Kreta 1971 – Teil 4

Ich fühlte es: Das leichte Vibrieren der Schiffsmotoren, das mich die ganze Nacht begleitet hatte, veränderte sich. Ich steckte den Kopf aus dem Schlafsack, richtete mich auf und schaute mich um. Es dämmerte, die Sonne war aber noch nicht hinter dem Horizont aufgetaucht. Ich sah Berge links des Schiffes … wir waren angekommen. Die Fähre war bereits in die Soudabucht eingelaufen und war dabei, anzulegen. Ich weckte die anderen. Wanja stieg in den Bauch des Schiffes hinunter, denn er hatte die Aufgabe übernommen, das Auto heraus zu fahren.

Ich stellte mich an die Reeling und beobachtete das Treiben unten. Und entdeckte bei der Gelegenheit ein Auto, dass ich kannte. Ernst war schon da, ein lieber Freund aus Wabern, der leider schon lange nicht mehr lebt. In seinem VW 1500 Variant, der jetzt da unten auf uns wartete, hatte ich schon viele Kilometer miterlebt.

Das Ausschiffen ging recht schnell, und als ich Ernst gegenüber stand, grinste er mich an.
„Wir sind schon seit zwei Tagen hier. Wir haben einen herrlichen Platz entdeckt.“
„Na, dann nichts wie hin.“
Wir folgten dem Variant aus Souda Richtung Rethymnon heraus bis zum Fort Izzedine (damals wusste ich natürlich noch nicht, wie es heißt), dort war damals das kurze Stück der „New Road“ schon wieder zu Ende und wir mussten links um das Fort herum auf der alten Straße weiter fahren. Schon wenige hundert Meter bogen wir links ab und folgten einem staubigen Fahrweg zum Meer, der vor bzw. hinter einem Lokal endete. Es war immer noch leicht dämmerig, so sahen wir erst einmal nicht, dass wenige Meter hinter dem Parkplatz ein Süßwasserfluss ins Meer mündete.

PicturesKJ/_bruecke01.jpgUngeachtet der Tatsache, dass es noch nicht so ganz richtig Tag war, stürzte die Meute der Kurzen zum Meer, es waren nur ein paar Meter. Ich hingegen folgte Ernst ins Lokal, in dem man gerade dabei war, sich auf den Tag vorzubereiten.
„Kriegt man hier was zu frühstücken?“
„Nein, glaube ich nicht, das ist eine Taverne. Aber man isst hier hervorragend!“
Ein Junge von höchstens sechs Jahren kam an unseren Tisch und fragte nach unseren Wünschen. Er sprach selbstverständlich nur Griechisch. Aber mit Hilfe der Karte erkannte ich, dass an ein „normales“ Frühstück nicht zu denken war, und so bestellten Ernst und ich uns eine Portion Feta, einen großen Teller Oliven und eine Karaffe Wein. Bis zu diesem Tag mochte ich eigentlich keine Oliven, aber seit diesem Tag liebe ich sie.

Obwohl wir uns eigentlich so viel zu erzählen hatten, sprachen wir kaum, sondern ließen die Ruhe und Schönheit des Augenblicks auf uns wirken. Und als sich in diesem Moment auch noch die Sonne über den Tafelberg des Drapanos nach oben schob, war das der Moment, in dem ich mich unwiderruflich in Kreta verliebte. Und dabei hatte ich von dieser Insel sonst noch gar nichts gesehen. Ich saß sprachlos da und das will bei mir schon etwas heißen.
Als wir später noch zum Fluss spazierten, fiel mir nur ein einziges Wort ein: Paradies.

PicturesKJ/_bruecke02.jpgDer kleine Junge, der uns an diesem Morgen bedient hatte, heißt Nikos. Heute ist er der Inhaber der Taverne und hat selbst mehrere Kinder (und Enkel!). Sein Vater Ilias ist leider 2005 gestorben. Ilias war ein absolut feiner Mensch, für ihn passt diese Bezeichnung. Er war niemals kumpelhaft, aber er war ein guter Freund. Als ich 2005 mit einigen Forumsfreunden im Lokal war, machte einer der Söhne seine Witwe darauf aufmerksam. Sie stand auf und wollte an unseren Tisch kommen, um mich zu begrüßen. Ich ging ihr entgegen, und ihr herzliches Lächeln trotz des kürzlichen Verlustes rührte mich derart, dass ich wirklich mit Tränen in den Augen kein Wort fand. Aber als sie mich umarmte, wusste ich, sie hatte mich verstanden.

Wir blieben drei Tage dort. Im Lokal nahmen wir nur die üblichen Dinge wie Salat und Brot zu uns, einmal durfte es auch Fleisch sein, ansonsten gewöhnten wir uns an Kreta, badeten im Meer und im Fluss, angelten (erfolgslos) und ließen es uns gut gehen. Geschlafen wurde am Strand.