Kreta 1971 – Teil 2

Der Weg ist das Ziel …

Es war so weit. Wanja hatte neben mir auf dem Beifahrersitz Platz genommen, drei Mann hinter uns auf der Rückbank und die übrigen drei machten es sich so bequem wie möglich auf der Sitzbank unseres alten VW-Busses, die wir fest auf die Ladefläche direkt hinter der Fahrerkabine montiert hatten. Den Rest der Ladefläche hatten wir mit bequemen Matratzen ausgelegt, denn sobald wir Österreich verlassen haben würden, wollten wir die strenge Sitzordnung erheblich verändern. Dann sollte es zu einer Art Wohn- und Schlafmobil umfunktioniert werden, schon deshalb, weil wir gedachten, die Strecke in einem Rutsch durch zu fahren. Auf den Matratzen stapelten sich unsere Rucksäcke und einige Gerätschaften wie auch ein zweiflammiger Gaskocher und eine entsprechende Gasflasche, groß genug, um für die ganze Fahrt damit auszukommen. Wir hatten schließlich keinen Schimmer, ob es „da unten“ so etwas gab. Natürlich waren wir gewohnt, auch am Lagerfeuer zu kochen, aber ob wir das im trockenen Kreta tun sollten …?

Den deutschen Vorschriften zufolge gab es auch einen Schalter neben der Sitzbank hinten, mit dem man im Gefahrenfall die Fahrer alarmieren konnte. Leider aber saßen ausgerechnet die größten Spielkinder hinten, sodass das Lämpchen bereits nach wenigen Metern das erste Mal aufleuchtete. Also stoppte ich und brüllte durch das geöffnete Fenster zurück: „Was ist los?“ – „Johnny ist runtergefallen …“. Natürlich war das nicht wahr, also musste Wanja zum Schimpfen nach hinten.

Lange hielt das Bravsein allerdings nicht an und als es immer wieder blinkte, klemmten wir einfach die Leitung ab … genauer gesagt, wir klemmten sie nicht ab, sondern betätigten einfach den zweiten, unter dem Armaturenbrett versteckten Schalter, den wir in „weiser Voraussicht“ montiert hatten, und drehten ihnen so einfach den Saft ab. Man durfte und hatte es nicht vergessen: Kleine Jungs blieben kleine Jungs, auch wenn sie mit uns auf „große Fahrt“ gingen. Jetzt konnten die da hinten ihren Spaß haben und wir unsere Ruhe. Im Falle einer Polizeikontrolle würden wir es eben einfach schnell wieder einschalten …

Während ich das hier so schreibe, wird mir noch einmal so richtig bewusst, mit welchem Vertrauen die Eltern unserer Pimpfe (so nannte man beim Wandervogel die Jüngeren) uns ihre Kinder für eine solche „abenteuerliche Tour“ einfach mitgaben … es waren halt eben wirklich noch andere Zeiten, die ich mir zwar nicht zwingend zurück wünsche, die aber sicher ihren wirklichen Reiz hatten. Ich weiß und glaube nicht, ob bzw. dass es viele Eltern heutzutage noch so locker sehen würden.

Die Fahrt bis zur österreichischen Grenze und darüber hinaus verlief recht ereignislos. Zwischendurch hielten nur zwei Mal an, um menschliche Bedürfnissen der Nahrungszufuhr und -entsorgung nachzukommen (für den ersten Tag hatten wir genug dabei, denn wenn man incl. aller Fahrt- und Fährkosten mit ca. 15 DM pro Person und Tag auskommen will, sollte man nicht schon ein Vielfaches davon auf deutschen Autobahnraststätten ausgeben). Der Grenzübertritt verwies sich als erstaunlich problemlos, weder die deutschen noch die österreichischen Grenzer fanden an unserer Fuhre etwas auszusetzen (das Lämpchen hatten wir sicherheitshalber wieder scharfgestellt, aber niemand interessierte sich dafür!).

Als wir kurz vor Salzburg von der Autobahn nach Süden abbogen, kamen mir zum ersten Mal zarte Bedenken angesichts der Tatsache, dass vor uns nun drei deftige Alpenpässe lagen. Das hatten wir vorher gar nicht so richtig überdacht (in späteren Jahren bin ich klüger geworden und habe durch Österreich eine andere „passlose“ Strecke genommen).
„Wanja, ist dir eigentlich aufgefallen, dass unserer Mühle an langen Steigungen schon in Deutschland doch so ziemlich zu kämpfen hatte? 54 PS sind jetzt, wo wir voll beladen sind, nicht gerade der Hammer …“

„Was soll’s, fahr einfach weiter … es wird schon passen.“
„Dein Wort in Gottes Ohr.“

Und schon näherten wir uns den Radstädter Tauern. Ein Schild am Straßenrand drohte uns 15% Steigung an. Ich atmete tief durch und nahm sie in Angriff. Und siehe da, die Hoffnung starb zuletzt, wir kamen problemlos rauf und auch wieder runter, auch wenn ich zeitweise im ersten Gang fahren musste. Vielleicht kann man sich das heute angesichts PS-gewaltiger Fahrzeuge nicht mehr vorstellen, aber auch PKWs hatten an solchen Pässen damals oft Probleme.

Weiter ging die Fahrt. Ich mache es kurz, auch die 18% Steigung des Katschbergpasses bewältigte unser rollendes Wohnzimmer zwar mühsam, aber es bewältigte sie.
„Jetzt kann uns ja nichts mehr passieren,“ meinte Wanja. „Der Wurzenpass hat auch nicht mehr als 18% … Und so, wie du die Sache angehst, schaffen wir auch das …“

Ich war schon ein bisschen stolz, denn zeitweise war mir schon die Muffe gegangen, als ich beim mühsamen Anstieg den zahlreichen Bauern aus der Umgebung begegnete, die sich ein freundliches Zubrot verdienten, indem sie ununterbrochen den Passanstieg hinauf und wieder hinunter patrouillierten, um liegen gebliebene Fahrzeuge an die Kette zu nehmen und hinauf zu schleppen. Es blieben ziemlich viele liegen.
„Ich hoffe, du behältst Recht!“

Inzwischen war es stockdunkel geworden und dann waren wir am Wurzenpass. Wieder wurden uns 18% Steigung gemeldet. Also gleich den ersten Gang rein und los. Der Wagen erwies sich als braves Arbeitstier und mühte sich tatsächlich recht problemlos den Berg hinauf.
Doch wir freuten uns zu früh. Denn jetzt erlebten wir hautnah, wie einen die Unfähigkeit anderer zu eigentlich unnötigen Geldausgaben treiben kann. Direkt vor uns gab ein Wagen den Geist auf, ein zweiter PKW versuchte, an ihm vorbeizufahren und blieb ebenfalls stehen. Ausgerechnet an einer der steilsten Stücke musste ich anhalten … und das war es natürlich. Selbst heute, mit 42 Jahren mehr Fahrpraxis auf dem Buckel, würde ich es nicht schaffen, einen voll beladenen 2,5-Tonner mit 54 PS aus dem Stand wieder anfahren zu lassen. Das macht keine Kupplung der Welt mit.

Also gab ich den Versuch schnell wieder auf und wir brachten einem Bauern, der uns an die Kette nahm und ziemlich mühelos nach oben auf die Passhöhe schleppte, umgerechnet etwa 25 DM in die Kasse. Während wir noch an der Kette hangen, vergrößerte Wanja meinen Schmerz über die Blamage noch, indem er mal eben ausrechnete, wie viele Liter Wein wir jetzt auf Kreta weniger trinken konnten. Und das betraf nur ihn und mich, die Pimpfe kriegten ja noch keinen …

Dann waren wir endlich auf der Passhöhe. Nachdem der Bauer dankend wieder davon gerasselt war, ließ ich den Wagen wieder an, trat die Kupplung durch und … tja, ein Unglück kommt selten allein: Das Kupplungspedal fiel nach unten durch und blieb, wo es war. Selbst der immer so entspannte Wanja schaute nun sehr beunruhigt, doch dieses Mal blieb ich ganz ruhig. Ich erwähnte bereits, dass ich einen Schnellkurs absolviert hatte, der mich den (wenigen) Schwachstellen des Autos vertraut machen sollte.
Also war ich diesmal mit der Coolness dran.
„Dass es jetzt ausgerechnet stockfinster ist, ist natürlich Mist, aber das kriege ich wieder hin.“

Ich kramte nach einer passenden Schraubenmutter in meinem kleinen Ersatzteillager und kroch unter den Wagen. Wanja leuchtete mit einer Taschenlampe. Und ich behielt Recht. Die Stange, die das Kupplungspedal mit dem Kupplungsgehäuse verbindet, lag mit einem Ende lose auf dem Boden. Zum Glück war sie nicht verbogen, also war es wohl gerade eben erst beim versuchten Kupplungsvorgang passiert. Unser Freund, der Automechaniker, hatte mich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es keine Sicherung für die Mutter am Ende der Stange gab, dort wo sie mit dem Pedal verbunden war. Also schraubte ich unter gehörigem Fluchen, denn es ging nicht so einfach, wie es sich hier anhört, die Ersatzmutter wieder drauf und zog sie ordentlich fest. Alles funktionierte wieder – und es blieb für die gesamte Tour (fast) unsere einzige Panne. Die übrigen Ersatzmuttern brauchte ich nicht mehr (ich hatte mindestens zehn dabei, denn ich war vorgewarnt).
Jetzt allerdings hatte ich Nase vorübergehend voll. Mich kriegt so leicht keiner vom Lenkrad weg, aber nun war es so weit.

„Wanja, den Pass wieder runter fährst du jetzt aber, ich will vor Zagreb nicht geweckt werden.“ Über dieses Stück der Fahrt weiß ich also gar nichts, ich verschlief den Grenzübergang, ich verschlief Ljubljana und ich verschlief auch Zagreb – und das in meinem Schlafsack unter (!) dem Rücksitz in der Fahrerkabine. Das war zwar sehr unbequem, aber bei der Bundeswehr hatte ich gelernt, immer und überall schlafen zu können.
Ich übernahm das Lenkrad erst hinter Zagreb wieder. Wer die Strecke jemals gefahren ist, weiß, wie langweilig das Stück Autoput zwischen Zagreb und Belgrad war: Mehr oder weniger immer geradeaus, rechts und links fast nichts außer Maisfeldern …. Und völlig bekloppte Autofahrer. Vergessen wir nicht: Damals war alles nur zweispurig …

Ich fuhr bis kurz hinter Skopje, dann wechselten wir wieder und ich verzog mich erneut unter den Rücksitz. Meinen ersten Grenzübertritt nach Griechenland verschlief ich also auch noch. Ich weiß also auch nicht, ob ich für die Grenz- und Zollbeamten uninteressant war oder ob sie mich einfach nicht entdeckt hatten. Ich wurde erst wieder wach, als wir schon irgendwo bei Thessaloniki waren.
„Welchen Tag haben wir heute?“
„Mittwoch …“
„Und wie spät ist es?“
„Kurz vor 12 …“
„Und wie weit ist es noch zum Olymp?“
„Weiß ich doch nicht.“
„Also gut, soll ich weiterfahren? Du weißt doch, wir sind verabredet …“
„Wäre mir recht …“
Also fuhren wir rechts ran und wechselten wieder die Plätze …
Ich schaute durch die Frontscheibe auf Griechenland. Na super, wir waren angekommen, jetzt begann das Ganze erst richtig.