Montag, 9. Juli – Kreta 2001

Heute ist wieder ein etwas größerer Trip angesagt. Ich hatte vor einigen Tagen bei Christos in Chaniá angerufen und erfahren, dass er und seine Frau nicht zu unserem geplanten „Webmaster-Treffen“ am kommenden Donnerstag in Kalamáki kommen können. Seine Frau ist nämlich nach eigener Aussage „ein bisschen schwanger“. Wenn ich richtig rechne, war das „bisschen“ der 6. Monat. Da würde ich auch dreimal darüber nachdenken, ob ich mich bei den Temperaturen wegen eines netten Abends quer über Kreta bewegen wollte.

Also muss ich nun rauf nach Chaniá, denn ich will Christos persönlich kennen lernen.
Nach dem Frühstück also in den braven Jeep und auf geht’s. Keine großartigen Umwege dieses Mal, heute ist das Ziel das Ziel. Ein paar Stopps lege ich natürlich ein, den letzten in Kalýves, denn ich will doch wenigstens der Familie Vlamákis in meinem Lieblingslokal hallo sagen. Das gestaltet sich allerdings unerwartet schwierig. Man durfte ja offiziell schon immer nicht die erste Abfahrt nach Kalýves von der „New Road“ aus links (!!!) abfahren, also lasse ich das lieber, denn da stehen die Herren mit den blau-weißen Wagen gerne. Die zweite Abfahrt rechts vor der Kurve und der Brücke über den Fluss war auch noch nie eine offizielle Abfahrt, jetzt ist es überhaupt keine mehr! Höchst stabile Leitplanken verrammeln alles. Da bleibt mir nur übrig, einige Kilometer an Kalýves vorbei bis zum Fort Izzedine zu fahren und von dort aus wieder zurück.
Ein Musterbeispiel kretischer Verkehrsplanung … Der Tankwart im Dorf zuckt nur gleichmütig die Schultern, als ich ihn frage, ob er jetzt überhaupt noch Kunden habe. Was will er sonst auch tun?

Dann fahre ich zum „Kyani Akti“. Das Hinweisschild oben an der Straße steht wieder und unten hat sich rein gar nichts verändert. Großvater Ilias, den ich nunmehr seit 30 Jahren kenne, wird scheinbar einfach nicht älter. Seine Söhne und Enkel indes schon. Nach einem Bier, einer Portion Käse und Oliven entschließe ich mich dann aber, das letzte Stück nach Chaniá jetzt in Angriff zu nehmen, denn die größte Mittagshitze steht bevor. Noch ahne ich nicht, dass es viel schlimmer kommt, als erwartet.

Wieder vorbei am Fort Izzedine passiere ich das militärische Sperrgebiet, in dem das Fotografieren all der Dinge, die man sowieso nicht sehen kann, streng verboten ist. Leider versäume ich auch, eines der lustigen Verbotsschilder zu fotografieren, denn dort sind noch richtig antike Balgenkameras abgebildet. Wer also eine moderne hat, dürfte dann doch …?

Die Straße senkt sich hinunter nach Soúda, dann geht es einige Meter wieder leicht bergan. Und dann öffnet sich die Ebene von Chaniá vor mir … und offensichtlich gleichzeitig die Tür eines Backofens. Die Luft, die von außen durch den ringsum offenen Jeep strömt, kühlt nicht im geringsten, im Gegenteil. Du lieber Himmel, in Agía Galíni war es ja schon heiß, aber das hier schlägt alles! Ich drücke ordentlich auf’s Gaspedal, die Straße ist hier zwei- bis dreispurig, auch die im Frühsommer noch durchgeführten Bauarbeiten sind offensichtlich beendet. Vorbei an der zweiten Ausfahrt nach Soúda, vorbei an der Ausfahrt nach Mourniés (und Chaniá). Jetzt muss ich aufpassen. Wie hatte Christos am Telefon gesagt?
„Die nächste Ausfahrt musst du nehmen, da sind ein paar Brücken, darunter stehe ich und hole dich ab.“
Ich nehme die Ausfahrt, aber ich bin eigentlich früher als ursprünglich verabredet. Aber wozu leben wir im Zeitalter des Handys? Ich erreiche ihn sofort und muss dann feststellen, dass er eine andere Brücke gemeint hatte als ich. Aber er kapiert schon, wo ich gerade bin.
„Stell dich unter die Brücke in den Schatten, ich komme mit dem Roller!“
„O.k., ich habe einen weißen Samurai mit einem gelben Sonnendach!“

Es dauert wirklich nicht einmal 10 Minuten, da sehe ich im Rückspiegel den Roller auftauchen und neben mir halten. Ich kannte bisher weder Christos persönlich noch ein Foto von ihm und erwartete der Stimme am Telefon nach einen dunklen Kreter. Pustekuchen. Der Mann spricht nicht nur norddeutsch, er sieht auch so aus. Ich gebe meiner Verblüffung Ausdruck.
„Hi, Christo, du siehst aber überhaupt nicht griechisch aus!“

Die etwas taktlose Begrüßung übergeht er mit der Aussage, dass offensichtlich seine (deutsche) Mutter durchgeschlagen habe. Und dann folge ich ihm über diverse Schleichpfade zu seiner Wohnung. Als wir die Treppe hinaufsteigen, zeigt er auf das Thermometer, das hier im Schatten hängt: „43 Grad!“ Ach so, das war also der Backofen.

Zum Glück hat seine Wohnung eine Klimaanlage. Seine Frau begrüßt mich herzlich (sie ist genauso blond wie meine), sein Hund auch (er verliert genau soviel Haare wie meiner!). Die Klimaanlage und ein eisgekühlter Frappé lassen mich zufrieden auf einem Sessel zusammensinken.
Wir quatschen den ganzen Nachmittag und entscheiden uns dann dagegen, bei diesen Temperaturen nach Chaniá hinein zu fahren. Stattdessen wollen wir lieber zu Hause was essen.

Immerhin ist es inzwischen schon wieder so erträglich draußen, dass Christos und ich einkaufen gehen könne. Gemeinsam ärgern wir uns über einen Mann, der mit brennender Kippe im Supermarkt neben uns an der Fleischtheke steht, und gemeinsam bewundern wir dann die Leistungsfähigkeit der Hackfleischmaschine, die sogar steinhart tiefgekühltes Fleisch zu verarbeiten imstande ist. Das tiefgekühlte schmeckt genauso gut wie das frische, ist aber erheblich preiswerter. Christos‘ Frau allerdings beschwert sich nicht zu Unrecht hinterher, dass ihr die Hände abfrieren, als sie das Hackfleisch verarbeiten wollte. Da haben Christos und ich für einen Moment wohl nicht nachgedacht.

Trotzdem wird das Abendessen ein voller Erfolg. Ich liebe Hackfleischröllchen mit Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln. Inzwischen sind wir auf die Terrasse gewechselt, so bekomme ich ein Stück vom alltäglichen Leben hier in diesem Vorort von Chaniá mit, wir essen, trinken und reden.
Und da das Kinderzimmer momentan ja noch mutterintern ist, darf ich im zukünftigen bestens schlafen. Und ich schlummere ein in dem angenehmen Gefühl, wieder einmal nette Leute aus der Nähe kennen gelernt zu haben.