Próblema!

Von Ursula Holz und Anja & Thomas Otto

Wir sind unterwegs, Kreta gucken. Anja, Thomas und ich.
Irgendwann packt uns der kleine Hunger. Ein Dorf – eine Taverne – ein alter Mann. Passt!
Wir setzen uns. Der Mann steht auf und ruft in ein Treppenhaus nach Sophia. Mehrmals. In Abständen. Nichts passiert.
Wir organisieren uns einen Aschenbecher.
Dann Schritte. Sophia , vielleicht 8 Jahre alt (offensichtlich die Enkelin), erscheint. Im Schlepptau ihr jüngerer Bruder. Wir werden begutachtet – und weg sind sie wieder.

Wollen wir uns die 2. Zigarette anstecken? Der Mann und wir lächeln uns an und nicken uns zu.
Schräg hinter uns auf der anderen Straßenseite entdecken wir eine Snackbar.
Die Frau des Hauses erscheint immer wieder auf der Strasse und checkt die Lage.

Langsam wird es langweilig. Mittels unseres Überlebensgriechischs erkundigen wir uns bei dem alten Mann, ob es Hoffnung gäbe etwas zu Essen zu bekommen.
„Die Familie kauft in der Stadt ein. Sie kommen gleich wieder, siga, siga.“
Wie lange kann das dauern? Sollen wir warten oder weiterfahren?
Vier Zigaretten später entschließen wir uns dann doch, wieder ins Auto zu steigen und unser Glück woanders zu versuchen.
Der Motor läuft schon, da steht ein Beauftragter des „Schnellimbisses“ gegenüber neben uns. Ob wir essen wollten. Schon, aber doch nicht da – oder??? Überredet.
Unser neuer Tisch bekommt eine Stoffdecke!!!

Dann rollt die Patronin etwas nach draussen und schliesst es umständlich an den Strom an. Wir starren völlig entgeistert auf ein beleuchtetes, sich drehendes Teil, auf dem Essensbildchen zu sehen sind.
„Das ist unsere Auswahl.“
Mag ja sein, dass man sich über so Etwas auf der Tourimeile nicht mehr wundern würde, aber hier draußen in der „Wildnis“?
Unseren Heiterkeitsausbruch ob dieses Drehdingens missversteht die Chefin gründlich. „Próblema?“ Nein, nein, alles ok.
Darauf erst mal was trinken. Ein großes Wasser und Mýthos. „Mýthos? Próblema. Amstel.“
Aha – na gut. Das Wasser wird in einer kleinen Flasche geliefert.
„Groß? Próblema.“ Entáxi, dann noch 2 kleine. Mittlerweile macht das Unterdrücken lauten Lachens echt Mühe und wir hatten vorher schon großen Durst.

Aber wir wollten ja auch essen. Also: Salat. Sie schreibt auf.
Tzatziki. „Próblema.“ Omelett? Aus der Küche ertönt: „Próblema!“
Die elektrische Speisekarte bietet noch Einiges, mit dem die Lokalität Próblema hat.
Wir drehen den Spieß um und fragen nach den Sachen, die kein Próblema wären.
Pastítsio und Moussakás gingen. Na also, klappt doch wunderbar, wozu braucht sie denn dann diese Drehorgel? Macht doch nur Próblema!

Muttern zieht den Stecker und rollt das Drehteil wieder weg. Schade, wir hätten so gerne ein Foto davon gemacht.
Eine Mischung aus geviertelten Tomaten und arbeitssparend geschnittenen Gurken (absolut nackig) landet auf unserem Tisch, Anja und mir verläuft inzwischen die Wimperntusche, Thomas schaut betreten zur Seite.
Die Wirtin fragt wieder, ob wir Próblema hätten. Nö, wir doch nicht.
Und oh Wunder – Öl, Essig, Salz und Pfeffer wird dann doch auf Anfrage nachgeliefert. Tatsächlich kein Próblema.

Dann hören wir ein Geräusch aus der Küche, pling, klack, phphphüüüü …, ohne Zweifel eine Mikrowelle. Neee, ne?
Wir müssen echt an uns halten, um nicht laut loszuprusten. Die Wirtin hakt wieder nach, ob wir Problema hätten.
Das Pastítsio auf unseren Tellern bietet zwar keinen Wiedererkennungseffekt, aber man kann (wenn auch mit Mühe) doch noch Nudeln erkennen.
Naja, der Hunger treibt es rein, es kann eigentlich nicht mehr schlimmer kommen.

Drinnen geht unterdessen der Kampf mit der Mikrowelle in die zweite Runde.
Es sollte doch noch eine Steigerung möglich sein. Auch eine Senkung unserer Lachkrampfschwelle.
Der Moussakás. Eine platte, matschige Masse, mit der man vermutlich auch die Wand verputzen könnte.

Die Verkostung derselben ergibt: Kartoffelscheiben mit Kartoffelpü oben drauf. Anja und Thomas haben Glück und finden je ein kleines Stück Auberginenschale in ihren Portionen.
Die Wirtin erkundigt sich nunmehr einigermaßen besorgt, ob wir nicht vielleicht doch Próblema hätten.
Ein unvergessliches Menü fand seinen Abschluss in einer „vergessen wir es besser ganz schnell wieder-Rechnung“. Kein Próblema!

Der Lachfaktor hält wahrscheinlich ein Leben lang.

Kreta in einem halben Tag

Von Armin G.

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte über eine Odyssee quer durch die Insel. Nur die Namen von Personen und Hotels sind verfremdet.

Vorwort
Bereits seit Jahren spielen wir mit dem Gedanken, einmal auf Kreta überzusetzen. Nachdem wir die Peloponnes schon fast unsere zweite Heimat nennen würden, wir Korfu in- und auswendig kennen, von Thessaloníki bis Kap Soúnion, von Igoumenítsa bis Vólos fast alle Sehenswürdigkeiten des Festlandes abgegrast sind, soll es dieses Jahr endlich passieren.

Wir haben uns gut vorbereitet, die Kreta-Fibel ausführlich studiert, Fähren- und Hotelzimmer von zu Hause aus gebucht, es kann eigentlich nichts schief gehen, zumal wir keine Griechenlandanfänger mehr sind. Und Kreta ist doch auch Griechenland, oder?

Wir fahren nach Kreta und freuen uns wie die Könige, so viel haben wir schon gehört und gelesen über die große griechische Insel.

Wie schon seit über zehn Jahren haben wir in Toló im Hotel unseres Freundes Dimitris auf der Peloponnes zwei wunderschöne Urlaubswochen verbracht, in den nächsten beiden Wochen wollen wir den kleinen Kontinent zwischen Europa und Afrika erkunden. Und der Tag der Weiterreise ist gekommen.

Mittwoch, 28.09.1999
Der Tag davor.
Um viertel neun Uhr mache ich mich auf den Weg in den Frühstücksraum, ich brauche dringend eine Stärkung, bevor ich den Wagen bis unter das Dach belade. Wir haben den halben Yper-Market leer gekauft, Wein, Olivenöl und andere Leckereien für zu Hause sowie noch eine Kretakarte – sicher ist sicher! Wer weiß denn schon, ob es auf Kreta auch so einen tollen Supermarkt gibt.

Nach einer Stunde bin ich fertig, total durchgeschwitzt stelle ich mich unter die Dusche, mangels Badeschlappen, die sich natürlich ganz unten in der Reisetasche im Kofferraum befinden, stehe ich dabei auf einer zerfetzten Plastiktüte. Ist griechisch improvisiert und beugt dem Fußpilz vor. Wie immer am Morgen ist die Dusche eiskalt, die Sonne scheint ja noch nicht so lange.

Zahlen dürfen wir auch noch, die vorsorglich bereits vor ein paar Tagen verlangte Rechnung ist endlich fertig, handgemalt natürlich. Bei Hochbetrieb in der Rezeption, es ist Abreisetag, müssen wir zig Euroschecks ausstellen, jedes Jahr die selbe Prozedur. Da könnte ich einen richtigen Hass bekommen.

Nicht, daß mir Dimitris nicht traut, es liegt an seiner Bank, die die Schecks nur dann annimmt, wenn sie den Höchstbetrag von 45.000 Drachmen nicht übersteigen. Also stellen wir halt ein paar Schecks aus, wir haben Urlaub und daher jede Menge Zeit.

Als Entschädigung für das Ungemach erhalten wir zwölf Prozent Rabatt „for friends – gia filous“, – Dimitris wechselt fließend zwischen dem Englischen und dem Griechischen, damit es die beste aller Reisebegleiterinnen auch versteht – die Gemüter beruhigen sich wieder.

Wir sagen der Argolís adieu, auf der neuen Autobahn gelangen wir zum Kanal von Korinth, wo es gemäß alter Sitte köstliche Souvlakistäbchen gibt, vielleicht die besten auf dem Festland. Über den „Highway under Construction“ kommen wir schließlich zur Ausfahrt Piräus. Das Verkehrsschild hat auch schon bessere Zeiten erlebt, es ist total verbogen, halb umgefahren und daher fast unleserlich, griechisch eben.

Durch das Verkehrsgewühl der Hafenstadt erreichen wir erstaunlich flott die Odós Aigaléo, die nach rechts abzweigt und direkt zum Hafen führt. Punkt zwei Uhr sehen wir die Schiffe vor Anker liegen, nur die Hafeneinfahrt müssen wir etwas länger suchen, da das Tor zu den Kretafähren noch geschlossen ist und wir den ganzen Hafen umrunden, um einfach auf der anderen Seite einzufahren.

Jetzt ist es dreiviertel vier Uhr, wir sitzen im Hafencafé mit Blick auf die King Minos, die uns anstelle der in Deutschland gebuchten Nikos Kazantzakis nach Kreta bringen wird. Die Tickets sind schon abgestempelt, um halb fünf Uhr sollen wir einschiffen können.

Jetzt fragen wir uns nur noch, ob es auf Kreta wirklich 36 °C hat, so wie ich es gestern in der Zeitung gelesen habe. Falls ja, wird der Aufenthalt im nicht klimatisierten und bereits vorgebuchten Hotel Castellios vor allem nachts vielleicht etwas unangenehm warm werden.

Das Hotelzimmer haben wir bereits von Deutschland aus per Fax reserviert, die Adresse habe ich aus den Greek Travel Pages, die ich mir im Vorjahr gekauft habe. Das Castellios in Plakiás hinterließ dabei einen sehr guten Eindruck und bekam wegen des besseren Strandes den Vorzug vor dem Irini-Mare in Agía Galíni.

Nachdem ich den Einweiser zum fünften Mal mit der Frage nerve, ob wir schon an Bord kommen dürfen – parakaló –, winkt er uns genervt auf die elf Jahre alte Fähre. Elf Jahre bedeuten, dass das Schiff zwar nicht auf dem absolut neuesten Stand, aber durchaus annehmbar ist.

Die Zeit bis zum Ablegen verbringen wir voller Vorfreude mit Duschen, bei einem Kaffee in der „Distinguished-Class-Bar“ (es gibt hier wirklich noch eine erste Klasse) sowie auf Deck, wo wir das Ablegen beobachten. Zu meinem Erstaunen ist die Fähre ziemlich voll, vor allem Griechen nützen diese preiswerte Beförderungsmöglichkeit. Andere Touristen treffen wir fast keine.

Um acht Uhr legen wir ab, die Durchsage auf Deutsch lautet kurz und prägnant: „Achtung, letzte Meldung, das Schiff legt ab“. Wahrscheinlich war der Ansager einmal beim Militär.

Auf Wiedersehen Piräus, Kreta wir kommen.

Das Abendessen im Restaurant ist super und preiswert. Auf der innergriechischen Linie ist dasselbe Essen einige Drachmen günstiger, als auf der internationalen Route. Es gibt sogar Schnitzel mit Kartoffelbrei, wir entscheiden uns aber für Rindfleisch mit Reisnudeln sowie zwei sehr ölige Salate. Dazu trinken wir Bier und minoischen Rotwein.

Den Nachttrunk nehmen wir in der Bar ein, die gut besucht und total verqualmt ist. Schon wieder ist Champions-League-Tag und alle sitzen vor den Fernsehern, um lautstark einen Sieg von Olympiakos Piräus bejubeln zu können. Um halb elf Uhr sind wir müde und gehen in die Kabinen. Während meine Chefin sofort einschläft, liege ich noch lange wach und wälze mich hin und her.

Sollte es doch so etwas wie Vorahnungen geben? Nööö, alles wird gut.

Mittwoch, 29.09.1999
Die unglaubliche Geschichte – Kreta in zehn Stunden – ein Rückblick.

Ein Rückblick auf einen Tag, dessen Ablauf ich in meinen kühnsten Träumen niemals für möglich gehalten habe und mein Leben lang nicht vergessen werde. Immerhin sollte es zwei Tage dauern, bis ich seelisch überhaupt in der Lage dazu war, dieses Erlebnis zu niederzuschreiben.

Eigentlich würden drei Worte ausreichen, das Unfassbare umfassend auszudrücken: Ankunft, Suchfahrt, Flucht. Aber das würde das Warum nicht erklären und deswegen ist dieser Bericht entstanden.

Wir schon geschrieben, ich konnte überhaupt nicht einschlafen, bis mindestens halb zwei Uhr lag ich wach. Um fünf Uhr klingelte dann der Wecker, ich war total kaputt, freute mich jedoch auf Kreta.
Langsam näherten wir uns dem Hafen von Iráklion, die Lichter der Stadt, dahinter die Silhouetten der Berge, die Müdigkeit wich hoffnungsfroher Erwartung.

Eine Stunde später legte die Fähre an, kurz vor sieben Uhr betraten wir erstmals im Leben kretischen Boden und machten uns sogleich auf den Weg nach Plakiás.

Rund eine dreiviertel Stunde irrte ich bei angehender Dämmerung durch diverse Vororte von Iráklion. Nach langer Suche fand ich auf dem Parkplatz eines Industriekomplexes endlich einen Griechen, der mir den Weg zur illegalen Autobahnauffahrt weisen konnte, nachdem ich zuvor nur Leute getroffen habe, die dem Griechischen oder Englischen nicht mächtig waren. Waren es die letzten nachtschwärmenden nicht Englisch sprechenden Touristen, oder Nichtgriechen, die ihre Frühschicht in den Hotelbunkern rechts und links der Straße antraten?

Das Befahren der illegalen Auffahrt sollte nicht der letzte Verkehrsverstoß für heute gewesen sein. Wenn mich die Polizei erwischt hätte, wäre zumindest in Deutschland der Lappen weg gewesen.

Auf der autobahnähnlichen Schnellstraße ging es kurvenreich bis Réthymnon. Von der Straße aus sahen wir die venezianische Festung der Stadt und wir witzelten, dass wir diesen Punkt bereits abhaken könnten. Wir konnten jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz ahnen, dass bereits die komplette Stadtbesichtigung von Réthymnon abgehakt war.

Die Abzweigung nach Plakiás war gut ausgeschildert, zügig fuhren wir durch die Berge zu unserem vermeintlichen Urlaubsort an der Südküste, den wir durch eine romantische Schlucht gegen neun Uhr erreichten.

Während der Fahrt bekamen wir Hunger, da wir auf dem Schiff nichts mehr essen konnten und machten Witze, daß wir uns im Castellios hinsetzen und lautstark „Hunger, Hunger, Hunger“ rufen würden. Hätten wir natürlich nicht wirklich gemacht!

In Plakias klapperten wir den Ort nach unserem Hotel ab, ich musste den Weg jedoch mehrmals erfragen, so versteckt lag das Anwesen in einer Seitengasse. Und was für ein Schock!!!

Wir fanden ein total überwuchertes Gebäude vor, die Gäste aßen ihr Frühstück aus Plastiktüten in einem ungepflegten Garten sitzend, der auf dem Bild großzügig erscheinende Hof war mit Autos zugeparkt und Tische und Stühle standen wild herum. Das Chaos nahm seinen Anfang.

Ich ging in den, mir vom Prospekt her als gepflegt bekannten, in Wirklichkeit jedoch sehr unaufgeräumten und dreckigen Frühstücksraum, wo ein Mann gerade beim Kaffee kochen war. Als ich ihn nach unseren Zimmern mit Meerblick fragte, sah er mich ungläubig an und meinte: „Zimmer, Meerblick, Fax, Reservierung, heute“?

Kurz und gut, der Typ wusste absolut nichts von einer Reservierung, nur dass er Herr Bikalakis war, das gab er zu. Ob ich das Fax dabei hätte, fragte er mich mürrisch, immerhin hatte ich ihn ja beim Kaffee kochen gestört.

Ich antwortete, dass es vielleicht im Wagen wäre und ich es holen wollte. Sprach’s, lief zum Auto, legte den Rückwärtsgang ein und war verschwunden. Nichts wie weg, denn auch ein Blick in das Hotelinnere versprach nichts Gutes und der Pool war genauso vergammelt wie der Rest des Anwesens.

Wir stellen zwar keine großen Ansprüche an unser Quartier, aber sauber und, wenn es geht, auch bezahlbar sollte es schon sein.

Das war’s dann wohl mit „Hunger, Hunger, Hunger“.

Da wir also immer noch nichts gegessen hatten, hieß es erst einmal, im Ort ein Frühstückslokal zu finden, um wenigstens die Magennerven zu beruhigen. Die beste aller Ehefrauen machte mir Vorwürfe, daß ich einfach verschwunden wäre, von wegen „no show“ und so, aber ich möchte nicht zwei Wochen in einer verwunschenen Gammelburg verbringen.

Im Hotel Neckermanthos Beach, das wir ebenfalls angeschrieben und für unsere Bedürfnisse als nicht geeignet befunden hatten, schauten uns die im Speisesaal sitzenden Neckermänner recht komisch an, also suchten wir weiter und nahmen im daneben liegenden Café das Frühstück ein.

Es sollte unser einziges Essen auf Kreta bleiben, nur, das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da sich niemand dafür zuständig fühlte, die Gäste nach deren Wünschen zu befragen, musste ich unsere Bestellung an der Theke im Inneren des Lokals aufgeben.

Auf meine Frage, ob es im Ort noch sehr viele Urlauber gäbe, erhielt ich keine Antwort, ich musste meine Frage auf Englisch wiederholen, die Antwort lautete kurz und prägnant „Yes“. Very friendly! Gab es auf Kreta eigentlich auch Kreter, außer Herrn Bikalakis.

Voller Zuversicht, in Plakias eine andere ansprechende Unterkunft zu finden, brachen wir auf und klapperten alle angeschriebenen Hotels des Ortes ab. Da uns aber keines so recht gefallen hat, beschlossen wir, nach Agía Galíni weiterzufahren.

Dies war unser erster großer Fehler, denn in Agia Galini war sowohl im Hotel Sunshine noch im daneben liegenden Irini-Mare ein Quartier für zwei Wochen zu finden. Im Sunshine hieß es, wir sollten am Nachmittag nochmals vorbei kommen oder anrufen, im Irini-Mare sagte uns die überaus nette Chefin, dass wir nur zwei Tage bleiben könnten und dann leider wieder ausziehen müssten, ausgebucht!

Auf nach Matala, aber, was für eine Enttäuschung, die Hotels am Ortsanfang von meterhohen Schilfwänden umgeben und der Ort selbst, na ja, Matala, einst Hochburg der Hippies hatte ich mir ganz anders vorgestellt.

Kein Problem, dachte ich, wir fahren einfach an die Nordküste weiter, dort gibt es ein Riesenangebot an Zimmern, so stand es zumindest im Reiseführer.

Fehler Nummer zwei.
Jetzt schon etwas flotter brauste ich über die kurvige Landstraße, Spíli – toller Brunnen, wenn wir ihn denn gesehen hätten -, Réthymnon nochmals von oben, dann Georgioúpolis, ein überlaufener und lauter Ort, nichts für uns. Eine Cola und ein Wasser, am Períptero gekauft, das war unser Mittagessen. Abgehakt!

An der Schnellstraße nach Iráklion klapperten wir verschiedene Luxusbunker ab, einer größer und teuerer als der andere. Die Preise bewegten sich zwischen einhundert und vierhundert Mark die Nacht. Bornierte Urlauber und Lärm von der Autobahn gab es gratis dazu, nein Danke, wieder nichts für uns, wir fuhren zurück Richtung Chaniá. Erste leichte Panik kam auf.

Als wir in Kalýves angekommen waren, hatte ich wieder ein gutes Gefühl. Ein kleiner Ort, abseits der Straße gelegen und wenige Menschen unterwegs, dazu der Hinweis aus dem Reiseführer, dass hier die Welt vom touristischen Standpunkt her gesehen noch einigermaßen in Ordnung wäre.

In der Ortsmitte fand ich ein schönes Hotel, das anscheinend nicht so viele Gäste hatte, zumindest saßen und lagen auf der Terrasse neben dem Pool rund fünf oder sechs Leute herum. In der Rezeption wurde ich eines Besseren belehrt, ab morgen wären Zimmer frei, aber nur bis Montag früh, dann käme eine tschechische Reisegruppe, die das ganze Hotel reserviert hätte. Wieder nichts, Mist!
Meine Hoffnung, in eine der Privatpensionen noch ein annehmbares Quartier zu finden, um die Nacht nicht am Strand verbringen zu müssen, zerschlug sich in der Pension „“Maria, Rooms to let“ am Ortsanfang gelegen. „Den echume domatia“, hieß es kurz und prägnant.

Als einige Häuser weiter auch nichts zu bekommen war, da die überall auf den Balkonen hängenden Handtücher die Vollbelegung der Häuser sichtbar anzeigten und wir auch nirgendwo jemanden erreichen konnten, der uns Rooms vermieten wollte, rief ich meinen Freund Dimitris (der kretische Wurzeln hat) an. Einfach so, ich wußte auch nicht, was ich mir von diesem Anruf versprach.

Dimitris konnte dies alles nicht glauben, er meinte leichtfertig 2warum kommst du nicht zurück, hier ist dein Zuhause“…

Zuerst war ich verdutzt, konnte mich aber schnell mit dem Gedanken an zwei weitere Wochen Peloponnes anfreunden, ich treffe meine Entscheidungen gelegentlich sehr spontan. Da meine Chefin sehr genervt und todmüde war, hätte sie sich mit allem einverstanden erklärt, Hauptsache etwas zum Essen und ein Bett für die Nacht. Und sei es auf der Fähre.

Auf meine Rückfrage, ob Dimitris das Angebot ernst meinte, erwiderte er nach einer kleinen Pause, dass er uns die Stammzimmer ab morgen reservieren könnte. Zuerst sollten wir jedoch nach Chaniá fahren, um im dortigen Hafenbüro der Minoan den Rückfahrttermin ändern zu lassen, dann sollte ich nochmals Bescheid geben.

Also auf nach Chaniá, das nur wenige Kilometer von Kalýves entfernt liegt. Leider gab es in Chaniá kein Minoan-Büro mehr, nur ein vergilbtes Schild „enoikiasete“ (zu vermieten) zeugte davon, dass hier einmal ein Büro gewesen sein musste. „Ich werde wahnsinnig“, nur so ein Gedanke.

In einem anderen, noch aktiven Reisebüro, wo ein Minoan-Prospekt auslag, sagte man mir, eine Umbuchung wäre „no problem“, nur müsste ich schnellstens nach Iráklion zurückfahren, da dort das Hauptbüro der Gesellschaft und eine Umbuchung nur dort möglich wäre.

Mittlerweile war es drei Uhr, die Zeit wurde knapp, da das Schiff in wenigen Stunden ablegen würde. Mit dem Gasfuß am Bodenblech flogen wir die rund 170 Kilometer unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln (ich war da nicht stolz drauf, aber es musste einfach sein) in unter eineinhalb Stunden bis in die Randbezirke der Hauptstadt. Meiner Mitreisenden war kotzübel und ich war fix und alle.

Um dreiviertel fünf Uhr erreichten wir trotz dichtem Feierabendverkehr in Iráklion den Hafen, ich hatte kaum noch Hoffnung, daß die Umbuchung kurz vor dem Einschiffungstermin noch klappen würde.

Doch überraschender Weise war das Einzige, was an diesem verfluchten Tag klappen sollte, die Änderung des Rückreisedatums, Mittwoch, 29.09.1999.

Der Rest ist schnell erzählt:
Im Hafen riß ich erst einmal frische Klamotten aus dem Koffer, da meine Sachen, die ich anhatte dreckig und völlig durchgeschwitzt waren. Wir hatten an diesem Tag weit über dreißig Grad und mein alter Audi 80 kannte das Wort Klimaanlage nur vom Hörensagen.

Dass dabei ein Teil des Gepäcks im Hafen verstreut wurde, war mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Anschließend konnten wir sofort einschiffen.

Zuerst löschte ich meinen Durst mit einem eiskalten Cola in der Bar, bevor ich die dringend notwendige Dusche in der kleinen Kabine mit dem Doppelstockbett vornahm. Die Zeit bis zum Ablegen verbrachten wir in der Erste-Klasse-Bar, ich mochte gar nicht zusehen, wie wir die wunderschöne Insel nach nur zehn Stunden Aufenthalt verlassen mussten.

Um halb neun Uhr öffnete endlich das Restaurant, wir waren hungrig wie die Löwen, das letzte Essen hatten wir vor knapp zwölf Stunden. Eine französische Reisegruppe, die fast die kompletten Speisen zurückgehen ließ, hatte das Bordrestaurant so lange blockiert. Nach einem Drink in der überfüllten Deckbar waren wir bettreif und verzogen uns auf die Kabinen. Wir packten provisorisch den auf dem Bett liegenden Schiffskoffer zusammen, um uns überhaupt hinlegen zu können, nach vielleicht fünf Minuten war ich eingeschlafen. Am nächsten Tag sollte es schon wieder heißen: Fünf Uhr, Aufstehen! So ist Urlaub individuell!

Das waren unsere ersten Erfahrungen mit Kreta.

Kreta in zehn Stunden – ein Tagesausflug der besonderen Art. So wie andere über das Wochenende zum Skifahren in die Berge gehen, legen wir kurzerhand weit über zweitausend Kilometer bis ans Ende Europas für nicht einmal einen Tag zurück. Wahnsinn, und das ist noch untertrieben.

Was am Vormittag noch als Witz gedacht war, fand am Abend seine Erfüllung. Das Ida-Gebirge, die Weißen Berge, die Halbinsel Gramvousa und Réthymnon mit seiner venezianischen Festung haben wir von der Autobahn, die Häfen von Chaniá und Iráklion von ganz nah, die Wasserspeier von Spíli im Vorbeifahren, Plakiás, Agía Galíni, Mátala, Georgioúpolis und Kalýves vom Hin- und Herfahren gesehen sowie das Kloster Arkádi, Festós und Knossós auf den teils zerschossenen Verkehrsschildern zumindest gelesen.

Am Ende dieses Tages, nach rund fünfhundert schweißtreibenden Autokilometern, hatte ich mir geschworen, keinen Fuß mehr auf diese Erde zu setzen, jetzt zwei Tage später, schwöre ich mir, noch einmal wiederzukehren, zu wundervoll ist diese Insel, als dass man sie nicht näher kennenlernen sollte.

Der Reinfall des Jahrhunderts ist vorbei, wir kommen wieder, schon alleine deshalb, da wir nicht ein einziges Foto auf Kreta gemacht haben. Und das ist kein Wunschdenken, sondern ein Versprechen.

Nachsatz
Und wir haben unser Versprechen gehalten, nicht nur einmal, sondern jedes Jahr immer wieder aufs Neue.

Das ist der Kreta-Virus.

Obwohl – Kreta hatte uns auch in den nächsten Jahren noch nicht richtig lieb, Benzinstreik, Fähruntergang und Autopanne, aber das sind schon wieder andere wahre Geschichten von uns und dem Kontinent zwischen Europa und Afrika.
Von Armin G.