Onkel Nikos (82) und die Sache mit dem WC

Von Reinhilde Digruber

Sonntag, 11. Juli 2004, im Hafen von Iraklio. Geplant ist ein Ausflug nach Ano Asites. Wie üblich werde ich am Busbahnhof in Empfang genommen. Zu meiner großen Freude wird Manolis, ein Freund aus Asites, von Onkel Nikos begleitet, der sich, wie man so schön sagt, „alle heiligen Zeiten einmal“ in die große Stadt begibt. Onkel Nikos, wie immer in voller Tracht, mit Sariki, Pluderhose, Stiefel, ein wettergegerbtes, offenes, gutes Gesicht mit klaren Augen, die so viel erlebt haben und wissend, aber so manches Mal auch spitzbübisch verschmitzt blicken, und einem wunderbaren, weißen, weichen Vollbart.

Wir genießen im Hafencafe unsere Frappedes, beobachten eine entzückende Entenprozession, besprechen ausgiebig „ta nea mas“, schließlich und endlich sind seit dem letzten Beisammensein doch schon wieder zwei Monate ins Land gezogen. Onkel Nikos wird indessen von einigen Touristen aufmerksam „begutachtet“ – es macht ihm Spaß und er lässt sich oft und gerne fotografieren.

Als wir dann Richtung Asites aufbrechen wollen, marschiert Onkel Nikos zielstrebig auf einen Baum neben der vielbefahrenen Hafenstrasse zu – er hat ein menschliches Bedürfnis zu erledigen. Manolis muss einiges an Überredungskunst an den Tag legen, um den Onkel davon zu überzeugen, dieses eine Mal – wenn auch widerstrebend – doch die Sanitäranlagen des Cafes zu benutzen. Manolis versucht dann, mir gegenüber das (für mich überhaupt nicht schlimme) Verhalten des Onkels zu erklären, merkt aber sehr schnell, dass ich mit dieser Situation absolut kein Problem habe, diese mir im Gegenteil wie ein Puzzlestein zum Vervollständigen meines ureigensten, gemütvoll-romantischen Kretabildes in den Schoß gefallen ist.

Wir machen sodann Besuch bei Verwandten und Bekannten in Krousonas, verweilen anschließend ein Stündchen im wunderschönen Kloster Agia Irini und werden nach Stunden von Manolis Frau telefonisch an den fast schon fertig gedeckten Tisch in „Asites“ heim beordert. Ich unterdrücke auf der Fahrt dorthin vielfach den Wunsch nach einem kurzen Halt für eine Fotopause, weil ich weiß, dass dies nicht mein letzter Besuch in dieser Gegend sein wird. Der unvermittelte Ausblick auf einen riesigen Felsendurchbruch mit Rhododendronbewuchs, der sich wie eine rote Schlange durch den Talkessel windet, veranlasst mich zu einem spontanen, überraschten Aufschrei und der Bitte, doch jetzt und sofort und gleich stehen zu bleiben. Ich springe aus dem Auto, genieße den Anblick und mache mich dann daran, die Kamera in Betrieb zu setzen. Als ich wieder ins Auto einsteige, kommt eine warme, riesige Welle von Heiterkeit auf mich zu – Manolis kann die Lachtränen in seinen Augenwinkeln nicht verleugnen -, deren Ursprung in Onkel Nikos sich beschwerendem Ausruf lag:

„Und die Hilda, warum darf SIE mitten in der Kurve ……?!?!?!“

Von Reinhilde Digruber

Kirchen, Klöster, Kurven – Kreta 2004

KKKK-Tour: Kirchen, Klöster, Kurven und „Kwellen“
(und Kalauer)

Drei Mann auf Tour im „Cinquecento“ – Kreta 2004
Pünktlich um halb acht treffen wir uns wie verabredet auf eine starke Tasse Nescafé: Chelmiii und Frank aus dem Kreta-Forum und meine Wenigkeit. Es ist erst einmal gar nicht so einfach, den versäumten Schlaf aus den Augen zu reiben. Aber Punkt acht Uhr lasse ich den kleinen Fiat („to baby sou“, wie ihn Adriana aus Kalýves ein paar Tage vorher genannt hat) an, wir verlassen den Parkplatz des „Romantika“ in Agía Galíni und brechen zu unserer großen Rundtour zu Kirchen, Klöstern und Wasserfällen auf, von der ich schon weiß, dass sie in erster Linie aus Kurven bestehen wird.

Doch schon nach wenigen Metern stoppe ich den Wagen wieder, denn mit der Lenkung stimmt was nicht. Also lieber mal die Vorderreifen begutachten! Und siehe da, der rechte ist fast platt. Zum Glück gibt es nur wenige hundert Meter weiter eine Tankstelle. Frank bläst den Reifen von 0,5 wieder auf die regulären 2 ATÜ auf. Ergebnis: Pfeifend entweicht direkt an der Felge die Luft. Wahrscheinlich die Folge des Loches, durch das ich vor zwei Tagen ungebremst in Ágios Nikólaos gedonnert bin. Ein Wunder, dass er gestern auf der Fahrt nicht in irgendeiner Steilkurve den Geist aufgeben hat. Ich gerate ins Schwitzen … genau wie unser „Youngster“ Frank, als er dann den Reifen wechselt. Zum Glück hatte die Tankstelle wenigstens einen professionellen Wagenheber und zum Glück haben wir das Malheur jetzt schon bemerkt, das hätte voll in die Hose gehen können.

Frank arbeitet und wir geben unseren Senf dazu. Auf der Innenseite des Reifens ist der Mantel weiträumig aufgerissen, wie sich herausstellt. Puuuh! Der Tankstellenbesitzer verspricht mir bis zum Abend einen runderneuerten Reifen aufzuziehen und so fahren wir halt ohne Ersatzreifen los. Hoffentlich bleiben wir nicht irgendwo in der Einöde liegen, durch die wir zu fahren gedenken.

Heute machen wir Sight-Seeing. „Der Weg ist das Ziel!“ Also nehme ich nicht die neue Straße Richtung Spíli, sondern wir fahren erst einmal die Serpentinen nach Mélambes hinauf, wegen der Aussicht. Und auf ein paar Kurven mehr oder weniger kommt es nicht an!
Natürlich stoppen wir ein paar Mal, Frank will filmen … Wir werden heute überhaupt oft stoppen, das haben wir uns vorgenommen. Nirgendwo vorbeisausen, nur um irgendwo anzukommen!

In Mélambes ist es für ein zweites Frühstück doch noch etwas zu früh, also halten wir nicht. Den Berg durch viele Kurven wieder hinunter, dann erreichen wir wieder die neue Straße und düsen nun fast in Richtung Spíli. Wir sind schon fast da, als der ansonsten bis dahin ziemlich schweigsame Chelmiii (die arme Socke musste ja auch hinten sitzen) was von den zwölf Löwenköpfen am dortigen Brunnen erzählt. Daraufhin beschließen die Vorderbänkler, Chelmiii die 19 Brunnenkätzchen persönlich zählen zu lassen, als Strafe sozusagen!

Die Durchgangsstraße von Spíli ist auffällig leer und überall stehen Halteverbotsschilder. Ja, denn Spili hat einen sehr großzügig dimensionierten neuen Parkplatz mitten im Ort bekommen (hinter der Kurve am Brunnen Richtung Réthymnon geht es links rein). Ich fahre bis ganz hinten durch, in der Hoffnung, dass es vielleicht einen kurzen Fußweg zum Brunnen gibt, und Chelmiiis heimliches Flehen (er hat es nicht laut gesagt) wird erhört. Ein paar Stufen hoch und vorbei am öffentlichen Klo von Spíli (naserümpf!) führt die schmale Gasse bis direkt zur Kurve mit dem Brunnen. Chelmiii zählt und fotografiert die Löwen und uns (uns zählt er nicht!), natürlich gibt es die obligatorische Pausenzigarette, dann es weiter …

Kurz vor Koxaré biegen wir links ein und erreichen bald die Kourtaliótiko-Schlucht.
„Chelmiii, gleich ist Fußmarsch angesagt. Mindestens hundert Stufen runter … und natürlich wieder hinauf! Außer es ist zu starker Wind, dann ist die Treppe nicht ungefährlich.“
Chelmiii ist uns am Tag zuvor bei etwa 40 Stufen auf der Lassíthi fast abgenibbelt. Er raucht zu viel! Aber dennoch nimmt er die Drohung mit einem fast gleichmütigen Gesicht hin. Er wird sich nicht unterkriegen lassen. Oder er betet heimlich, dass es in der Schlucht wie oft orkanartig wehen wird … wer weiß?

Ich will den beiden nämlich die „offiziellen“ Quellen des Megalopotamós zeigen (inoffiziell führt die Schlucht auch weiter oben schon Wasser). Links der Straße taucht das Steinmäuerchen auf, ich fahre aber noch ein paar Meter weiter, um links in einer Parkbucht halten zu können. Rechts direkt an der Felswand möchte ich das „Baby“ wegen möglichen Steinschlags nicht parken.
Und dann steigen wir hinunter, es weht tatsächlich kaum. Ich bin in dieser Hinsicht hier ein wenig vorsichtig geworden, seit ich vor zwei Jahren mal fast in den Abgrund geweht wurde.

Dann erreichen wir die kleine Kirche des Ágios Nikólaos und sinnieren eine Weile, warum die Griechen so gerne an den entlegensten Stellen Kirchen bauen. 100 Meter weiter erreichen wir dann die Wasserfälle, die wir von der Aussichtsterrasse aus natürlich fotografieren und filmen. Nicht ganz Niagara, aber sicherlich schöner und beeindruckender als die zwar viel berühmteren, aber doch eigentlich ziemlich mickrigen Fälle in Argyroúpolis (wir werden heute noch den direkten Vergleich haben!).
Einzig dem Panorama abträglich sind die vielen schwarzen Plastikschläuche, die zu Bewässerungszwecken von hier wegführen. Frank steigt noch etwas tiefer, um eine andere Filmperspektive zu haben, gibt es dann aber auf  (zu viele Schläuche), während Chelmiii und ich wieder nach oben steigen. Chelmiii hat es zwar schnaufend, aber diesmal doch sehr tapfer durchgehalten! Immerhin hat uns Frank nicht eingeholt (wenn auch schon ein bisschen aufgeholt, aber er ist ja auch über 20 Jahre jünger als ich – und körperlich mindestens 50 Jahre jünger als Chelmiii *g). Der wiederum braucht als erstes natürlich ein Lungenbrötchen, dann geht die Fahrt weiter …

Kirchen, Klöster, Kurven Teil 2 – Kreta 2004

Wir passieren Asómatos und Marioú und erreichen Mýrtios. Der sonst so asketisch brave Frank äußert den Wunsch, etwas zu trinken … gute Idee. Natürlich setzen wir uns ins „Panórama“, die beiden kennen diesen Superblick noch nicht, und nehmen geruhsam unser zweites Frühstück in Form von drei Mythos zu uns. An den Nachbartisch setzen sich zwei junge Leute, die sich offensichtlich erst seit gestern kennen. Man müsste noch mal dreißig sein!

„So weiter geht’s, Jungs! Frank, pack die Filmkamera aus, du bekommst jetzt eine weitere Schlucht vor die Linse!“
Ich fahre von unten durch die Kotsífou-Schlucht und drehe am oberen Ende. Frank stellt sich auf den Beifahrersitz und zwängt sich durch das Schiebedach hinaus, und dann lasse ich den Wagen sanft wie ein rohes Ei wieder nach unten rollen. Ich habe die Aufnahmen schon gesehen, sie sind sehr gelungen. Allerdings hat sich Frank da draußen fast den Ast abgefroren.

Weiter geht die Fahrt nach Rodákino, wo ich für alle Fotografierer vor der berühmten Brücke links ran fahre. Das war auch gut so, denn drei Reisebusse schieben sich quälend langsam über die Brücke, wir hätten sowieso keine Chance gehabt zu passieren.
Dann aber ist die Strecke wieder frei. Ein Athener Mercedes geistert als typischer Sonntagsfahrer durch Áno Rodákino vor uns her, am Ortsausgang aber gebe ich dem kleinen Fiat die Sporen und blase den Dicken mit der Hupe zur Seite. Die Beschleunigung des Babies ist schon wirklich OK, wie wir auch später wieder merken.

Weit reicht der Blick über die Kurven nach unten und wir sehen einige Kilometer vor uns einen kleinen blauen Punkt, der über die Straße kriecht.
„Was meint iIhr, wie lange brauchen wir, bis wir diesen Wagen haben?“
„Sicher nicht lange …“, meinen die beiden lakonisch. Zuerst aber stoppen wir noch mal, um eines unserer unzähligen Kirchenfotos zu machen.
Kurz vor dem nächsten Dorf haben wir dann den Blauen vor uns, eindeutig mit Touristen besetzt. Ich komme wohl so zügig von hinten angeflogen, dass die Fahrerin lieber gleich rechts ranfährt. Das wäre nun aber wirklich nicht nötig gewesen!

In Chóra Sfakíon wird es nun aber Zeit, endlich mal etwas zu essen.
Wir schlendern über die Uferpromenade, denn wir haben Hunger. Vor einem Lokal namens „Samaria“ sieht die Wärmetheke sehr interessant aus. Aber bleib mal kurz stehen, schon hast Du einen Werbemann an der Seite. Wortreich beschreibt er uns auf Englisch die wirklich lecker aussehenden Speisen! Frank und Chelmiii verlassen sich auf mich und sagen gar nichts. Ich unterbreche den Wortschwall: „Ke ti íne avtó edó?“ (und was ist das hier?). Der Mann ist kein Dummkopf! Augenblicklich wechselt er in die griechische Sprache und erklärt alles noch mal! Damit imponiert er mir, denn gerade in Touristengegenden merken die Kreter oft überhaupt nicht, wenn man mit ihnen in ihrer Sprache spricht. Und außerdem sieht alles, wie schon erwähnt, lecker aus. Ich äußere noch ein paar Sonderwünsche bezüglich der Beilagen, was natürlich kein Problem ist. Langer Rede kurzer Sinn: Es ist zwar wohl kein Feinschmeckerlokal, aber wir haben trefflich gut gegessen (vor allem Franks „Plaki“ – gegrillte Fischstücke – war ungemein lecker und auch Chelmiii und ich fanden unsere für griechische Verhältnisse mit viel Pfeffer gewürzten Keftedákia in Sauce sehr gut) und uns dazu das zweite Mythos des Tages schmecken lassen.

Und nun auf in die Berge! Die Serpentinen oberhalb von Chóra Sfakíon sind schon eine Wucht. Bedauernd sehe ich, dass sich ein Stück (ein Kilometer) vor uns ein Bus den Berg hinaufquält.
„Hinter dem hängen wir jetzt bis ‚Imbros, außer er ist ein netter Kerl!“
Wir laufen tatsächlich schon wenig später auf den Bus auf, die engen Kurven machen ein Überholen unmöglich. Doch dann … ein kleines Stück nur fast gerade Strecke, der Bus nimmt das Gas weg und fährt scharf rechts … ein netter Kerl!!!

Frank meint nur: „Das schreibe ich mir auf! Das man hier einen Bus überholen kann, hätte ich niemals geglaubt!“ Na, es ging nur mit der Mithilfe des Fahrers.

Ca. einen Kilometer hinter Ímbros biegen wir rechts ein und schrauben uns mit der Straße ins Gebirge hinauf. Der Blick hinunter wird atemberaubend, aber ich muss auf die vielen Steine achten, die auf der Asphaltstraße liegen. Angeblich werden diese Steine von Ziegen herunter getreten … aber gibt es hier überall so viele Ziegen???

Die Wolken hängen tief, aber wir können trotzdem im Tal Ásfendos erkennen. Während wir durch die Serpentinen herunterrollen, erzähle ich den beiden ein Erlebnis, das ich eine Woche zuvor in diesem Dorf hatte: „Hier gibt es nirgendwo ein Hinweisschild, wo es nach Argyroúpolis weitergeht. Ich bin also einfach nach Gefühl unten links abgebogen – ihr könnt die Straße von hier aus erkennen – war dann aber unsicher. Da stand dann ein junger Mann neben einer Betonmischmaschine, und ich fragte ihn, ob dies denn die richtige Straße nach Argyroúpolis sei.

Erst einmal hat er mich völlig verständnislos angeschaut und ich dachte, er müsse ein Albaner oder Bulgare sein, aber dann antwortete er, nein, da sei ich vollkommen falsch! Nun vollkommen konnte nicht sein, also fragte ich ihn, wie denn das nächste Dorf heiße. Nun, auch das wusste er nicht, erst ein Ruf ins Innere des Hauses brachte Aufklärung. Es heiße Kallikrátis und genau da wollte ich ja auch hin! Ist es nicht witzig, dass er nicht mal den Namen des Nachbardorfs kennt?“

Das fanden die beiden auch. Als wir durchs Dorf fuhren und natürlich links einbogen und um die Ecke kamen, wen sahen wir? Den Knaben an der Mischmaschine (wo er also nun 8 Tage beschäftigt war!!!) Für einen kleinen Moment spielte ich mit dem Gedanken, das gleiche Fragespielchen noch einmal zu betreiben, fand das dann aber gemein und ließ es sein.

Auf der Passhöhe oberhalb von Asigoniá stoppten wir aus drei Gründen:
1. Die Zigarettenpause (im Auto wurde nicht geraucht)
2. Fotografieren des malerisch zerschossenen Schildes
3. Pinkelpause (aufpasssen, es blies ein heftiger und kalter Wind, also schnell wieder rein in die gute kleine Stube)

Und dann gab es noch einen vierten Grund: „Frank, mach die Kamera bereit, jetzt kommen die besten Serpentinen des Tages!“

Kirchen, Klöster, Kurven Teil 3 – Kreta 2004

Dieses Mal blieb Frank im Auto sitzen, draußen oben war es zu kalt. Und beim Ansehen der Filmaufnahmen durch die Frontscheibe kann einem schlecht werden, obwohl ich wirklich langsam gefahren bin.

Asigoniá ist als Widerstandsnest gegen die Türken bekannt, denn es war gut zu verteidigen. Dies erkennt man, wenn man durch das Tal hinunter fährt. Es ist idyllisch grün, aber eng.
Unten biegen wir nach rechts über eine Brücke Richtung Argyroúpolis ein und besichtigen natürlich die berühmten Wasserfälle. Klar, sie sind schön, aber nicht mit der Quelle des Megalopotamós zu vergleichen.
Frank und ich kletterten fast bis zum Dorf hinauf, weil wir zu blöd waren, die Wasserfälle zu entdecken, da oben war allerdings überhaupt nichts. Chelmiii blieb zurück, weil er „die falschen Schuhe anhatte“. Ich konnte es natürlich nicht lassen, als wir wieder herunter kamen:
„Chelmiii, du musst unbedingt da rauf. Du glaubst gar nicht, wie toll es da ist!“
Trotz der falschen Schuhe gab er sich einen entschlossenen Gesichtsausdruck und wollte losziehen, aber ich habe ihn aufgeklärt: Die recht kleinen (und künstlich angelegten) Wasserfälle befinden sich gleich unten links neben der Treppe.
Nach den obligatorischen Fotos genehmigten wir uns das dritte Mythos des Tages.

Und dann wollte ich eine Strecke ausprobieren, die ich noch nicht kannte: Von hier aus sollte es eine recht neu asphaltierte Straße hinunter nach Plakiás geben! Tatsächlich?
Tatsächlich! Wir fanden im Ort oben ein Hinweisschild und folgten ihm. Es gibt die Straße wirklich. Wir kamen tatsächlich in Kalí Sikiá an und fuhren von dort aus über Ágios Ioánnis zurück zur Hauptstraße von Réthymnon nach Spíli. Und dann war wieder ein Reisebus vor uns, der weniger kooperativ war, als der bereits Erwähnte. Immer, wenn es mal ein Stück geradeaus ging, fuhr er penetrant in der Mitte der Straße!
Aber irgendwann hatte er doch ein Erbarmen und ließ uns vorbei!

Zurück auf der neuen Straße von Réthymnon Richtung Agía Galíni zur Abwechslung mal ein Stück Kreta-Highway. Der Cinquecento schnurrt zufrieden dahin, obwohl ihm die vielen Kurven, Steigungen und Gefälle bis jetzt wenig ausgemacht haben.
Und dennoch mache ich kurz vor Spíli einen Vorschlag: „Was ist jetzt, fahren wir auf der neuen Straße durch bis Agía Galíni, dann kriegen wir in 20 Minuten ein kühles Bier! Oder ich biege noch mal auf der anderen Seite in die Berge hinauf, dann wird es mindestens ein bis zwei Stunden später.“

Die Antwort lautet trotz der Drohung unisono vom Beifahrersitz und von der Rückbank: „Abbiegen, der Weg ist das Ziel!“ Obwohl … ich sehe im Rückspiegel, wie Chelmiii immer mal wieder seine Oberschenkel massiert. Nun ja, die Rückbank, auch wenn man sie für sich alleine hat, ist nicht der komfortabelste Platz im Cinquecento.

Also, kurz hinter dem Ortseingang von Spíli – gegenüber des Priesterseminars – biege ich links ab Richtung Gerakári. Wieder geht es steil und in teils engen Kurven nach oben. Rechts unter uns tut sich der Panoramablick auf Spíli auf. Rechts ranfahren und stoppen: Fototermin (einige der Fotos waren ja schon im Kreta-Forum zu bewundern).

Während wir die diversen Auslöser betätigen – Frank filmt natürlich auch, aber er filmt immer nur die Landschaft und nicht Chelmiiis Schuhe – kommt ein anderer kleiner Leihwagen den Berg hinter. Auch dieser bremst sofort, als er uns hantieren sieht, heraus springt ein kleiner Chinamann mit mindestens drei Kameras. Denn wo gleich drei Leute am Straßenrand und in der Macchia herumgeistern, muss es was zu fotoglafielen geben. Wenig später zieht er zufrieden wieder ab, und auch unser Auto schraubt sich über den Kédros hinauf. Ziemlich weit oben fahre ich extra vorsichtig, denn ich erinnere mich mit Schrecken, dass es hier 2001 eine ebenso überraschende wie brutale Querrinne gab, die mir sicherlich seinerzeit die Vorderachse gebrochen hätte, hätte ich keinen hartbeinigen Suzuki Samurai unter dem Hintern gehabt. Entwarnung, die Rinne ist entschärft.

In Gerakári biegen wir rechts ein und rollen die alte kurvenreiche Straße über Áno Méros wieder zu Tal gen Süden. Als wir durch Áno Méros fahren, erzähle ich natürlich die Geschichte, wie wir mit einem alten Freund, der sicherlich längst gestorben ist, öfter oberhalb des Dorfes beim Kirchlein „Kaloídena“ picknicken waren (zu Fuß natürlich!).
Und dann glaube ich, etwas außerhalb des südlichen Dorfausgangs einer Fata Morgana zu unterliegen: Eine schmale Asphaltstraße führt im spitzen Winkel nach rechts den Berg hinauf und das steht tatsächlich ein braunes Schild, wie es auf Sehenswürdigkeiten hinweist: „Monasteri Panagia Kaloidena“!

Kann das wahr sein, dass es da hinauf jetzt eine Straße gibt? Wozu eigentlich? Aber das will ich jetzt wissen! Also wenden und hinauf. Passenderweise beginnt es zu regnen. Da macht das Sträßchen trotz Asphalt nur bedingt Spaß. Und dann sind wir wirklich am Kirchlein, das eigentlich  die Reste eines ehemaligen Klosters darstellt.
Es ist zumindest von außen schick restauriert, die Glocke hängt frei draußen an einem Baum und die Treppen hinunter sind die Picknickplätze erheblich erweitert worden. Hier scheint also im Sommer durchaus viel los zu sein. Momentan sah es noch wüst aus: Abgebrochene Bäume und große Äste, die die Treppe blockierten, der vergangene Winter war ja auch wirklich heftig.
Da es jetzt auch noch stärker zu regnen beginnt, packen wir die Kameras ein und machen uns wieder vom Acker.

Der Rest der Tour verlief bis auf die weiteren zahlreichen Kurven eher ereignislos. Chelmii fühlte sich auf seinem Hinterbänkchen immer unwohler und auch wir anderen beiden begannen, uns allmählich auf das Ende der Fahrt zu freuen, was ja nach 235 Kilometern auf kretischen Straßen, die ja zumindest da, wo wir unterwegs waren, praktisch nur aus Kurven bestehen, auch irgendwo verständlich war.

Und außerdem, da wartete doch jemand auf uns: Einige Gläser frischgezapftes Mythos auf Frank und mich, auf Chelmii der Wein und auf alle ein reichliches und gutes Essen bei Antónis. Und als nach dem Essen die Flasche Rakí auf den Tisch gestellt wurde, da hat nicht einmal Chelmiii einen getrunken.
Das fanden wir sehr gut: Denn wir waren vorher überein gekommen, dass die drei Mann zusammen auf Tour gehen … aber (nur) zu Kirchen, Klöstern, Kurven und Kwellen …

Und wie endet dieser Bericht? Wie alle griechische Märchen (denn die Tour war zwar durchaus sehr real, kam uns aber bei dem Spaß, den wir dabei hatten, auch wie ein Märchen vor. Es war zwar nicht die einzige Fahrt, die wir zusammen unternahmen, aber ich glaube, es war die Schönste!): „Sie lebten gut und wir noch besser!“