Kreta 1975 – ein echtes Abenteuer

Im Jahre 1975 war ich ganz alleine auf Kreta … ich hatte keine geeigneten Mitreisenden gefunden, mit denen ich gerne über längere Zeit auf Kreta zusammen sein wollte.
Stattdessen hatte ich mir eine Mitfahrgelegenheit nach Athen besorgt – zum Glück erwischte ich einen recht besonnenen Fahrer – und dann die Fähre nach Kreta genommen.

Was ich 1974 noch nicht erzählt hatte: Wir hatten damals am letzten Abend vor der Abreise aus Kókkinos Pýrgos ein paar einheimische Fischer kennen gelernt, die versprochen hatten, mich mal mit aufs Meer zu nehmen, wenn ich denn noch mal wieder käme.
Da wir uns sehr gut verstanden hatten – auch sprachlich, mit einem wilden Mischmasch aus deutschen, englischen und griechischen Brocken klappte das sehr gut – entschloss ich mich also nun nach Ankunft der Fähre in Iráklion, sie doch beim Wort zu nehmen. Eine billige Bleibe würde ich bei Jannis sicher finden … und wenn nicht, eben wieder im Freien schlafen.

So nahm ich den nächsten Bus nach Kókkinos Pýrgos.
Jannis freute mich sehr über mein Kommen, auch wenn er ein wenig enttäuscht schien, dass ich weder Susi noch Helga dabei hatte … aber ich vertröstete ihn auf (vielleicht) nächstes Jahr. Er hatte sogar eine Unterkunft für mich … heute würde ich da nicht mehr von Unterkunft sprechen, denn es war ein winziges Kämmerchen mit einer schießschartengroßen unverglasten Fensternische … und das noch direkt neben Jannis indiskutabler Toilette (die ich fortan jeden Tag mit viel Wasser zu putzen versuchte, um wenigstens einen Großteil der Fliegen – und den Geruch – einzuschränken). Heute würde ich diesen Raum nicht einmal in einem ABC-Schutzanzug mehr betreten … aber damals war ich jung, anspruchslos und hartgesotten. Außerdem hatte ich ein sicheres Plätzchen für meine Habseligkeiten und es kostete auch überhaupt nichts.

Am späten Nachmittag tauchten tatsächlich die Fischer auf. Sie begrüßten mich mit großem Hallo, wir tranken erstmal einen Raki, dann erinnerte ich sie an ihr Versprechen vom Vorjahr.
„Natürlich kannst du mitfahren. Du sollst uns ja schließlich helfen.“
Da ich noch nie auf einem Fischerboot gewesen war, sah ich schon vor mir, wie ich mich in die Netze verstricken oder sonst irgendeinen Unfug veranstalten würde. Andererseits … Abenteuern muss man sich einfach hingeben, es würde schon klappen.

Nach dem Raki verluden wir gemeinsam ein paar Kisten mit tiefgefrorenen Fischen auf ihr Boot, ein etwa zehn Meter langes altes Kaiki, das auf den schönen Namen „Koursaros“ hörte. Während ich mich fragte, warum sie Fische mit an Bord nahmen, da sie doch welche fangen wollten, zeigte Nikos, der Besitzer des Bootes (wie ich später erfuhr, gehörte der größte Teil allerdings der Bank) auf die Fische und auf mehrere viereckige Kisten, in deren oberem Rand fein säuberlich Unmengen von Angelhaken steckten. Offensichtlich hingen die Haken alle an einer Nylonschnur, die im Inneren der Kiste aufgerollt war.

Nikos zeigte auf die Fische, grinste und sagte „dóloma“, dann auf die Kisten und fügte hinzu „paragádia“. Ich kapierte zwar nichts, aber später wurde mir während der Arbeit klar, dass sie nicht mit Netzen fischten, sondern dass die Fische als Köder (dóloma) dienten und das „paragádia“ kilometerlange Treibangeln waren, an denen in gewissen Abständen Nebenschnüre befestigt waren, die in den erwähnten ziemlich großen Angelhaken endeten.

PicturesKJ/fischer1.jpgWährend Manolis das Boot aus dem Hafen steuerte und Kurs auf die Paximádia-Inseln nahm, halbierte Nikos mit meiner Hilfe die Köderfische. Und dann erklärte er mir, welche Aufgabe er für mich vorgesehen hatte. Kurz von den Paximádia-Inseln drosselte Manolis den Motor und wir trugen die erste Kiste mit den Angelleinen nach hinten. Nikos befestigte am Ende der Leine eine selbst gebastelte Boje aus einem Stück Styropor in einem blauen Müllsack, in dem oben eine Bambusstange mit einem zerrissenen schwarzen Plastikfähnchen am oberen Ende steckte.
Dann zeigte er mir noch einmal am gefrorenen Objekt, wie meine Handgriffe für die nächste Stunde aussehen würden, ich hockte mich auf die hintere Reling neben die Kiste und den Korb mit den Köderfischen, hakte mein rechtes Fußgelenk fest ein (denn ich würde beide Hände brauchen) … Nikos gab Manolis ein Zeichen und warf die Boje mit der verknoteten Angelleine ins Meer. Manolis gab langsam Gas.

Und so sah mein Job aus: Während Nikos hinten neben Manolis stehend die Angelleine durch die Hände laufen ließ, griff ich wie ein Fließbandarbeiter mit der linken Hand blind in den Korb mit den Köderfischen, während ich gleichzeitig mit rechten den nächsten Haken vom Rand der Kiste löste. Dann bohrte ich den Haken kräftig durch den Rücken des noch immer gefrorenen Fisches, sodass die mit einem Widerhaken versehene Spitze auf der anderen Seite wieder austrat. Dabei musste ich mich sehr beeilen, denn sobald sich Leine des Hakens straffte, musste ich das Ganze seitlich vom Boot fallen lassen … und schon wieder der nächste Fisch und der nächste Haken. Am Anfang stellte ich mich natürlich nur bedingt geschickt an … mancher Haken musste leer ins Wasser fallen und manch anderer riss mir ein wenig die Hand auf. Von den spitzen Flossen der Köderfische ganz zu schweigen, ich sah ja nicht, wo ich hin griff. Zwischendurch band Manolis immer wieder mal eine verschlossene leere Klorixdose oder ähnliches an die lange Leine, die dann ebenfalls im Kielwasser zurückblieb.

Mit der Zeit begriff ich das System: Diese gelegentlichen „Bojen“ hielten das „Paragadi“ freischwimmend im Meer, sodass die Köder nur etwa 10 Meter tief hinunter sinken konnten und dann frei im Meer schwammen, als würden sie noch leben. Ich fragte mich allerdings, auf was für Fische sie mit diesen großen Angelhaken eigentlich aus waren, aber Zeit zum Fragen hatte ich nicht, denn als Nikos bemerkte, dass ich mit der Arbeit allmählich besser klar kam, erhöhten wir ein wenig das Tempo. Und jetzt ging es wirklich Schlag auf Schlag … eine Ruhepause gab es nur dann, wenn eine neue Kiste oder ein neuer Korb mit Fischen nach hinten getragen werden musste.

Dann war es endlich geschafft und ich hatte einen ersten und bleibenden Eindruck davon bekommen, wie romantisch und gemütlich das echte kretische Fischerleben ist: Mir tat alles weh, besonders die Hände, die von Schrunden übersät waren, in denen Köderschmiere und Salzwasser ziemlich höllisch brannten. Während Nikos auch am Ende der Leine eine Boje anbrachte, die der ersten ähnelte, aber zusätzlich oben an der Stangenspitze über eine kleine Glühbirne und unten über eine wassergeschützte kleine Autobatterie verfügte, erhob ich mich ächzend aus meiner unbequemen Stellung an der Reling, was Nikos und Manolis mit einem kleinen Grinsen zur Kenntnis nahmen. Als die Birne brannte, wanderte auch diese Boje ins Meer.

Nikos zeigte auf das sich ganz langsam entfernende Lämpchen und erklärte mir in seinem wilden Kauderwelsch, mit Hilfe der Lampe würden wir die Leine heute Nacht wieder finden …
„Avrio du timoni!“ Er wies auf die Ruderpinne. „Manolis and me work at paragadi!“
Wurde ich jetzt schon zum Steuermann befördert?

Nikos warf einen Treibanker aus, stellte den Motor ab und wir nahmen beleuchtet von einer einsamen Glühbirne am Mast unser Abendessen zu uns: Brot, Käse, Oliven, Tomaten und Ölsardinen! Und reichlich Raki! Wer jemals behauptet hat, Kreter würden nicht trinken, der ist noch niemals Fischern oder Köhlern begegnet …

Dann löschte Nikos das Licht. Wir wollten uns ein paar Stunden ausruhen, um gegen vier Uhr morgens wieder mit dem Einholen der Leinen beginnen. Ich rollte mich in einige nach Fisch riechenden Decken auf dem Vorderdeck ein. Und so wurde es … nein, nicht die schlimmste, aber eine DER schlimmsten Nächte meines Lebens. Solange das Boot fuhr, war das Schaukeln problemlos gewesen, jetzt aber, als es vor Treibanker sachte, aber dafür in alle Richtungen krängte, wurde ich dermaßen seekrank, dass ich alles, was ich den vergangenen Stunden zu mir genommen hatte, nach und nach dem Meer opferte. Es war grauenhaft und ich schwor, ich sei hiermit das erste und letzte Mal Fischen gewesen. Ich hoffte nur, ich würde wieder an Land kommen, bevor sich mein Magen vollends nach außen stülpte … und an Land würde ich dann auch bleiben!