Kreta 1971 – Teil 8

In der „Pavian-Bucht“ … vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt!

PicturesKJ/_pavian07.jpgWir kauften in Palékastro eine größere Menge Lebensmittel ein, denn wir wollten einige Tage fernab jeder Zivilisation verbringen. Ganz ohne die Segnungen der Zivilisation wie Essen und Trinken ging das aber auch wieder nicht …

Und dann fuhren wir an Vái und Ítanos vorbei so weit nach Norden, wie es möglich war. Kurz vor dem militärischen Sperrgebiet wurde alles aus dem Auto geräumt, was nicht niet- und nagelfest war, natürlich auch die nicht ganz leichte Gasflasche und mehrere 50-Literkanister mit Süßwasser, denn solches erwarteten wir nicht, im kargen Osten „wild“ zu finden.

Und dann wanderten wir mit Sack und Pack querfeldein über drei oder vier Hügel, einfach drauf los, in der Hoffnung und Überzeugung, eine hübsche Bucht zu finden. Und wir fanden sie … relativ eng, kristallklares Wasser und grobkieseliger Strand. Also atmeten wir erleichtert tief durch, denn der Marsch war so schwer bepackt durchaus ziemlich anstrengend gewesen. Einige mussten den Weg sogar ein zweites Mal zurücklegen, um die restliche Ausrüstung heran zu schaffen.

PicturesKJ/_Pavian04.jpgUnten in der Bucht gab es keinerlei Schatten, nur ein wenig zurück standen ein paar kleine verkrüppelte Bäumchen, an denen wir wenigstens eine Zeltplane befestigen konnten, unter der wir unsere Küche aufbauten und es uns auch sonst gemütlich machten.
Dann stürzten wir uns aber erst einmal allesamt hüllenlos ins Wasser, denn hier waren wir wirklich allein bis auf eine einsame Ziege, die mit großen Augen dem fremdartigen Treiben zuschaute. Das Wasser war wie erwartet herrlich und die Jungs schnorchelten begeistert um die Felsen herum, die die kleine Bucht rechts und links begrenzten.

Mich hielt es nicht so lange im Wasser, sondern ich wanderte auf den Hügel seitlich der Bucht hinauf, um mich mal für mich ganz alleine in Kreta zu vertiefen. Oben stand ein kleiner Baum, in dessen Schatten ich mich niederließ. Ein Handtuch hatte ich allerdings als Sitzgelegenheit mitgenommen, wer hat schon gerne Ameisen oder ähnliches in der Kimme?
Das Lachen und Jauchzen der anderen war nur noch schwach zu hören. Meine Blicke glitten über die idyllische Bucht und weit auf das unendliche Meer hinaus und ich spürte einen ebenso unendlichen Frieden. So musste sich ein Eremit fühlen. Ich ertappte mich irgendwann dabei, dass ich überhaupt an nichts mehr dachte, sondern nur noch in den heißen Tag hinein träumte. Bis zu jenem Tag hatte ich gedacht, es sei gar nicht möglich, absolut an gar nichts zu denken. Doch an diesem Tag lernte ich, dass es geht.

PicturesKJ/_Pavian01.jpgWanja laute Rufe zerrissen meine Träumereien. Er hatte gekocht. Wie immer war es nicht sonderlich originell, aber es gab sogar Hackfleisch zu den Nudeln („das muss weg, wir haben hier keinen Kühlschrank“) und einen frischen Bauernsalat. Wir spachtelten, was das Zeug hielt. Danach guckten wir die Pimpfe aus, die die eher unangenehme Aufgabe bekamen, Pfanne, Topf und Geschirr im kalten Meerwasser zu reinigen. Aber sie waren findig und stellten fest, dass sich Sand vorzüglich zum Entfernen festgebackener Fettreste eignete. Und so scheuerten sie mit Eifer, Geduld und Ausdauer, denn in dieser Bucht stand die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes still … man hatte alles, nur keine Eile!

Die Minuten, Stunden und Tage tropften langsam dahin. Wir taten nichts außer Baden, Essen und Trinken, Träumen und Musizieren, der Älteste der Jungs wanderte zum Beispiel stundenlang als nackter Faun über die Kiesel des Strandes und spielte Flöte. Und wider Erwarten fühlte sich niemand davon genervt.

PicturesKJ/_Pavian06.jpgIch stieg immer wieder ganz allein zu „meinem“ kleinen Baum hinauf und träumte mich durch den Tag. Aus der Ferne klang leise die Flöte und ansonsten randalierten nur die Zikaden.

Die Tage in der Pavianbucht waren so ziemlich die entspannendsten Tage, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Wie alle jungen Leute liebten wir eigentlich die „action“, aber alle Sehnsucht danach, irgendetwas zu unternehmen, verflogen in dieser gleißenden kretischen Sonne, die ruhig und unbeirrt auf die Bucht schien.

Wenn es uns zu heiß wurde, plantschen wir einfach wieder eine Weile im Meer, ließen uns dann von der Sonne trocknen und sprangen dann wieder ins Wasser.
Am vierten Tag sorgte Wanja mit zwei anderen für Nachschub an Süßwasser und den wichtigsten frischen Lebensmitteln, sodass wir es mehr als eine Woche in der Bucht „aushielten“.

PicturesKJ/_Pavian05.jpgWarum aber tauften wir die Bucht „Pavian-Bucht“? Wir wurde alle immer brauner, nur auf den sonnenentwöhnten weißen mitteleuropäischen Hinterteilen trugen wir alle ab dem zweiten Tag veritable Sonnenbrände davon. Aber sogar daran gewöhnten wir uns, denn ist der Ar…. erst ruiniert, ändert man auch nichts mehr dran. Wir behandelten die Verbrennungen mit reichlich Olivenöl …

Irgendwann wurde uns aber die allerschönste Ruhe zu ruhig und wir beschlossen, unsere Einsamkeit wieder gegen etwas belebtere Gefilde der Insel einzutauschen. Darüber hinaus waren etwa fünf Wochen herum, und wir durften leider das Ende der Sommerferien in Deutschland nicht ganz aus den Augen verlieren …

PicturesKJ/_Pavian03.jpgSo feierten wir noch einmal mit viel Musik einen Abschiedsabend aus der Bucht am Lagerfeuer, das hier sowieso jeden Abend brannte, auch wenn wir täglich immer weiter gehen mussten, um so etwas wie Brennholz zu finden. Am nächsten Morgen räumten wir noch sorgfältig alles zusammen und weg, was an unsere Anwesenheit hier erinnern konnte. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Als wir über den Hügel davon zogen, sah die Bucht haargenau so aus wie vor unserer Ankunft!

Bisher war es uns gelungen, Iráklion eigentlich immer zu umfahren, aber es gab noch eine Pflichtveranstaltung, die Marktstraße hinter der damals einzigen Ampel der Stadt. Sie stand an der Ecke der Durchgangsstraße, an der einerseits die Marktgasse, andererseits die 25 Avgoustou zusammenkommen.

Ein kleines Problem stellte aber auch damals schon die Parkplatzsuche im Zentrum von Iráklion dar, vor allen Dingen mit unserem nicht ganz handlichen Gefährt … in Verbindung damit hatten wir unseren vierten und letzten Kontakt mit der Polizei … und diesmal lachten wir als Letzte.

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