Iráklion – Archäologisches Museum

Iráklion – Archäologisches Museum

2008-2010 (einschließlich) war/ist das Museum leider geschlossen, weil es renoviert wurde/wird. Ich hoffe, die Beschreibungen hier stimmen nach der Wiedereröffnung noch einigermaßen.

Das Archäologische Museum in Iráklion hat wohl die meisten Besucher aller Museen Kretas. Das ist weiter nicht verwunderlich, bietet es doch die größte Sammlung minoischer Kulturgüter auf der ganzen Welt. Aus allen Epochen der minPicturesOG/ami-delphine.jpgoischen Zeit und aus allen Teilen Kretas sind hier Funde zusammengetragen worden. Das Museum liegt in der Odós Xanthoudídou, einer Nebenstraße der Platía Elevtherías (gegenüber der Touristeninformation EOT). Es ist an Wochentagen von 9 bis 17 Uhr geöffnet, an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 15 Uhr. 

Die Fülle der Ausstellungsgegenstände erschlägt den Besucher tatsächlich. Mit einem einzigen Besuch kann man gar nicht alles sehen bzw. nicht richtig wahrnehmen. Wer sich also für die minoische Vergangenheit Kretas interessiert, sollte mehrfach ins Museum gehen und sich jedesmal ein paar andere Säle vornehmen. Im folgenden ein kurzer Überblick, was in den einzelnen Sälen bzw. Vitrinen zu sehen ist, einen ausführlichen Führer gibt es für einen vergleichsweise lächerlichen Preis an der Kasse, verfaßt von einem ehemaligen Direktor des Museums, Stylianós Alexíou.

Saal I: Neolithikum und Präpalatikum (Vorpalastzeit) 7000 – 2000 v. Chr.
In den ersten beiden Vitrinen, direkt rechts vom Eingang, Funde aus dem Neolithikum aus der Eileithyia-Grotte und aus Knossós (unter der Palastanlage ausgegraben) sowie aus Festós. Einfachere, ohne Töpferscheibe hergestellte Keramik, Statuetten, einfache Werkzeuge.
Die anderen Vitrinen zeigen Funde aus der Vorpalastzeit. Die meisten von ihnen stammen aus Gräbern. Handwerkliche Fortschritte sind unübersehbar, nicht nur in der Keramik, sondern auch in der Bearbeitung von Stein. In Vitrine 11 eine große Sammlung alter Siegelsteine (Nachahmungen davon gibt es in vielen Andenkengeschäften zu kaufen und selbst die neuen sind hübsch). Auch erste Funde von Metallbearbeitung sind zu sehen, z.B. Dolchklingen (Vitrine 14) und Schmuck (Vitrine 16 bis 18).

Saal II: Protopalatikum (Altpalastzeit) 2000 – 1700 v. Chr.
Hier sind Funde aus den ersten Palästen von Knossós und Mália bzw. aus Heiligtümern zu sehen. Vor allen Dingen in der Keramik wurden nicht zuletzt durch die Erfindung der Töpferscheibe große Fortschritte gemacht, die Formen der Gefäße wurden vervollkommnet, teilweise wurden sie extrem dünnwandig hergestellt („Eierschalenkeramik“) und mehrfarbig (weiß, orangerot) bemalt („Kamáresstil“). Besonders schöne Exemplare in Vitrine 22/23. In Vitrine 24 kleine Terrakottafiguren, die Votivzwecken dienten, und in Vitrine 25 das „Stadtmosaik“ von Knossós (u.a.). In Vitrine 28 wieder eine große Sammlung von Siegelsteinen.

PicturesOG/ami-diskos.jpgSaal III: Protopalatikum 2000 – 1700 v. Chr.
Funde aus dem Palast von Festós in der Messaráebene. In Vitrine 30 Funde mehrfarbig bemalter Vasen aus der Kamáres-Höhle (deshalb auch die Bezeichnung „Kamáres-Stil“, diese Funde waren die ersten dieser Art). Weitere Keramik im gleichen Stil in den folgenden Vitrinen. Das berühmteste Ausstellungsstück dieses Saales findet der Besucher in Vitrine 41, den „Diskos“ von Festós (dessen Nachbildung als Anhänger in jedem Souvenirgeschäft zu haben ist). Im Original ist er aus Ton. Die spiralförmig nach innen laufende hieroglyphenartige Schrift ist bis heute nicht entziffert, deshalb besteht auch immer noch keine wirkliche Klarheit über den Gebrauchswert oder die Funktion des „Diskos“, der aus der auslaufenden Altpalastzeit stammt. In Vitrine 42/43 Kultgeräte und Geschirr aus Festós.

Saal IV: Neopalatikum (Neue Palastzeit) 1700 – 1450 v. Chr.
Funde aus den Neuen Palästen von Knossós, Festós und Mália. Als 1700 v. Chr. die alten Paläste der Insel zerstört wurden, entstanden schon bald die neuen, schöner und prachtvoller als zuvor.
PicturesOG/ami-stierspringen.jpgDie Kultur und das Kunsthandwerk befanden sich auf einem Höhepunkt. Keramik, Töpferei, Metallbearbeitung – Beispiele dafür Vitrine 44 bis 49. In den Vitrinen 50/51 kultische Gegenstände aus Knossós. Z.B. die kleinen Statuetten der Schlangengöttinnen im traditionellen busenfreien minoischen Frauengewand (muß eine schöne Zeit gewesen sein!) und ein fein gearbeiteter Stierkopf (Kultgefäß für Flüssigkeitsopfer). Der Stierkopf ist eines der religiösen Symbole Kretas, der Stierkult kam ziemlich sicher aus dem östlichen Kleinasien nach Kreta. In diesem Zusammenhang ist auch das „Stierspringen“ zu sehen (Fresko im Saal XIV). Einen solchen Stierspringer kann man in Vitrine 56 sehen, er wird im Fliegen, also beim Sprung dargestellt, der Rest der Gruppe ist leider nicht erhalten. In Vitrine 52 zwei Schwerter, von denen eines einen Akrobaten zeigt, der über ein Schwert springt. Man vermutet deshalb, daß es sich bei diesem Schwert um sein „Arbeitsgerät“ handelt.

Saal V: Neopalatikum – Spätzeit 1450 – 1400 v. Chr.
Funde aus der Spätzeit des Palastes von Knossós, der als einziger Palast nach der großen Flutkatastrophe von ca. 1450 v. Chr. noch einmal „auflebte“. In der Keramik entsteht der neue sogenannte „Palaststil“. Erste mykenische Einflüsse sind erkennbar. Die Vitrinen 60 bis 68 zeigen hauptsächlich Keramik und kleine Statuetten. In Vitrine 69 Tontäfelchen in Linear-A- und B-Schrift, nur letztere ist entziffert, es handelt sich aber leider prosaischerweise nur um buchhalterische bzw. inventarische Aufzeichnungen. In diesem Saal außerdem das Modell eines minoischen Hauses in Archánes und der königlichen Villa in Knossós.

PicturesOG/ami-melisses.jpgSaal VI: Neo- und Postpalatikum 1700 – 1300 v. Chr.
Funde in Gräbern um Knossós und Festós: Figuren, Vasen und andere Gefäße (in Vitrine 75 A das Skelett eines Pferdes), Waffen und andere Grabbeigaben (in Vitrine 78 ein Helm aus auf Leder aufgenähten Eberzähnen, ein einmaliger Fund auf Kreta, deshalb wird „Importware“ vermutet) sowie Schmuck. In den Vitrinen 81 und 87 besonders schöne Goldschmiedearbeiten. In Vitrine 88 Beigaben aus den mykenischen Tholosgräbern bei Archánes.

Saal VII: Neopalatikum 1700 – 1450 v. Chr.
Funde aus Villen und Herrenhäusern, Gräbern und Kultstätten. Die minoische Kultur jener Zeit war nicht auf die Paläste beschränkt. Auch in kleineren Ausgrabungen wurden Funde gemacht, die von der minoischen Blütezeit zeugen. Direkt rechts an der Wand drei restaurierte Doppeläxte (neben dem Stierkopf das zweite religiöse Symbol der Insel). Des weiteren Gefäße, Haushaltsgegenstände, Keramik, Votivgaben wie kleine bronzene Tiere u.a. (Vitrine 92). In den Vitrinen 94/95 Funde aus Agía Triáda bei Festós, z.B. die „Schnittervase“, die eine Gruppe marschierender Männer zeigt.
Außerdem weitere Doppeläxte (Vitrine 98 und 101), Schmuck, Werkzeuge und in Vitrine 99 „Talente“ aus Kupfer (Zahlungsmittel von je 29 Kilo …).

Saal VIII: Neopalatikum 1700 – 1450 v. Chr.
Die Funde aus dem Palast von Káto Zákros, der als letzter der vier großen minoischen Paläste entdeckt wurde. Die ersten Vitrinen zeigen vorwiegend Kultur und Gebrauchsgefäße aus Stein, Ton oder Bronze. In Vitrine 112 Waffen und eine mit Bronze verzierte Doppelaxt sowie Werkzeuge, in Vitrine 113 Elefantenzähne und Kupfertalente. In Vitrine 114 wohl kultischen Zwecken dienende Kelche aus kostbarem Gestein wie Marmor oder Obsidian. Mehrere bronzene Sägen in Vitrine 115. Und ein ähnlicher, aber etwas kleinerer Stierkopf als der aus Knossós (Saal IV), der wohl ebenfalls kultischen Zwecken diente, in Vitrine 116.

Saal IX: Neopalatikum 1700 – 1450 v. Chr.
Ausstellungsstücke anderer ostkretischer Fundstätten. Vitrine 119 bis 122 Keramik-Gefäße aus Palékastro, Goúrnia und Psíra. In Vitrine 123 kleine Terrakottafiguren, Menschen und Käfer, Weihegaben, die im Gipfelheiligtum von Piskokéfalo gefunden wurden. In Vitrine 124 wieder eine große und variantenreiche Sammlung von Siegelsteinen, ebenso in Vitrine 128. Vitrine 125 bis 129 zeigen Gefäße und Vasen, Vitrine 127 Werkzeuge und Waffen aus Bronze.

PicturesOG/ami-snake.jpgSaal X: Postpalatikum (Nachpalastzeit) 1450 – 1100 v. Chr.
Mit der Zerstörung der Paläste einher geht auch der Niedergang der minoischen Kultur. Das Kunsthandwerk wurde wieder einfacher, erste Einflüsse der mykenischen Einwanderer nach Kreta werden deutlich. Die Funde in diesem Saal stammen aus allen Teilen Kretas. Die Vitrinen 130 bis 133 zeigen Töpferei und Keramik, die Muster werden wieder einfacher. Weibliche Statuetten aus dem Heiligtum von Gázi in Vitrine 133. Die beiden folgenden Vitrinen zeigen Funde aus Zentralkreta, Grabbeigaben, Statuetten etc. Ebenfalls mykenische Einflüsse dann erkennbar in Vitrine 137, es handelt sich um Grabbeigaben mykenischer Funde. In Vitrine 139 Schmuck und Material zur Schmuckherstellung (Negativformen aus Stein). Die Vitrinen 140 bis 143 zeigen Kultobjekte wie Vasen und Tongefäße, Plastiken von Menschen (Göttinnen) und Tieren, und Vitrine 144 schließlich Waffen und Werkzeuge aus Bronze. Besonders interessant sind nach Archäologenmeinung auch gefundene Gewandfibeln aus Bronze, die einen Wandel in der Art der Bekleidung dokumentieren.

Saal XI: Subminoische und frühgeometrische Zeit 1100 – 800 v. Chr.
Die Dorer kamen nach Kreta und brachten die ersten Eisenwaffen mit auf die Insel. Mit ihrer Hilfe eroberten sie die Burgen der Mykener. Die einheimische Bevölkerung flüchtete ins Innere der Insel, wo sie ihre alte minoische Kultur noch eine ganze Weile aufrechterhalten konnte. Sie wurden später von den Griechen als die „echten“, als „Eteokreter“ bezeichnet. Funde aus solchen eteokretischen Siedlungen zeigen besonders Vitrine 148 und 154. Im übrigen Kreta setzt sich der dorische Einfluß durch, so auch in Form des neuen Werkstoffs Eisen, nicht nur für Waffen. In Vitrine 145 besonders sehenswert ein kleiner „Kernos“ (runder Opferstein mit mehreren Vertiefungenen für z.B. Getreideopfer), der reich verziert ist.
In Vitrine 146 u.a. zwei große Vasen, in denen die Asche der Toten aufbewahrt wurde, mit Totenklageszenen verziert, in Vitrine 147 Töpferei und kleine Figürchen aus Bronze. Kultische Statuetten einer Göttin mit erhobenem Arm und die interessante Darstellung eines Ochsenwagens (den Körper des Ochsen ließ der Künstler der Einfachheit halber weg, am Wagen angesetzt sind nur die Köpfe der Tiere) sind in Vitrine 148 zu sehen. In Vitrine 149 Funde aus der Höhle der Eileithyia (Göttin der Fruchtbarkeit und Geburt) bei Tsoútsouros im Süden der Insel: Statuetten und andere Votivgaben, die alle mit Zeugung, Geburt und Säuglingen zu tun haben. Der Kult in dieser Höhle begann schon in der minoischen Zeit und ging bis hin zu den Römern weiter, wie die verschiedenen Funde beweisen. Sogar aus Ägypten stammen ein paar kleine Figürchen aus Elfenbein.
In den beiden folgenden Vitrinen werden Keramik und andere Grabbeigaben gezeigt. In Vitrine 153 die ersten Waffen und Werkzeuge aus Eisen. In Vitrine 154 wieder eteokretische Funde aus der Siedlung bei Karfí (wie auch schon die Ausstellungsstücke in Vitrine 148) und in den Vitrinen 155 bis 157 geometrische Amphoren und andere Gefäße. In Vitrine 158 noch einmal Funde aus der Eileithyia-Höhle (s. Vitrine 148): Werkzeuge, Goldschmuck, Siegel.

Saal XII: Geometrische und orientalisierende Zeit 800 – 650 v. Chr.
Fast alle Funde stammen aus der Gegend von Knossós. Die Vitrinen 160 bis 161C zeigen Funde aus einer neueren Ausgrabung eines Gipfelheiligtums bei Sími/Viános: Votivgaben aller Art, vor allen Dingen Figürchen. Vitrine 162 Grabbeigaben aus den Gräbern des „orientalisierenden Stils“, der östliche Einflüsse in die kretische Kunst einbringt. Vitrinen 166 bis 168 weitere Grabbeigaben aus und um Knossós. Und schließlich sind in den Vitrinen 169/170 Funde aus der Zeushöhle im Idagebirge zu sehen: Bronzearbeiten und Goldschmuck.

PicturesOG/ami-lilienprinz.jpgSaal XIII: Minoische Sarkophage
Der Saal XIII liegt im Erdgeschoß links der Eingangshalle. Hier steht eine große Sammlung verzierter minoischer Tonsarkophage, die im Postpalatikum häufig zur Bestattung der Toten Verwendung fanden. Ihre geringe Größe läßt nicht etwa auf Zwergwuchs der Minoer schließen, die Toten wurden vielmehr in Hockstellung beerdigt, um Platz zu sparen. An der Treppe zum Obergeschoß stehen große „Pithoi“, tönerne Vorratsbehälter. Der Besucher steigt nun von hier aus nach oben und erreicht Saal XIV.

Saal XIV: Minoische Wandgemälde 1600 – 1400 v.Chr.
Die meisten der hier ausgestellten Fresken stammen aus dem Palast von Knossós und aus Ostkreta. „Stammen aus“ muß allerdings so verstanden werden, daß von den Original-Malereien nur sehr geringe Reste vorhanden waren, die hier restauriert und (re)konstruiert gezeigt werden. Es ist zumindest nicht auszuschließen, daß die Restauratoren (ebenso wie Evans im Palast von Knossós) ihrer Phantasie nicht immer genügend Zügel angelegt haben.
In den beiden kleineren Sälen XV und XVI weitere Fresken.

Saal XVII: Sammlung Giammalákis
In diesem Saal ist die bedeutendste Privatsammlung minoischer Kunstgegenstände zu sehen, die der Sammler dem Museum mit seinem Tode vermacht hat.

Saal XVIII: Kleinere Kunstgegenstände aus archaischer, hellenischer und römischer Zeit:
Wer immer noch nicht genug hat, kann hier in Schmuckstücken, Münzen, Tonfigürchen etc. noch einmal schwelgen.