Kreta 1971 – Teil 3

Erste Kontakte mit der Polizei …

Wir hatten den Stopp genutzt, um unser Wohnzimmer endgültig zum Spaßmobil umzufunktionieren. Alles Gepäck wurde auf und vor die hintere Sitzbank in der Fahrerkabine umgeräumt sowie hinten die Planen rechts und links hoch gerollt und festgebunden. Die ganze Mannschaft bis auf Wanja und mich saß auf diese Weise fast frei in der griechischen Sommerfrische (allerdings hatten wir allen eingeschärft, dass der Hintern auf den Matratzen bleiben müsse, das Sitzen auf den Seitenwänden sei streng untersagt. Wir wollten schließlich niemanden verlieren).

Alle waren von dieser Art des Reisens begeistert. Es zog kaum, denn erstens sind 80 Kilometer pro Stunde nicht unbedingt Raserei und zweitens schirmte die vordere Plane den meisten Fahrtwind ab. Und das bisschen, was sie abbekamen, war nur angenehm bei den Temperaturen, die inzwischen herrschten.

PicturesKJ/_mittagessen.jpgWeiter Richtung Olymp. Der massige Gebirgszug war schon von weitem nicht zu übersehen. Wir bogen nach Kateríni ein, um das einzukaufen, was wir in den folgenden Wochen immer wieder einkaufen würden: Fetakäse, Tomaten, Zwiebeln und Brot … Eigentlich haben wir uns all die Wochen mehrheitlich von diesen gesunden Sachen ernährt, wenn wir nicht zur Abwechslung mal selbst Nudeln mit … ja mit was wohl? … Tomaten kochten. Es hat allen geschmeckt und Mangelerscheinungen waren nicht zu beobachten.

Kateríni selbst fanden wir nicht berauschend und außerdem schrie die Jugend nach dem ersten Bad im Meer, dass nun schon seit einigen Kilometern unweit der Straße lockte.
Wir erreichten die Abzweigung nach Litochoro (inzwischen wussten wir auch, wie das Dorf am Fuß des Olymp heißt), bevor wir aber hinauf fuhren, gaben wir dem allgemeinen Wunsch nach einem Bad nach, es war sowieso noch zu früh für die lockere Verabredung mit den anderen.
Wer heute dort entlang fährt, wird diesen Küstenabschnitt komplett bebaut vorfinden, damals gab es da aber noch rein gar nichts. Es war alles unberührt und offen. Über einen Feldweg erreichten wir eine recht große, ebene „Wiese“ (grünes Gras war aber dort Ende Juli nicht mehr zu sehen), die problemlos zu befahren war. Zum Meer hinunter waren es nur ein paar Schritte über einen „Miniaturhang“. Es gab zwar nicht die Spur von Schatten, aber das störte uns wenig. Jetzt erst mal ab ins Wasser.

PicturesKJ/neu09.jpgNach stundenlangen Wasserschlachten waren wir uns einig, dass dies ein guter Schlafplatz auch für die Nacht sein würde. Wir machten uns dorffein (ja, wir waren in „Kluft“ unterwegs, was uns manchmal durchaus hilfreich war. Wir hatten auch schon das griechische Wort für „deutsche Pfadfinder“ gelernt: Γερμανοί πρόσκοποι = Jermani Proskopi, denn alle Griechen wollten natürlich wissen, was unsere Halstücher und Baretts zu bedeuten hatten).

Allmählich neigte sich nämlich der Nachmittag dem Ende zu und wir freuten uns a) auf unseren ersten Besuch einer griechischen Taverne und b) waren wir gespannt, inwieweit unsere lose Verabredung auch unsere Freunde pünktlich nach Litochoro führen würde.
Bevor wir aber in „die erste Kneipe links“ einkehrten, fuhren wir im Dorf ganz nach oben bis zum Dorfplatz (woanders konnte man mit unserer Kutsche sowieso nicht gescheit drehen). Auf dem Weg zurück erscholl plötzlich von hinten ein Sprechchor: „Souvlaki, Souvlaki …“. Ich bremste, denn unsere Jungs hatten rechts neben der Straße ein kleines Souvlatsidiko entdeckt. Ich schaute Wanja, unseren Zahlmeister, an: „Haben wir Zeit und Geld? Darauf hätte ich jetzt auch Lust …“
„Zeit haben wir sicher, wir sind auf Fahrt. Und das Geld wird auch reichen …“

Also ließ ich den Wagen stehen, wo er stand, und wir fielen in das winzige Lokal mit zwei Tischlein ein. Es war zum Glück vorher ganz leer gewesen, jetzt war es voll. Der Wirt, ein grauhaariger alter Mann, schmunzelte, als er die adrette Truppe sah. Er beeilte sich, viele kleine Spießchen auf die Holzkohlen zu legen. Pro Person vertilgten wir sieben Stück mit viel Brot, unsere erste griechische Mahlzeit. Dazu gab es Limo für die Kurzen und den ersten Malamatina-Retsina (die kleinen knubbeligen Fläschchen mit dem grünen Männchen mit dem Schlüssel im Bauch – wer kennt sie nicht) für die Erwachsenen. Die Preise waren unglaublich … für die ganze Völlerei zahlten wir, wenn ich mich noch richtig erinnere, knapp 30 DM (für 8 Personen).

Nebenbei bemerkt, die Einkehr in dieses kleine Lokal wurde in all den Folgejahren so etwas wie ein Ritus oder Pflichtprogramm. Die alten Wirtsleute erkannten mich trotz anderer Begleitung im nächsten Jahr (drei Mädels statt sieben Jungs) sogar wieder – und dann sowieso immer wieder. Irgendwann saßen sie dann aber nur noch vor dem Haus, das Lokälchen war geschlossen und wir tranken nur noch einen Kaffee miteinander. Und irgendwann zwei Jahre später war der Mann gestorben und ich traf nur noch die Frau an … an diesen Dingen merkt man, dass die Zeit gnadenlos vergeht und man älter wird.

Nachdem wir also zufrieden und ebenso gesättigt wie unternehmenslustig waren, ging es in die besagte „erste Kneipe links“ hinunter. Siehe da, der erste Wagen unserer Freunde war bereits eingetroffen, Fränz’ R4 stand vor dem Lokal.
Er und drei andere saßen schon vor ihrem Ouso. Großes Hallo …

Machen wir es nicht zu episch: Im Laufe des Abends trafen noch drei weitere Fahrzeuge ein, die Gruppe wurde immer größer, irgendwann wurden auch die Gitarren aus den Autos geholt und die Einheimischen wurden staunend Zeuge, wie perfekt deutsche „Pfadfinder“ griechisches Liedgut vergewaltigen konnten. Da wurde ein Syrtós (2/4 Takt) als Kalamatianós (7/8 Takt !) gesungen … und den Griechen gefiel es trotzdem, dass da etwa 20 deutsche Jungs saßen und griechische Lieder sangen.

Es blieb nicht aus, dass Retsina und Ouso reichlich flossen (leider auch durcheinander, und das ist tödlich). Zu noch früher Stunde steckte ich Wanja den Autoschlüssel zu.
„Egal, was ich nachher sage, gib ihn mir um Himmels willen nicht wieder.“
Irgendwann blieb ein Polizist neben uns stehen und betrachtete sich das Schauspiel. Irgendwie verstand ich seinen amtlichen Gesichtsausdruck falsch und begann ihn zum Glück auf Deutsch – Griechisch konnte ich nicht – heftig zu beschimpfen. Wie es dazu kam, kann ich mir bis heute nicht erklären, denn eigentlich machte mich Alkohol noch nie aggressiv. Dann stand ich auf und wollte auf ihn zugehen … und fiel samt der Ousokaraffe, die ich in der Hand hielt, rückwärts zwischen die Tische. Mein Gott, wie war das peinlich! Er schüttelte nur den Kopf und ging davon, ich hatte also Glück, er hatte mich wohl nicht verstanden.
Danach hatte ich noch einmal Glück, denn mein beharrliches Drängen, mir den Autoschlüssel wiederzugeben, erhörte Wanja nicht, und das war auch gut so …

Wieder unten auf der bereits erwähnten Wiese schaffte ich es gerade noch, meinen Schlafsack zu packen und mich ein paar Meter vom Auto zu entfernen. Dann fiel ich Augenzeugenberichten zufolge einfach um und versuchte minutenlang vergeblich in den Schlafsack zu kriechen (falls sich jemand jetzt an die Anfangsszene des „Kopflosen von Kreta“ erinnert fühlt, weiß er jetzt, woher sie kommt). Irgendwann schlief ich einfach neben dem Schlafsack ein … und erwachte am nächsten Morgen unter brennender Sonne mit einem Schädel, der seinesgleichen suchte.

Irgendwie schaffte ich es dennoch, zum Meer hinunter zu gelangen und ließ mich immer noch voll bekleidet einfach ins Wasser fallen.
Wie man sieht, ich bin nicht ertrunken, aber ich schwor mir mit Erfolg, dass das für diese Tour das erste und letzte Mal gewesen sein sollte.
Als ich einigermaßen wiederhergestellt zum Auto zurückkehrte, war das Frühstück schon bereitet. Es bestand wie erwartet aus Feta, Tomaten, Zwiebeln und Brot … herrlich.
Dazu mehrere Tassen löslichen Kaffees … und schon war die Welt wieder in Ordnung.

Nach dem Frühstück brachen wir auf, denn wir wollten die Fähre nach Kreta erreichen. Ich saß trotz immer noch leicht dickem Kopf am Steuer und fuhr brav wie die Einheimischen auf der Standspur. Nach der Fahrerei durch Jugoslawien fühlte man sich hier wie auf einer Autobahn.
Und da wir ein großes Auto hatten, luden wir so ziemlich jeden Tramper ein – Engländer, Österreicher, Australier – und ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass nach und nach mindestens 15 Leute auf der Ladefläche saßen. Und es ging dort lustig zu, man musizierte, sang und lachte …

Und dann kam der Moment, als ich im Rückspiegel den Streifenwagen entdeckte. Damals fuhr die griechische Polizei noch diese riesigen amerikanischen Limousinen. Er kam nur sehr langsam näher (wir fuhren immer noch auf der Standspur).
„Wanja, es könnte sein, dass wir Probleme kriegen!“
„Wieso?“
„Polizei hinter uns, und die scheinen uns zu beäugen. Dürfen wir hier überhaupt mit so vielen Leuten auf dem Auto …?“
Das konnte auch er nicht beantworten, also hieß es abwarten und ganz normal weiterfahren. Der Streifenwagen schob sich neben unser Hinterteil, von dem unbeeindruckt weiterhin handgemachte Musik erklang.

Und dann machten sie Blaulicht und Sirene an. Sch…. Aber sie blieben neben uns und zogen nicht vorbei, um uns zu stoppen. Ich überlegte, was das für einen Sinn machte? Doch dann sah ich, wie die Polizisten unserer Bagage hinten lachend zuwinkten. Wir waren offensichtlich für sie eine erheiternde Fuhre und nichts Verkehrswidriges. Und dann machten sie das Getöse auch wieder aus und stoben winkend davon. Auch der zweite Kontakt mit der griechischen Polizei verlief also harmlos – es würde nicht der letzte sein.

PicturesKJ/_Schiff04.jpgDer Rest der Fahrt bis Piräus verlief ohne besondere Ereignisse. Wir wuselten uns durch den atemberaubenden Verkehr der Hauptstadt und erkannten schnell, dass ein Blinker nicht weiter beachtet wird. Wesentlich effektiver war ein kurz nach außen gestreckter Arm und man wechselte einfach die Fahrspur, der Hintermann akzeptierte das, weil er es genau so machte.
In Piräus fanden wir die Ticketbüros recht schnell und konnten unsere Passage nach Soúda auch für den gleichen Abend buchen. Die zwei Stunden bis zum „Boarding“ verbrachten wir relaxend auf einer Mini-Grünfläche vor den Büros, dann parkte ich den Wagen in der Fähre ein und wir stiegen auf das Oberdeck, um von dort zu beobachten, wie riesige Lastwagen rückwärts auf die Fähre fuhren. Es war ein Chaos, aber es schien dennoch geregelt.

Irgendwann dann legte das Schiff ab. Die Nacht an Deck, auf dem wir uns schließlich in die Schlafsäcke rollten, war nicht so lang wie die vorige. Aber wir hatten schon unseren Spaß, während das Schiff in der Dunkelheit nach Kreta fuhr. Morgen würden wir endlich dort ankommen …