Iráklion: Das „Pántheon“ im „Schmutzgässchen“

Vor Jahren galten sie noch als „Geheimtipp“, die kleinen Lokale in der Odós Archimandrítou Fotíou Theodasáki, heute sind sie allgemein bekannt und auch längst nicht mehr so viel billiger als anderswo. Die Gasse ist nicht annähernd so lang wie ihr Name, sie verbindet die Marktstraße mit der Odós Évans. Auch den Einheimischen scheint der offizielle Name wohl zu hochtrabend zu sein, im Volksmund heißt die schmale überdachte Straße „Schmutzgässchen“ (wohl noch aus der alten Zeit, als die wenigsten Lokale eigene Toiletten hatten).

PicturesKK/irakschmutzgass.jpgAber das Essen ist durchaus ohne Sorge zu genießen, in jedem dieser teils winzigen Lokale. Mein Lieblingslokal unter ihnen ist das „Pántheon“ gleich vorne rechts auf der Ecke, wenn man von der Marktstraße in die Gasse hineinkommt. Und mein Lieblingsessen dort sind die Zucchini („kolokithákia“). Einfach köstlich!

Immer, wenn ich dorthin komme, bedient mich der gleiche Kellner, der hier wohl geboren zu sein scheint.
Und er hat mir vor ein paar Jahren ein wirklich schönes Kompliment gemacht: „Ich arbeite hier nun schon seit über 30 Jahren, aber ich habe noch nie einen Ausländer erlebt, der so perfekt Griechisch gesprochen hat.“
Nicht nur des Komplimentes wegen sitze ich hier ausgesprochen gerne. Kretisches urbanes Leben pur, gutes Essen und viel zu sehen!

PS.: Im nächsten Jahr war es nicht der gleiche Kellner … Aber als ich zielgerichteten Schrittes vor die Wärmetheke im Pántheon trat, sprach mich der „Neue“ wie selbstverständlich auf Griechisch an. Das fand ich gut, wunderte mich aber, dass er andere Touristen auf Englisch hereinzulocken versuchte, während ich meine köstlichen Artischocken mit Kaninchen zu mir nahm.
Als ich ihn später fragte, warum er es bei mir nicht auf Englisch versucht habe, meinte er gleichmütig: „Sie sehen zwar aus wie ein Ausländer, aber wie einer, der hier wohnt!“ Auch das erschien mir irgendwie wie ein Kompliment! (KK)

Vanity – Elke Schroeder

Als Vanity auftauchte, war es vorbei mit der Ruhe in Tambiki. Vanity brachte Frauen und Männer des verschlafenen Fischerdorfes gegeneinander auf. Heute glaube ich, dass das nie ihre Absicht war. Sie wollte einfach nur Urlaub machen.

Ich erinnere mich, daß die Sonne schon tief am Himmel stand. Das Meer kräuselte sich behaglich unter dem Horizont, eingehüllt in ein pastellfarbenes Gewand. Salzgeruch entstieg der See und breitete sich aus, überall, intensiv und schwer. Ein unwirklicher Nachmittag im Süden der Insel. Es war Ruhezeit. Kurz vor fünf mitten im September. Die Dorfbewohner lagen in ihren Betten, in weißgetünchten Häusern. Eingehüllt in Träume und bedeckt von salzigem Schweiß warteten sie auf den Abend, der Erfrischung bringen würde. Mit etwas Glück vielleicht auch Wind. Aus dem Norden. Schon viel zu lange herrschte die Hitze an. Abgekühlt auf seinem Flug über die Ägäis würde er Erlösung bringen, der Meltemi. Doch es kam kein Wind. Dafür kam Vanity, heiß, mit heftiger Windstärke und erhitzte die Gemüter.

Das Taxi hielt mitten auf dem Dorfplatz. Der alte Dieselmotor heulte einmal kurz auf und verstummte dann ganz. Michalis öffnete die Fahrertür und trat mit staubigen Schuhen auf die Straße. Kronkorken, weggeworfen und in der Hitze geschmolzen, waren mit der Straße eins geworden und schimmerten golden im heißen Asphalt. Michalis fuhr sich durch das schwarze, ölige Haar. Eine verlegene Geste. Dann eilte er zur Hintertür, um die Frau herauszulassen. Was für eine Fahrt! Noch immer war er aufgeregt. Noch immer strömte Hitze durch seine Lenden. Sein Glied, hart und pochend, presste sich trotzig an den Hosenbund. Es forderte Freiraum. Michalis war bestürzt. Oh, Gott, dachte er, jeder kann es mir ansehen. Er öffnete die Fahrgasttür und murmelte ein unverständliches „Bitte sehr!“

Vanity stieg aus. An den Füßen trug sie Stilettos aus dunkelrotem Samt. Ein Seidentuch in gleicher Farbe war locker um ihre Hüfte geschlungen. Der Saum endete nur eine Handbreit unter dem muskulösen Hintern und umspielte die samtweiche Haut makelloser Oberschenkel. Vanity lachte und warf ihr dunkles Haar zurück.
Kaskaden glänzend brauner Locken fielen über filigran geformte Schultern, flossen die feine Linie des zarten Rückgrates entlang bis hinunter zum Steißbein. Der flache nackte Bauch hob und senkte sich im Rhythmus des Lachens. Satte, melonenförmige Brüste schmiegten sich an ein Nichts aus luftiger weißer Seide. Vanitys Lachen war dunkel und guttural. Voller Leben und Genuss.

Wie angewurzelt stand Michalis neben seinem Taxi. Mit offenem Mund und unfähig, seinen Blick von so viel Frau abzuwenden. Er glaubte zu explodieren. Ein schriller Handyton riss ihn aus der Starre. Hastig lief er um den Wagen herum und öffnete den Kofferraum. Er stellte Vanitys Reisetasche direkt neben seinem Taxi ab. Dann fuhr er davon. Eilig und ohne Gruß. Trotzdem wagte er einen letzten Blick in den Rückspiegel, bevor er den Anruf seiner Ehefrau entgegennahm.

Vanity drehte sich glücklich im Kreis, die Arme weit ausgestreckt. Aufgerichtete Brustwarzen stießen neugierig gegen das Weiß der Seide. Dann ergoss sich Michalis. Mit einem unterdrückten Seufzer und direkt in seine graue Taxifahrerhose.
„Was gibt es da wieder zu jammern?“ zeterte seine Frau durch das Handy.

Es war kurz vor fünf mitten im September und Vanitys Urlaub hatte gerade erst begonnen.
Der Abend brachte keine Abkühlung. Das Meer war ein bleiernes Tuch. Träge und dunkel lag es ausgebreitet vor den Tavernen. Aus den Baumwipfeln erklang das Lied der Zikaden. Monoton und nervtötend. Menschengruppen, leicht gekleidet, saßen an kleinen Tischen auf hölzernen Stühlen. Fischer spielten mit derben Händen Karten. Frauen arbeiteten in der Küche, bereiteten Mahlzeiten für die Touristen. Die Luft roch nach Schweiß und Gegrilltem. In der Ferne durchbrach der blaue Bug eines Fischerbootes den stillen Zauber einer mondgespiegelten Wasserstraße. Griechische Kinder in leichten Shorts spielten Fußball auf dem großen Dorfplatz vor den Tavernen.

Michalis graue Taxifahrerhose war längst in der Waschmaschine. Der helle Fleck im Schritt war unbemerkt geblieben. Nicht nur die Maschine befand sich im Schleudergang. Seit Vanitys Ankunft war Michalis bereits mehrmals gekommen. Heftig und explosionsartig. Jedesmal unvorbereitet.
Nun lag er auf dem alten Ehebett mit den weichen Matratzen. Seine Frau saß im Wohnzimmer und stickte mit flinken Fingern eine weiße Decke für das Enkelkind. Es war Samstag, kurz nach acht und Michalis versuchte einzuschlafen. Er reckte seinen Körper, streckte seine Beine aus. Er dachte an Vanity, an Brustwarzen, die hart und rosa gegen weiße Seide stoßen. Aus der Spitze seines Gliedes rann ein glitzernder, weißer Tropfen. Michalis sah an sich herunter und stöhnte auf. Eine derartige Erektion hatte er seit seinem 16. Lebensjahr nicht mehr zustande gebracht. Er fühlte sich jung. Sehr jung.

Vanity liebte die amerikanische Flagge. Auch rote Lollys mit Kirschgeschmack. Sie mochte den Augenblick, in dem die Beschaffenheit der harten Kugel porös und nachgiebig wurde. So, dass sie den Saft ganz leicht heraussaugen und mit der Zunge auffangen konnte. Vanity war süchtig nach Kirchlollys. Mit gewohnter Selbstverständlichkeit legten sich ihre Lippen um die kugelige Süßigkeit. Weich und fleischig. Stets rot und vom Saugen leicht geschwollen.

Vanity genoss die milde Nacht. Sie setzte sich in die erste Taverne. An einen Tisch, der direkt am Meer stand. Nebenan spielten Fischer um Geld. Es herrschte ein rauher Ton. Erregtes Männergeschrei und Wortfetzen einer fremden Sprache drangen an ihr Ohr. Oben, aus dem in einer Baumkrone befestigten Lautsprecher erklang griechische Musik. Vanity fühlte sich lebendig. Sie atmete tief durch und sah sich um. Ihre bernsteinfarbenen Augen blitzten vergnügt. Dann begann sie zu singen. Vor Glück. Sie sang in die salzige Abendluft, in das reglose Schwarz des Meeres und mitten in das Gezeter der Fischer. Ihre Stimme war dunkel und warm, schwer wie alter Wein. Die Männer am Nebentisch hielten in ihren Bewegungen inne. Die Gespräche verstummten. Alle drehten den Kopf und sahen Vanity an, lauschten der Melodie. Selbst die Kinder vergaßen für einen kurzen Augenblick ihren Fußball und richteten ihre Blicke auf den kleinen Tavernentisch. Auf die Frau mit den hochgesteckten Haaren. Auf den schlanken Nacken, in dessen zarter Vertiefung sich kleine Löckchen verschwitzt zusammenkräuselten. Vanity griff in ihre Tasche, holte einen Kirschlolly hervor. Vorsichtig befreite sie ihn aus der bunten Plastikumhüllung. Sie hörte auf zu singen. Begierig schob sie die rote Kugel in den Mund.

Dann begann sie zu saugen. Bedächtig und gleichmäßig. Das Dorf hielt den Atem an. Die Fischer rissen die Augen auf. Ungläubiges Entsetzen auf den Gesichtern der Frauen. Vor der weißen Kirchenmauer lag der Fußball, schmutzig und unbeachtet. Vanity nahm die angespannte Stille nicht wahr. Zu konzentriert versuchte sie mit der Zunge das erste Loch in die klebrige Kugel zu bohren. Immerhin befand sich kurz vor der porösen Phase. Ihrer Lieblingsphase. Und das nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Endlich, nach einer letzten Anstrengung, gab der Lolly nach und verströmte seinen süßen Saft. Vanitys Zunge fing ihn auf. Sie lächelte zufrieden und schloss die Augen, legte den Kopf weit in den Nacken und seufzte leise „hmmm…“.
Auch die Fischer seufzten, aber aus anderen Gründen.

„Das war besser als alles, was sie in den letzten 10 Jahren auf dem Erotikkanal hatten“, krächzte Petros, heiser vor Aufregung.
Seine Freunde lachten. Es klang anzüglich und laut. Petros sprach ihnen aus der Seele. Nikos, der Jüngste, schlug mit der Faust auf den Tisch. Wie erwartet schaute Vanity herüber. Nikos kniepte ihr zu. Dann bestellte er Schnaps. Lautstark und mit grober Gebärde. Der dicke Hermes zog sein T-Shirt glatt. Es war fleckig vom Essen, dem Sud der Schnecken. Saucenreste glänzten noch jetzt auf seinem Kinn. Weiß und schwabbelig quoll sein Bauch aus dem T-Shirt, ruhte massig auf fleischigen Oberschenkeln. Doch Hermes war selbstbewusst. Er taxierte Vanity. Ein schmieriges Grinsen auf dem Gesicht eines Riesenbabys.

An das Kartenspiel dachte niemand mehr. Ein Pik-As lag auf dem Boden. Ein weiteres auf dem Tisch. Irgendjemand spielte falsch. Aber das war unwichtig geworden. So unwichtig wie die Ehefrauen und das Fischen. Es galt, Vanity im Auge zu behalten. Ihre Aufmerksamkeit zu erregen, selbst von ihren Lippen umschlossen zu werden. Eine Frau wie diese setzte selten einen Fuß in’s verträumte Tambiki. Das wussten die Männer. Auch die Frauen wussten es. Deshalb rechneten sie mit dem Schlimmsten. Schon stürzten sie in die Tavernenküchen. Mit schnellen Schritten. Sie scharten sich um die Kochtöpfe wie Geier um Aas. Es gab etwas zu bereden. Ungebührliches war geschehen. Der Ehefrieden war in Gefahr. Schuld war die Fremde. Die Fremde und ihr Lutscher.

Von Elke Schroeder

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Vanity Teil 2 – Elke Schroeder

Es war kurz nach elf mitten im September, als Vanity das Dorf in zwei Lager spaltete. Das der Lollybefürworter und das der Lollyhasser. Vanity ahnte nichts davon. Sie schlief bereits. Nackt und traumlos lag sie auf weißen Laken.

Hermes keuchte vor Anstrengung. Er wollte nicht von Nikos Schulter fallen. Krampfhaft klammerte er sich mit einer Hand an das Fensterbrett. Die andere krallte er in Nikos Lockenkopf. Jetzt glotzte er gierig auf Vanitys Schamhaar. Ein schmaler Streifen, braun und gekräuselt. Heller im zarten Rosa, zwischen den Beinen. Nikos schwankte.
„Du nimmst mir die Sicht, Fettsack“, rief er ärgerlich.

In der Tat lappte Hermes mächtiger Bauch wie eine umförmige Einkaufstüte über Nikos Gesicht.
„Außerdem schwellen deine Eier an. Sie strangulieren mich.“
Vanity drehte sich im Schlaf. Ihr Daumen fand den Mund, hielt ihn fest, saugte. Hermes stöhnte auf. Er war betrunken, schon, aber steif wie nie zuvor. Zitternd kletterte er von Nikos Schultern. Dann schlug er den Weg zum Strand ein. Wortlos.
Noch im Laufen öffnete er den Reißverschluß seiner Jeans, griff hinein, rieb sich den Schwanz mit der Hand, ein paar Mal nur. Samen vermischte sich mit Meeresgischt. Eine Sternschnuppe fiel glitzernd vom Himmel. Hermes hatte keine Wünsche. Er übergab sich. Zuviel Schnecken.

Mit Vanitys Eintreffen änderte sich das Leben in Tambiki schlagartig. Viele Männer legten die Arbeit nieder. Die wenigen Fischer, die ihre Netze noch auswarfen, vergaßen später, sie wieder einzuholen. Selbst, wenn sie daran dachten, nahmen sie den Fang nicht wahr oder ließen die zappelnden Fischleiber gleichgültig zurück ins Meer gleiten. Verträumt saßen sie in ihren Nußschalen, trieben ziellos vor der Küste umher.
„Woher komme ich?“ fragten sie sich. „Und was habe ich auf dem Meer zu schaffen?“

Aber am meisten beschäftigte sie die Frage, was Vanity wohl gerade trieb.
Fisch verfaulte in Eimern, Olivenbäume vertrockneten. Wasser tropfte aus porösen Schläuchen, versickerte an falschen Stellen. Aus den Gewächshäusern roch es faulig und in den Tavernen musste man sich selbst bedienen.
Die Frauen tobten. Sie erhoben die Stimmen und versprühten ihr Gift. Zuletzt drohten sie mit Liebesentzug. Das hatte immer gewirkt. Doch diesmal war es nutzlos. Diesmal stießen sie auf taube Ohren. Gelegentlich kam es schon mal zu Seitensprüngen. Das war allen klar, auch den Frischvermählten. Ein Gesetz der männlichen Natur, dem sie sich bereitwillig beugten. Wenn sich niemand erwischen ließ, nahm das Leben seinen Lauf. Und selbst, wenn die Sache herauskam, lief die Ehe nie wirklich Gefahr. Ein Machtwort reichte, um den Abtrünnigen in den Schoß der Familie zurückzuführen. Auch das war Gesetz der männlichen Natur, der feigen und sicherheitsliebenden. Sollten sie mit ihren Schwänzen doch anstellen, was sie wollten. Das Zepter der Macht lag ja doch in der Hand der Ehefrau. Im Hintergrund regierte sie. Sorgte für Familie, Ehre und Ansehen. Doch nun war die Hure mit den Lutschern gekommen. Verdrehte allen den Kopf. Trieb einen Keil in den häuslichen Frieden. Es ging so weit, daß die Männer begannen, ihr Haar zu waschen. Viel zu oft und mit duftenden Ölen.

„Bei uns riecht es wie in einem türkischen Badehaus“, beschwerte sich Katharina. Sie strich sich über den mächtigen Bauch. Schwanger im siebten Monat.
„Nikos ist verrückt geworden. Er badet. Stellt euch das vor. Badet den lieben langen Tag und zwickt mich in den Hintern. Wasserspielchen will er. Ich bin hochschwanger, verdammt noch mal!“
Die dürre Maria nickte ernst. Seit ihr Mann an den Rollstuhl gefesselt war, nahm sie nicht mehr zu. Tag für Tag schob sie das klobige alte Modell mit den quietschenden Reifen durch das Haus. Er könnte längst wieder gehen, wenn er wollte, sagte der Arzt. Doch Perikles wollte nicht. Er bestand darauf, geschoben zu werden. Seine Armmuskulatur war zu schwach, das Gefährt selbst in Schwung zu bringen. Das glaubte jedenfalls seine Frau. Es freute Perikles, sie hinter sich zu wissen. Zu sehen, wie sie sich abschuftete, quälte und den Reifen wütende Tritte versetzte. Für ein neues Modell brachte er kein Verständnis auf. Abend für Abend hievte sie ihn ins Ehebett, auf seine Matratze, während er sich so schwer wie möglich machte. Seit der Sache mit dem Rollstuhl war ihr das Lachen vergangen. Humor war ihr so fremd geworden wie Körperfett.

Maria trug ihr Haar hochgesteckt. Ein einfacher roter Herrenkamm hielt das monströse Gebilde auf ihrem Hinterkopf zusammen. Es war nicht leicht, ihren Worten zu folgen. Marias Stimme war unerträglich. Man dachte an ratternde Rührhaken auf Höchststufe. Maria wies auf ihre Frisur:
„Perikles will, dass ich das Haar wie sie trage“, hob sie an.
Roula kicherte. Dann platzte sie heraus:
„Mit dem Kamm siehst du jedenfalls aus wie ein zu groß geratener Hahn!“
Eine schwarzgekleidete Alte schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Die anderen schauten befangen weg.

Maria presste die Lippen zusammen. Es entstand ein dünner erzürnter Strich. Drohend baute sie sich vor Roula auf.
„Nichts für ungut!“ murmelte diese und wandte sich zum Gehen. Maria riß sie an den Haaren zurück. Mit einem kräftigen Ruck. Roula schrie auf. Der plötzliche Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen.
„Laß mich los, du hagere Henne,“ schrie sie.
Maria dachte nicht daran. Sie umklammerte Roulas Haaransatz und begann, daran zu ziehen. Roula ging wimmernd in die Knie. Schien aufzugeben. Dann holte sie aus und schlug zu. Mit ihrer kleinen Faust direkt auf die Hahnennase. Maria jaulte überrascht auf. Blut schoss aus ihrer Nase. Roula konnte sich befreien. Sie rannte davon.
„Du Miststück!“ schrie Maria ihr hinterher.
Sie wollte nach einem Stein greifen, bückte sich.

Katharina hielt sie zurück, gab ihr ein Taschentuch.
„Lass die kleine Schlampe. Sie ist nicht besser als die Fremde. Gestern hab ich sie erwischt. Vor dem Spiegel mit einem Lolly … hat versucht, diese Hure nachzuahmen … wißt ihr übrigens …“
Die Frauen der Fischer tuschelten noch lange. Erst als die Sonne im Meer versank, rot und feurig, stoben sie eilig auseinander. Wie aufgeschreckte Hühner.

Michalis beobachtete seine Frau. Mit flinken Bewegungen leerte sie die Wäschetrommel. In letzter Zeit gab es viel zu waschen. Hauptsächlich Taxifahrerhosen.
Seit Tagen schon stellte er Vanity nach. Natürlich in seinem Taxi. Das fiel nicht weiter auf. Er fuhr oft durch das Dorf, um Touristen zu befördern. Heute war seine Geduld belohnt worden. Er sah Vanity vor der Kirche. Sie spielte dort Fußball. Die Kinder mochten sie, war sie doch selbst noch ein Kind. Außerdem schenkte sie ihnen Lollys.
Michalis erinnerte sich: Vanity jagte dem Ball nach. Mit weißen Turnschuhen und straffen Oberschenkeln. Ihr langes Haar war zu einem Zopf gebunden. Einmal stolperte sie. Die Kinder kreischten vor Vergnügen und purzelten über sie. Vanity lachte und nahm den Kleinsten Huckepack. Sie rannte mit ihm um den Platz. Der Junge schlang die Arme um ihren Hals. Unschuldige Hände berührten flüchtig ihren Busen. Vanity trug ein Bikinioberteil in den Farben der amerikanischen Flagge. Nebenan in den Tavernen saßen die Fischer. In sauberen Kleidern und mit geölten Haaren. Ein Fußballspiel der Champions League wurde übertragen. Griechenland gegen Türkei. Der Fernseher blieb unbeachtet. Es gab ein wichtigeres Spiel: Vanity gegen die Kinder. Ein Fischer erinnerte sich plötzlich seiner Vaterrolle und schloss sich dem Spiel der Kinder an. Sein Sohn war überglücklich. Andere Väter folgten nach. Bald war der kleine Platz vor der Kirche voller Menschen. So voll wie sonst nur an kirchlichen Feiertagen. Väter und Kinder in einträchtiger Freude. Mittendrin stand Vanity und machte den Torwart.

Michalis verspürte Eifersucht. Wo zum Teufel war sein verdammter Sohn? Warum spielte der dumme Bengel lieber Geige?
Mißmutig fuhr er nach Hause.
Mißmutig betrachtete er jetzt seine Frau. Noch immer hockte sie vor der Waschmaschine. Die derben Waden in den löchrigen Nylonstrümpfen machten ihn wütend. Sein Zorn erregte ihn. Ließ sein Glied erneut anschwellen. Er hörte nichts mehr. Zuviel Blut rauschte durch seine Ohren, laut und pochend.
Er stand auf, trat an die Waschmaschine. Seine Hand fasste zwischen das Nylon, zeriss es, wanderte höher, unter den Rock. Sie ließ es sich gefallen, lachte albern. Das machte ihn noch größer. Seine Finger fassten in Haare, glitten in Nässe. Das Luder ist feucht, dachte er. Feucht wie ihre Wäsche. Michalis öffnete seine Hose. Dann schob er ihren Rock hoch. Hart und groß drang er in sie ein. Die Hitze verschlang seinen Zorn. Als er kam, war das Fußballspiel zu Ende. Griechenland hatte 2:1 gewonnen.

Perikles zählte Geld. Seit dem Unfall bekam er eine kleine Rente. Maria wusste nichts davon. Sie arbeitete im Gewächshaus. Das Gemüse verkaufte sie auf dem Wochenmarkt. Davon ließ sich nicht leben. Also half sie abends in Katharinas Taverne, spülte Geschirr und kochte für Touristen. Perikles genoss ihre Abwesenheit. Sobald sie das Haus verließ, rollte er durch das Haus. Das Quietschen der alten Reifen störte ihn nicht. Er hatte sich daran gewöhnt. Von Zimmer zu Zimmer fuhr er und durchsuchte die Schränke. Er wollte sichergehen, dass sie kein Geld versteckte. Seit einiger Zeit hatte er das Gefühl, daß sie fort wollte. Fort von ihm und seinem Rollstuhl. Das musste er verhindern. Sie sollte büßen. Buße für sein verlorenes Leben, für die falsche Entscheidung. Deshalb drehte er jeden Topf um und untersuchte die Buchseiten ihrer albernen Krimis. Er schaute sogar in den Backofen. Seit den ausgiebigen Exkursionen durch das Haus war seine Armmuskulatur noch kräftiger geworden. Sein Geld führte Perikles stets bei sich. Es steckte unter dem Sitz seines Rollstuhls. Dort war es sicher. Maria hasste den Stuhl. Sie hasste auch ihn, und das wiederum freute ihn. Er hatte Maria nie heiraten wollten. Aber sie besaß Olivenbäume. Mehr als seine Familie in hundert Jahren jemals besessen hätte. Maria hatte Grundbesitz und damit den Segen seiner Eltern. Perikles war jung und voller Ideale, damals, als er sich dem Willen seines Vaters beugte und in die Heirat einwilligte. Dabei gehörte sein Herz einer anderen, einer jüngeren mit weniger Land. Kurz nach seiner Hochzeit ging sie fort. Aus Kummer, sagten die Leute. Perikles suchte sie. Seit Jahren schon. Dafür brauchte er all sein Geld. Seit dem Unfall hatte er die Suche aufgegeben. Wer wollte schon einen Mann im Rollstuhl? Perikles wollte sterben. Doch vorher musste er die schöne Fremde treffen. Ihr sein Geld geben und den Lohn einstreichen. Den letzten in seinem Leben. Es war viertel nach neun, Ende September und Perikles verbarg das Gesicht in den Händen. Er weinte.

Manolis kontrollierte den Warenbestand. Er stand vor dem Regal mit den Sonnenschutzmitteln. Es war leer. Verdutzt kratzte er sich an der Stirn. Er konnte sich nicht erinnern, so viel Sonnenmilch verkauft zu haben. Sicher gab es eine Erklärung. Er würde seinen Sohn fragen. Hermes vertrat ihn regelmäßig in den Nachmittagsstunden.
Manolis ging weiter. Er schritt die Regale ab. Ab und zu schrieb er etwas auf einen Block. Machte Notizen und zog Spalten. Nun stand er vor den Kondomen. Sie waren weg. Alle. Auch die Ladenhüter, die mit Kirschgeschmack. Manolis sog hörbar den Atem ein. Etwas schlug in ihm Alarm. Eilig schritt er zur Ladentür, trat hinaus auf den kleinen Supermarktparkplatz. Er blickte auf die andere Straßenseite, zu dem Haus mit grüngestrichener Fassade. Das obere Fenster war geöffnet. Manolis legte die Hände um seinen Mund, formte einen Trichter.
„Hermes!“ schrie er laut.
Dann noch mal: „Hermes! Beweg deinen dicken Arsch hier runter. Du hast mir was zu erklären.“
Hermes kam nicht.

Von Elke Schroeder

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Vanity Teil 3 – Elke Schroeder

Vanity lag im Schatten unter den ausladenden Ästen eines großen Salzbaumes. Die Luft roch nach Seetang und Kokosmilch. Nach dem anstrengenden Genuss zweier Kirschlollys war sie schläfrig geworden. Unter der frühen Herbstsonne hatte ihre Haut eine gesunde Bräune angenommen. Ein gelber Schmetterling landete auf ihrem Oberschenkel. Mit zitterndem Flügelschlag. Angelockt von Kokosduft. Vanity lächelte. Sie träumte. Von Amerika und Doktor Martin, dem Psychiater, Spezialist auf dem Gebiet der Zwangsneurosen. Der Schmetterling wanderte höher, erhob sich kurz in die Luft und ließ sich erneut nieder. Das kräftige Gelb seiner Flügel bildete einen scharfen Kontrast zum Bikinihöschen, zu den Farben der amerikanischen Flagge. Vanity war kitzelig. Sie bewegte sich. Ihre Hand fuhr hinunter auf das winzige Bikinidreieck, suchte nach der Ursache. Schläfrig und nachlässig. Der Schmetterling blieb sitzen.

Hermes hatte Sonnenbrand. Das war ihm neu. Seine Haut war an Schatten gewöhnt. An Schatten und Ausdehnung. Hermes litt. Versteckt hinter einem Steinwall. In Vanitys Nähe. Steine bohrten sich in sein weiches Fleisch. Einige blieben kleben, auf der Hinterseite seiner massigen Oberschenkel. Hermes griff nach der Sonnenmilch.
Die Flasche war fast leer. Er brauchte fast alles für den Bauch, die vielen Fettrollen, die nun rot waren. Sie schmerzten bei jeder Berührung.
Gierig sogen sie die weiße Milch auf. Hermes hatte wunde Stellen. Zwischen den Wülsten, in den Falten, wo sich der Schweiß sammelte. Neben der Sonnenmilch lag das Fernglas. Ein Feldstecher aus Deutschland. Der beste, wie die Leute behaupteten. Zur Zeit der deutschen Besatzung war er seinem Großvater in die Hände gefallen. Bei einer Schlacht in den Bergen, aus der die Partisanen siegreich hervorgegangen waren. Der Feldstecher war Großvaters einziger Stolz. Er hatte keinen Grund, auf etwas anderes stolz zu sein.
Großvater verachtete Hermes, den fetten Nichtsnutz. Ihm fehlte das Herz eines Partisanen. Hermes war das gleich. Wichtig war, dass der Feldstecher seine Aufgabe erfüllte. Hermes führte seinen eigenen Krieg. Eine Schlacht gegen die Konkurrenz und die Sonne. Dafür brauchte er zwei Dinge: Sonnenmilch und Kirschkondome. Eine der roten Latexhüllen trug er gerade jetzt. Unter seiner blauen Badehose, über verschrumpelter Haut. Für eine richtige Erektion war es zu heiß. Außerdem schmerzte sein Bauch. Aber Hermes wollte bereit sein. Wenn die Fremde ihn ranließ, wollte er sie überraschen. Mit Kirschgeschmack. Hermes blickte durch das Fernglas. Er stellte die Schärfe ein. Eifersucht überkam ihn. Wut auf einen Schmetterling mit gelben Flügeln. Es war zehn nach zwölf, Ende September. Hermes litt. Die Thermometer in Tambiki stiegen auf 35°C.

Maria riß sich den roten Kamm aus den Haaren. Schwarze leblose Strähnen fielen schlaff auf hagere Schultern. An einigen Stellen bereits grau. Das frühzeitige Grau von zuviel Kummer, zuviel Rollstuhl. Maria war wütend. Perikles sprach nur noch von Vanity, dem amerikanischen Flittchen. Seiner verlorenen Liebe ähnele sie, sagte er. Sollte er sich doch von ihr schieben lassen. Maria stand vor dem Spiegel. Zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte sie eine Haarsträhne. Das half ihr beim Nachdenken. Die Fremde musste wieder fort. Daran gab es nichts zu rütteln. Nur das „wie“ war ihr noch nicht klar. Maria taxierte ihr Spiegelbild. Sie hob den Daumen zum Mund, umschloss ihn mit dünnen Lippen. Speichel benetzte das Nagelbett. Die Haut über der Oberlippe kräuselte sich, formte zahlreiche Fältchen. Noch lange, nachdem ihr die Lösung eingefallen war, saugte Maria an ihrem Daumen.

Am späten Nachmittag kam Wind auf. Nordwind. Schonungslos blies er über die glatte Meeresoberfläche, rauhte sie auf, formte erste Schaumkronen.
Nikos hatte ein Problem. Genau genommen wusste er noch nichts davon. Denn er war eingeschlafen auf seiner Luftmatratze. Seit Wochen schon fuhr er nicht mehr zum Fischen hinaus. Sein Boot lag vertäut im Hafen wie das der anderen Fischer, seit Vanity in Tambiki war. Nikos hatte eine andere Vorliebe für das Wasser entdeckt. Neuerdings planschte er nicht nur in der häuslichen Badewanne, sondern auch an Tambikis Küste. Regelmäßig und in Sichtweite des alten Salzbaumes mit den ausladenden Ästen. Heute hatte er Hermes entdeckt. Versteckt hinter einem Steinwall. Auf dem Rücken, zappelnd wie ein fetter Käfig, war er dagelegen.

Kurz glaubte Nikos auch, das Rad eines Rollstuhl gesehen zu haben. Gleich hinter dem Stamm des Baumes, unter dem Vanity schlief. In ihrem göttlichen Bikini. Irgendetwas hatte auf ihrem Venushügel gesessen. Doch was es war, konnte Nikos nicht erkennen. Dazu war er zu weit entfernt. Überhaupt war er sehr weit von Tambikis Küste entfernt, jetzt, wo die Luftmatratze ihn auf das offene Meer hinaustrieb. Nikos hatte zwei Probleme, von denen er noch nichts wusste. Das eine war die Sache mit der Luftmatratze, das andere war die Fruchtblase seiner Frau, die gerade platzte und an ihren Oberschenkeln hinunterlief. Katharina geriet in Panik. Sie rief nach Nikos. Doch dort, wo er sich gerade befand, konnte ihn kein Ruf mehr erreichen.

Perikles schämte sich. Nicht nur sein Lebenswille war gebrochen, auch sein restlicher Stolz war dahin. Was hatte er sich nur bei der ganzen Sache gedacht? Sein Plan schien so perfekt. Noch einmal wollte er in den Armen einer schönen Frau liegen. Im Schoß dieser Fremden wollte er sein kümmerliches Leben vergessen, ein letztes Mal, bevor er es tatsächlich beendete. Als Maria das Haus verließ, war er aufgebrochen. Unbemerkt von neugierigen Nachbarn und beflügelt von neuem Mut war er zum Strand gerollt. In der schwitzenden Hand ein dickes Bündel nagelneuer Drachmenscheine. Er wollte für diese letzte Eroberung bezahlen. Bezahlen und sich an Christina erinnern. Seine schöne Christina.
Perikles fand Vanity schlafend vor. So leise es sein Rollstuhl zuließ, schob er sich an den alten Salzbaum heran. Lange saß er dort und beobachtete die außergewöhnliche Schönheit. Längst vergessene Lieder kamen ihm in den Sinn, süße Melodien überfluteten sein Herz, ließen es anschwellen. Erinnerungsfetzen ausgelebter Leidenschaften ließen ihn erschauern, brachen über ihn herein, hielten ihn umklammert.
Tränen rannen über sein Gesicht, tropften auf das Geld in seiner Hand, durchnässten es mit alter Schuld. Papier, dachte Perikles. Es ist nur ein Haufen nutzloses Papier. Ein Bündel Geld für einen verlorenen Traum. Die Scheine brannten in seiner zitternden Hand. Er ließ sie los. Der Wind nahm sich ihrer an und trug sie fort, in verschiedene Richtungen. Ein 10.000 Drachmenschein verfing sich in Vanitys Bikini. Zwischen ihren Brüsten. Sich der Ironie des Zwischenfalls bewußt, ergriff Perikles tiefes Entsetzen. Irgendjemand legte einen Schalter um. Mitten in seinem Kopf. Gott hatte Erbarmen und löschte das Licht. Jetzt sah er nur noch Christina, dort vorne unter dem Baum, besudelt von seinem Geld. Perikles ließ sich aus dem Rollstuhl gleiten. Er fiel auf die Knie. Auf weiße Kieselsteine. Er nahm die Schmerzen nicht wahr, rutschte vorwärts.
„Verzeih mir, Liebe“, flehte er, mit ausgestreckter Hand. Seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Er schob ein Knie vor das andere, tränenblind, bewegte sich auf Vanity zu, auf Christina, auf seine Vergangenheit. Da, plötzlich, umgriffen ihn starke Arme, hoben ihn auf, trugen ihn zurück.

Vanity war verwirrt. Warum kroch der weinende Mann auf sie zu? Und was hatte es mit dem vielen Geld auf sich, der fremden Währung, die rings um sie verstreut lag. Vanity entschied sich schnell. Sie sprang auf und half dem Mann zurück in den Rollstuhl. Das regelmäßige Fitnesstraining machte sich nun bezahlt. Vanity beschloss, noch mehr zu trainieren. Ihr tat der Mann leid. Nachdem sie ihn in den Rollstuhl gesetzt hatte, machte sie sich daran, das Geld einzusammeln. Aber er wollte es nicht. Sie brauchte es aber auch nicht. Also ließ sie es liegen, dort auf den weißen Steinen, als sie den Strand verließ. Ihr war nach einem Lolly. Vielleicht auch nach zwei.
Maria stemmte ihr Körpergewicht gegen das kleine Fenster. Es war nur angelehnt, doch es klemmte. Endlich, nach einer Weile gab es nach und schwang zurück. Maria stieg auf das Fensterbrett, schaute nervös zu den angrenzenden Häusern und sprang.

Vanitys Zimmer war bescheiden. Ein einfaches Bett neben einem nachlässig gezimmerten Kleiderschrank. Eine Lampe gab es nicht. Nur eine nackte Glühbirne ragte aus der gekalkten Decke. Maria war nervös. Sie musste sich beeilen. Hastig öffnete sie die Schranktür, kramte in Schubladen. Nichts. Sie bückte sich und schaute unter das Bett. Dort lag nur eine Reisetasche. Im Bad fand sie einen Wickelrock, rot und aus feiner Seide. Maria steckte ihn ein. Dann zog sie die Reisetasche unter dem Bett hervor. Der Reißverschluß klemmte. Ihr lief die Zeit davon.
Maria ging in die Küche, fand ein Messer und schnitt ein Loch in die Tasche. Dann zeriß sie den Stoff. Machte das Loch größer als notwendig, aus Wut. Unten auf dem Boden der Reisetasche fand Maria endlich, was sie suchte. Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Bevor sie das Zimmer verließ, zerschnitt sie noch einige Kleidungsstücke.

Es war Donnerstag, viertel nach sieben, als Perikles den steilen Bergpfad hinauf rollte. Die Räder des schweren Rollstuhls gruben sich in den sandigen Untergrund, drehten durch. Perikles gab nicht auf. Gott hatte das Licht gelöscht und das war gut so. Das verlieh ihm Kraft. Oben wartete Christina. Das wusste Perikles. Deshalb schob er sich weiter, stetig hinauf, bis an die Spitze.
Als die Räder an Bodenkontakt verloren, kurz hinter dem Abgrund, und mit Perikles ins Leere stürzten, durchzuckte Christina ein stechender Schmerz. Direkt hinter der Stirn. Hinter ihrem Schreibtisch im fernen New York dachte sie an ihre Heimat, an Tambiki und Perikles.

Als Nikos von der Küstenwache aufgefischt wurde, gebar Katharina einen gesunden Jungen, rot und runzelig.

Vanity waren die Lollys ausgegangen. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren ganzen Vorrat aufgebraucht zu haben. Langsam wurde sie nervös. Sie durchsuchte alle Taschen, öffnete und verschloss Reißverschlüsse, riss sämtliche Kleider aus dem Schrank. Die Zerschnittenen nahm sie kaum wahr. Sie hatte keinen einzigen Lolly mehr. Panik ergriff sie.
Spät in der Nacht tätigte Vanity ein Ferngespräch. Ins ferne Amerika. Sie sprach mit Dr. Martin, dem Psychologen.

Michalis beförderte einen Fahrgast. Seit dem Zwischenfall vor der Waschmaschine ließ ihm seine Frau keine Ruhe mehr. Immerzu war sie bereit, ständig verlangte sie nach Sex. Das Ehebett lehnte sie ab. Michalis grinste. Mittlerweile trieben sie es überall. Im Stall neben den Ziegen, im großen Weinbottich hinter dem Haus und sogar in seinem Taxi, hinten auf dem Rücksitz. Vanity hatte seiner Ehe gutgetan. Sein Schwanz war unersättlich, rot und wund. Michalis schaute in den Rückspiegel, auf die Fahrgastbank. Dorthin, wo er gestern gekommen war. Man konnte den Fleck nicht sehen. Der Touristenhintern verdeckte ihn. Michalis fragte sich, was ein Mann wie dieser in Tambiki zu suchen hatte. Er schien reich zu sein. Das verriet sein gepflegtes Äußeres, die wertvoll aussehende Uhr an dem gebräunten Handgelenk. Sein Fahrgast war attraktiv. Michalis verspürte keinen Neid. Er war vollkommen zufrieden. Zufrieden mit sich und seiner reghaften Libido.

Es war der erste Tag im Oktober. Der Wind hatte nachgelassen. Die Luft war feucht und schwül. Fischer saßen an den Tischen. Sie spielten Karten mit groben Gebärden. Mit fettigen Haaren und schmutziger Kleidung. Frauen eilten zwischen den Tischen hin und her, verteilten Speisen unter den Touristen. Kinder in leichten Shorts spielten Fußball auf dem Vorplatz der kleinen Dorfkirche. Ab und zu winkten sie Vanity und dem Fremden zu, der an ihrem Tisch saß. Vanity lachte und winkte zurück. Sie war glücklich. Dr. Martin hielt ihre Hand. Er war eigens aus Amerika gekommen, um ihr Lollys zu bringen. Kirschlollys, eingehüllt in buntem Papier.

Hermes aß Muscheln. Das T-Shirt bedeckte seinen Bauch nur zur Hälfte. Rot und wund quoll er unter der Baumwolle hervor, schmerzte, wenn er auf die massigen Oberschenkel aufstieß. Hermes besaß viel Geld. Er hatte es von Perikles geerbt. Das glaubten jedenfalls die anderen. Als Dr. Martin nach Tambiki gekommen war, hatte Hermes die Kirschkondome zurück in das Regal geräumt. Er brauchte auch keine Sonnenmilch mehr. Aber das Geld von Perikles trug er bei sich. Denn heute war ein Festtag. Heute würde er seine Freunde einladen. In die Bar mit den Freudenmädchen, den leichtbekleideten. Und er würde alles bezahlen. Er, Hermes, der Fettsack.

Maria trug Trauerkleidung. Sie arbeitete in der Küche. In Katharinas Taverne. Heute waren viele Gäste da. Roula trug die Teller hinaus an die Tische. Vanity und der fremde Arzt hatten Krebsfleisch bestellt. Der heutige Fang war gut gewesen. Maria füllte die Teller mit weißem Krebsfleisch. Das Essen brachte sie persönlich hinaus an den Tisch. Sie mochte Dr. Martin. Er war schließlich Arzt. Reich und angesehen. Das gab sie unumwunden zu. Auch vor den anderen Frauen, in der Küche, zwischen den Kochtöpfen. Auch Vanity war ihr ans Herz gewachsen. Seit sie in Begleitung war.

Es war der erste Tag im Oktober, kurz vor Mitternacht, als Hermes sich über die Brüste einer Barbedienung übergab. Zuviel Muscheln.

Von Elke Schroeder

I Germanía íne polý krýo – Roger Möckel 

Stelios lebt in einem Dorf an der Südküste Kretas und arbeitet beim örtlichen Metzger. Tagaus tagein ist er damit beschäftigt, die Tavernen im Dorf mit frischem Fleisch zu versorgen. Da das Dorf immer mehr vom Tourismus als vom Fischfang lebt, hat er vor allem während der Saison reichlich zu tun. So sieht man ihn am Tag mindestens 150 Mal (jedenfalls kommt es einem so vor). Im Dorf selbst läuft er seine Kunden plastiktütenbehangen mit athletischem, federnden Gang zu Fuß ab, die Tavernen am nahegelegenen Strand versorgt er mit seinem Moped.

Bei aller Arbeit ist Stelios immer höflich. Nichts scheint ihn aus der Ruhe bringen zu können. Wie viele Kreter wirkt er etwas geheimnisvoll: Er ist wortkarg und blickt einen aus dunklen, ja fast schwarzen Augen stechend an. Sein Schnurrbart lässt ihn etwas älter als seine ca. 30 Jahre und auch grimmiger erscheinen, dieser Eindruck täuscht aber: Er ist eine Seele von einem Menschen. Das verschmitzte Lächeln, dass stets seinen wortlosen Gruß begleitet, macht ihn ungemein sympatisch. Insbesondere auf Frauen scheint dieses Lächeln nachhaltig Eindruck zu machen …

Man bemerkt sofort, dass Stelios sehr stolz ist auf seine Insel. Dies hat er bis vor einigen Jahren auch gelebt: Er hatte sie bis dahin noch nie verlassen! Und zu dieser Zeit war er etwa 25 Jahre alt. Nichts und niemand schien Stelios von seinem Kreta weglocken zu können, bis es sein Kumpel Takis schaffte, ihn neugierig zu machen. Takis hatte lange Jahre in Deutschland gelebt und wollte jetzt, wo die Saison zu Ende ging, wieder für einige Monate nach dort. Die Tavernen im Dorf würden über den Winter fast alle geschlossen sein, damit lief auch die Arbeit eher gegen Null. So konnte Takis Stelios schließlich überreden, nach der Olivenernte für ein oder zwei Monate mit nach Deutschland zu kommen.

Ende Januar begann also für Stelios sein bisher größtes Abenteuer: Er würde Kreta verlassen und ein fremdes Land sehen! Die Reise führte die beiden Freunde in den Osten Deutschlands, wo der gewitzte Takis längst in einem griechischen Restaurant angeheuert hatte. Takis ist optisch und vor allem akustisch das krasse Gegenteil von Stelios: Kurz und leicht untersetzt, immer einen frechen Spruch auf den Lippen.

Zu dieser Jahreszeit hat Deutschland ja bekanntermaßen nicht eben mediterrane Temperaturen zu bieten. Der arme Stelios wurde von den wochenlangen Minusgraden vollkommen überrascht. Wahrscheinlich hatte ihm Takis vor der Abreise etwas von „ist gar nicht so schlimm“ vorgeflunkert. So reduzierte sich Stelios Interesse für Deutschland ausschließlich auf den warmen Ofen, der in der Küche des griechischen Restaurants stand. Tage-, nein wochenlang kauerte er neben „seinem“ Ofen, der das Leben für ihn einigermaßen erträglich machte. Den Tag seiner Rückreise nach Kreta herbeisehnend… Nach Wochen des Wartens wurde es ihm schließlich zu bunt: Kurz entschlossen bestieg er das nächstbeste Flugzeug nach Kreta und entfloh dem niemals enden wollenden deutschen Winter.

Wir trafen ihn wenig später im Frühjahr und fragten interessiert, wie er denn Deutschland so fände. Seine Antwort fiel so liebenswert wie kurz aus: Er schlug die Arme um den eigenen Körper und zitterte wie Espenlaub! Das blieb sein einziger Kommentar zu Deutschland.

Wir sind uns irgendwie sicher, dass er unser Land nie mehr besuchen wird … Eigentlich schade!

Von Roger Möckel

Ein Haus auf Kreta – Ursula Holz

Ihr werdet Euch sicher wundern, wenn Ihr erfahrt, wer euch hier etwas aus seinem Leben erzählen will, denn ich bin ein Haus.
Normalerweise halten sich Häuser ja eher geschlossen und ich habe es mir sehr lange überlegt. Ich tanze einfach mal aus der Reihe.

An meinen ersten Tag kann ich mich so gut erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. In meinem Inneren waren ganz viele Leute und alle redeten durcheinander.
Zwei Männer waren damit beschäftigt das Ofenrohr anzubringen und alle anderen wussten viel besser, wie man so was macht. Eigentlich hätte ich mir zu meiner Geburt schon eine feierlichere und friedlichere Atmosphäre gewünscht, aber es war wenigstens Leben in der Bude.
Oh, das Wort „Geburt“ in meinem Zusammenhang sollte ich vielleicht erklären. Es ist nämlich so, dass ein Haus erst anfängt zu leben, wenn ein Herd Einzug hält.

Während die getane Arbeit mit Raki begossen wurde, machte ich mir Gedanken, wer wohl meine Bewohner werden würden. Ich wünschte mir die junge Frau und den Mann, die sich immer so verliebt anschauten. Spät, ziemlich spät gingen dann alle nach Hause und ich sah, wie sich das Pärchen auf dem Weg noch einmal zu mir umdrehte und sich küssten. Glück gehabt, dachte ich. Die nächsten Wochen vergingen damit, dass immer mehr Möbel durch meine Tür hereingebracht wurden. Mir gefiel das Bett am besten. Es war aus hellem Holz und am Kopfteil mit wunderschönen Schnitzereien verziert.
Eines Tages versammelte sich das ganze Dorf vor und in mir. Sie hatten eine Truhe mitgebracht, begutachten mich und das Mobiliar und warfen Geld und Kinder auf das Bett. Es wurde gegessen und getrunken und Musik gab es auch.
So, dachte ich. Jetzt ist es soweit. Langsam war ich nämlich schon ein bisschen ungeduldig geworden. Ich wollte doch endlich das Zuhause von Eleni und Manousos (inzwischen kannte ich ihre Namen) werden. Aber alle verschwanden wieder, auch die beiden.

Ein paar Tage später wurde ich durch Gewehrschüsse, Musik, Gesang und Gelächter geweckt. Die ganze Nacht konnte ich kein Fenster mehr zumachen und es war schon lange hell, als ich meine beiden schwankend auf mich zukommen sah. Endlich zogen sie ein und ich war bewohnt.

Die ersten Monate waren die schönsten. Manousos verließ uns nur für ein paar Stunden am Tag und ich freute mich immer über die überschwänglichen Verabschiedungs- und Begrüßungsrituale. Der erste Baum wurde gepflanzt und der Gemüse- und Blumengarten von Eleni war eine wahre Pracht.
An einem heißen Tag wurde ich durch einen Schrei aufgeschreckt. Eleni schien es nicht gut zu gehen. Sie tat mir furchtbar leid und ich war froh, dass Manousos gerade vom Feld zurück kam. Er rannte sofort wieder los und kam mit Maria, Elenis Mutter, zurück. Ich glaubte meinen Fenstern nicht zu trauen. Er blieb draußen, lief ständig auf und ab rauchte eine Zigarette nach der anderen, während Eleni offensichtlich litt. Irgendwann hörte ich sie dann aber nicht mehr. Stattdessen quäkte irgendetwas. Es dauerte eine Weile bis ich begriff. Wir hatten Zuwachs bekommen. Den – oder besser die Erste von dreien. Und das war (wie ich später erfuhr) auch der Grund, warum sich Manousos nicht so freute, wie ich (und nicht nur ich) es eigentlich erwartet hätte. Einmal bekam ich mit, wie er mit seinem Vater über seine Sorgen sprach. Es ging darum, wie er die Mitgift seiner Tochter finanzieren sollte.
Nach Maria kamen dann noch Kostas und Nikos. Es wurde quirlig und ein wenig eng. Ich bin ja schließlich nur ein ganz kleines Haus und wahrscheinlich verbrachte Manousos deshalb auch immer mehr Zeit im Kafenio.
Einmal hatte er ganz viel Arbeit mit mir. Das war, nachdem es mal sehr stark gewackelt und ich ein paar Risse bekommen hatte. Das Dach musste ebenfalls geflickt werden. Meine Seele war auch beschädigt. Bis dahin war ich so stolz gewesen, dass ich die Erschütterungen immer unbeschadet überstanden hatte.

Die Jahre vergingen, die Kinder wurden größer und das Dorf immer leerer. Viele Nachbarn zogen in die Stadt, weil man dort mehr Geld verdienen konnte. Auch Maria und Kostas gingen, um in Hotels zu arbeiten. Ich habe gehört, das sind Riesenhäuser, in denen Hunderte von Gästen beherbergt werden, die dafür bezahlen. Es gibt schon komische Sachen. Nikos verließ uns dann auch. Er verließ sogar die Insel. Athen ist weit weg und soll unvorstellbar groß sein. Man sagt, dort leben mehr Menschen, als Oliven in einem guten Jahr an den Bäumen eines ganzen Hains wachsen.
Eleni und Manousos wurden alt und immer gebrechlicher und eines Morgens wachte Manousos nicht mehr auf. Eleni überlebte ihn noch 3 Jahre. Maria kam dann, räumte mich aus und seitdem habe ich keinen mehr aus der Familie gesehen. Ich sehe auch sonst nur selten jemand.
Im Sommer – ja da kommen Autos. Die Leute steigen aus und fotografieren die Überbleibsel meiner Artgenossen. „Pittoresk!“ sagen sie. Was immer das auch heißen mag. Mich übersieht man meistens. Erstens stehe versteckt hinter Bäumen und zweitens sehe im Vergleich noch sehr gut aus. Die interessieren sich wohl nur für Ruinen.

Letztes Jahr waren ein Mann und drei Frauen hier. Ich konnte mir nicht so recht zusammenreimen, wie die zusammengehören. Manousos sagte immer: „Die eine Frau ist schon zu viel.“ Gemeint hat er das bestimmt nicht so. Aber egal. Auf jeden Fall haben sie mich entdeckt und das Wort „verwunschen“ fiel und man könnte eine Geschichte über mich schreiben.

So, und nun würde ich doch zu gerne wissen, ob sie es wirklich gemacht haben.

Von Ursula Holz

Gedanken zu Kreta von Ursula Exner

Rethymno – Hafen
Fest steht der Leuchtturm, eine Stütze für die Schiffe und die Seele.
Leise schaukeln die weiß-blauen Fischerboote mit den sanften Wellen.
Die Fischernetzte sind sauber eingerollt und warten auf ihre tödliche Tätigkeit.
Hunger der Touristen?
Überleben der Fischer?
Griechische Wimpel flattern im Wind.
Das weiße Fährschiff gönnt sich die verdiente Ruhe.
Am Abend wird es sich wieder in die gichtwogende See stürzen, um die Menschen nach Athen zu bringen.
Schmale Häuser mit kleinen Balkonen warten auf einen neuen Anstrich.
Die venezianische Zeit ist schon lange vorbei.
Weiße große Sonnenschirme schützen vor der bräunenden Sonne.
Tische und Stühle, dicht an dicht gedrängt, bedecken den gepflasterten Boden.
Menschen genießen bei Getränken die harmonische Stimmung.
Kellner versuchen, Touristen zum Essen zu animieren.
Kommerzielle Freundlichkeit?
Wo ist die kretische Gastfreundschaft geblieben?
Ein Schwertfisch wird geputzt, kleine Tintenfische über der Leine zum Trocknen aufgehängt.
Geschäftiges Treiben in der Küche:
Salat putzen, Tomaten und Gurken schneiden!
Reicht der Oregano?
Ist das Fleisch frisch?
Wie wird das Geschäft heute?
Ein Akkordeonspieler vermittelt französische und italienische Atmosphäre.
Eine herrenlose Katze sucht nach Futter und Zärtlichkeit.

Rethymno – Abend
Lichter leuchten den Weg zum Hafen.
In Tavernen und Geschäften herrscht reges Treiben.
Warum können die Leute nicht wenigstens grüßen, wenn sie hereinkommen?
Sie kommen, rasen durch das Geschäft, schauen alles an und kaufen nichts.
Sind das Menschen?
Na ja, dann zählen eben die Einnahmen!
Kinder freuen sich über bewegliche Spinnen- oder Marionettentiere.
Trinkbecher werden mit dem eigenen Foto verziert.
Hölzerne Dinosaurier warten auf Käufer.
Möchte jemand ein geschmücktes Haarband?
Wer bucht eine Schiffstour nach Balí?
Der beleuchtete Turm überragt die angestrahlten Häuser und Fischerboote. Warmes Licht deckt Putzschäden und Fehler zu.
Die Szenerie ist erfüllt von Menschen.
„Dorfsalat oder Tzatzíki?“
„Wo bleibt der Retsína?“
Sie wissen auch nicht, dass Trinkgeld hier üblich ist.
Zwei Musiker spielen an den Tischen.
Stavros schnappt sich das Bouzoúki und fällt ein.
Endlich – er spielt auf der Lyra die Omalós-Ballade – ein Kreter singt mit.
Maria schimpft:
Hör endlich auf, die Touristen mögen das nicht!“
„Gut, wie du befiehlst.“
Lyra weggepackt, Stühle weggeräumt, Mülleimer ausgeleert, Tischdecken zusammen geknüllt, Schilder rein gebracht.
„Mein Gott, immer diese Hektik, dieser Stress!“
Ein Gitarrenspieler aus Bulgarien:
„Kreta ist wie meine Heimat, Deutschland ist kalt und herzlos.“
Ave Maria – von Bach – Vollmond – Tränen des Glücks, unendliche Sehnsucht.

Wohin gehst du, Kreta?
Blühende Oleandersträuche an der Autostraße
– verziert mit Plastiktüten und Papierstücken!
Dunkelsilbriggrüne Olivenbäume
– geschmückt mit Plastikfetzen der Gewächshäuser!
Karminrote Mittagsblumen
– gekrönt mit weißen Plastikbechern!
Ein Schmetterling flattert in der Sonne
– hustend wegen der Autoabgase!
Oregano und Salbei erfreuen sich des Lichts,
– höhnend bedeckt ein weggeworfener Herd sie mit Schatten!
Klar und voll Energie fließt der Quell aus der Schlucht
– und nimmt im Vorbeigehen die Ölreste eines abgestellten Autowracks mit!
Hell erstrahlt das Licht, geschützt durch die Atmosphäre
– wärmt sich ein abgelegter Kühlschrank an den Sonnenstrahlen!
Wach auf Kreta, sonst wirst du ersticken und verbrennen!

Von Ursula Exner

Geld und Devisen

Griechenland ist Euro-Land. Und der Euro ist genau 340,75 Drachmen wert, d.h. für den, der immer noch in DM rechnet, ist diese 174,2 Drachmen wert. Euro-Touristen werden sich also zukünftig nicht mehr an der griechischen Inflation freuen können, im Gegenteil, die Preise sind schon wieder gestiegen, zum Teil sehr moderat, zum Teil aber auch ebenso heftig wie hierzulande.

Trotzdem habe ich aus Gründen der Nostalgie die Abbildungen der Drachmenscheine auf dieser Seite gelassen (die griechischen Euro-Münzen beschreibe ich weiter unten).

PicturesOG/drs10000.jpg
PicturesOG/drs10000r.jpg

Der 10000-Drachmen-Schein zeigte auf der Vorderseite Georgios Papanikoláou, auf der Rückseite Herrn Äskulap (am Stab erkennbar). Der Schein war zuletzt knapp 60 DM wert. Geld und Devisen weiterlesen

Wirtschaft

Die Exportprodukte der kretischen Wirtschaft sind hauptsächlich landwirtschaftlichen Ursprungs, deren gibt es in der EG allerdings schon reichlich. Statt freien Exports also eher Preisverfall im Export und Preissteigerung im Lande …
Die kretische Wirtschaft ist wie gesagt vornehmlich eine Agrarwirtschaft, Industrie ist bisher eher nebensächlich und wenn, leben nicht viele von ihr.

Tomaten, Gurken, Salat, kleine und sehr schmackhafte Bananen und auch Blumen (!) werden in einigen Gegenden der Insel wie z. B. in der Messará-Ebene und um Ierápetra in Gewächshäusern gezogen, hier wächst alles schnell und schafft reichen Ertrag. Wirtschaft weiterlesen