Julio

Von Roger Möckel
Zu mitternächtlicher Stunde am Hafenplatz von Agía Galíni an der Südküste Kretas. Die Tavernen sind gut besucht, man sitzt bei einem Gläschen und plauscht mit Freunden. Einheimische wie Urlauber genießen den lauen Sommerabend. Musik aus dem Hintergrund untermalt die Gespräche und trägt zu einer ausgelassenen und zufriedenen Stimmung bei, als drei kleine Mischlingshunde die Haupttreppe aus der „Fressgasse“ hinunter kommen:

Julio, Vater aller zentral-südkretischen Hunde mit legendärem Ruf in Begleitung zweier seiner Eroberungen. Angesichts der großartigen Zuschauerkulisse begibt sich Julio direkt zwischen zwei vollbesetzten Tavernen ans Werk. Erst werden nur wenige Gäste auf sein Tun aufmerksam, dann spricht es sich herum wie ein Lauffeuer. Es entwickelt sich Stadionatmosphäre, wobei alle Zuschauer parteisch zu sein scheinen. Er wird angefeuert, was das Zeug hält. Die Leute klopfen sich auf die Schenkel, die Blicke verliebter Pärchen sagen alles, junge Mädchen werden rot.

Und Julio gibt alles. Als er von „ihr“ ablässt und sie zufrieden ein paar Schritte dahin trippelt, geht Dame Nr. 2 in Position. Die Zuschauermenge wartet gespannt, was nun kommen möge.

Julio stellt sofort unter Beweis, dass sein Ruf nicht von ungefähr kommt: Er arbeitet hart! Die Stimmung in der Menge steigt weiter, Anfeuerungsrufe steigern sich zu einem rhythmischen Klatschen. Julios Show ist unbezahlbar.
Nachdem auch Hundedame Nr. 2 mit scheinbar zufriedenem Lächeln von dannen tippelt, johlt die Menge drum herum.
Julio ficht dies überhaupt nicht an. Er hat schließlich nur das getan, was er immer tut. So einfach ist das alles auf Kreta.
Hätte er sich jetzt eine Zigarette angezündet, mich hätte es nicht gewundert!

Von Roger Möckel