Kreta 1971 – Teil 6

Nachdem wir den gesamten nächsten Tag mit Baden und einer ausgedehnten Kochorgie verbracht hatten (na gut, es gab natürlich Nudeln mit irgend etwas darin), brachen wir dann am kommenden Morgen mit drei Autos weiter nach Osten auf. Die Straße erweckte nicht den Eindruck, besser werden zu wollen, und so war es Fränz’ R4, der als erster einen Reifenschaden erlitt. Wenig später plagte sich auch Ernst mit dem gleichen Problem herum, während unser Matador zwar langsam, aber unbeirrt sein geringes „Tempo“ hielt. Erst in den Filmaufnahmen später fiel mir auf, dass die Jungs hinten öfter mal absprangen oder wieder während der Fahrt hinauf krabbelten. Gut, dass ich damals nicht wirklich gemerkt habe, denn ich hätte mich vor der Reaktion ihrer Eltern gefürchtet.

PicturesKJ/_tempo03.jpgMomentan überfiel mich eine andere Sorge, denn ich beobachtete die Tankuhr. Das Tankstellennetz war damals nicht so dicht, vor allem hier im Süden nicht, und ich fürchtete, wir würden in Kürze trocken laufen.
Doch zuerst gab auch einer unserer Reifen sein Dasein auf. Während wir noch am Wechseln waren, kam Fränz vorbei. Und wenig später auch Ernst mit seinem Variant. Glücklicherweise hielt letzterer aber an und leistete uns Gesellschaft … denn als ich nach vollzogenem Reifenwechsel den Wagen wieder anlassen wollte, zeigte dieser wenig Neigung dazu, anzuspringen. Das Benzin war alle. Ich verfluchte mich und die Welt, aber das half jetzt nicht viel. Wir waren irgendwo in der südkretischen „Ödnis“ gestrandet. Zum Glück – ich erwähnte es schon – war ja noch Ernst da, und der fuhr mit unserem leeren – ich Trottel – Benzinkanister weiter, um eine Tankstelle zu suchen. Wir hockten uns gezwungenermaßen in den spärlichen Schatten des Wagens und harrten aus.

Ernst fand im nächsten Dorf tatsächlich eine Tankstelle und brachte uns nach einer geraumen Zeit so viel Sprit im Kanister zurück, dass wir es zu ebenjener Tankstelle schafften. Meine Recherche ergibt, dass es wohl Áno Rodákino war … aber ganz sicher bin ich mir nicht.

PicturesKJ/_tempo06.jpgEgal, nun war der Tank wieder voll und glücklich schaukelten wir weiter ostwärts. Da wir natürlich allesamt einen Reifen flicken lassen mussten, endete die Fahrt gegen Abend in Timbaki, wo sich der örtliche „Voulkanisater“ über unser Kommen freute. Wir hinterließen ihm die drei Reifen und versprachen, sie am nächsten Morgen wieder abzuholen.

Unser Quartier schlugen wir in der Nähe auf, in Kókkinos Pýrgos. Das „Dorf“ machte zwar keinen sehr überzeugenden Eindruck als Ferienort, aber wir wollten eben nicht mehr zu weit fahren.

Zur „Feier des Tages“ kehrten wir wieder mal in einer Taverne ein. Eigentlich feierten wir jeden Tag, den wir auf Kreta sein durften. Und dazu hatten wir auch allen Grund. Wir futterten Spaghetti mit Tomaten und Hackfleisch und griechischen Salat (es gab also zu Feta, Tomaten und Zwiebeln diesmal auch ein paar Gurken). Der Wirt Jannis, der in den folgenden Jahren mein guter Freund werden sollte – aber das wusste ich an diesem Abend noch nicht -, stand lächelnd neben uns, während wir futterten, als sei es das Letzte, was wir im Leben bekommen würden. Ich habe erst ein Jahr drauf mal in seine Küche geschaut …

Hinterher, wie konnte es anders sein, wurden wieder die Gitarren herausgeholt und 16 Stimmen schmetterten griechische und deutsche Lieder (damit wir uns richtig verstehen, der „Westerwald“ oder ähnliches waren nicht dabei!).
Jannis hatte verstanden, dass wir „deutsche Pfadfinder“ waren und versorgte uns reichlich mit Getränken. Längst saß er mit bei uns am Tisch.

Sein etwa 5-jähriger, unendlich dicker Sohn Kostas beobachtete die seltsamen Fremden aus großen braunen Knopfaugen lieber aus der Ferne, sie waren ihm augenscheinlich ein wenig unheimlich. In den Jahren darauf brachte ich Kostas übrigens die ersten Töne auf dem Bousouki bei, heute ist er Profimusiker und beherrscht das Instrument perfekt. Und er hat selbst Kinder, die zu ihrem Glück weniger dick geraten sind.

Als wir uns irgendwann Richtung Strand verabschiedeten, denn wir hatten vorher mal die Gegend ausgekundschaftet und einen Platz mit schattigen Bäumen entdeckt, durften wir nichts bezahlen. Es war mir peinlich, aber Jannis war unerbittlich.

Am nächsten Morgen holten wir nach dem üblichen Frühstück unsere Reifen ab und waren also für die Weiterfahrt gerüstet.
Das nächste Ziel sollte die Lassíthi-Ebene werden (bzw. vorher wieder ein großes Treffen bei Knossós), also ging es wieder gen Norden. Dabei kamen wir durch das Weinbaugebiet rings um Archánes, rechts und links lachten uns die Trauben an. Wir waren aber brave Jungs, wir kamen nicht auf die Idee, einfach welche zu klauen. Als wir an einem Weinberg vorbei kamen, auf dem einige Menschen beschäftigt waren, schickten wir zwei von den Kurzen los.

PicturesKJ/_trauben03.jpg„Fragt mal, ob ihr ein paar Trauben kaufen könnt. Irgendwie werden die euch schon verstehen.“
Ich muss wohl kaum erwähnen, dass wir zwei Blondchen losgeschickt hatten, denn von unseren 6 Pimpfen waren fünf blond. Wenig später kamen sie in Begleitung einer älteren Frau zurück, die zwei prallvolle Plastiktüten mit sich trug. Voll mit herrlichen Trauben … zwei Tage hatten wir genug zu naschen. Wanja griff nach dem Portemonnaie, aber die Frau winkte nur lächelnd ab und wuschelte den beiden Jungs durch das Haar. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was sie dabei sagte, aber klang so ähnlich wie „glykoúli“. Wenn es wirklich das war, was sie gesagt hat …

Wir bedankten uns ausführlich und höflich, denn wir hatten es ehrlich nicht aufs Schnorren abgesehen. Auch wenn man mit wenig Geld unterwegs sein will, sollte man das nicht nötig haben!