Kreta – wie alles begann

Von Roswitha und Franz Heinrich
Es war einmal vor vielen Jahren – müssen so ca. 20 sein – eine heiße Diskussion mit Bekannten bezüglich Urlaub. Diese verbrachten seit Jahren immer ihre wohlverdienten Ferien in der gleichen Destination. Dies konnten und wollten wir einfach nicht verstehen. Wir konnten keine, wie immer gearteten Argumente akzeptieren – Geld, einfache Anreise wegen der Kinder, etc.
Für uns jedenfalls stand fest: wir wollen offen sein für viele Länder und Kulturen. Wir wollen und werden jedes Jahr etwas Neues entdecken …

PicturesKJ/Kreta_xyz1.jpgIn diesem Jahr war Kreta unser Reiseziel. Als „TOURISTEN“ genossen wir die Tage auf dieser Insel. Es war ein wunderschöner Urlaub – es passte einfach alles: Hotel, Klima, Ausflüge, usw. Doch alles geht dem Ende zu. Wir waren in Richtung Flughafen Chaniá mit dem Bus auf der New Road unterwegs. Sonnenuntergang, blutroter Himmel, tolle Wolkenstimmung, silberglänzendes Meer und schwarze Berge, aus den Buslautsprechern tönte blechern griechische Musik – diese, wirklich unter die Haut gehende Stimmung hatten wir noch nie zuvor und noch nirgendwo erlebt. … Und etwas für uns Unbegreifliches passierte: wir entschlossen uns, irgendwann einmal wieder nach Kreta zu kommen.

Nach nur zwei Jahren war es soweit. Wir flogen nach Kreta, wieder in das gleiche Hotel. Sofort nach der Ankunft machten wir eine – für uns unbegreifliche – Erfahrung mit den Kretern: Stavros, der Barkeeper, meinte sofort als er uns sah: „Ihr seid doch schon mal hier gewesen! Herzlich willkommen zurück!“ Und das in einem großen Hotel mit 560 Zimmern. Wenn man bedenkt, dass ein Zimmer mit zwei Personen belegt ist, normalerweise ein Turnus mit zwei Wochen berechnet wird und die Saison von April bis Oktober dauert, ist es doch fast unvorstellbar, dass man aus dieser Vielzahl an Gästen einfach zwei wieder erkennt. Doch es war nicht nur im Hotel so. In der kleinen Taverne, im Supermarkt, sogar der Taxifahrer, überall hieß es: „Willkommen zurück!“ Dieses Jahr hatten wir Kreta als GÄSTE besucht.
Und ein Virus befiel uns …

Mittlerweile waren wir schon ca. 20 mal auf dieser wunderschönen Insel. Mindestens einmal im Jahr kommen wir hierher, als FREUNDE, wie uns immer wieder versichert wird. Mit jedem Jahr wird es „anstrengender“ und „stressiger“, vor allem aber auch immer herzlicher. Von Sightseeing kann bei uns keine Rede mehr sein – wir sind ausgelastet mit Besuchen bei Stavros, Nikos, Michalis, Giannis und wie sie alle heißen.
PicturesKJ/Kreta_xyz2.jpgKretische Gastfreundschaft muss man einfach erlebt haben. Das zählt weitaus mehr als Besichtigungstouren, All Inclusive-Clubs, etc. Auf Kreta ist einfach der Mensch „all inclusive“. Davon zehrt man das ganze Jahr!

Nun werden wir ständig von unseren Bekannten gefragt: „Was treibt euch eigentlich jedes Jahr nach Kreta? Woanders gibt es doch auch schöne Strände und gute Hotels?“
Unsere Antwort ist ein Zitat von Nikos Kazantzakis: „Du musst Kreta mit dem Herzen sehen“. Was es wirklich genau ist, können auch wir nicht sagen. Es ist einfach ein Gefühl.
Das Logo unseres Hotels (zwei Schwalben) stammt von einem Fresco, 1750 v. Chr. und bedeutet „Heimkehr“. Wir hoffen, dass wir noch oft nach Kreta heimkommen können!
Von Roswitha und Franz Heinrich

Völkerverständigung

Von Elke Schroeder
Kürzlich war mein Freund Diomidis zu Besuch. Gegen Abend bat er mich, den Fernseher einzuschalten, um die griechischen Nachrichten zu verfolgen. Wir freuten uns wie die Kinder, weil der Moderator männlich war und stellten den Ton auf ohrenbetäubend. Griechische Moderatorinnen verlesen die neuesten Meldungen in Frequenzbereichen, die einem sopranistischen Terroranschlag auf das menschliche Innenohr gleichkommen. Selbst der Gesang eines einzelnen Schwertwals bei hohem Seegang hat keine derart verheerende Wirkung. Der Lautstärkeregler eines griechischen Fernsehgerätes kommt mit zwei Stufen aus:

Stufe 1: unhörbar
Stufe 2: infernalisch

Stufe 1 (unhörbar) tritt in Kraft, wenn
a) der Nachrichtensprecher weiblich ist oder
b) sich die Familie in Trauer befindet oder
c) der Gatte heimlich auf die nackten Mädels von Pol-Sat umschaltet, weil die Ehefrau endlich schläft.

Stufe 2 (infernalisch) erfreut sich großer Beliebtheit, wenn
a) der Nachrichtensprecher männlich ist oder
b) Fußballübertragungen gezeigt werden oder
c) das Gekreisch der zänkischen Ehefrau übertönt werden muss, die die nackten Mädels von Pol-Sat entdeckt hat.

Als die Nachrichten zu Ende waren, lehnte Diomidis sich zufrieden zurück. Eine Weile saßen wir in einträchtigem Schweigen zusammen. Dann schaute er mich erwartungsvoll an. Ich wusste nur zu gut, was sein Blick zu bedeuten hatte. Es war immer das gleiche mit Diomidis. Gleich nach den Nachrichten packte ihn der unheilvolle Drang, mich einem Kreuzverhör zu unterziehen. Stets fiel ihm etwas ein, was mir hätte auffallen sollen. Meistens handelte es sich um eine Nichtigkeit, die nur im entferntesten Sinne mit den Nachrichten zu tun hatte. Ein besonders fettes Insekt beispielsweise, das an der Außenmauer des Athener Parlamentsgebäude entlangkroch, oder eine vollbärtige Dame mit Enkelkind, die versehentlich für den Bruchteil einer Sekunde vom Sucher der Kamera erfasst wurde. In beiden Fällen – des Insekts wie auch der vollbärtigen Dame – war es zwischen Diomidis und mir zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Immer zeriss sein extremer Patriotismus jedes meiner Argumente in der Luft, analysierte und sezierte es so lange, bis es unansehnlich ausgebreitet vor unseren Füßen lag. Bei der bärtigen Dame war es besonders schlimm. Damals beschuldigte er das deutsche Kind der Lieblosigkeit.

„Hab ich hier auf deutschem Boden schon jemals eine bärtige Dame in Begleitung ihres Enkelkindes gesehen?“ fragte sich Diomidis.
Sicherheitshalber gab er sich die Antwort sogleich selbst:
„Nein, natürlich nicht! Die perfekten Kinderchen schämen sich in Grund und Boden. Omas mit Bartwuchs sind biologische Unfälle. Ein Fall für das Kuriositätenkabinett! Bah…!“
Ich lachte.
„Sei nicht albern!“
„So, du lachst also?“
Diomidis schäumte über.
„Hergott, Diomidis, deine haarsträubenden Behauptungen sind eben lustig. Was kann ich dafür, wenn mich dein herrlicher Zynismus zum Lachen bringt?“

Ich versuchte es bereits mit Schmeicheleien.
„Deutsche Kinder sind genauso liebesfähig wie griechische. Außerdem sind sie einfach unschuldig. Also lassen wir das Thema jetzt!“
Diomidis war da anderer Ansicht. Mit theatralischer Bedächtigkeit holte er zum nächsten Schlag aus:
„Weißt du, was euer Problem ist? Ihr habt kein Herz im Leib. Also, woher sollen eure Kinder es besser wissen? Aus Stein wird kein Fleisch geboren.“
Augenblicklich erhob mein Zorn sein Haupt:
„Das brauche ich mir nun wirklich nicht anzuhören. Diese Unterhaltung führt zu überhaupt nichts. Du bist unsachlich und unfair.“
Ärgerlich stand ich auf und leerte den übervollen Aschenbecher aus.

Diomidis rief aus dem Wohnzimmer:
„Typisch, wenn dir die Argumente ausgehen, beendest du einfach das Thema. Machst ‚Schnipp‘ und gehst zur Tagesordnung über.“
„Was, bitte schön, soll ich zu deinem lächerlichen Argument sagen? Dass wir eben Steinmenschen in einem Land aus Steinherzen sind, das sich an Menschen mit unkontrolliertem Haarwuchs bereichert? Ist es das, was du hören willst?“
Jetzt war es an Diomidis, zu lachen.
„Es ist unbestreitbar, dass ihr bei der Vergabe menschlicher Wärme zu kurz gekommen seid.“
„Siehst du, es hat keinen Sinn, mit dir zu diskutieren“, rief ich ihm aus der Küche zu.
„Außerdem konnte ich nicht ahnen, daß bärtige Frauen so wichtig für dich sind. Jedenfalls waren sie bisher kein Thema für mich.“
Diomidis kam mir in die Küche hinterher. Angriffslustig lehnte er im Türrahmen.
„Ach ja, und warum waren sie bisher kein Thema für dich?“
„Weil wir hier in Deutschland keine bärtigen Omas haben, der Hormonhaushalt der deutschen Frau ausgewogen ist und die Ärzte im Notfall auch zur Stelle sind. So einfach ist das!“

Diomidis knallte die Tür, als er ging.
Von Elke Schroeder

Völkerverständigung Teil 2

Von Elke Schroeder
Es dauerte zwei Wochen, bis die Sache vergessen war.
Diesmal wollte ich um jeden Preis einen Streit verhindern. Also ignorierte ich seine erwartungsvolle Haltung und wandte mich seinem Lieblingsthema zu: Die Schönheit der griechischen Flagge.
„Diesmal war sie besonders hübsch anzusehen, findest du nicht?“ fragte ich einfältig und grinste wie eine Schwachsinnige.

Diomidis war irritiert, und das war gut so.
„Was war hübsch anzusehen?“
„Na, eure Flagge. Sie hatte heute dieses satte Blau, schien mir einen Ton dunkler als sonst. Die Streifen stachen daraus hervor wie Enzianblüten an einer Felswand. Es war ergreifend.“
Für einen kurzen Augenblick spiegelte sich pure Freude auf seinem Gesicht. Bald darauf wurde er misstrauisch und am Ende hatte er den Braten gerochen.

„Ja, ja die Flagge. Ich weiß schon. Sie werden sie gewaschen haben. Aber was viel wichtiger ist …“
Er erhob den Zeigefinger wie ein Lehrer:
„Was ist dir sonst noch aufgefallen?“
Ich zuckte die Schultern und räusperte mich unbehaglich.
„Nichts, nur dass der Moderator etwas verschnupft war.“
Diomidis begab sich in kerzengerade Haltung und erklärte:
„Ist dir nicht aufgefallen, daß hinten rechts im Regal des französischen Premiers ein Französisch-Griechisch Lexikon stand?“
„Wie um Himmels willen fällt dir immer etwas derart Nebensächliches auf?“ wollte ich wissen. Und schon hatte ich das Stichwort zur Diskussion gegeben.
„Interessant! Das Französisch-Griechisch Lexikon ist also Nebensache für dich?“ hob Diomidis an. Automatisch setzte ich mich in Gefechtsposition.

„Nein, so habe ich das auch wieder nicht gemeint. Aber in Anbetracht der Rede des französischen Premiers zum Thema Europa und Währungsunion war sein Bücherregal im Hintergrund eher nebensächlich.“
Diomidis ließ meine Erklärung nicht ohne weiteres gelten. Er belehrte mich:
„Merke: Am kleinen Indiz erkennt man den Mörder.“
Ich lachte laut auf.
„Willst du jetzt Frankreichs Präsidenten des Mordes bezichtigen?“

Diomidis schlug sich gereizt auf die Stirn und stöhnte laut auf. Die folgenden Worte formte er so langsam und bedächtig, daß ich sie auch mühelos von seinen Lippen hätte ablesen können.
„Was ich meine ist, wenn schon Frankreichs Staatspräsident unsere Sprache in seinem Regal hat, entwickelt sich in Europa vielleicht doch noch das wahre Bewusststein.“
Ich verdrehte die Augen.
„Sag es nicht, bitte!“
„Warum soll ich es nicht beim Namen nennen? Ich sage es sogar laut und deutlich: Auf der ganzen Welt sollte Griechisch gesprochen werden“
„Ach ja? Warum?“
„Weil es die beste aller Sprachen ist. Sie ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend.“
„Das mag ja sein“, gab ich zu bedenken. „Aber Handelssprache ist und bleibt Englisch. Und das wird vorerst so bleiben.“

Diomidis grunzte unzufrieden und zog die Stirn kraus. Sein Blick streifte mich kalt, bevor er fragte:
„Was heißt hier: DAS MAG JA SEIN? Warum sagst du das so abwertend? DAS MAG JA SEIN bedeutet für mich: Griechisch ist hässlich und leicht zu lernen.“
„Das ist ja lächerlich“, rief ich ungewollt heftig aus.

Weil ich mich nicht aufregen wollte, erhob ich mich vom Sofa, nickte Diomidis kurz zu und verschwand auf die Toilette. Für mich ist sie der beste Ort zur Sammlung. Nirgends sonst wird man sich der eigenen Persönlichkeit derart bewusst wie auf der Klobrille. Es liegt wohl daran, dass man seine Ruhe hat und nicht abgelenkt wird. Ich dachte angestrengt nach. Vernünftig mit Diomidis zu diskutieren gleicht dem Versuch, einem Haifisch einen Kuss abzuringen. ‚Ja und Amen‘ zu sagen, bringt ihn nur noch mehr in Rage und führt zu gar nichts. Also musste ich es mit Schmeicheleien versuchen.

Als ich mir eine Strategie ausgedacht hatte, betätigte ich die Toilettenspülung und kehrte zum Sofa zurück. Besorgt stellte ich fest, daß mein Freund sich zwischenzeitlich nicht einen Millimeter gerührt hatte. Er wartete auf die Gelegenheit, explodieren zu können.
„Also hör zu!“ sagte ich ruhig. „Du weißt, ich liebe die griechische Sprache …“
„Stimmst du mir auch zu, dass sie alt, schwer und ungeheuer faszinierend ist?“ unterbrach er mich.
„Natürlich ist sie schwer. Wer sie lernt, kann ein Lied davon singen. Deshalb kommt sie als Handelssprache erst gar nicht in Frage. Erschwerend hinzu kommt euer anstrengendes Schriftbild. Allein wegen der fünf ‚i’s‘ käme der gesamte Welthandel zum Erliegen.“

Diomidis schwankte deutlich zwischen Stolz und Zorn.
„Dann sollen sie gefälligst die fünf ‚i’s‘ lernen. Auch ich habe sie lernen müssen.“
„Du sprichst sie, sicher, aber kannst du sie auch schreiben?“
Diomidis errötete.
„Was tut das jetzt zur Sache?“
„Na bitte, da hast du’s. Selbst der Grieche kann seine Sprache nicht schreiben.“
Triumph prasselte auf mich nieder wie ein sommerlicher Platzregen. Als Diomidis schwieg, wurde aus dem Platzregen eine Sintflut. Plötzlich tat er mir leid. Zum Glück fiel mir ein Beispiel ein:
„Nimm die Drachme, Diomidis, auch die ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Trotzdem wird der Euro sie ablösen. Man hat sich eben geeinigt.“

Diomidis Augen wurden hart.
„Ha! Du willst mir etwas über unsere Währung erzählen? Kennst du die Entstehungsgeschichte der Drachme? Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. prägten wir auf Mykene die erste Münze und ihre Kaufkraft war außerordentlich hoch.“
„Ja, und dann seid ihr maßlos geworden, habt eure Ernten und Töchter verkauft, um eure Gesichter im Glanz der Drachme zu spiegeln.“
„Und ihr mit eurer D-Mark führt euch in Griechenland auf wie die Götter!“

Der Platzregen versickerte im Erdreich. Ich verlor langsam die Beherrschung!
„DAS, MEIN LIEBER DIOMIDIS …“, schrie ich, „… SIND WIR IM VERGLEICH UNSERER BEIDEN WÄHRUNGEN AUCH!“
„WIR HABEN EURE WÄHRUNG NICHT NÖTIG!“ schrie Diomidis zurück.
„IHR NEHMT SIE ABER GERNE AN! IHR WÜRDET DOCH JETZT NOCH AUF ESELSPFADEN TRAMPELN, WENN UNSERE D-MARK EUCH NICHT SCHON JAHRELANG HUCKEPACK TRAGEN MÜSSTE.“
Diomidis wurde weiß um die Nase.

Von oben klopfte mein Nachbar dreimal mit dem Besenstiel auf den Boden.
Diomidis Gesichtsfarbe kehrte nur langsam zurück. Das gleichmäßige Zittern seiner aufgeblähten Nasenflügel verriet großen Zorn. Mühsam rang er um Beherrschung, bevor er fortfuhr:
„Gut, ok, langsam, wir drehen uns im Kreis. Du selbst hast das Thema Drachme auf den Tisch gebracht. Du sagtest, sie sei alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Erkläre mir das näher!“
„Da gibt es nichts weiter zu erklären“, erwiderte ich völlig ermattet.
„Aha! Du machst also wieder einfach ‚Schnipp‘ und entziehst dich einer stichhaltigen Argumentation. So geht das nicht.“

Meine Geduld war aufgebraucht. Mit festem Blick sah ich in Diomidis zusammengekniffene Augen.
„Du willst also ein stichhaltiges Argument? Also gut, hör zu: Es ist ungeheuer faszinierend, wie alt und schwer eure Münzen sind, dass ihr Gewicht jedes europäische Portemonnaie zerstört. Kein Land der Welt hat eine derart ungehobelte Währung.“
Es folgte minutenlanges Schweigen, unterbrochen nur vom rythmischen Trommeln von Diomidis’ Fingern auf der Tischplatte. Schließlich stand er auf und bewegte sich Richtung Haustür. Bevor er ging, schleuderte er mir einen letzten Satz ins Gesicht:
„Du wirst schon sehen. In Kürze werden weltweit alle Computer auf griechisch umgestellt.“
„Ja!“ rief ich meinem Freund hinterher. „Und der nächste Papst wird eine Frau!“

Irgendwann haben wir uns wieder versöhnt. Noch immer kommt Diomidis zu Besuch, aber wir schauen uns keine griechischen Nachrichten mehr an. Einzig erlaubt sind musikalische Werbeunterbrechungen.
Mittlerweile denke ich jedoch ernsthaft darüber nach, auch das zu unterbinden, denn nach einem der letzten Konzertausschnitte glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen:
„Ist dir das auch aufgefallen?“
„Was?“ fragte ich alarmiert.
„Das Mikrofon. Es kam aus Japan!“

Von Elke Schroeder

Martinis Katastrophenmanagement

Von Martin Keller

Martini lag auf der Terrasse seines Hauses und ließ das Jahr Revue passieren. Nach einer Unterhaltung mit seinem Freund Frangiskos war er erstmals in seinem Leben ins Grübeln gekommen. Frangiskos war ein Freund, den man eigentlich nur aufsuchte, wenn alles schief lief und man dringenden Rat oder persönliche Hilfe brauchte. Frangiskos Hilfe war nicht umsonst, denn er war Martinis Psychiater. Wenn er genau überlegte, hatte er im letzten Jahrzehnt mit seinen psychischen Problemen Frangiskos fast zum Drachmenmillionär gemacht. Frangiskos hatte ihn im letzten Jahrzehnt auf allen Höhen und Tiefen begleitet. Martini schenkte sich das achte Amstel ein und begann über sein zurück liegendes Leben zu sinnieren. War es wirklich so, dass er sozusagen, die „Scheiße an den Hacken“ hatte? Hatte es irgendetwas mit Kreta zu tun? Sollte es „Zeus‘ Fluch“ sein, der ihn verfolgte?

Martini versuchte sich an das letzte Jahrzehnt zu erinnern und grinsend erkannte er ein gewisses Muster. Martinis Weg auf Kreta teilte sich bislang in 3 Gruppen: Die 93ger, die 94-96ger und die 2000er Gruppe.
Jedes Jahrzehnt hat für Martini im allgemeinen Highlights an Katastrophen, an denen er messen konnte, wie weit seine Gelassenheit zugenommen hatte und wann es wieder Zeit wurde, Frangiskos aufzusuchen und auf seinem plüschrotes Sofa das Jammern anzufangen.

Die sogenannte 93iger Gruppe war der Beginn seiner ersten psychischen Probleme, es war das Jahr, in dem er beschloss, sein Leben zu verändern. 1993 gab Martini seine Arbeit im regenverhangenen Deutschland auf, vermietete sein Haus, packte den Container voll, nahm seine Frau und die 2 Kinder und siedelte nach Kreta über. Selbständig wollte er sich machen, in der Sportbranche, viel Geld, immer Sonne, und dem Stress entfliehen. Das war ein „voller Erfolg“, nach nur 9 Monaten war er um 100.000 DM ärmer, arbeitslos, hatte Mieter in seinem Haus und war deshalb zunächst wohnungslos und gefrusteter als je zuvor.

Während der 94-96er Gruppe betätigte er sich als Wiederholungstäter aus. In einem Rundumschlag gegen alle, die ihn in der 93iger Gruppe das Leben zur Hölle machten, konnte Martini durch jahrelange Klagen vor Gericht sein Geld und seine Ehre zurück erlangen. In dieser Zeit der Klagen war er sehr oft in einer Taverne in einem kleinen Bergdorf. Hier dachte er ebenso oft, wenn er erst mal seine sauer verdiente Kohle zurück hätte, würde er vielleicht in diesem Dorf ein Grundstück kaufen, denn irgendwie strahlte dieses Dorf eine innere Ruhe aus.

Was dann passierte, machte Frangiskos zum Besitzer eines neuen Reitpferdes. Martini kaufte ein Grundstück, baute ein Haus und danach war Ende 96 seine Ehe kaputt, alles Geld steckte in seinem Haus und den Hypotheken und der Traum war mal wieder ausgeträumt.
Frangiskos meinte in der Zeit immer wieder: „Gib nicht auf, denn hier auf Kreta ist alles anders und alles möglich.“ Martini goss sich das zehnte Amstel ein und dachte schmunzelnd an die 2000er Gruppe.

Als überzeugter Wiederholungstäter gibt man tatsächlich nicht auf, jedenfalls nicht, wenn man einen guten Psychiater hat. Im Jahr 2000, im neuen Jahrhundert, dachte Martini, muss doch alles besser werden. Also wagte er unerschütterlich den nächsten Schritt, seinen Traum zu verwirklichen und auf Dauer auf Kreta zu leben.
Mit neuer Lebensgefährtin machte er sich wieder auf: Arbeit kündigen, Haus vermieten, alles zu Geld machen und Freiheit atmen. Aber diesmal war da noch der Faktor „Kinder einer der besten Lebensgefährtinnen der Welt“, denn die meinten (während er auf Kreta die Kartons auspackte) in Deutschland: „Nein, wir wollen doch nicht mit!“

So hing Martinis Leben eigentlich nur noch an einem seidenen Faden und Frangiskos verdiente sich seinen Swimmingpool. Zurück in Deutschland, wieder arbeitslos, ohne Perspektive, begann bei Martini erstmals das Gehirn seine Funktion aufzunehmen!
Warum alles Geld in Psychiater, Häuser und Sonne investieren? War vielleicht Kreta doch nicht sein Endziel? Martini fragte seinen Freund Frangiskos, der ihm in Vorahnung eines neuen Bungalows riet, es doch mal etwas mehr mit Vorbereitung zu planen!

Martini fasste folglich den Entschluß, alle Faktoren auszuschließen, die ihn an seiner neuen 2005er Gruppe hindern konnten. Und so sahen seine Überlegungen aus:
1. Warten, bis die Kinder aller Ex-Frauen erwachsen sind.
2. Alle Kinder der „besten Lebensgefährtin der Welt“ möglichst bald verheiraten.
3. Seine Mieter raus klagen und das Haus verkaufen.
4. Soviel Geld verdienen, dass er Psychiater im großen Stil bezahlen kann.
5. Noch mehr Geld verdienen, um niemals wieder seine Arbeit kündigen zu müssen, denn mit noch mehr Geld würde er niemals wieder arbeiten müssen!
6. Überlegen, welche Katastrophen ihn in Zukunft unberührt lassen sollten.

Martini stand auf, stellte fest, daß er 3 Kästen Amstel getrunken hatte, erbrach sich und beschloss, in Zukunft etwas weniger zu trinken sowie am nächsten Morgen seinen Psychiater aufzusuchen, um einen Mengenrabatt auszuhandeln. Frangiskos jammerte, wie er denn nun seine Familie durch den Winter bringen sollte … und überhaupt, der Euro stehe vor der Tür und werde garantiert sein Geschäft ruinieren.
Martinis zähe Überzeugungsarbeit liess Frangiskos aber dann doch einlenken. Er lobte seine guten Vorsätze, hoffte aber insgeheim auf Martinis verlässliche Fehlplanungen und auf die Übernahme von Martinis Haus!

Wie Frangiskos durch seine Mittelsmänner in Nordeuropa erfuhr, ist Martini auf dem allerbesten Weg, ihn nicht zu enttäuschen. Martini hatte 2000 mit einer Umschulung begonnen, um bis 2005 durchzuhalten. Diese ödete ihn wenig später aber sehr an und er träumte insgeheim von einer Vorverlegung seiner 2005er Gruppe in eine 2001er Endkatastrope. Zu Ostern will er wieder nach Kreta kommen. Und Frangiskos denkt klammheimlich schon über die final zu ergreifenden Maßnahmen nach!

Von Martin Keller

Katastrophen-Management Teil 2

Von Martin Keller
Stellvertretend für viele andere: Ein Katastrophentag in der in der 94-96er Gruppe.
Martini begann mit dem zweiten Kasten Amstel und überlegte, was sind eigentlich für ihn persönlich solche kretischen Katastrophen?
Dabei fiel ihm ein Tag der 94-96er Gruppe ein, der Frangiskos damals seinen ersten Lamborghini einbrachte.

Aber der Reihe nach:
Der erste Aufenthalt mit der „besten Lebensgefährtin der Welt“ auf Kreta war angesagt. Als er das erste mal über die enge Brücke im Vorort von Rethymnon fuhr, an der immer nur ein Auto zur Zeit durch passte, (was Generationen von Automechanikern schon reich gemacht hatte) meinte er zu seiner neuen „besten Lebensgefährtin der Welt“:
„Wieso sind die mit den Brückenarbeiten für die neue breitere Brücke bloß noch nicht fertig. Seit April sind die in Gange und jetzt haben wir Oktober! Mann, wenn jetzt der erste Herbstregen kommt, wird die Behelfsstraße, die unterhalb der Brücke durch das Flussbett führt, mitsamt den Baumaterialien in den Wassermassen versinken.“
„Du immer mit deinen pessimistische Vorahnungen“, meinte die „beste Lebensgefährtin der Welt“.

Angekommen legten Sie sich sich nach dem allgemeinen Hausreinigungsritual völlig erschöpft ins Bett und freuten sich auf den ersten sonnigen Morgen im sonnigen Kreta. Martini wachte morgens nach einer schlaflosen Nacht auf, die voller Sorgen war, wie er das Geld für seine nächste Sitzung bei Frangiskos aufbringen könnte.
Neben ihm lag die „beste Lebensgefährtin der Welt“ und murmelte etwas wie: „Nein, nein, verjag die Skorpione aus unserm Schlafzimmer“. Was sollte ihm das sagen? Er stand auf, blickte aus dem Fenster und sah die schwarzen Wolken am sonst so blauen Himmel. In der Nacht hatte in den Bergen ein unheimliches Gewitter getobt, aber so langsam klarte es auf. Na ja, was soll’s, erst mal eine schönen Kaffee und dann mit der „besten Lebensgefährtin der Welt“ zum Shopping in die Stadt.

Doch da war es wieder: das „Kretasyndrom“!
Warum brauchen die Kaffemaschinen eigentlich so lange, bis zum herrlich erfrischenden Kaffee? Aha, die „ich-bin-in-Betrieb-Kontrollleuchte“ verweigerte den Dienst, das hieß also, alle Sicherungen im Sicherungskasten prüfen! Der Skorpion im Rahmen des Sicherungskasten war mindestens 2 cm lang und Martinis Lebensgefährtin konnte vom Schlafzimmer aus einen herrlichen sportlichen Doppelachsel erleben. Martini dachte bei sich, erzähl bloß nichts von dem Viech, sonst wird die beste Lebensgefährtin niemals die Waschmaschine in Betrieb nehmen, die in diesem Raum steht.
Die Sicherungen waren alle in Ordnung, also hatte Martini keinen Schimmer, was da los sein könnte! Also, erst mal duschen, denn die Solaranlage bringt das heiße Wasser auch ohne Strom an den Körper. Noch eingeschäumt trocknete Martini sich ab, mit der neuen Erkenntnis, das heißes Wasser die heiße Sonne an den Solarzellen auf dem Dach voraussetzt. Während eines Gewitters scheint auch auf Kreta selten die Sonne.
Egal, dachte Martini, Kaffee kann man auch mit einer Gaskartusche kochen. Dass das Zischen des Gaskochers nach 2 Minuten verklang und das Wasser bis zum Kochen noch ungefähr 60 Grad benötigte, überspielte Martini geschickt mit der Bemerkung: „Liebling, habe ich dir eigentlich schon erzählt, wie gut der Kaffee in Christos‘ Taverne schmeckt? Ich lade dich heute zum Frühstück ein, ist das nicht eine tolle Idee?“

Also, auf geht’s und hinunter in den Vorort. Aber warum passte der Schlüssel nicht in dieses verdammte Türschloss? Nun gut, der Wagen stand jetzt schon 5 Monate auf dem Dorfplatz, aber konnten deshalb Türschlösser zuwachsen?
Mit einem Grinsen öffnete Georgis, der gerade vorbei kam, sein Taschenmesser und beförderte aus den Türschlössern mindestens eine Schachtel Streichhölzer! Martini liebte die Kinder des Dorfes wieder ein großes Stück mehr! Aber insgeheim freute Martini sich darüber, das es Kinder gibt, die nicht nur den ganzen Tag vor dem Fernseher saßen. Also, rein ins Auto. Hurra, es sprang an, obwohl er in diesen Winter die Batterie nicht ausgebaut hatte. Runter ging es die abschüssige Bergstraße. Über die Straße schoss immer noch eine Flut aus Matsch, diverse Plastiktüten suchten sich ihren Weg zurück zum Supermarkt.
„Lass uns doch zuerst mal am Strand die Riesenwellen anschauen, bei dem Sturm heute Nacht muss es bestimmt eine Mordsbrandung geben“ meinte Martini.

Etwa hundert Meter vor dem Strandparkplatz begann Rudolph (Martinis Auto) plötzlich zu stottern und rollte dann stumm an die Mörderbrandung heran. Leicht genervt schritt Martini um den Wagen herum und verwünschte den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, ein eigenes Auto auf die Insel zu bringen. Er öffnete die Motorhaube und staunte über soviel Technik. Fachmännisch fiel sein Blick auf den kleinen Benzinfilter, benutzten die eigentlich neuerdings Sand als Filtermittel, irrte ein schaumiger kaffeeloser Gedanke durch seinen Kopf?
Benzinfilter, Sand, Schlauchleitung nach hinten? Die Streichhölzer aus dem Tankschloss entfernte er im Handumdrehen, man ist ja lernfähig! Als er den Tankdeckel abschraubte, irritierte ihn der Sand am inneren Gewindestutzen. Scheiß Kinder! Die haben uns Sand in den Tank gefüllt, entfuhr es ihm wutschnaubend!
Dann: Gehirnwiderspruch! Hatten Kinder den Tankdeckelschlüssel? Nicht dass Martini wusste!
Seine Hand griff in den Kotflügel und fuhr am Tankstutzen entlang, bis seine Finger wahrnahmen, das dort ein Loch von etwa 5×5 cm klaffte. Tja, der Rost rostete hier Kreta eben auch etwas schneller. Schnell wurde ihm klar, das der Matsch von der Bergfahrt durch den Reifen in das Tankrohr geschleudert worden war.
Wie viel Sand fasst wohl so ein Tank, sinnierte Martini und schaffte es, das der Tankdeckel viermal auf der Wasseroberfläche aufditschte, bevor er versank.

Winer seiner Lieblingsausdrücke war „improvisieren“, also joggte er zur Tankstelle und erwarb einen 5 Zentimeter dünnen Gummischlauch und einen neuen Benzinfilter vom Tankwart, der frischgeduscht gerade seinen dampfenden griechischen Kaffee trank. Des Tankwarts Frage, warum Martini so schmierige Finger hatte und seine Hose total schlammig war, konterte dieser mit einem lässigen „kalinichta, ola kala“.

er Schlauch war schnell installiert und die beste Lebensgefährtin der Welt hatte einen 5 Liter Kanister zwischen den Füßen im Beifahrerfußraum. Martini saugte unter freundlichen Zuspruch der besten Beifahrerin der Welt das Benzin im Schlauch an und übergab sich dank leeren Magens nicht in den Motorraum.
Aber der Geschmack im Mund erinnerte ihn an sein Versprechen: „Kaffee trinken in aller Ruhe“ und eine innere Unruhe überfiel ihn!
Zwei Stunden später sprang der Motor anstandslos an und Martini warf seiner Beifahrerin ein triumphierendes Lächeln zu: „Na also, es geht doch!“

Von Martin Keller

Katastrophen-Management Teil 3

Von Martin Keller
Nach fünf Kilometern war der Reservekanister leer. Die beste Beifahrerin errechnete freundlich einen durchschnittlichen Verbrauch von 100 Litern auf 100 Kilometer. Also stellten sie das Auto ab und dann rannten im mittlerweile strömenden Regen zur Bushaltestelle. Zeus sei Dank lag diese nur für Kilometer entfernt am Ausgangsort. Komischerweise kam der Bus sofort, was eigentlich nie etwas Gutes bedeuten konnte, aber die Lage entspannte sich zunehmend. Martini entschloss sich spontan, seiner leicht genervten Lebensgefährtin einen Shoppingbummel in der Arkadiou zukommen zu lassen.

Zwei Stunden später stand Martini völlig genervt und ohne Kaffee (dafür aber mit einem Dutzend Tüten) an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der diesmal nicht sofort kam und auch später nicht. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens erkannte Martini recht schnell und zügig, das die vermeintliche Bushaltestelle nur für den Schulbus galt. Dieser verkehrte nur bis zum Schulschluss um 13.00, was durchaus logisch erschien.
Der Taxifahrer, den Martini mit einem Sprung auf die Straße stoppen wollte, schaffte es elegant auszuweichen. Gleichzeitig gelang es ihm aber, die ungefähr 50 Zentimeter tiefe Pfütze zu durchfahren, die sich als Flutwelle über den Bürgersteig wälzte. Nun gut, es hätte schlimmer kommen können, dachte Martini als er mit seiner nassesten Lebensgefährtin der Welt nach fünfzig Minuten Fußmarsch die Taverne von Christos in Platanes erreichte.

Endlich, ein Kaffee würde den Tag retten und wer sagt eigentlich, das man Kaffee immer nur morgens zum Frühstück braucht? Im übrigen war es bis jetzt doch nicht mehr als ein überdurchschnittlicher Katastrophentag gewesen, befanden die beiden.
Die Sonne schob sich auch mal für 10 Minuten hinter den Wolken heraus und die Pfützen an ihren Füßen bahnten sich Ihren Weg in Richtung Tavernenausgang.
Nach so vielen Erlebnissen überlegte Martini als „Profipessimist“ gerne, was wohl als nächstes passieren könnte. Dabei fielen ihm die Brückenbauarbeiten ein, die er gestern bei der Anreise böswillig kommentiert hatte. Er überlegte und kam zu dem Schluss, das nun irgendwann im ausgetrocknete Flussbett das Wasser vom Gewitter der Nacht eintreffen müsste. Aus Erfahrung wusste er nämlich, das das etwa 5-6 Stunden dauerte, da sich das Wasser erst aus den Gebirge seinen Weg suchen musste.

„Hase, lass uns doch mal die 300 Meter zur Brücke laufen, vielleicht ist da schon was los“, rief Martini und war eigentlich schon los gelaufen. Er ahnte mit Schaum vor dem Mund sensationsgeifernd die nahende Katastrophe. Einer erfahrenen alten Griechin, die neben ihm im Bademantel zum Ort des vermutlichen Geschehens eilte, ging es wohl ähnlich. Und Martinis düsterste Phantasien wurden von der kretischen Realität wieder einmal bei weiten übertroffen!
Die Behelfs-Asphaltstraße, die durch das Flussbett führte, da die Brücke ja verbreitert werden sollte, war mittlerweile von der Flutwelle erreicht und völlig weggerissen worden. Panisch standen drei kretische Bauarbeiter bis zum Bauch im Wasser und versuchten unter Hilfe eines Baggers, Holzbalken, die auf Paletten lagerten, aus dem Wasser zu retten.

Johlend freute sich die mittlerweile stark angeschwollene Menge der Schaulustigen über jede Palette, die in Richtung offenes Meer davon trieb. In der roten Brühe trieb gerade ein Schaf mit ungläubigem Blick vorbei, als ein Raunen durch die Menge ging. Irritiert drehte sich Martini um und sah gerade noch den alten Stelios, der wild fuchtelnd hinter einem jungen Albaner herlief, der gerade sein Moped gestohlen hatte und versuchte davon zu brausen. Martini geriet in Panik, wohin sollte er denn nun schauen, – welche Katastrophe brachte ihm die größte Befriedigung? Er war wie im Rausch, ja, da war er, der ultimative Katastrophentag! Der Bagger drohte gerade in die Fluten gerissen zu werden und ein völlig verwirrter Autofahrer, der unbedingt die versunkene Straße befahren wollte, war ebenso spannend wie Stelios‘ erfolgreiche Überwältigung des Albaners.

Martini war sich sicher, dieser Tag sei nicht mehr zu toppen und genoß es, daß sich die Katastrophen nicht mehr alleine gegen ihn und die „beste völlig aufgelöste Lebensgefährtin der Welt“ richteten.
Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, dachte Martini und überraschend und völlig unerwartet fiel ihm der Frühstückskaffee ein. Zurück in Christos‘ Taverne genoss Martini mit der besten Lebensgefährtin den dampfenden Kaffee Elliniko, sozusagen als leicht verspätetes Frühstück. Die Tüten mit den Einkäufen stapelten sich neben dem Tisch. Nach und nach drangen die ersten Gerüchte über die völlige Vernichtung der Brücke in die Taverne. Die Griechin im Bademantel rief noch von der Taverne den Fernsehsender Antenna 1 an und verhandelte über die Exklusivrechte des Katastrophenberichtes, als gerade die Polizei mit einem Albaner vorbei fuhr, der den Traum von seinem ersten Mofa anscheinend in der drei mal drei Meter großen Zelle der Touristenpolizei beenden würde.

Martini genoss es, den Verkehr auf der Straße zu beobachten, das wilde Durcheinander hatte eine besondere Faszination in Hinblick auf zu erwartende Verkehrsunfälle.
Mein Gott, was für Rauchwolken stößt der Bus aus, der wohl an der Bushaltestelle stand, aber nicht einsehbar war für Martini. Der Rauch wurde noch etwas intensiver, völlig klar, gleich würden wohl die Kolben des Busses Sirtaki tanzen und der Motor in den Bushimmel gelangen.
Aber dann war der Rauch leider wieder weg, schade. Martini ging vor die Taverne um sich anzusehen, ob der Bus nun verreckt sei. Aber da war kein Bus. Sein Blick fiel auf einen Schornstein, der sich auf dem Dach einer anderen Taverne befand. Aus ihm kam der Rauch, mal mehr, mal weniger, verbrannte der seine ungeliebte Großmutter oder wieso hatte er im Oktober noch einen Ofen an?

Dann wurde der Rauch mit einem Mal schwarz, dann rötlich, dann wieder weiß, irgend etwas ließ Martini ahnen, das hier etwas Merkwürdiges vor sich ging. Er bündelte seinen Blick auf das Innere der verschlossenen Taverne und meinte zu erkennen, daß im Kamin ein Feuer brannte.
Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, aber beim näheren Hinsehen war zu erkennen, das der Kamin seine Tätigkeit auch außerhalb des Brennraumes aufgenommen hatte. Der Besitzer hatte für solche Fälle an alles gedacht und knochentrockene Palmwedel unter der Decke angebracht! Martini schlussfolgerte in Bruchteilen von Sekunden: Rauch, Flammen, Palmwedel, Holzausbau, Großbrand … War dieser Tag eigentlich nur für ihn gemacht, sozusagen als Lehrstück in Sachen Chaos?

Die Taverne füllte sich mit hellem Rauch, mit einem Feuerlöscher würde man den Brand sicherlich im Handumdrehen löschen können. Das Wichtigste war, nicht die Türen zu öffnen um dem Schwelbrand keinen Sauerstoff zuzuführen, dass hatte Martini auf einem Brandschutzkursus gelernt. Aber wusste dieses auch der Besitzer, der gerade angerannt kam? Insgeheim hoffte Martini, dass er es nicht wusste und wurde mit einer Galavorstellung des „Flammenden Infernos“ belohnt.
Der Wirt riss die Schiebefenster auf, um den Rauch heraus zu lassen und der Sauerstoff drängte sich an ihm vorbei in Richtung Deckenpalmwedel. Mit einem Overflash entzündeten sich die Brandgase und sorgten dafür, das der Wirt wie Ikarus 5,82 nachgemessene Meter aus seiner Taverne segelte.
Ungläubige Überraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht wieder, als er neben Martini aufschlug und dieser ihm fachmännisch belehrte: Nicht die Türen aufmachen! So mit geballtem Fachwissen vollgestopft lief er zurück und schob die Türen wieder zu. Aber die Glasscheiben wollten angesichts der Hitze nicht im Rahmen bleiben und zogen es vor mit heftigem Abschiedsgeräusch dem begeisterten Wirt, (nennen wir ihn ab jetzt Ikarus) um die hitzegeröteten Ohren zu fliegen.
Martini rechnete aus, wie lange er brauchen würde, um seine Videokamera aus dem Bergdorf zu holen, verwarf diese Idee angesichts der ihm dann entgehenden Urlaubseindrücke sogleich wieder.

Die Straße vor Ikarus‘ Taverne füllte sich in Sekundenschnelle mit Schaulustigen, fast erinnerten Martini diese Massen an eine Osterprozession. In der ersten Etage der brennenden Taverne brach nun eine gewisse Unruhe aus.
Martini sah dort als erstes die Griechin im nassen Bademantel, die kommandostark die restliche Familie in eine Massenpanik versetzte. „Feuer, Feuer“, riefen sie, was ihnen angesichts der nun aus dem Schornstein leckenden Flammen jeder glaubte.
Frauen geraten eben schnell in Panik, dachte Martini gerade, doch da fiel ihm ein, daß er seine beste Lebensgefährtin seit längerem nicht gesehen zu haben. Sie saß wohl immer noch in Christos‘ Taverne, direkt neben dem brennenden Haus. Neben dem brennenden Haus? Bestand vielleicht Gefahr für das Nebengebäude und somit für seine beste Lebensgefährtin der Welt?
Christos‘ Taverne war nicht mehr zu sehen, dicker schwarzer Rauch versperrte die Sicht und ließ schwer einschätzen, ob auch sie in Gefahr war.

An dieser Stelle setzte in Martinis Gehirn der selten genutzte „Wäge-ab-Mechanismus“ ein. Dieser Gehirnteil wird immer erst aktiviert, wenn Beziehungen lange Jahre bestehen. War die beste aller Lebensgefährtinnen wirklich die beste? Lohnte sich ein Rettungsversuch? Waren eine Rauchvergiftung oder eine monatelanger Krankenhausaufenthalt wegen schweren Verbrennungen sozusagen „gerechtfertigt“?
Martinis Gehirnzellen spulten gerade das Lebensversicherungsprogramm der „Besten“ durch. Ergebnis, keine Chancen, Prämien nicht bezahlt! Aber die Einkaufstüten mit dem Schachspiel für 15.000 DRS lagen noch neben der „Besten“. Das gabe den Ausschlag, Martinis Gehirn meldete: „Rettung ist erforderlich“!
Nun begann also das Programm „Edler Retter“, Martini suchte sich hustend einen Weg durch den Rauch.
Frauen sind doch treue Wesen, natürlich saß Martinis „Beste“ noch am Tisch. Frauen würden in Gefahrenmomenten niemals ihr gerade gekauftes Parfüm im Stich lassen. Der Rauch verlieh ihrer Schönheit einen mystischen Glanz und sie hatte den „Rette-mich-mein-Prinz-Blick“ in den Augen.
Martini zog schnell die Tüten mit seinem gerade gekauften Schachspiel an sich und erklärte der „Besten“, dass in wenigen Minuten auch diese Taverne in Schutt und Asche liegen würde und das es besser wäre, ihr Parfüm in Sicherheit zu bringen. Sie sprang zur Eingangstür und verschwand in den Rauchschwaden.
Martini machte sich bittere Vorwürfe ihr nicht gesagt zu haben, das vorne die Gefahr am größten war, aber sein Gehirn erinnerte ihn daran, daß der Notausgang nach hinten für zwei Leute sowieso zu eng gewesen wäre.
Als Martini und sein Schachspiel sich auf den Hinterhof gerettet hatten, hörten sie panische Frauenschreie.
Die Frau im Bademantel hatte ganze Arbeit geleistet! In einer Art Massenhysterie wollten die Frauen im ersten Stock kollektiven Selbstmord begehen und über die Brüstung springen. Unten standen die Ehemänner und flehten die kreischenden Frauen an, nicht zu springen (verständlich, wer sollte dann essen kochen und sich um die Bälger kümmern?)
Wo bleibt eigentlich in dieser Geschichte die Feuerwehr?

Martini ahnte, wo sie sich aufhielt oder besser aufgehalten wurde! Der Leser auch? Man denke an die Brücke und ob Feuerwehrautos auf Kreta schwimmfähig sind!
Mitnichten. Wie Martini später aus gut informierten Kreisen erfuhr, war die Feuerwehr unter Hauptmann Nikos Bozakis wie üblich den Strandweg gefahren, aber an der überfluteten Flussüberquerung war die Alarmfahrt zu Ende. Also hieß es umdrehen und zurück in die Stadt zu fahren, um die Auffahrt zur Schnellstraße zu nehmen und so zur Einsatzstelle zu gelangen.
Etwa vierzig Minuten nach Brandausbruch und nach einem kurzen Aufenthalt an der örtlichen Tankstelle traten dann endlich die todesmutigen Feuerkämpfer in Aktion. Wegen Mangel an Rettungsleitern warfen sie den Frauen im ersten Stock gute Ratschläge und Betttücher hinauf und bestanden auf einem Abseilen der Frauen.
Menschenrettung geht in Griechenland eben nicht unbedingt vor Feuerbekämpfung, denn auch hier gilt das „Umschlagsystem“!

Ikarus (der Tavernenwirt) der sich um seine Lebensexistenz bedroht sah, händigte dem Feuerwehrhauptmann unauffällig diesen Umschlag aus und säuselte etwas von Lage und Evakuierungsplan. In Wirklichkeit waren mindestens soviel Drachmen drin, um Martinis nächste Sitzung bei Frangiskos zu bezahlen.
Nun lief die volle Löschmaschinerie ab! Wasser Marsch! Aber wie? Kein Wasser am Strahlrohr?
Barsche Befehle der Männer verschleierten geschickt diese Tatsache, bis man bemerkte, das ein Pick-Up mit seinem Reifen auf dem C-Schlauch stand. Rein zufällig war es das Auto der Konkurrenztaverne!

Aber nun wurde gelöscht, die Taverne wurde sozusagen geflutet! Überraschend war das Tempo, mit dem das voranging, störend waren nur die sich abseilenden Frauen, welche die Sicht versperrten. Mittlerweile hatte der Brand den Strommast neben der Taverne in Brand gesetzt und die Kabel hielt nichts mehr am Netz.
Martini war fasziniert, als die Stromkabel sich schlangengleich, funken versprühend auf der nassen Straße hin und her bewegten. Sicherlich behinderten sie die Männer bei ihrer Arbeit, aber sozusagen als Abfallprodukt konnte hier die Vorauswahl im Weitspringen für die Olympischen Spiele 2004 getroffen werden. Die Bestmarke, die von den umstehenden Schaulustigen ermittelt wurde, lag bei 5,85 m und somit über dem Flugrekord des Tavernenwirtes Ikarus!
An dieser Stelle ärgerte sich Martini, das er diesen Rekord nicht mit seiner „besten aller Lebensgefährtinnen“ teilen konnte und überhaupt, wo war Sie? Hatte Sie einen noch besseren Katastrophenausblick?

Martini fand sie rußgeschwärzt mit irrem Blick in den Armen einer alten Frau, die ihr gerade erklärte, das auch Parfümflaschen bei starker Hitze platzen. Froh nahmen sich die beiden in die Arme und versuchten verzweifelt die Eindrücke zu verarbeiten. Der Brand war gelöscht und der Umschlag hatte Ikarus wenig geholfen, hätte er den Inhalt doch lieber in eine Feuerversicherung investiert! Aber der Vertreter der Versicherung war ja schon vor Ort, angezogen wie eine Motte. Vielleicht könnte man ja über seinen Vetter Vangelis im nachhinein noch etwas an der Erstprämie drehen, dachte Ikarus und überschüttete den Versicherungsvertreter mit seinem Leid!

So schnell wie das Chaos entstand, legte es sich auch wieder. Der rauchende Stuhl auf der Straße konnte Martinis Aufmerksamkeit nicht mehr fesseln und so beschloss er mit dem „besten aller Brandopfer“ hinauf ins Bergdorf zu fahren!
Fahren? Angesichts eines Verbrauchs von 20 Litern für die Strecke nahm Martini Abstand von dieser Idee. Auf einer Ladefläche eines Pick-up, der gerade seine Schafabfälle zur Müllhalde gebracht hatte, kamen die beiden in ihr geliebtes Bergdorf.

Nun sei der Wunsch nach einem Bad mehr als legitim, meinte die „Beste aller Lebensgefährtinnen“, denn ein Gemisch aus Schaf und Brandgeruch begleitete die beiden zur Dusche!
Da war jetzt nur noch das kleine Problem mit dem heißen Wasser, dachte Martini. Ihm schwante Böses. Sein Hinweis, dass das Duschen mit kalten Wasser Cellulitis vorbeuge, traf mit dem entsetzten Aufschrei der „sauersten aller Lebensgefährtinnen“ zusammen.

Als die Dämmerung hereinbrach, saßen die beiden bei Stromausfall im Dunkel der Leuchte, waren sich aber darüber einig, das so ein Tag kaum noch zu steigern sei! Martini war aber mit seinen Gedanken bei dem Bericht einer Tageszeitung, in dem er gelesen hatte, dass Schafe Erdbeben früher spüren als Menschen.
„Määäääää“, hörte er da von draußen und wurde blass ….

Von Martin Keller

Abschied vom Großvater

Von Anja und Thomas Otto,
im Gedenken an den am 19.09.2004 verstorbenen Großvater

Wir sind wieder auf unserer Lieblingsinsel Kreta.
Kurz vor unserer Abreise ist Großvater schwer erkrankt, aber niemand verwehrt uns unsere Urlaubsreise, denn Großvater ist ein zäher Bursche und hat schon tiefgreifenderen Ereignissen erfolgreich die Stirn geboten. Alle sind überzeugt, er wird auch dieses Mal die Oberhand behalten.

Heute brechen wir früh auf, wollen wir doch Freunde treffen und mit ihnen eine Wanderung unternehmen. Als wir die Stadt verlassen, steht ein alter Kreter in vollem Sonntagsstaat, auf eine Mitfahrgelegenheit hoffend, an der Straße und winkt. Er möchte in sein Dorf in den Bergen, das zwar nicht direkt an unserer Route liegt, aber mit einem kleinen Umweg zu erreichen ist. Wir laden ihn ein, mit uns zu fahren.

Stolz wie ein König thront der alte Herr auf dem Beifahrersitz, sein sonnengebräuntes, von tiefen Falten durchzogenes Gesicht erzählt aus seinem Leben. Er freut sich über jeden neuen Ausblick und grüßt mit großer Geste alle, die schon so früh unseren Weg kreuzen. Der kretische Morgen weht kühl durch das geöffnete Fenster herein, es stört unseren unverhofften Fahrgast nicht, im Gegenteil, er genießt die Fahrt durch seine Heimat in vollen Zügen.

In seinem Bergdorf angekommen, verabschiedet sich unser Begleiter überschwänglich, er mag gar kein Ende finden, er lädt uns sogar ein, den Tag im Dorf zu verbringen. Wir aber wollen weiter, denn wir werden ja von unseren Freunden erwartet. Mit einem festen Händedruck und vielen guten Wünschen entlässt uns der alte Herr, steht winkend an der Straße, bis wir hinter der nächsten Kurve entschwunden sind. Wir fahren schweigend weiter, hängen unseren Gedanken nach, versuchen, das eben Erlebte einzuordnen.
Ein paar Serpentinen weiter oben fasst Anja einen Gedanken in Worte, der auch mich die ganze Zeit schon bewegt: „Wie unser Großvater!“ Der alte Kreter ist unserem Großvater so frappierend ähnlich, die beiden könnten durchaus Brüder sein.

Unsere Freunde treffen wir etwas später, wir wandern zusammen durch eine Schlucht, es ist ein kurzweiliger, interessanter Tag mit vielen neuen Eindrücken und Begegnungen, aber die erste Begegnung des Tages mit dem kretischen Großväterchen geht uns nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder mischt sich Erstaunen in unsere Gedanken, wie sehr er doch dem kranken Großvater zu Haus ähnlich war.

Abends zurück im Quartier erreicht uns die Nachricht, dass unser Großvater am Morgen seine Augen für immer geschlossen hat. War es sein Abschied in den kretischen Bergen?

Von Anja und Thomas Otto,
im Gedenken an den am 19.09.2004 verstorbenen Großvater

Julio

Von Roger Möckel
Zu mitternächtlicher Stunde am Hafenplatz von Agía Galíni an der Südküste Kretas. Die Tavernen sind gut besucht, man sitzt bei einem Gläschen und plauscht mit Freunden. Einheimische wie Urlauber genießen den lauen Sommerabend. Musik aus dem Hintergrund untermalt die Gespräche und trägt zu einer ausgelassenen und zufriedenen Stimmung bei, als drei kleine Mischlingshunde die Haupttreppe aus der „Fressgasse“ hinunter kommen:

Julio, Vater aller zentral-südkretischen Hunde mit legendärem Ruf in Begleitung zweier seiner Eroberungen. Angesichts der großartigen Zuschauerkulisse begibt sich Julio direkt zwischen zwei vollbesetzten Tavernen ans Werk. Erst werden nur wenige Gäste auf sein Tun aufmerksam, dann spricht es sich herum wie ein Lauffeuer. Es entwickelt sich Stadionatmosphäre, wobei alle Zuschauer parteisch zu sein scheinen. Er wird angefeuert, was das Zeug hält. Die Leute klopfen sich auf die Schenkel, die Blicke verliebter Pärchen sagen alles, junge Mädchen werden rot.

Und Julio gibt alles. Als er von „ihr“ ablässt und sie zufrieden ein paar Schritte dahin trippelt, geht Dame Nr. 2 in Position. Die Zuschauermenge wartet gespannt, was nun kommen möge.

Julio stellt sofort unter Beweis, dass sein Ruf nicht von ungefähr kommt: Er arbeitet hart! Die Stimmung in der Menge steigt weiter, Anfeuerungsrufe steigern sich zu einem rhythmischen Klatschen. Julios Show ist unbezahlbar.
Nachdem auch Hundedame Nr. 2 mit scheinbar zufriedenem Lächeln von dannen tippelt, johlt die Menge drum herum.
Julio ficht dies überhaupt nicht an. Er hat schließlich nur das getan, was er immer tut. So einfach ist das alles auf Kreta.
Hätte er sich jetzt eine Zigarette angezündet, mich hätte es nicht gewundert!

Von Roger Möckel

Deutschkurs – Von Roger Möckel

Die nette Tavernentochter, damals etwa 16 Jahre alt, war und ist ein sehr begabter Mensch. Zuvorkommend, immer gut gelaunt und mit reichlich Charme ausgestattet. Da ich sie von klein auf kenne und ihre Talente fördern wollte, brachte ich ihr im nächsten Jahr einen Komplettsatz Langenscheidt mit. Das volle Programm: Deutsch-Griechisch / Griechisch-Deutsch, Grammatik und Kassette inklusive.
Sie freute sich auf die ihr ungemein sympatische Art, zumal ihr Vater lange Jahre in Deutschland gearbeitet hatte.

Seine Taverne war und ist wegen seiner Deutschkenntnisse (und natürlich des guten Essens und der Atmosphäre wegens) von Deutschen sehr gut besucht. Töchterchen hatte sich immer geärgert, dass ihr Herr Papa mit seinen deutschen Witzen die gesamte Taverne unterhielt und sie nicht ein Wort verstand. Also versprach sie mir, über den Winter fleißig zu lernen, dann würde es besser gehen.

Erwartungsschwanger traf ich sie im nächsten Jahr und fragte zunächst auf Deutsch: „Kannst du jetzt ein bisschen Deutsch?“ Antwort: „Nix Deutsch!“ Ich fragte nach dem warum, worauf sie feststellte, dass ihr Herr Bruder, 2 Jahre älter als sie, sich den Langenscheidt unter den Nagel gerissen hätte. Hmm…

Einige Tage später in der Taverne, Mittagszeit, volles Haus. Die Gäste möchten bedient werden, Hektik bei der Tavernen-Familie und ihren Angestellen. Der Chef des Hauses scheucht seinen recht ungeschickten, groß gebauten Sohn um die Tische. Alles geschieht in griechischer Sprache, bis dahin hat Sohnemann noch keinen Satz Deutsch von sich gegeben.

Nach einiger Zeit der Hektik und der Treiberei durch seinen Vater wird es ihm zu bunt: Er hält inne, was die gesamte Taverne mitbekommt. Er murmelt ein paar Flüche auf Griechisch, um dann in allerfeinstem Deutsch seinen Vater anzuherrschen:
„Papa, in der Ruhe liegt die Kraft!“
Vor lauter Lachen konnte kaum noch einer der Gäste eine Gabel in die Hand nehmen…

Von Roger Möckel