Kreta 1971 – Teil 9

Der Straßenverkehr in Iráklion war auch 1971 schon ein ziemliches Chaos. Wie bereits erwähnt, gab es eine einzige Verkehrsampel in der Stadt. Die Platía Elevtherías in der Nähe des Archäologischen Museums war noch ein kompletter Kreisverkehr, über den mehrspurig die Fahrzeuge tobten. Und die Hauptdurchgangsstraße war auch damals schon ständig verstopft.

Aber wer Athen hinter sich hatte, den konnte Iráklion nicht weiter beeindrucken. Nur die Parkplatzsuche gestaltete sich nicht so einfach. Wir waren zwar „Wander“vögel, wollten aber dennoch nicht unbedingt den Wagen in den Außenbezirken der Stadt abstellen.
Ich fuhr ein paar mal im Zentrum „um den Block“ und dann kam endlich das Erfolgserlebnis: Direkt am kleinen Plätzchen zwischen Morosíni-Brunnen und Meer, der Platía Kalérgon am kleinen Stadtpark, war doch tatsächlich ein Plätzchen frei, in dem wir unser Dickschiff auch erfolgreich unterbrachten.

Da gab es dann aber jemanden, der damit überhaupt nicht einverstanden war, nämlich den Besitzer des Andenkenladens, vor dem wir untergekommen waren. Lauf zeternd stürmte er aus dem Laden, als ich den Motor abstellte und bedeutete uns aufgeregt, dass hier „No parking!“ sei. Während Wanja ihn erst einmal freundlich zu beschwichtigen versuchte, inspizierte ich sicherheitshalber die Straße rechts und links und fand dort weder ein entsprechendes Verkehrsschild, noch war etwa die Bürgersteigkante gelb angepinselt, was ja auch auf ein Parkverbot hindeuten konnte. Nichts dergleichen!

Hier war also das Parken definitiv erlaubt. Auch wenn wir sogar ein bisschen Verständnis für den Ladenbesitzer hatten, denn von den Cafés auf der anderen Seite des Plätzchens aus war sein Laden definitiv nicht mehr zu sehen, aber da er uns von vornherein gleich mit der großen Keule kam, sahen wir nicht ein, aus lauter Höflichkeit nachzugeben. Als ich von meinem Kontrollgang zurückkam, erklärte ich dem Mann ebenso freundlich wie bestimmt, ich dächte nicht daran, diesen soeben errungenen legalen Parkplatz freiwillig wieder zu räumen, worauf ihm das Wort „police“ aus dem Mund rutschte. Da kam er bei uns aber gerade richtig an.
Mit der Polizei hatten wir nun schon so häufig zu tun gehabt, dass das seinen Schrecken längst verloren hatte, und außerdem wurde man nach fünf Wochen Kreta sowieso ausgesprochen gelassen.

Wir bedeuteten ihm also, ja, er solle bitte die Polizei rufen, damit diese ihm mitteilen könne, dass er uns zu Unrecht von diesem schönsten aller Parkplätze vertreiben wollte. Wir würden auch gerne so lange warten. Also eilte er um die Ecke und kehrte schon wenige Minuten später mit einem Uniformierten zurück, den er sich dort offensichtlich für alle Fälle schon bereit gestellt hatte. Der Polizist ging mit hochamtlicher Miene um unseren Wagen herum und inspizierte ihn ausführlich von allen Seiten. Dann wandte er sich an uns. Fast rechneten wir damit, dass er „No Parking here“ sagen würde, denn er schien ein Kumpel des Ladenbesitzers zu sein. Er enttäuschte uns nicht: „It is forbidden, to let the car here at this place?“

Wir baten ihn höflich um eine nähere Begründung. Wir forderten ihn ebenso höflich auf, uns ein Schild zu zeigen, dass das Parken verbiete. Und so weiter, das volle Programm …
Er schien aber eine tibetanische Gebetsmühle verschluckt zu haben und wies uns immer wieder ohne jede Begründung darauf hin, das Parken an dieser Stelle sei nun mal verboten. Er hatte aber die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Als er sich allmählich darüber klar wurde, griff er zu einer ansonsten wahrscheinlich erfolgreichen Drohgebärde. Er zog einen Notizblock aus der Brusttasche und begann, sich unsere Autonummer zu notieren … und nun war er bei Wanja endgültig an der richtigen Adresse.

Dieser griff in unser Handschuhfach und holte seinerseits dort Stift und Papier heraus, stellte sich neben den Beamten und griff mit spitzen Fingern nach der metallenen Dienstnummer, die jener am Oberrand des Hemdärmels trug. Dann notierte er sich die Dienstnummer. Der Polizist starrte ihn ungläubig an, als sei er ein Wesen von einem anderen Stern, dann zuckte er die Schultern, steckte den Block ein und … ging seiner Wege.

Ich winkte dem Ladenbesitzer ein wenig spöttisch zu, dann wanderten wir ebenfalls davon, ohne uns noch einmal umzudrehen. Wir gingen die Straße des 25. August hinunter, um die Fährtickets für uns zu erstehen. Die Knaben waren längst durch die Stadt ausgeschwärmt, wir hatten die Parole ausgegeben, uns um 16 Uhr wieder am Auto zu treffen (welches wir natürlich unversehrt am gleichen Platz wieder vorfanden). Wir tranken in aller Ruhe gegenüber einen Kaffee und amüsierten uns unauffällig über die wütenden Blicke, die der immer noch nicht beruhigte Ladenbesitzer von Zeit zu Zeit hinüber warf.

Dann machten wir uns allmählich zum Hafen auf, nicht ohne uns freundlich von dem Ladenbesitzer zu verabschieden: „Thank you very much, see you next year!“ Er schien erleichtert zu sein, dass wir nun für ein ganzes Jahr nicht mehr vor seinem Geschäft parken würden …