýrgos gekommen und hätte uns den Wagen gebracht. Dann verschwand er in der Werkstatt und kehrte mit zwei völlig abgelutschten Kohlen aus einer Lichtmaschine zurück. Das da seien die Übeltäter gewesen, kein Wunder, dass die Lichtmaschine nicht mehr ordnungsgemäß die Batterie hatte laden können. Jetzt sei aber alles in Ordnung.

Er gab auch ohne Zögern zu, ja, er sei in Agia Galini gewesen, er hätte ja das Ergebnis seiner Arbeit testen müssen … Für seine Arbeit verlangte er den anscheinend damals üblichen Einheitspreis von 200 Drachmen. Da uns das sehr preiswert erschien, waren wir es zufrieden und verabschiedeten uns. Der Wagen sprang ohne Probleme an …

Den nächsten Tag – unseren vorletzten auf Kreta – verbrachten wir in aller Ruhe badend und essend. Am nächsten Vormittag packten wir unsere Siebensachen zusammen und fuhren nach Iráklion. Der Wagen machte keine Probleme …
Die Nacht verbrachten wir mit einigen Flaschen Retsina, Feta und Tomaten auf dem Deck der Fähre. Ich hasste mit jedem Jahr die Abschiede von der Insel mehr!

Am nächsten Morgen sprang das Auto wieder ohne Murren an und wir machten uns auf die große Fahrt … wir kamen allerdings nur etwa hundert Kilometer weit, als der Wagen plötzlich langsamer wurde. Mit etwas Glück erreichten wir gerade noch eine Tankstelle, dann erstarb der Motor. Alles, was man dort für uns tun konnte, war – nach ratlosen Blicken unter die Motorhaube – die Batterie wieder aufzuladen.

Und so wurde es eine sehr lange Rückfahrt. Alle zweihundert Kilometer musste die Batterie für einige Stunden (!) an eine Ladestation … denn Schnellladegeräte gab es nirgendwo! Wir lernten mehr jugoslawische Tankstellen kennen, als uns lieb war. Erst kurz vor Graz fanden wir eine Bosch-Niederlassung, allerdings war dort schon Feierabend. Nur der Chef war noch anwesend und konnte unserem Bitten und Betteln nicht allzu lange wiederstehen. Wir beobachten seine umständliche Fummelei am Auto mit Misstrauen. Er war wohl ein wenig aus der Übung und nicht mehr der Geschickteste. Zuerst ließ er sich fast das Auto auf den Kopf fallen. Dann begann er zu unserem Schrecken, mit einem Trennschleifer der Batteriehalterung auf den Pelz zu rücken, weil er keine andere Möglichkeit sah, an die Lichtmaschine zu kommen. Spätestens jetzt war uns klar, dass uns der Mann aus Timbáki angeschwindelt hatte. Er hatte nichts weiter getan, als die Batterie aufzuladen …

Der Österreicher fummelte und fluchte, tauschte diesmal wirklich die Kohlen der Lichtmaschine aus und baute alles wieder zusammen. Auch die Batterie hatte er zwischenzeitlich aufgeladen.

Ach, war das hinterher ein herrliches Fahrgefühl. Wir hatten ja während der ganzen bisherigen Fahrt keinen Blinker oder gar Fernlicht benutzt, um die Batterie so wenig wir möglich zu beanspruchen. Und nun konnten wir wieder aus dem Vollen schöpfen!

Hatten wir uns so gedacht … bereits bei Salzburg war wieder Feierabend … also gab es bis Köln noch mehrere erzwungene Fahrtunterbrechungen und so dauerte die Rückfahrt insgesamt viereinhalb Tage.
In Köln stellte man in der BMW-Werkstatt fest, dass die „Ursache des Grundes“ mitnichten die Lichtmaschine war, sondern ein simpler Kabelbruch.

Wieder mal ist ein Urlaub zu Ende …

Deutschkurs – Von Roger Möckel

Die nette Tavernentochter, damals etwa 16 Jahre alt, war und ist ein sehr begabter Mensch. Zuvorkommend, immer gut gelaunt und mit reichlich Charme ausgestattet. Da ich sie von klein auf kenne und ihre Talente fördern wollte, brachte ich ihr im nächsten Jahr einen Komplettsatz Langenscheidt mit. Das volle Programm: Deutsch-Griechisch / Griechisch-Deutsch, Grammatik und Kassette inklusive.
Sie freute sich auf die ihr ungemein sympatische Art, zumal ihr Vater lange Jahre in Deutschland gearbeitet hatte.

Seine Taverne war und ist wegen seiner Deutschkenntnisse (und natürlich des guten Essens und der Atmosphäre wegens) von Deutschen sehr gut besucht. Töchterchen hatte sich immer geärgert, dass ihr Herr Papa mit seinen deutschen Witzen die gesamte Taverne unterhielt und sie nicht ein Wort verstand. Also versprach sie mir, über den Winter fleißig zu lernen, dann würde es besser gehen.

Erwartungsschwanger traf ich sie im nächsten Jahr und fragte zunächst auf Deutsch: „Kannst du jetzt ein bisschen Deutsch?“ Antwort: „Nix Deutsch!“ Ich fragte nach dem warum, worauf sie feststellte, dass ihr Herr Bruder, 2 Jahre älter als sie, sich den Langenscheidt unter den Nagel gerissen hätte. Hmm…

Einige Tage später in der Taverne, Mittagszeit, volles Haus. Die Gäste möchten bedient werden, Hektik bei der Tavernen-Familie und ihren Angestellen. Der Chef des Hauses scheucht seinen recht ungeschickten, groß gebauten Sohn um die Tische. Alles geschieht in griechischer Sprache, bis dahin hat Sohnemann noch keinen Satz Deutsch von sich gegeben.

Nach einiger Zeit der Hektik und der Treiberei durch seinen Vater wird es ihm zu bunt: Er hält inne, was die gesamte Taverne mitbekommt. Er murmelt ein paar Flüche auf Griechisch, um dann in allerfeinstem Deutsch seinen Vater anzuherrschen:
„Papa, in der Ruhe liegt die Kraft!“
Vor lauter Lachen konnte kaum noch einer der Gäste eine Gabel in die Hand nehmen…

Von Roger Möckel

Onkel Nikos (82) und die Sache mit dem WC

Von Reinhilde Digruber

Sonntag, 11. Juli 2004, im Hafen von Iraklio. Geplant ist ein Ausflug nach Ano Asites. Wie üblich werde ich am Busbahnhof in Empfang genommen. Zu meiner großen Freude wird Manolis, ein Freund aus Asites, von Onkel Nikos begleitet, der sich, wie man so schön sagt, „alle heiligen Zeiten einmal“ in die große Stadt begibt. Onkel Nikos, wie immer in voller Tracht, mit Sariki, Pluderhose, Stiefel, ein wettergegerbtes, offenes, gutes Gesicht mit klaren Augen, die so viel erlebt haben und wissend, aber so manches Mal auch spitzbübisch verschmitzt blicken, und einem wunderbaren, weißen, weichen Vollbart.

Wir genießen im Hafencafe unsere Frappedes, beobachten eine entzückende Entenprozession, besprechen ausgiebig „ta nea mas“, schließlich und endlich sind seit dem letzten Beisammensein doch schon wieder zwei Monate ins Land gezogen. Onkel Nikos wird indessen von einigen Touristen aufmerksam „begutachtet“ – es macht ihm Spaß und er lässt sich oft und gerne fotografieren.

Als wir dann Richtung Asites aufbrechen wollen, marschiert Onkel Nikos zielstrebig auf einen Baum neben der vielbefahrenen Hafenstrasse zu – er hat ein menschliches Bedürfnis zu erledigen. Manolis muss einiges an Überredungskunst an den Tag legen, um den Onkel davon zu überzeugen, dieses eine Mal – wenn auch widerstrebend – doch die Sanitäranlagen des Cafes zu benutzen. Manolis versucht dann, mir gegenüber das (für mich überhaupt nicht schlimme) Verhalten des Onkels zu erklären, merkt aber sehr schnell, dass ich mit dieser Situation absolut kein Problem habe, diese mir im Gegenteil wie ein Puzzlestein zum Vervollständigen meines ureigensten, gemütvoll-romantischen Kretabildes in den Schoß gefallen ist.

Wir machen sodann Besuch bei Verwandten und Bekannten in Krousonas, verweilen anschließend ein Stündchen im wunderschönen Kloster Agia Irini und werden nach Stunden von Manolis Frau telefonisch an den fast schon fertig gedeckten Tisch in „Asites“ heim beordert. Ich unterdrücke auf der Fahrt dorthin vielfach den Wunsch nach einem kurzen Halt für eine Fotopause, weil ich weiß, dass dies nicht mein letzter Besuch in dieser Gegend sein wird. Der unvermittelte Ausblick auf einen riesigen Felsendurchbruch mit Rhododendronbewuchs, der sich wie eine rote Schlange durch den Talkessel windet, veranlasst mich zu einem spontanen, überraschten Aufschrei und der Bitte, doch jetzt und sofort und gleich stehen zu bleiben. Ich springe aus dem Auto, genieße den Anblick und mache mich dann daran, die Kamera in Betrieb zu setzen. Als ich wieder ins Auto einsteige, kommt eine warme, riesige Welle von Heiterkeit auf mich zu – Manolis kann die Lachtränen in seinen Augenwinkeln nicht verleugnen -, deren Ursprung in Onkel Nikos sich beschwerendem Ausruf lag:

„Und die Hilda, warum darf SIE mitten in der Kurve ……?!?!?!“

Von Reinhilde Digruber

Kreta 1973 – wieder auf Tour

Wieder einmal standen die Semesterferien vor der Tür und mir stellte sich die inzwischen fast schon obligatorische Frage: „Mit wem mache ich denn in diesem Jahr Kreta unsicher?“

Und wie der Zufall es wollte, traf ich zwei alte Freunde, mit denen ich im Jahre 1970 schon auf Sardinien gewesen war (auch aus diesem Jahr könnte ich Einiges berichten, aber ich will nicht zu sehr von Kreta abschweifen – vielleicht mache das mal irgendwann, wenn mir der Kreta-Stoff ausgeht): Jorgo (der natürlich nicht wirklich so hieß, sondern ein Deutscher aus Bonn war) und sein jüngerer Freund Jü.
Da wir uns schon geraume Zeit nicht mehr begegnet waren, setzten wir uns in die nächste Kneipe. Natürlich gedachten wir gemeinsam der wunderschönen Fahrt nach Sardinien – sie war wirklich super, abenteuerlich und fast Kreta-like – und dann kamen wir auf den diesjährigen Sommer zu sprechen … als wir uns drei Stunden später trennten, war der Plan festgezurrt: In diesem Jahr würden drei zusammen nach Kreta fahren.

Diesmal gibt es nichts Nennenswertes über die Anreise zu berichten. Jorgo war stolzer Besitzer eines VW-Busses, wir beide wechselten uns beim Fahren ab (das hatten wir 1970 schon gemacht, obwohl ich erst ein paar Monate später bei der Bundeswehr den Führerschein erwarb).

Zu erwähnen ist, dass ich damals eine alte Schaffnertasche besaß, die mich eigentlich auf Schritt und Tritt begleitete … auch auf dieser Fahrt. Da ich der „Griechenlanderfahrendste“ von uns war, hatte ich die Gruppenkasse übernommen und trug in ebendieser Tasche praktisch unsere gesamte Barschaft herum – es waren, als wir in Griechenland ankamen, sicher über 3.000 DM in den verschiedensten Währungen, in erster Linie aber noch der guten alten deutschen Mark.

Wir kehrten zwischen Thessaloníki und Kateríni zum ersten Mal in Griechenland ein, um etwas zu trinken. Es war eine Fernfahrerkneipe, deren Parkplatz nur wenig größer war als die riesige Terrasse direkt an der Nationalstraße. Die Terrasse war ziemlich voll (der Parkplatz auch).
Nachdem wir in aller Ruhe unsere Frappedes ausgetrunken hatten, bestellte ich noch drei und zahlte bei der Gelegenheit alles direkt. Es war spottbillig, denn es war wie gesagt eine Fernfahrerkneipe, in die sich Touristen selten verirren – und abgesehen davon gab es ja auch noch nicht so viele …

Etwa eine halbe Stunde später brachen wir auf und fuhren etwa 100 Kilometer weiter bis zu meinem beliebten Etappenziel Litóchoro. „Meine Wiese“ gab es nicht mehr, hier standen inzwischen mehrere Häuser, zum Teil fertig, zum Teil noch als Rohbau. Natürlich war ich enttäuscht, aber dann fuhren wir ein kleines Stück zurück, denn dort war (und ist wohl noch) der Bahnhof von Litóchoro (etwa drei Kilometer vom Dorf entfernt), dort war sicher auch ein Strand.

Natürlich war da einer und wir spülten uns den Staub und Schweiß der Fahrt im agäischen Meer vom Leib. Dann beschlossen wir, dem Kaffee von vor zwei Stunden einen etwas handfesteren Schluck folgen zu lassen, bevor wir nach Litóchoro hinauffuhren, um dort in den obligaten Souvlaki zu frönen und hinterher das Lokal mit den Wasserrädchen und Glöckchen aufzusuchen. Erst morgen früh sollte es dann schnurstracks nach Piräus und zur Fähre nach Kreta gehen.

Wir kleideten uns also wieder geziemend an. Ich übernahm das Lenkrad, denn ich kannte ja den Weg und fragte Jü, der hinten saß, über die Schulter: „Kannst du mir mal die Tasche nach vorne geben?“
Er schaute um sich und fragte dann zurück: „Welche Tasche, hier liegt nichts?“
„Na, meine Schaffnertasche mit unserer Kasse, wir wollen doch was trinken gehen … schau noch mal genau nach!“
„Hier ist die Tasche nicht!“
Mich erfasste so etwas wie Panik. Wo war die Tasche? Wir durchwühlten also den ganzen Bus, was eine Weile dauerte, denn wir hatten einiges an Gepäck dabei … doch die Tasche war verschwunden.
Ich erinnerte mich an einen Satz, den meine Mutter gerne verwendete: „Du musst mit dem Kopf suchen, nicht mit den Händen!“
Also versuchte ich genau dieses. Wann und wo hatte ich die Tasche zum letzten Mal bewusst gesehen? Da kam nur das Fernfahrerlokal in Frage, denn ich hatte dort bezahlt. Hatte ich sie danach noch einmal gesehen? Ich kam zu dem Ergebnis, dass nein …

So ein verdammter Mist, ich hatte offensichtlich unsere gesamte Barschaft auf der Terrasse eines Fernfahrerlokals einhundert Kilometer entfernt von hier hängen gelassen. Das war eine Katastrophe, wie ich sie mir in diesem Moment nicht hätte größer vorstellen können. Wir waren in Griechenland und verfügten in unseren Taschen gemeinsam gerade mal noch über etwa 50 Mark! Damit würden wir gerade mal bis Athen kommen, um uns dort vielleicht bei der deutschen Botschaft das Benzingeld für die Rückfahrt zu pumpen. Das konnte und durfte doch nicht wahr sein!

Ich erwartete schlimmste Vorwürfe von Jorgo und Jü, doch zu meinem großen Erstaunen blieben die völlig aus. Sie waren nur ebenso geschockt wie ich, dass diese Fahrt zu Ende sein sollte, bevor sie richtig begonnen hatte. Was tun?
„Egal, selbst, wenn es alles weg ist, wir müssen zumindest nachschauen und nachfragen … also zurück!“
Jorgo gab zu bedenken, dass die Tasche nicht in irgendeinem Bergdorf vergessen worden war, sondern an einer recht stark befahrenen Straße, und dass jeder, der am Tisch vorbeiging, nur hätte zugreifen brauchen. Auch der Kellner … wir hätten keinerlei Chance gehabt, auch nur das Geringste zu beweisen.
„Egal wie, wenn wir es nicht wenigstens versuchen und zurück fahren, ist die Kohle auf jeden Fall weg … und übrigens auch mein Pass und mein Führerschein!“
Ja, verdammt, meine ganze Identität war in dieser Tasche. Ich war nass vor Schweiß, als ich die hundert Kilometer zurück fuhr, nein zurück raste, mit allem, was der Bulli so hergab. Es kam zwar jetzt auch nicht mehr auf die Minute an, und es wäre sehr peinlich geworden, wenn ich jetzt der Polizei aufgefallen wäre, aber das war mir egal. Diese Ungewissheit (oder Gewissheit, dass wir nur wieder nach Hause fahren konnten – falls uns die Botschaft überhaupt Geld vorschießen würde …) brachte mich um den Verstand. Ich fühlte mich wie ein Volltrottel in Vollendung.

Mit quietschenden Reifen brachte ich den Bulli vor dem Lokal zum Stehen. Wir rannten hinein, ich war immer noch völlig aufgelöst. Hinter dem Tresen standen zwei Kellner, einer wandte uns den Rücken zu. Dann drehte er sich um und sah uns heranhasten. Ein feines Lächeln überzog sein Gesicht, er griff ganz langsam unter den Tresen. Als er seine Hand wieder hob, hielt er darin meine Tasche.
Mir wurde fast schwarz vor Augen, als er lächelnd zu mir sagte: „You forgot this!“

Ich hätte ihn knutschen können. Aber ich war so fertig, dass ich kaum ein vernünftiges Wort herausbrachte. Er schien mein psychisches Desaster zu bemerken, denn er goss mir ein großes Glas Kognak ein.
„It’s from me. I think you need it!“
Ich stürzte den Schnaps hinunter und fing mich allmählich wieder. Dann kramte ich in der Tasche, um ihm eine Belohnung zu geben, denn die hatte er sich verdient. Doch er wehrte ab.
„No money, you come to Greece, you are welcome. You love Greece and we love you.“

Das Einzige, was er annahm, war eine Zigarette. Ich glaube, als ich die mit ihm rauchte, war es die schönste Zigarette meines Lebens. Dieser Mann hatte uns gerettet. Ich war nicht nur dankbar, sondern ich empfand die allergrößte Hochachtung vor dieser griechischen Ehrlichkeit, die damals wirklich noch selbstverständlich war. Und doch war sie für mich in diesem Moment und an diesem Ort einfach unfassbar. Ich wusste genau, dass ich das Geld in der Tasche nicht nachzählen musste, es würde kein Pfennig fehlen (und es fehlte natürlich auch keiner).
Nach viel Hin und Her ließ er sich breit schlagen, einen Kognak auf meine Kosten mit mir zu trinken. Jorgo hatte sich die ganze Zeit vollkommen zurück gehalten und übernahm dann das Lenkrad, als wir wieder zurück gen Süden fuhren.

Nach den Souvlaki bei meinem nun schon alten Bekannten in Litóchoro, der sich wie immer freute, fuhren wir in das Bimmellokal oben am Berg hinauf (siehe Kreta 1972). Bevor wir uns aber dem Weine widmeten, wollten wir erst einmal herausbekommen, wo denn das ganze Wasser eigentlich herkam, das hier so spendabel durch das Lokal floss. Hinter dem Haus stürzte es von der Wand. Wir kletterten hinauf und entdeckten, dass es aus einer Art begehbarer Wasserleitung kam. Ein abgedeckter Kanal zog sich an der Hangseite entlang, die scheinbar in den Olymp hineinführte. Wir folgten ihm – man konnte ja darauf entlang laufen – bis weit in den Einschnitt des Berges hinein. Ein Zaun, an dem ein für uns unlesbares Schild stand, bremste uns nur vorübergehend, wir kletterten einfach darüber. Kurz hinter diesem Zaun endete der Kanal und wir standen vor einem kleinen glasklaren See oder Tümpel, der uns förmlich aufforderte, die Füße hineinzustecken. Das taten wir auch.
Erst etwas später entdeckten wir ein zweites Schild und bekamen ein wirklich schlechtes Gewissen:
„This water is for drinking. Please do not make it dirty!“
Wir hatten unsere Füße ins Trinkwasserreservoir von Litochoro getunkt, hoffentlich hat es keiner geschmeckt!

Der Wirt des Lokals erkannte mich übrigens ohne die Mädels vom letzten Jahr nicht wieder, was ich verstehen konnte, aber das war mir ziemlich egal … denn sein Salat war immer noch sehr schmackhaft.

Kreta 1973 – Teil 2

Wir waren inzwischen auf Kreta angekommen und hatten einige Tage zum Akklimatisieren wie so gerne beim Kiani Akti (bei Kalýves) verbracht. Der Bulli stand unter einem schattenspendenden Strohdach direkt am Fluss und wir verbrachten den größten Teil des Tages essend im Lokal. Es gibt dort zwar auch heute noch keine riesige Speisenauswahl, aber alles, was angeboten wurde und wird, war und ist allererste Klasse. Nicht umsonst ist das Lokal bei den Einheimischen sehr beliebt, wie andernorts schon mehrfach erwähnt.

Dann aber wollten wir die angefressenen Pfunde wieder ein wenig abtrainieren, also beschlossen wir, die Samaria-Schlucht anzugehen. Allerdings gedachten wir, es anders zu machen, als heutzutage üblich, nämlich in der Schlucht zu übernachten (was man heute ja nicht mehr darf). Es gab auch damals keinerlei winterliche Beschränkung, in der man dort nicht wandern durfe. Nach diesem Marsch weiß ich auch, warum es sich geändert hat …
Wir würden also fast unser komplettes Hab und Gut durch die Schlucht tragen, denn wir brauchten für die Übernachtung die Schlafsäcke, Lebensmittel etc.

Die „Planung“ sah dann so aus: Wir fahren mit dem Bulli nach oben und parken ihm am Schluchteingang. Unten von Agía Rouméli aus würden wir mit dem Schiff nach Chóra Sfakíon fahren – wir machten uns überhaupt keine Gedanken, ob es um diese Jahreszeit überhaupt ein Schiff gab – und dann zurück nach Chaniá trampen. Wer als erster ankam, sollte dann mit dem Bus oder ebenfalls per Anhalter wieder nach Omalós hinauf und das Auto holen. Und ansonsten wollten wir uns jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Lokal in der Nähe des Busbahnhofs treffen. Wie man sicher erkennen wird, es war alles sehr locker geplant (und genau so locker sollte es auch kommen – wir brauchten fünf Tage, um uns wiederzusehen. Fünf für mich recht angenehme Tage …).

Aber zuerst war die Schlucht angesagt. Recht schwer bepackt, denn wir wollten ja weder Hunger noch Durst leiden noch sonst etwas vermissen (auch die beiden Gitarren mussten mit), stiegen wir am späten Vormittag die hölzernen Treppen hinab. Wir hatten keine Eile, denn es war ja schließlich auch die Übernachtung vorgesehen. Ich weiß nicht, ob man es heute noch nachvollziehen kann, aber wir haben von oben bis zum verlassenen Dorf Samaria keine Menschenseele getroffen! Nur ein paar Ziegen an den Wänden der Schlucht beäugten neugierig die vorbeikommenden Wanderer. Damals hielt ich sie für echte Agrimia, heute zweifle ich ein wenig daran.

Auch im „Dorf“ war erst einmal niemand zu sehen. Also „besetzten“ wir eines der dächerlosen Häuser und richteten uns behaglich ein. Nachdem wir in der Umgegend Holz gesammelt hatten und der Abend hereinbrach, schürten wir unter dem Hordenpott ein Feuer, um uns einen wärmenden „Tschai“ zu bereiten, der aus wenig Tee, viel Rotwein, Rosinen und einer Flasche Rum bestand (letztere hatten wir zur Sicherheit aus Deutschland mitgebracht).

Erst als wir das Feuer entfachten, merkten wir, dass wir hier doch nicht ganz allein waren. Auf der anderen Seite des Bachbettes erschien eine Gestalt, die uns wild zuwinkte und einige unverständlich klingende, aber eindeutig ärgerliche Worte zurief. Wir ignorierten die Gestalt, nachdem wir ein paar Steine in ihre Richtung geworfen hatten und sie in Deckung ging. Der Tschai war gerade so richtig am Brodeln, da stand der Typ plötzlich neben uns – er musste sich heran geschlichen haben. Es war der örtliche Feldhüter, der natürlich hatte eingreifen wollen, als er das Feuer bemerkte.

Nun aber begutachtete er es aus der Nähe und stellte fest, dass hier wohl keine Marodeure, sondern Fachleute am Werk waren, und deshalb keine größere Gefahr bestand. Da auch wir eher friedlicher Natur waren, wurden wir schnell einig. Er saß mit uns die halbe Nacht am Feuer und trank und sang mit uns. Zu fortgeschrittener Stunde sang er ganz alleine Verse, die wir zwar nicht verstanden, die uns aber ziemlich anrührten. Wie ich später lernte, waren es alte kretische Mantinades. Musik und Gesang verbinden eben auch ohne dass man die Worte versteht.
Als wir den großen Topf geleert hatten, schwankte der Feldhüter davon (der Alkoholgehalt des Gebräus war wirklich heftig) und wir krochen in unsere Schlafsäcke. Vorher hatte er noch nach Süden gezeigt und versucht, uns etwas zu erklären, was mit dem Wort „neró“, also Wasser zu tun hatte. Wir kapierten es allerdings nicht wirklich

Am nächsten Morgen verstanden wir es. Wir waren aufgebrochen, um die engste Stelle der Schlucht zu erreichen und fanden sie voll Wasser vor. Das ist wohl auch der Grund, warum die Schlucht in heutiger Zeit nur im Sommer bewandert werden darf. Die „Sideroportes“ waren ein einziger Fluss. Was nun? Sollten wir umdrehen und wieder nach oben laufen?

Hallo, spinnst du, da hatten wir schon andere Sachen gemacht. Wir waren jung, fit und unbekümmert. Also zogen wir uns aus, packten sämtliche Kleidungstücke in die Rucksäcke, die Gitarren noch oben drauf, nahmen das Ganze auf die Köpfe und stiegen ins Wasser. Zwischendurch bekam ich mal gewisse Bedenken, denn die strömenden Fluten reichten uns bis zur Brust. Und doch ging es gut. Die Gitarren blieben trocken. Nur rollte mir mittendrin ein respektabler Stein über den Fuß und so vollendete ich den Rest des Marsches, nachdem wir wieder aus dem Wasser gestiegen waren, ebenso humpelnd wie fluchend.

Agía Rouméli bestand damals nur aus ein paar Häusern, aber eine Taverne war dabei. So bekamen wir auch etwas zu essen. Die Frage nach einem Boot oder Schiff nach Chóra Sfakíon beantwortete der Wirt zuerst nur mit einem Achselzucken … Weiteres Nachfragen ergab, dass es um diese Jahreszeit kein regelmäßig verkehrendes Boot gäbe.

Da wir uns darüber klar waren, dass wir den umgekehrten Weg durch die Schlucht wegen der Wassermassen wohl nicht schaffen würden, schauten wir wohl so unglücklich drein, dass der Wirt sich erweichen ließ und zum Telefon griff.
Dann erklärte er uns, am nächsten Morgen werde ein befreundeter Fischer mit seinem Boot aus Chóra Sfakíon kommen und uns abholen. Wir waren ihm dankbar und verzehrten an diesem Abend noch so einiges.

Der nächste Morgen war recht stürmisch. Als wir am Strand aus den Schlafsäcken lugten, waren wir mehr als skeptisch, ob das Fischerboot wirklich kommen würde. Doch es kam tatsächlich. Als wir es erblickten, bekamen wir doch ein wenig Bammel. Denn es war ein ganz kleines Boot. Die Bordwand lag nur unwesentlich höher als das Wasser ringsum.

Dennoch gelang es uns irgendwie, an Bord zu kommen und dicht unter Land heil und gesund Chóra Sfakíon zu erreichen. Der Fischer verlangte eine recht kommode Summe für die Fahrt, wie so oft waren wir sehr positiv überrascht.

Nun waren wir also in Chóra Sfakíon und wollten wie besprochen von hier aus nach Chaniá per Anhalter zurück fahren. Wie schon drei Jahre zuvor in Sardinien waren die Rollen schnell und klar verteilt: Da ich als der sprachgewandteste galt, würde ich alleine mein Glück versuchen und überließ den beiden anderen den Platz an der Straße, während ich gemütlich in dem Pinienhain hinter ihnen saß. Aus Sardinien waren wir gewöhnt, dass zwar wenig Autos vorbeikamen, das erste einen aber gewöhnlich mitnahm. Auf Kreta war das aber anders: Die beiden brauchten einige Stunden, bis sie endlich eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatten.

Ich schaute ihnen nach und stellte mich dann selbst an die Straße …

Kreta 1973 -Teil 3

Nach einer knappen Stunde hatte ich die Nase voll. Ich war es wie schon erwähnt aus Sardinien gewohnt, dass man schnell und unproblematisch mitgenommen wurde, aber hier lief das offensichtlich zumindest heute nicht. Also schulterte ich den Rucksack und die Gitarre wieder und wanderte die paar Schritte zurück ins Dorf. Vom Platz am Dorfeingang zweigt eine schmale Gasse im spitzen Winkel ab. Direkt am Anfang dieser Gasse gab es damals – es gibt sie schon lange nicht mehr – eine kleine Souvlakibraterei, in die ich einkehrte, denn es war Mittag und ich hatte Hunger.

Eine Stunde später etwa war der Hunger sehr erfolgreich gestillt, aber mir kam nicht in den Sinn, mich wieder an die Straße zu stellen. Ich würde einfach am nächsten Tag den Frühbus um sieben Uhr nehmen (damals der einzige Bus).
Der Wirt stellte ungefragt ein weiteres Kilo Wein vor mich hin und wies ebenso fragend wie freundlich auffordernd auf meine Gitarre, die hinter mir an der Wand lehnte.

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags (und des Abends) also mit Musik.
Irgendwann saß ein Mädchen neben mir, an dessen Aussehen ich mich nicht mehr erinnere. Ich weiß nur noch, dass sie einen dieser grob gestrickten kretischen Wollpullover trug, die damals bei Touristen sehr in Mode waren … einmal in die Waschmaschine und man konnte sie wegwerfen.
Bei jedem Lied rückte sie mir ein wenig näher. Irgendwann sprachen wir auch miteinander. Sie war Engländerin und fragte mich, wo ich denn eine Bleibe hätte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass ich vor lauter Wein und Gesang daran noch gar nicht gedacht hatte. Ich sagte, ich würde wohl irgendwo draußen unter den Bäumen schlafen, doch sie informierte mich, sie habe ein Zimmer zwei Häuser weiter und da sei noch ein Bett frei. Wenn ich denn wollte …

Kann man ein solches Angebot ablehnen, ohne unhöflich zu sein? Ich war noch selten im Leben unhöflich gewesen und zog also gegen etwa drei Uhr morgens mit ihr ab. Alle weiteren Einzelheiten möchte ich hier nicht wiedergeben, außer vielleicht, dass es in ihrem Zimmer kein freies zweites Bett gab.

Am nächsten Morgen erwachte ich durch lautes Hupen auf der Straße. Ich lief zum Fenster und sah den Frühbus, den ich hatte nehmen wollen, soeben abfahren. Was soll’s, wenn nicht, dann eben nicht. Ich kroch ins Bett zurück.

Man mag es übertrieben finden, aber diese Geschichte wiederholte sich drei Tage lang. Morgens verschlief ich regelmäßig den Bus, weil die süße Engländerin dafür sorgte, ich stellte mich ein bis zwei Stunden der Form halber an die Straße, bekam aber keine Mitfahrgelegenheit, kehrte wieder in das Lokal zurück und verbrachte auch die nächste Nacht am gewohnten Ort.

Dann aber überkam mich allmählich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, denn vermutlich machten sich die beiden anderen allmählich Gedanken, wo ich denn blieb. Und dann fasste ich den Entschluss, die nächste Nacht zwar in Morpheus, aber nicht in Jennys Armen zu verbringen – in diesem Moment fällt mir sogar ihr Name wieder ein – sondern mal „Butter bei de Fische zu tun!“

Nach einem sehr netten Abschied („I really don’t want to leave, but I have to“) rollte ich meinem Schlafsack auf dem Asphalt aus, auf dem der Bus morgens zu wenden pflegte – und so verpasste ich ihn diesmal nicht. Er hätte über mich drüber fahren müssen … Jenny stand übrigens oben am Fenster, wir winkten uns kurz zu, natürlich habe ich sie nie wieder gesehen (und sie hat mich sicherlich längst vergessen).

Die beiden anderen erwarteten mich wie verabredet in Chaniá. Sie hatten den Bulli längst vom Omalós abgeholt und fragten mich freundlicherweise nicht, warum ich so lange gebraucht hatte. Und da ich damals noch ein Gentleman war, erzählte ich ihnen auch nichts. Aber genossen habe ich die Tage sehr, wen wird es wundern.

Kreta 1973 – Teil 4

An viel mehr Einzelheiten aus diesem Jahr erinnere ich mich leider nicht mehr. Außer vielleicht, dass wir überraschend hinter einer unübersichtlichen Kurve vor einem monumentalen Erdrutsch nur mit Mühe zum Stehen kamen. Oder dass wir die alte Straße nach Káto Zákros nur ziemlich mühsam bewältigten … es gibt diesen Fahrweg heute noch, aber eben auch eine neue Asphaltstraße.

Ich erinnere mich nur noch eine Begebenheit, nämlich, wie ich zum ersten Mal erfolgreich zum Schmuggler wurde: Wir hatten auf Kreta vier 20-Liter-Kanister erstanden und sie mit Raki füllen lassen. Natürlich entsprach das nicht ganz den deutschen Einfuhrbestimmungen. Also nahmen wir gewisse Umbauten am Bulli vor. Die mittlere Sitzbank war wie damals üblich, sowieso verkehrt herum eingebaut, die Lehne der hinteren ruhte zwischen den zwei Bänken auf Wasserkisten, so hatten wir eine Schlafebene. Und unter dieser Lehne brachten wir die vier Kanister unter.

Eine eigentlich durchschaubare Angelegenheit, auf die jeder Zöllner hätte kommen können, natürlich … und kommen würde. Wir mussten uns also noch was zusätzlich einfallen lassen. Wir waren übrigens auf der Rückfahrt zu fünft, wir hatten bei Larissa noch ein Pärchen aus Frankfurt eingeladen. Das erwies sich nun als sehr praktisch.

Wir deckten die Liegefläche kurz vor Salzburg also mit mehreren Schlafsäcken sorgfältig ab und breiteten ein weißes Bettlaken darüber. In einer Bäckerei hatten wir vorher etwa 20 Brötchen und Erdbeermarmelade erstanden, nun wurden sie geschmiert und auf dem Laken drapiert. Die junge Dame aus Frankfurt machte das sehr hübsch.

Ein weiterer Trick wurde hinter der Kofferraumklappe vorbereitet, und wir waren für alles gewappnet. Als wir die Grenzstation anfuhren, saß Jorgo am Lenkrad, wir vier anderen hockten um die Brötchen und frühstückten.

Die Zöllner warfen einen Blick auf die schmierigen Brötchen und mochten sich damit nicht unbedingt abgeben. Aber den Kofferraum wollten sie doch inspizieren – das hatten wir auch eingeplant. Klappe auf … und mit Getöse knallte eine bereits vorher angebrochene in Míres gekaufte tönerne Amphore auf das Pflaster hinter dem Auto. Darin hatten wir übrigens ein paar gebrauchte Unterhosen untergebracht, um den Effekt zu verstärken. Ich zeterte ein wenig herum wegen des zerstörten Souvenirs … und die Zollbeamten waren ausreichend beeindruckt. Sie bedeuteten uns nur noch, unseren Kram wieder zusammen zu packen und zu verschwinden, und wir waren sogar so ordentlich, die Scherben des schon lange vorher kaputt gewesenen Tonkruges zu entsorgen.

Dann freuten wir uns nur noch darauf, auf jeden Fall bis auf weiteres genug zu trinken zu haben. Allerdings wird mir wohl jeder zustimmen: Raki schmeckt auf Kreta anders und besser. Warum eigentlich?

Kreta 1972 – es geht wieder los

Seit meiner ersten Kretatour 1971 war ein Jahr vergangen. Inzwischen war ich nicht mehr auf der Burg, sondern dabei, mein erstes Studiensemester in Köln hinter mich zu bringen. In den Semesterferien sollte es natürlich wieder nach Kreta gehen und ich musste noch ein paar wichtige Vorbereitungen treffen:
1. Mit wem fahre ich dieses Jahr eigentlich?
2. Womit, denn ein Auto besitze ich nicht.

Es werden diesmal sicher weniger Seiten als bei den Erinnerungen an 1971 – obwohl auch dieses Mal sehr schöne, aber ganz andere Erlebnisse dabei waren. Es ist schon ein großer Unterschied, ob man mit acht jungen Männern bzw. Jungs nach Kreta reist, oder als „Hähnchen im Körbchen“ mit drei liebreizenden Mädels.

Damit ist die erste Frage schon geklärt!
Außer mir waren es
a) Susi, meine damals noch recht frische Freundin,
b) ihre Freundin Schorni (wie hieß die eigentlich richtig?) und
c) meine „kleine“ (sie ist gerade mal zwei Jahre jünger als ich) Schwester Maria.

PicturesKK/forbild30.jpgAls Möchtegernmacho kaufte ich vor Antritt der Fahrt für uns alle die damals so „in“ gewesenen Indien-Hemden (ich trug ja passend dazu und zeitgemäß längst lange Haare und – inzwischen – einen recht ansehnlichen Vollbart), in vier verschiedenen Farben, weil die griechischen echten Machos auch gleich kapieren sollten, zu wem die Damen gehörten. Wir machten uns oft einen Spaß daraus, das richtig zu betonen, dazu aber später mehr.

Die zweite Frage bereitete mir mehr Mühe, aber eines Tages stand vor der Uni-Mensa ein betagter roter VW-Käfer, der sage und schreibe 250,00 DM kosten sollte. Baujahr 1954 allerdings und 180.000 Kilometer auf dem Tacho, aber dann würde er die 10.000 auch noch schaffen (hoffte ich). Der war noch nicht einmal synchronisiert, verlangte also selbst beim Hochschalten ein doppeltes Kuppeln und beim Herunterschalten entsprechend Zwischengas, aber diese Fahrweise hatte ich ja auf einem Bundeswehr-LKW gelernt. Das war also wirklich kein Problem. Nach einer kurzen Probefahrt, während der die 30 PS des kleinen Motors eifrig schnurrten, kaufte ich ihn (ich habe es nicht bereut).

Allerdings – wer einen alten Käfer kennt, wird es verstehen – musste ich meinen Mädels strenge Beschränkungen bezüglich des Gepäcks auferlegen. Wir bekamen so auch tatsächlich irgendwie alles unter, bevor wir wieder nach Griechenland aufbrachen (sogar meine Gitarre natürlich).

Da der Aufbruch um drei Uhr morgens erfolgte, kamen wir (ich fuhr alleine, denn Schorni hatte zwar den Führerschein, war mir aber eher zu unsicher – was auf der Rückfahrt dann auch bestätigt wurde) schon am ersten Tag bis hinter Maribor. Ja, ich hatte aus dem letzten Jahr gelernt und die Strecke ohne Pässe durch Österreich genommen, um dann von Maribor nach Zagreb und dann weiter auf dem Autoput zu fahren. Die Strecke hatte sich bis zu dieser Stelle auch in diesem einen Jahr nicht viel verändert, unser „Rossi“ (so hatte meine Schwester den Käfer spontan getauft) schnurrte mit etwa 100 km/h dahin und wir waren bester Laune.

Wir hielten höchstens einmal zum P…. an, ansonsten wurden während der Fahrt Brote geschmiert und ich von meinen drei Grazien gefüttert. Ach, was war das schön.

Zwischen Maribor und Zagreb, es war inzwischen schon dunkel geworden, wurde ich allerdings allmählich müde, und wir beschlossen, für den Rest der Nacht einen Zwischenstopp einzulegen.

Damals hatten wir noch nichts davon gehört, dass man in Jugoslawien nicht an irgendwelchen einsamen Stellen übernachten sollte, weil die Einheimischen so ziemlich das volle Programm drauf hätten: Diebstahl, Raub, Vergewaltigung, Mord … wie gesagt, wir hatten von all dem keine Ahnung (in späteren Jahren schlief ich in der Regel auf belebten und lauten Tankstellen).

PicturesKK/forbild31.jpgDiesmal aber suchten wir uns einen ruhigen Feldweg und fuhren ihn langsam hinein, bis er zu Ende schien. Es war wie gesagt schon dunkel. Wir gingen ihn wenige Meter zu Fuß weiter und fanden eine Holzbrücke, die uns deshalb als Schlafplatz so empfehlenswert erschien, weil wir auf diese Weise weniger vom Morgentau abbekommen würden. Also rollten die jungen Damen und ich uns bis über den Kopf in die Schlafsäcke, denn im Norden Jugoslawiens war es noch kühl, und schlummerten alsbald sanft ein.

Ich erwachte durch fremdartig klingende Stimmen, die immer wieder kamen. Außerdem hörte ich ständig Schritte auf den Holzbohlen der Brücke, auf der wir lagen.

Irgendwann wurde es mir zu laut und ich steckte den Kopf aus dem Schlafsack, während gerade wieder eine jugoslawische Familie behutsam über unsere Schlafsackbündel stieg. Das also waren die Stimmen und Schritte gewesen, die mich geweckt hatten.
Wir lagen auf einer Brücke und der Fußweg endete hier beileibe nicht. Denn alle die Menschen, denen wir hier im Wege gelegen hatten, strebten der Kirche im benachbarten Dorf zu, es war Sonntag. Aber alle hatten sich redlich bemüht, uns nicht zu wecken.

Peinlich war es allemal und ich scheuchte die Damen aus den Schlafsäcken, (Morgentoilette auf der nächsten Tankstelle, irgendwo ein frisches Brot finden etc.). Zum Glück hatten die drei gewusst, dass sie eine gewisse Abenteuerreise erwartete und sie waren absolut nicht „fimschig“, wie der Rheinländer sagt (= empfindlich). Sie kamen ja dann auch zu einem frugalen Frühstück mit ein wenig Brot und Käse und Tomaten und auf der nächsten Tankstelle wartete ich nach der Benzinauffrischung auch sehr geduldig, bis sie alle wieder relativ tagesfein erschienen.

Dann ging es gnadenlos weiter. Unser „Rossi“ verfügte über eines dieser Faltschiebedächer, das wir weit öffneten. Je weiter wir uns dem Süden näherten, desto heißer wurde es. Ich fuhr längst mit freiem Oberkörper, aber damit ich mir nicht gleich – der kam später – einen Sonnenbrand holte, legte die Mädels mir ein Bettlaken als Burnus um. Mit der dazugehörigen dunklen Sonnenbrille sah ich richtig arabisch aus (verdammt, da gibt es Fotos, aber ich finde sie nicht).

PicturesKK/forbild33.jpgErst in Nis machten wir wieder Pause, denn wir hatten alle Hunger. Wir fanden ein kleines Lokal an der Straße, in dem wir wirklich köstliche Cevapcici mit Tomatensalat aßen (der jugoslawische Tomatensalat unterschied sich damals vom griechischen sehr, denn es waren reichlich klein gehackte Zwiebeln und Essig daran, was in Griechenland erst später Usus wurde).

Es war für uns alle ein herrliches Essen und ich erlebte erstmals die neidischen Blicke der einheimischen Männerwelt angesichts meiner attraktiven Begleitung. Ich genoss es zum ersten, aber sicherlich nicht zum letzten Mal.

Die Weiterfahrt ergab nichts Weltbewegendes, Tatsache war, dass wir zur Abenddämmerung genau dort eintrafen, wo wir auch im Vorjahr den ersten Griechenlandabend verbracht hatten: In Litóchoro, dem Dorf am Fuße des Olymp.