Kreta 1976 – Teil 3

PicturesKJ/for-1976-16_Kokkinos.jpgUnd dann fuhren wir wieder mal nach Kókkinos Pýrgos, aber wie ich anderen Berichten entnehme, war ich nicht der Einzige, der in jenen Jahren immer wieder dort aufschlug. Das „Dorf“ bot nämlich neben aller Hässlichkeit den Vorteil, dass man dort im Gegensatz zu Mátala und insbesondere Agía Galíni kaum andere Touristen antraf (und wenn, immer die gleichen paar, die dort schon fast zum Inventar gehörten).
Es gab ja auch nicht viel Besonderes dort: Direkt an der Hafenmole, die damals noch viel kleiner war (siehe Foto) ein Restaurant, das auch ein paar Zimmer vermietete, und wirklich für damalige Verhältnisse überteuertes Essen anbot. Der Wirt wurde dem Vernehmen zufolge auch mal wegen Preiswuchers verknackt. Des weiteren Kostas Kafenío und Jannis unsägliche Kneipe, die ich ja schon beschrieben habe. Jannis betrachtete mich nach den Vorjahren sowieso als sein persönliches Eigentum und hätte gar nicht zugelassen, dass ich woanders esse … insbesondere, als er Yvonne in Augenschein genommen hatte. Er war schon von Susi und Helga sehr angetan gewesen, aber Yvonne schlug alles. Jannis scharwenzelte dauernd um sie herum … aber er war natürlich Gentleman genug – im Gegensatz zu dem erwähnten Herren vom Olymp – nicht wirklich zudringlich zu werden.

PicturesKJ/for-1976-13_Kokkinos.jpgWir schliefen in der Regel mit Luftmatratzen auf dem Dach der kleinen Betonhütte am Hafen (auf einem der Fotos kann man den Rand des Daches im Vordergrund sehen). Das hatte den Vorteil, dass wir morgens Schatten hatten.
Jannis kochte übrigens sehr gut – in seine Küche sollte man aber besser nicht schauen. Erst in späteren Jahren half ich auch mal abends aus, bereitete Bauernsalate zu und kellnerte. Aber nur zum Spaß …

Wir ließen uns von der Transusigkeit des Dorfes anstecken, badeten und sonnten uns auf der Mole, aßen und tranken Unmengen von Jannis‘ Hauswein, den er in Plastiklitermaßen an den Tisch brachte. Meistens holten wir ihn uns aber selber, denn wie jedes Jahr zahlte ich nur einmal, nämlich bei der Abreise. Alles, was wir verzehrten, musste ich selbst notieren, dafür hatte Jannis keinen Nerv. Ich habe ihn übrigens nie betrogen, jedenfalls nicht absichtlich. Oft wurden wir zum Essen der Familie eingeladen (was aber nicht immer ganz meinem Geschmack entsprach … denn was seine Familie betraf, war Jannis ein ziemlicher Geizhals).

PicturesKJ/for-1976-14_Kokkinos.jpgAuf den beiden Schwarz-Weiß-Fotos eine große Holztafel zu sehen, das war Jannis‘ „Speisekarte“. Natürlich standen da keine Preise drauf und er hatte auch nicht immer alles da, was darauf stand. Diese „Speisekarte“ gibt es heute noch, auch wenn das Lokal seit Jannis‘ Tod geschlossen ist.

Eines Tages passierte folgendes: Zwei Männer vom Ordnungsamt bestellten bei Jannis etwas zu essen und bekamen es auch. Nur hatte Jannis leider überhaupt keine Genehmigung, Essen anzubieten … Nachdem die beiden aufgegessen hatten, bezahlten sie und zeigten Jannis an, unter anderem mit der Begründung, man dürfe nicht kochen, wenn man keine Speisekarte hat. Da kamen sie bei Jannis aber nicht gut an. Mit Hilfe eines Freundes demontierte er die Tafel und karrte sie mit dem Pickup eines Bekannten zur Gerichtsverhandlung. Dort zeigte er seine „Speisekarte“ vor und wurde freigesprochen … er kochte bis zu seinem Tod weiter und keiner hat ihm je wieder Schwierigkeiten bereitet.

PicturesKJ/for-1976-15_Kokkinos.jpgJannis fuhr ein absolutes schrottreifes Moped, dies war sein einziges Fortbewegungsmittel. Die zwei Kilometer bis Timbáki schaffte er damit, aber dann und wann musste er auch nach Míres, um Zigarettennachschub einzukaufen. Ich glaube mich zu erinnern, dass es diesen Kioskwagen von   1976 noch nicht gab, damals lagerte Jannis die Zigaretten noch in Schubladen hinter dem Tresen.

Ein solcher Ausflug nach Míres bedeutete natürlich immer ein gewisses logistisches Problem, und so war er froh, wenn sich gerade ein Tourist bei ihm aufhielt, der über ein Auto verfügte. Ich war sein Lieblingsopfer …

Wir fuhren also morgens recht früh (Yvonne fuhr natürlich mit, die anderen schliefen noch) mit Jannis nach Míres. Er erledigte seine Einkäufe und dann gingen wir jedes Mal gemeinsam „frühstücken“. Ich setze das Wort hier in Anführungszeichen, denn es war für uns schon ungewöhnlich, morgens gegen neun Uhr in einer Psistariá (einer Grillstube) Platz zu nehmen und einen mit Koteletts überreichlich gefüllten Teller – einzige Beilage war Brot – zu verzehren. Dazu gab es pro Person mehrere Flaschen Bier, das ich ansonsten auch in diesem Jahr aus Kostengründen nicht trank. Mehr als gesättigt und alle leicht angesäuselt waren wir dann gegen halb elf wieder zurück in Kókkinos Pýrgos.

PicturesKJ/for-1976-35_Faehre.jpgYvonne ging gerne auch mal alleine spazieren, worüber sich Jannis immer wieder Sorgen machte. Zwar wussten alle im Dorf, dass sie die meine war – und bis auf eine einzige Ausnahme wurde sie auch nie belästigt – aber sie hätte sich ja was brechen können oder sonst was. Einmal sagte er den in die Annalen eingegangenen Satz zu ihr: „Du egal Ziega!“ Das sollte keine Beleidigung sein, sondern verdeutlichte nur, dass er es gar nicht so gut fand, wo sie überall herumkrauchte …

Ganz zu Beginn hatte Yvonne ihn scherzhaft gefragt, ob es im Meer Haifische gebe. Seine Antwort: „Nix im Meer, Eisfische (!) gibt nur an Strand!“

PicturesKJ/for-1976-36_Faehre.jpgAber auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Die Rückfahrt mit der Fähre verlebten wir einmal mehr „luxuriös“. Zwar hatten wir nur Holzklasse gebucht, d. h. wir schliefen wieder an Deck, doch ein opulentes Abendessen sollte schon sein. Und so bastelte ich es zusammen. An einem windgeschützten Platz – man hatte ja inzwischen so seine Erfahrungen – entstand ein „kaltes Buffet“ vom Feinsten.

Ulrike hatte sich zwischenzeitlich selbständig gemacht und fuhr nicht mit uns zurück, dafür jemand anderes, die Achim kennen gelernt hatte und die sehr nett war.

Angináres me koukiá (Artischocken mit Dicken Bohnen)

Zutaten
1,5 kg Artischocken (frisch)
1 kg Dicke Bohnen (frisch)
1-2 Knoblauchzehen
1 Bund Dill
2 Essl. Mehl
½ Tasse Olivenöl
2-3 Essl. Essig oder Zitronensaft
Salz, Pfeffer

Zubereitung
Die Artischocken schälen und gut mit Zitrone einreiben, damit sie sich nicht schwarz färben, die Kerne der dicken Bohnen aus den Hülsen schälen.
Das Olivenöl in einem Topf erhitzen, den Knoblauch zerkleinern und im Öl anschwitzen, dann die dicken Bohnen dazu und einige Minuten gut erhitzen. Die Artischocken dazugeben (wenn es große Artischocken sind, kann man sie auch halbieren). Salz, Pfeffer und Dill dazugeben und mit Wasser aufgießen, sodass alles gut mit Flüssigkeit bedeckt ist.

So lange köcheln lassen, bis Bohnen und Artischocken gut gar sind (ca. 15-20 Minuten).
Das Mehl in ein Glas geben und mit dem Essig bzw. dem Zitronensaft mischen
Etwas von der Kochflüssigkeit dazugeben, damit sich das Mehl gut auflöst. Die Mischung in den Topf geben, gut unterrühren und noch ein paar Minuten ziehen lassen.

Variante
Anstatt Mehl kann man auch etwas Tomatenmark nehmen, so wird es eine etwas dunklere Soße (ein knapper Esslöffel voll ist genug).

Rezept von Bettina Trüper

Kreta 2005 – Die Sprüche

Als im Jahre 2005 die „Glorreichen 7“ auf Kreta unterwegs waren, gab es einige freiwillige und auch unfreiwillige Kalauer. Die finden Sie nun hier verewigt:

„Ich hätte jetzt gerne ein frischgepresstes Mythos!“

„Willst Du noch ein Bier?“ – „Klar, ich bin doch nicht zum Vergnügen hier!“

„Wie schreibt man das?“ – „Na, so wie man’s schreibt …“

„Der Bäcker hat ab um sieben offen!“

„Gibt es diesen Kuchen auch mit ohne Honig?“

„Da kommt ja Klaus sein Auto.“

„Machen wir eigentlich heute schon Klöster?“

„Ganz schön schön hier!“

„Was sehen wir heute?“ – „Meer.“ – „Und morgen?“ – „Mehr Meer!“

Es wird Jogurt mit Honig serviert. Kommentar: „Das sieht aber lecker aus.“ – Wirtin: „Das Beste daran ist, der Honig ist von meinem Sohn!“ – Rückfrage: „Wie, nicht von Bienen?“

„Auf Athos gibt es keine weiblichen Hühner.“

„Das Lokal heißt Kyaní Ákti, zu Deutsch Blue Beach …“

„Was muss, das ist!“

„Ich habe keine Lust und davon viel.“

„Die Verkäuferin sprach Deutsch, ich konnte sie also gut verstehen.“

„Chelmiii steigert sich: Er hat nicht nur die falschen Schuhe an, sondern schon die falschen Füße.“

„Wo wohnt Ihr?“ – „Oben am Berg im Hotel, ist ein ziemlicher Aufstieg, aber ein herrlicher Blick! Und wo wohnt Ihr?“ – „In Bochum.“

Ausnahmsweise mit Urheber …
Klaus: „Oskar schaut immer so grimmig, wenn er fotografiert wird.“
Oskar: „Da muss ich aber lachen!“

„Agía Galíni hat mit Urlaub nix zu tun, das ist harte Arbeit!“

„Ich habe ein tolles Foto gemacht: Olivenbaum hinter blauem Himmel.“

„Ich kann ohne Augen nicht lesen!“ (gemeint war, ohne Brille)

„Wie spricht man das aus?“ – „Die Griechen sprechen das aus, wie sie’s schreiben.“

 

Kléftiko (Fleisch aus dem Ofen „nach Art der Diebe“)

Zutaten
Ca. 1 kg Fleisch in sechs Stücken (Schaf, Ziege oder Rind)
3 Zwiebeln
3 Karotten
2 Lauchstangen
5 große Kartoffeln
2-5 Knoblauchzehen (je nach Vorliebe)
Saft von 1-2 Zitronen (Achtung – wenn keine kretischen Zitronen verwendet werden, entsprechend wässern, sonst wird alles viel zu sauer!)
Salz, etwas Mehl
Lorbeerblätter, Nelken, Thymian, Koriander (evtl. Wacholderbeeren), Salz, Pfeffer, etwas Orégano (oder Dill oder Petersilie)
gutes Olivenöl
250 g Féta

Zubereitung
Das Fleisch waschen und trockentupfen, dann in ein tiefes Gefäß legen und mit dem Saft einer Zitrone übergießen, mit Orégano, dem klein geschnittenen Knoblauch und einigen Lorbeerblättern gut vermischen und alles über Nacht gut durchziehen lassen. Ich verwende dafür eine Plastikschüssel mit Deckel und schüttle zwischendurch ein paar Mal den Inhalt, damit sich die Marinade gut verteilt (extra dazu aufzustehen ist nicht notwendig, vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen kann man das gut erledigen).

Vor dem Anbraten die Fleischstücke in ein Sieb legen und etwas abtropfen lassen (evtl. auch abtupfen), leicht mit Mehl bestäuben – im Olivenöl das Fleisch dann rundherum gut anbraten – aus der Pfanne nehmen und warm halten. In den Bratrückstand dann die fein geschnittenen Zwiebel und das Gemüse (in kompakteren Stücken) dazugeben und bei kleiner Hitze etwas köcheln lassen. Würzen.

Dann das Fleisch wieder zum Gemüse in die Pfanne geben und weiter auf kleiner Flamme vor sich hin köcheln lassen, zwischendurch auch das Ganze einmal wenden. Bei Bedarf noch Zitronensaft beifügen, sodass eine Art cremige Sauce entsteht. Nach etwa 1 ½ Stunden bei Bedarf nachwürzen. Wenn frischer Oregano (oder Dille oder Petersilie) verwendet wird, diesen erst kurz vor Ende der Kochdauer beifügen.

Sechs Stücke große Alufolie gut mit Olivenöl einpinseln, dann eine Portion Fleisch darauf geben, etwas würfelig geschnittenen Féta, mit Kräutern bestreuen und das Packerl gut zumachen.
Die Packerl in eine feuerfeste Form schichten und dann im vorgeheizten Rohr bei ca. 200 Grad etwa 15 bis 20 Minuten fertig garen. Die geschlossenen Packerl kommen dann auf den Tisch … dazu Tsatzíki, Weiß- oder Fladenbrot und Salat.

Für 6 Personen
Rezept von Kretamum

Sikotáki tiganitó (Gebratene Leberhäppchen)

Zutaten
Ca. 500 g Rinder- oder Lammleber
Salz, Pfeffer, Orégano
Saft von 2 griechischen oder 1 deutschen Zitrone
1 Bund Petersilie
Olivenöl zum Braten

Zubereitung
Die Leber in nicht zu kleine, aber doch mundgerechte Stücke schneiden und diese in dem heißen Olivenöl etwa 5 Minuten kräftig anbraten. Die Gewürze und den Zitronensaft hinzugeben und bei geringerer Hitze noch etwa 10 Minuten weiter braten.

Die Leberstücke auf einer Platte anrichten, ja nach Geschmack noch etwas nachsalzen, mit der fein gehackten Petersilie bestreuen und möglichst noch heiß servieren.

Kreta 1975 – ein echtes Abenteuer

Im Jahre 1975 war ich ganz alleine auf Kreta … ich hatte keine geeigneten Mitreisenden gefunden, mit denen ich gerne über längere Zeit auf Kreta zusammen sein wollte.
Stattdessen hatte ich mir eine Mitfahrgelegenheit nach Athen besorgt – zum Glück erwischte ich einen recht besonnenen Fahrer – und dann die Fähre nach Kreta genommen.

Was ich 1974 noch nicht erzählt hatte: Wir hatten damals am letzten Abend vor der Abreise aus Kókkinos Pýrgos ein paar einheimische Fischer kennen gelernt, die versprochen hatten, mich mal mit aufs Meer zu nehmen, wenn ich denn noch mal wieder käme.
Da wir uns sehr gut verstanden hatten – auch sprachlich, mit einem wilden Mischmasch aus deutschen, englischen und griechischen Brocken klappte das sehr gut – entschloss ich mich also nun nach Ankunft der Fähre in Iráklion, sie doch beim Wort zu nehmen. Eine billige Bleibe würde ich bei Jannis sicher finden … und wenn nicht, eben wieder im Freien schlafen.

So nahm ich den nächsten Bus nach Kókkinos Pýrgos.
Jannis freute mich sehr über mein Kommen, auch wenn er ein wenig enttäuscht schien, dass ich weder Susi noch Helga dabei hatte … aber ich vertröstete ihn auf (vielleicht) nächstes Jahr. Er hatte sogar eine Unterkunft für mich … heute würde ich da nicht mehr von Unterkunft sprechen, denn es war ein winziges Kämmerchen mit einer schießschartengroßen unverglasten Fensternische … und das noch direkt neben Jannis indiskutabler Toilette (die ich fortan jeden Tag mit viel Wasser zu putzen versuchte, um wenigstens einen Großteil der Fliegen – und den Geruch – einzuschränken). Heute würde ich diesen Raum nicht einmal in einem ABC-Schutzanzug mehr betreten … aber damals war ich jung, anspruchslos und hartgesotten. Außerdem hatte ich ein sicheres Plätzchen für meine Habseligkeiten und es kostete auch überhaupt nichts.

Am späten Nachmittag tauchten tatsächlich die Fischer auf. Sie begrüßten mich mit großem Hallo, wir tranken erstmal einen Raki, dann erinnerte ich sie an ihr Versprechen vom Vorjahr.
„Natürlich kannst du mitfahren. Du sollst uns ja schließlich helfen.“
Da ich noch nie auf einem Fischerboot gewesen war, sah ich schon vor mir, wie ich mich in die Netze verstricken oder sonst irgendeinen Unfug veranstalten würde. Andererseits … Abenteuern muss man sich einfach hingeben, es würde schon klappen.

Nach dem Raki verluden wir gemeinsam ein paar Kisten mit tiefgefrorenen Fischen auf ihr Boot, ein etwa zehn Meter langes altes Kaiki, das auf den schönen Namen „Koursaros“ hörte. Während ich mich fragte, warum sie Fische mit an Bord nahmen, da sie doch welche fangen wollten, zeigte Nikos, der Besitzer des Bootes (wie ich später erfuhr, gehörte der größte Teil allerdings der Bank) auf die Fische und auf mehrere viereckige Kisten, in deren oberem Rand fein säuberlich Unmengen von Angelhaken steckten. Offensichtlich hingen die Haken alle an einer Nylonschnur, die im Inneren der Kiste aufgerollt war.

Nikos zeigte auf die Fische, grinste und sagte „dóloma“, dann auf die Kisten und fügte hinzu „paragádia“. Ich kapierte zwar nichts, aber später wurde mir während der Arbeit klar, dass sie nicht mit Netzen fischten, sondern dass die Fische als Köder (dóloma) dienten und das „paragádia“ kilometerlange Treibangeln waren, an denen in gewissen Abständen Nebenschnüre befestigt waren, die in den erwähnten ziemlich großen Angelhaken endeten.

PicturesKJ/fischer1.jpgWährend Manolis das Boot aus dem Hafen steuerte und Kurs auf die Paximádia-Inseln nahm, halbierte Nikos mit meiner Hilfe die Köderfische. Und dann erklärte er mir, welche Aufgabe er für mich vorgesehen hatte. Kurz von den Paximádia-Inseln drosselte Manolis den Motor und wir trugen die erste Kiste mit den Angelleinen nach hinten. Nikos befestigte am Ende der Leine eine selbst gebastelte Boje aus einem Stück Styropor in einem blauen Müllsack, in dem oben eine Bambusstange mit einem zerrissenen schwarzen Plastikfähnchen am oberen Ende steckte.
Dann zeigte er mir noch einmal am gefrorenen Objekt, wie meine Handgriffe für die nächste Stunde aussehen würden, ich hockte mich auf die hintere Reling neben die Kiste und den Korb mit den Köderfischen, hakte mein rechtes Fußgelenk fest ein (denn ich würde beide Hände brauchen) … Nikos gab Manolis ein Zeichen und warf die Boje mit der verknoteten Angelleine ins Meer. Manolis gab langsam Gas.

Und so sah mein Job aus: Während Nikos hinten neben Manolis stehend die Angelleine durch die Hände laufen ließ, griff ich wie ein Fließbandarbeiter mit der linken Hand blind in den Korb mit den Köderfischen, während ich gleichzeitig mit rechten den nächsten Haken vom Rand der Kiste löste. Dann bohrte ich den Haken kräftig durch den Rücken des noch immer gefrorenen Fisches, sodass die mit einem Widerhaken versehene Spitze auf der anderen Seite wieder austrat. Dabei musste ich mich sehr beeilen, denn sobald sich Leine des Hakens straffte, musste ich das Ganze seitlich vom Boot fallen lassen … und schon wieder der nächste Fisch und der nächste Haken. Am Anfang stellte ich mich natürlich nur bedingt geschickt an … mancher Haken musste leer ins Wasser fallen und manch anderer riss mir ein wenig die Hand auf. Von den spitzen Flossen der Köderfische ganz zu schweigen, ich sah ja nicht, wo ich hin griff. Zwischendurch band Manolis immer wieder mal eine verschlossene leere Klorixdose oder ähnliches an die lange Leine, die dann ebenfalls im Kielwasser zurückblieb.

Mit der Zeit begriff ich das System: Diese gelegentlichen „Bojen“ hielten das „Paragadi“ freischwimmend im Meer, sodass die Köder nur etwa 10 Meter tief hinunter sinken konnten und dann frei im Meer schwammen, als würden sie noch leben. Ich fragte mich allerdings, auf was für Fische sie mit diesen großen Angelhaken eigentlich aus waren, aber Zeit zum Fragen hatte ich nicht, denn als Nikos bemerkte, dass ich mit der Arbeit allmählich besser klar kam, erhöhten wir ein wenig das Tempo. Und jetzt ging es wirklich Schlag auf Schlag … eine Ruhepause gab es nur dann, wenn eine neue Kiste oder ein neuer Korb mit Fischen nach hinten getragen werden musste.

Dann war es endlich geschafft und ich hatte einen ersten und bleibenden Eindruck davon bekommen, wie romantisch und gemütlich das echte kretische Fischerleben ist: Mir tat alles weh, besonders die Hände, die von Schrunden übersät waren, in denen Köderschmiere und Salzwasser ziemlich höllisch brannten. Während Nikos auch am Ende der Leine eine Boje anbrachte, die der ersten ähnelte, aber zusätzlich oben an der Stangenspitze über eine kleine Glühbirne und unten über eine wassergeschützte kleine Autobatterie verfügte, erhob ich mich ächzend aus meiner unbequemen Stellung an der Reling, was Nikos und Manolis mit einem kleinen Grinsen zur Kenntnis nahmen. Als die Birne brannte, wanderte auch diese Boje ins Meer.

Nikos zeigte auf das sich ganz langsam entfernende Lämpchen und erklärte mir in seinem wilden Kauderwelsch, mit Hilfe der Lampe würden wir die Leine heute Nacht wieder finden …
„Avrio du timoni!“ Er wies auf die Ruderpinne. „Manolis and me work at paragadi!“
Wurde ich jetzt schon zum Steuermann befördert?

Nikos warf einen Treibanker aus, stellte den Motor ab und wir nahmen beleuchtet von einer einsamen Glühbirne am Mast unser Abendessen zu uns: Brot, Käse, Oliven, Tomaten und Ölsardinen! Und reichlich Raki! Wer jemals behauptet hat, Kreter würden nicht trinken, der ist noch niemals Fischern oder Köhlern begegnet …

Dann löschte Nikos das Licht. Wir wollten uns ein paar Stunden ausruhen, um gegen vier Uhr morgens wieder mit dem Einholen der Leinen beginnen. Ich rollte mich in einige nach Fisch riechenden Decken auf dem Vorderdeck ein. Und so wurde es … nein, nicht die schlimmste, aber eine DER schlimmsten Nächte meines Lebens. Solange das Boot fuhr, war das Schaukeln problemlos gewesen, jetzt aber, als es vor Treibanker sachte, aber dafür in alle Richtungen krängte, wurde ich dermaßen seekrank, dass ich alles, was ich den vergangenen Stunden zu mir genommen hatte, nach und nach dem Meer opferte. Es war grauenhaft und ich schwor, ich sei hiermit das erste und letzte Mal Fischen gewesen. Ich hoffte nur, ich würde wieder an Land kommen, bevor sich mein Magen vollends nach außen stülpte … und an Land würde ich dann auch bleiben!

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Kreta 1975 – Teil 2

Als mich Nikos um halb vier Uhr morgens weckte, war es noch dunkel und mir kam es vor, als hätte ich gerade mal zehn Minuten geschlafen. Er bemerkte nicht, wie mies es mir ging, sondern beorderte mich an die Ruderpinne, um mir armer Socke das kleine 1×1 des Kaikifahrens beizubringen.

Ich lernte trotz meines jämmerlichen Zustandes relativ schnell, wie man Vor- und Rückwärtsgang sowie den Leerlauf bedient, denn da gab es nur einen einfachen langen Metallstock, den man nach vorne oder hinten schieben musste (übrigens wie bei Automatikautos nach vorne, um rückwärts zu fahren). Wie man lenkte, war auch nicht so schwer … und nachdem ich ein paar Kreise gedreht hatte und auch wieder „rückwärts einparkte“, war er sehr zufrieden: „Íse télios, very good!“

Vor lauter Stolz ging es mir augenblicklich ein bisschen besser. Dann übernahm Nikos aber erstmal wieder die Pinne und wir suchten nach der Boje mit dem Lämpchen. Kaum hatte das Boot wieder richtig Fahrt aufgenommen, ließ auch das unangenehme Querschaukeln erfreulicherweise nach. Manolis stand am Bug und rief plötzlich: „Náto, dexiá!“
„Da ist es, rechts!“ – Backbord und Steuerbord kennen griechische Fischer nicht … Nikos und ich spähten ins Dunkel und da war das Lämpchen wirklich schwach zu erkennen. Nikos schob den zweiten kleineren Metallhebel nach hinten, änderte den Kurs und wir hielten in voller Fahrt auf das Lämpchen zu.

Nikos drosselte die Geschwindigkeit wieder und ganz langsam schob sich das Boot an die Boje heran. Ich passte auf wie ein Schießhund, ich wollte jetzt was lernen und hatte keine Zeit mehr, mich auf meine Übelkeit zu konzentrieren.
Manólis ergriff den „Gántsos“, eine mehr als einen Meter lange kleinfingerdicke Eisenstange, die vorne zu einem Haken (mit geschliffener Spitze) gebogen war (dieses neue Wort lernte ich so auch kennen – ich lernte in diesen Wochen eine Menge Fischer-Griechisch) und angelte die Boje heraus, indem er mit dem Haken um die Leine fasste. Die Boje wurde gelöst, das Lämpchen wurde gelöscht und aus dem Weg geschafft.

Nun war ich an der Reihe: Die beiden anderen gingen nach vorne, ich übernahm das Ruder und hatte nun das Kaiki nach ihren Handzeichen immer „der Leine nach“ zu steuern, nicht zu schnell und nicht zu langsam, während die beiden gemeinsam die Leine einholten (ich konnte die Leine allerdings nicht sehen). Nikos saß an vorderster Front und schaute immer wieder aufgeregt ins Wasser, wenn es anscheinend etwas schwerer ging. Manolis stand hinter ihm, löste die nicht abgefressenen Köder von den Haken und warf sie ins Meer. Dann verstaute er das Paragádi genauso ordentlich wie vorher in der Kiste. Zwischendurch brüllte Nikos immer mal wieder Befehle nach hinten, aber schien ganz zufrieden mit mir zu sein.

Die ersten 30-50 Haken waren erfolglos „spazierengegangen“, wie es Nikos gerne ausdrückte. Aber dann: „Niko, lígo pio dexia – échi práma …!“ Er unterstützte den Befehl durch eine kurze Richtungsanzeige mit der Hand. „Echi práma“ … so lernte ich bei der Gelegenheit, hieß bei den Fischern soviel wie „es ist was dran!“ (wörtl. etwa „es gibt eine Sache“).

Ich sah nicht, ob es wirklich was gab, aber Manolis griff wieder nach dem Gántsos, der diente offensichtlich verschiedenen Zwecken. Und nun war es so weit. Auf einen letzten Wink von Nikos nahm ich den Gang raus und die beiden wuchteten einen silberglänzenden Fischkörper an Bord.
Manólis drehte sich zu mir um: „Na, Xifias … triánda kilá perípou!“ Und dann sah ich ihn auch besser, denn es dämmerte bereits stark. Ein Schwertfisch von etwa 30 Kilo (übrigens, alle die Worte, die ich hier übersetze, kannte ich bis zu jener Nacht nur bedingt, aber ich lernte durch Anschauung jeden Tag dazu).

PicturesKJ/fischer2.jpgWeiter ging es … wir fingen in dieser Nacht drei Schwertfische und ich grübelte, ob drei Fische diesen Aufwand wert gewesen waren, aber die beiden anderen schienen recht zufrieden zu sein (später erlebte ich durchaus öfter, dass man auch ganz ohne Fang nach Hause kommen konnte und dann nur die Ausgaben für Köder und Diesel an der Backe hatte, und da verstand ich ihre heutige Zufriedenheit besser).

Dann waren die Paragádia wieder alle ordentlich verstaut. Längst war die Sonne aufgegangen. Ich nahm an, dass damit mein „Steuermannsdienst“ erst einmal zu Ende war, aber weit gefehlt. Nikos wies mit dem Arm nach Süden: „To vlépis to Kókkino Pýrgo?“ Das verstand ich sogar … „Éla, na mas pas ekí, emís échoume douliá.“ Er machte eine auffordernde Handbewegung und ging wieder nach vorne.

Ich verstand soviel, dass ich das Boot jetzt selbständig Richtung Heimat steuern sollte. Welche Ehre! Also schmiss ich den Gang wieder rein, schob den Gashebel nach vorne und zog das Boot in einem weiten Bogen herum und nahm Kurs in die angegebene Richtung. Dann wurde ich übermütig – was übrigens ohne Folgen blieb. Wenn man das Boot nämlich im Sitzen steuerte, konnte man nach vorne praktisch nichts sehen, da das große Ruderhaus über dem Motor die Sicht verdeckte. Also erinnerte ich mich daran, wie es Nikos und Manolis gemacht hatten. Ich stand einfach auf (es gab eine Stange zum festhalten) und lenkte das Boot mit den Füßen. Geil! Nikos und Manolis nahmen die Fische aus und machten sie verkaufsfertig. Nikos schaute dann und wann mal, ob der Kurs noch in etwa stimmte und grinste, als er mich hinten inzwischen fast lässig stehen sah.
„Íse kapetánios!“ Das verstand ich trotz des Lärms des schnell laufenden Diesels …

PicturesKJ/fischerklaus.jpgDie damals noch kleine Mole von Kókkinos Pýrgos war inzwischen klar zu erkennen. Nikos hatte schon vor einiger Zeit eine Raki-Flasche geöffnet und sie kamen zu mir nach hinten. Die Flasche kreiste. Nikos steckte mir eine brennende Zigarette in den Mund, nahm mich kurz in den Arm und grinste …

Erst als ich das Boot in einer Kurve in den Hafen lenkte, löste er mich wieder ab, denn für das Anlegemanöver war ich wohl noch nicht reif genug. Ich beobachtete es aber mit Argusaugen – ich beschreibe es dann später noch mal, als ich es selber durchführen durfte. Mir war überhaupt nicht mehr schlecht … dennoch war ich nicht überzeugt, ob ich das meinem Magen noch einmal antun sollte. Obwohl die ganze Flasche Raki, die wir auf nüchternen Magen getrunken hatten, diesen angenehm wärmte und beruhigte.

Wir luden die Fische aus und auf die Ladefläche von Nikos‘ altem Pick-up, auf dem auch eine altertümliche Waage hing. Fast zwanzig Einheimische hatten uns schon erwartet. Nikos und Manolis schnitten mit einem großen scharfen Messer die gewünschten Portionen ab und warfen sie auf die Waage. Dann rechnete Nikos mühsam auf einem Block den Preis aus. Nach dem dritten Mal wurde es mir zu bunt.
„Niko, what does a kilo of xifias cost?“
„800!“
„This piece is 700 grammária, so the price is 560 Drachmes.“
Er schaute mich mit großen Augen an.
„And 1200 grammária?“
„960 Drachmes!“
„O.k., you will be the tamías!“ (der Kassierer).

Jetzt lief alles viel schneller. Nikos und Manolis zerteilten und wogen die Fische, riefen mir das jeweilige Gewicht zu und ich kassierte … alle Umstehenden waren von meinen doch gar nicht so umwerfenden Kopfrechenkünsten sehr beeindruckt, denn so was kannten sie nicht.

Im Handumdrehen war der Fisch (insgesamt 80 Kilo) verkauft, nur ein Stück behielten wir zurück und ließen es uns von Jannis braten. Nach dem Frühstück hob Nikos das Glas: „You are now the third captain of ‚Koursaros‘ ke o tamías … to vrádi páli!“

Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich eigentlich an diesem Abend nicht wieder mitfahren wollte … Ich fuhr deshalb mit den beiden später nach Timbáki, wo sie wohnten, und besorgte mir in der Apotheke ein Mittel gegen Seekrankheit. Ich verriet es ihnen aber nicht … und übrigens hals es auch. In der nächsten Nacht hatte ich kein Problem und auch danach nie mehr wieder.

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Kreta 1975 – Teil 3

Manolis und Nikos kamen am nächsten Spätnachmittag „pünktlich“ zu Jannis und holten mich ab, um von dort aus die wenigen Meter zur Mole zu fahren.
Der Ablauf war der gleiche wie am Abend und in der Nacht zuvor … mit dem für mich entscheidenden Unterschied, dass wir die Paragádia dieses Mal wesentlich näher an den Paximádia-Inseln auslegten und wir deshalb statt auf dem offenen Meer vor Treibanker dümpelnd eine kleine Bucht der Paximádia anliefen und dort ankerten.

Hier lag das Boot ziemlich ruhig, mein Magen war es zufrieden, und mein Gefallen am Fischerdasein wuchs … auch wenn es wirklich nicht halb so romantisch ist, wie es sich mancher vorstellen mag. Aber für mich hatte es den Geschmack von Freiheit und Abenteuer. In dieser Nacht fingen wir nur zwei Schwertfische, aber das reichte auch, um die Kosten zu decken.
Ich vergaß übrigens zu erwähnen, dass Nikos auch mir einen kleinen Anteil ausbezahlte, wenn wir erfolgreich waren.

Von da an hatte ich einen geregelten Tagesablauf: Gegen 5 Uhr nachmittags tauchten die beiden auf und gegen 9 oder 10 Uhr morgens kehrten wir zurück – mal verkauften wir unseren Fisch in Mátala, mal in Kókkinos Pýrgos … und mal … z. B. in der Nacht; die wir in Kalí Liménes an Land geschlafen hatten, waren die Paragádia zwar kilometerweit „spazieren gegangen“, sodass wir sie erst bei Tageslicht wiederfanden, aber kein einziger Xifías hatte angebissen …

In der Regel ging ich gegen 11 Uhr (vormittags) schlafen, um dann kurz vor 5 Uhr wieder aufzustehen. Gegessen wurde morgens und abends Fisch (das war das Einzige, was ich weniger spannend fand). Nur einmal die Woche war Ruhetag und dann zog ich mir Jannis eine Riesenportion Koteletts rein.

Meine Jeans blieb inzwischen nach dem Ausziehen senkrecht neben dem Bett stehen, so sehr war sie voller Meersalz. Einmal die Woche weichte ich sie zwar in Süßwasser ein, aber das hielt nie lange.
Mein Pidgin-Fischergriechisch wurde immer besser, zumindest verstand ich alles und konnte auch schon einiges anwenden … was aber nicht im Geringsten heißt, dass ich Griechisch gekonnt hätte, wie ich im folgenden Jahr leidvoll erfahren musste.

Ich muss noch erwähnen, dass wir manchmal sogar zu fünft unterwegs waren: Michalis, ein kleiner verschmitzter Glatzkopf, der auch ein eigenes kleines Boot mit Außenbordmotor besaß und sein Freund Lefteris, der nur selten und aus Hobby zum Fischen fuhr.

So war es auch in dieser Nacht: Wir hatten die Paragádia diesmal sogar außerhalb der Paximádia ausgelegt und sie nur sehr schwer wieder gefunden, und zwar erst, als es dämmerte. Es herrschte hier draußen ein ziemlicher Seegang und außerdem war der Morgennebel ziemlich dicht. Wir hatten nun zwar die Leinen wieder gefunden, wussten aber längst nicht mehr genau, wo wir waren. Irgendwo sehr weit draußen. Erwähnte ich bereits, dass dieses alte Boot natürlich über kein Radar verfügte?

Nikos blieb selbst am Ruder, da das Meer doch ziemlich rau war, dafür bekam ich einen fast ebenso spannenden Auftrag. Ich musste auf den kleinen Mast klettern, weil ich von da oben über die Kämme der Wellen wohl eher anhand der kleinen „Bojen“ die Richtung der Leine verfolgen konnte. Es ging tatsächlich einigermaßen und ich lenkte Nikos durch Zurufe und Gesten von oben. Die Leine verlief kreuz und quer, was recht ungewöhnlich war … Schwertfische kämpfen in der Regel nicht lange.

Zwischendurch überlegte ich, was passieren würde, wenn nun plötzlich aus dem Nebel ein großer Frachter vor uns auftauchen würde … doch ich verwarf den Gedanken lieber gleich wieder.

Dann hörte ich die ersten Rufe: „Echi práma!“
Der erste Schwertfisch wanderte an Bord … normales Kaliber. Ich konnte das von hier oben wie aus einem Logenplatz beobachten. Und gleich am nächsten Haken wieder einer, sogar eine Nummer größer. Die Stimmung an Bord stieg.
Doch dann bog die Leine wieder einmal fast im rechten Winkel ab und es dauerte eine Weile, bis das Boot richtig dran lag. Plötzlich beugte sich Manolis, der als vorderster die Leine einholte, über die Reling und brüllte: „Karcharías!“

Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal, aber ich merkte sofort, dass es auf die anderen wie ein Alarmruf wirkte. Und dann sah ich auch den silbrigen Schatten, der mit der Leine immer höher zum Boot gezogen wurde: Nicht so gedrungen wie ein Schwertfisch, sondern viel schlanker und um einiges länger. Was war das? Ich mache es kurz, es war ein Hai! Und der hatte vermutlich die Leine so durcheinander gebracht.

Ihn an Bord zu bekommen, kostete fast eine halbe Stunde … er wehrte sich nach Kräften, aber es gelang, ihn mit dem Gántzos kurz vor dem Schwanz zu erwischen und ein Tau darum zu binden. Ein weiteres Tau wurde um den Hals geschnürt und dann bekamen wir ihn endlich an Bord. Mit den Leinen wurde er vorne und hinten fest vertäut. Erst dann traute sich Manolis so weit an ihn heran, dass er ihm sein schweres Fischermesser etwa zwanzig Mal in den Kopf jagen konnte – richtig still lag der Hai danach noch lange nicht, aber er schien jetzt nicht mehr gefährlich zu sein, denn wir machten weiter.

Und tatsächlich brachte uns dieser Tag noch vier weitere Schwertfische, darunter einen echten Großvater, der alleine ca. 65 Kilo wog! Das war unser Tag …

Wer übrigens nun Bedenken bekommen sollte, auf Kreta Baden zu gehen, sei beruhigt. Solche großen Haie – er war immerhin ca. 4,50 Meter lang! – gibt es in Küstennähe nicht! Wir befanden uns mindestens 15 Kilometer weit draußen auf dem Meer. Das stellten wir fest, als jetzt endgültig die Sonne durch den Nebel brach und wir wenigstens wussten, in welche Richtung wir nun fahren mussten.

Es wurde auch viel später diesmal, wir kamen erst gegen Mittag wieder an. Nachdem der Fisch verkauft war (einen Teil brachten wir nach Agía Galíni, es war einfach zu viel), fuhren wir nach Kókkinos Pýrgos zurück und feierten erst einmal ausgiebig. Ich erfuhr während des Verkaufs auch, warum es noch einen zweiten Grund gab, warum die Fischer Haie nicht so gerne an der Angel hatten: Sie machten nicht nur ungleich mehr Mühe, sondern brachten auch nur ein Viertel des Kilopreises der Schwertfische ein.

Als unsere Feier um vier Uhr nachmittags noch nicht zu Ende war, stand für mich fest: Diese Nacht würden wir wohl nicht rausfahren. Und so war es auch …

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Kreta 1975 – Teil 4

Auch die nächste Nacht war „Ruhenacht“ – Nikos pflegte wohl seinen Kater – aber am Nachmittag drauf tauchten sie alle vier wieder auf.
„Éla, Niko Kapetánie, páme!“
Alles verlief ganz normal, nur etwas wunderte mich (ich fragte aber nicht nach): wir nahmen Michalis‘ kleines Boot ins Schlepptau, bevor wir wieder Richtung auf die Paximádia ablegten. Wozu das gut sein sollte, wusste ich noch nicht.

Ungefähr eine Stunde später hatten wir unsere heutigen Fanggründe erreicht (ich habe übrigens niemals kapiert, nach welchen Kriterien das Nikos jedes Mal neu aussuchte) und legten wie üblich die Paragádia aus.
Nikos, Manolis und ich waren inzwischen schon ein eingespieltes Team, sodass die beiden anderen zuschauen durften.
Danach gab es erst einmal die obligatorische Zigarettenpause. Es war inzwischen völlig dunkel geworden. Michalis packte die Essensvorräte aus, während Nikos vorne am Bug eine sehr helle Lampe aufhängte, direkt über dem Wasserspiegel.

„Wir haben heute keinen Mond, das ist gut!“ stellte er zufrieden fest. Ganz begriff ich die Zusammenhänge noch nicht, warum wollte Nikos bloß mitten in der Nacht das Meer beleuchten?
Wir hockten uns auf dem Deck nieder, die Rakí-Flasche kreiste. Nikos reichte mir ein Stück Brot, es gab wie üblich auch Dosenfisch und ein großes Stück Kefalotyri. Während wir kauten, schaute dann und wann einer der anderen über Bord und meinte lakonisch: „Sie kommen schon!“

Und allmählich begriff ich, was vor sich ging: Mit der Lampe lockten sie Fische an! Da wir keine Netze an Bord hatten und das Paragádi weit mehr als einen Kilometer entfernt lag, konnte das nur eines heißen: Dynamit! Diese Gangster … Jetzt war ich schon so oft mit ihnen Fischen gefahren und bisher war immer alles ganz korrekt gelaufen. Zuerst wollte ich protestieren, beruhigte mein Gewissen dann aber damit, dass es zum einen sowieso nichts nützen würde und dass sie zum anderen wenigstens nicht direkt unter Land bomben wollten, sondern hier, wo das Meer mehrere hundert Meter tief war. Sie würden also nicht viel kaputt machen, außer den Fischen, die sie anlockten. Jetzt erkannte ich auch die zahllosen kleinen silbrigen Schatten, die um das Boot und die Lampe tanzten, es waren Sardinen.

Deshalb war also die Abwesenheit des Mondes so wichtig gewesen, er hätte mit seinem Schein die Fischlein nur von unserer Lampe abgelenkt. Während die anderen die Essensreste wegpackten, tauchte Manolis aus der Luke auf, ein graues Päckchen unter dem Arm. Während er das Bündel öffnete, wurde mir doch ein bisschen mulmig. Ich hatte schon mehrfach über Fischer gelesen, denen eine Hand oder mehr fehlte, weil sie im Umgang mit Dynamit zu sorglos gewesen waren. Einen davon hatte ich sogar selbst schon getroffen, auch wenn er nicht zugab, wer oder was seine rechte Hand auf dem Gewissen hatte. Manolis schien weniger Bedenken zu haben, vielleicht las er selten, jedenfalls drückte er noch nicht einmal seine Zigarette aus.

Er wickelte ein Stückchen Zündschnur ab und fummelte es in eine Zündkapsel. Das Kernstück seines Päckchens war dann eine graue unförmige Masse (du lieber Himmel, sie hatten die Zündkapseln zusammen mit dem Dynamit aufbewahrt und wir hatten die ganze Zeit darüber gesessen!). Mit dem Messer bohrte er ein Loch in die Dynamitmasse und versenkte gleichmütig die Zündkapsel darin. Er umwickelte das Päckchen mit reichlich Klebestreifen, dann packte er es in eine blaue Plastiktüte, nur das Zündschnurschwänzchen schaute noch heraus. Dann umwickelte er das Ganze mit Unmengen von Klebestreifen und Bindfaden und band noch zwei Steine mit ein, damit die „Spezialangel“ auch tief genug sinken würde. Ein Jahrhundertwerk für einen einzigen Bums!

Dann schien er zufrieden zu sein und die anderen wurden jetzt von Unruhe ergriffen. Ich auch, allerdings aus anderen Beweggründen. Lefteris und Michalis zogen das kleine, im Schlepp mitgeführte Boot näher ans Heck des Kaíki (aha, dafür hatten sie es mitgenommen!) und stiegen hinein. Nikos holte aus dem Inneren des Kaíki zwei Kescher, auch im Beiboot konnte ich jetzt einen liegen sehen. In der allgemeinen Hektik rief mir Nikos zu, ich solle jetzt ans Ruder gehen und auf seine Anweisungen achten. Das half mir über meinen immer noch ein wenig vorhandenen Widerstand hinweg, auch mich ergriff jetzt das Jagdfieber. Also nahm ich flugs meinen Platz ein, während Nikos den Diesel startete.

Manolis stand schon am Bug und hatte sich eine neue Zigarette entzündet. Auch der Außenborder des kleinen Bootes brummte auf, sie blieben aber noch hinter unserem Heck. Nikos holte nach einem letzten Blick schnell die Lampe am Bug ein, Manolis hielt die Zigarette an die Zündschnur, diese zischte auf und dann flog das Bündel mitten zwischen die silbrigen kleinen Leiber, platschte auf und versank schnell.

Zwei, drei Sekunden vergingen, ich dachte schon, jetzt sei es doch schief gegangen, da rumste es heftig vor uns. Eine hohe Wassersäule stieg vor dem Boot hoch, und während sie noch in sich zusammenfiel, heulte der kleine Außenborder hinter uns auf und das kleine Boot schoss schräg an uns vorbei. Nikos brüllte, ich sollte endlich mal voran machen, Manolis und er hatten schon jeder einen Kescher in der Hand und standen gebückt rechts und links am Bug des Kaíki. Ich trat mit dem Fuß gegen die altertümliche Kupplung, auch wir ruckten an, ich war viel zu nervös und hatte zu viel Gas gegeben.

Nikos brüllte ein paar unfeine Flüche in meine Richtung, ich fing mich und das Boot wieder. Dann sah auch ich, dass der gesamte Meeresspiegel um uns herum von Unmengen toter und betäubter Fische silbrig bedeckt war. Weisungsgemäß hielt ich mitten hinein und Nikos und Manolis schaufelten eilig die Fische an Bord. Langsam verstand ich auch, warum es so schnell gehen musste. Die meisten Fische waren ja nur betäubt und wir wollten sie an Bord haben, bevor sie wieder zu sich kamen und sich empfahlen. Jetzt wollte und musste auch ich mein Bestes geben! Ich ignorierte Nikos‘ Rufe völlig, wühlte im Getriebe und manövrierte das schwerfällige Boot auf kleinstem Raum immer wieder durch die silbrige Flut. Aus den Augenwinkeln sah ich dabei das kleine Boot immer wieder im Zickzack um uns herumflitzen, Nikos, Manolis und Lefteris (im kleinen Boot) schaufelten wie wild, hektische Rufe klangen immer wieder auf. Da aber keine Flüche mehr dabei waren, schien Nikos doch einigermaßen mit meinen Fahrkünsten zufrieden zu sein.

Nach einer halben Stunde war die Meeresoberfläche wieder dunkel. Was wir nicht an Bord hatten, war weggetaucht, aber vielen Fischen schien das nicht gelungen zu sein. Auf unserem Vorderdeck stapelte sich ein mehr als respektabler Haufen silbriger Leiber, auch Lefteris im kleinen Boot stand bis zu den Knien darin. Nikos winkte mir zu, die Jagd sei zu Ende und ich stellte den Motor ab. Das kleine Boot kam längsseits, auch der Außenborder erstarb, es wurde fast gespenstisch ruhig. Manolis reckte sich und ließ ein zufriedenes Grunzen hören, während Lefteris und Michalis schon damit begannen, die Fische eimerweise herüberzureichen.
Nikos schleppte Kisten herbei, wir schaufelten die Fische hinein und eine Viertelstunde später war auch das geschafft. Das kleine Boot wurde wieder am Heck vertäut, Nikos steckte sich eine Zigarette unter die Nase und verkündete zufrieden, es seien mindestens 90, wenn nicht gar 100 Kilo.

Ich muss zugeben, dass ich trotz aller Ressentiments gegen die Dynamitfischerei von seiner Zufriedenheit angesteckt wurde, spätestens dann, als er mir auch eine Zigarette anbot und meinte, er habe doch gewusst, wie perfekt ich inzwischen mit dem Kaíki umgehen könne. Wieder kreiste kurz die Raki-Flasche, doch die Feier dauerte nicht lange, wir mussten ja wegen der Paragádia früh wieder raus. Wir rollten uns auf dem Deck zusammen, die Decken stanken gewaltig nach Fisch, doch das störte keinen mehr so richtig.

Das Einholen der Paragádia war die übliche Routine, davon muss ich hier nicht noch einmal in allen Einzelheiten berichten. Drei Schwertfische waren die Ausbeute … einer davon wog sogar über 40 Kilo!
Es war bereits acht Uhr, als die Paragádia alle an Bord wahren und ich das Boot wieder auf Kurs Richtung Kókkinos Pýrgos schwenkte. Michalis und Nikos nahmen die Schwertfische aus, während die beiden anderen das Boot reinigten. Ich hatte den gemütlichsten Job, aber einer musste uns ja nach Hause bringen :-). Zwischendurch kreiste wie immer die Flasche …

Wir näherten uns der Mole, auf der uns schon eine ganze Reihe Leute erwarteten. Das erste jedoch, was ich deutlich erkennen konnte, war eine Polizeiuniform. So ein Mist, das war’s wohl. Keine Netze an Bord, aber kistenweise Sardinen. Klarer ging es ja wohl nicht … Ich wurde unruhig, doch meine Freunde schien das völlig kalt zu lassen. Manolis ging lediglich zu den Kisten und füllte eine Plastiktüte mit Sardinen.
Während wir anlegten, liefen die üblichen Zurufe von Mole zu Boot und zurück ab: „Was gefangen?“ – „Nicht schlecht!“ – „Lasst mal sehen!“ Nikos hob den größten der Schwertfische hoch und man war beeindruckt! Und die Sardinen?

Die Haltetaue flogen herüber, Michalis zog das Boot an den Kai, einige der dort Stehenden halfen bereitwillig. Dann sprang Michalis auf die Mole herüber und überreichte dem Polizisten die Tüte. Dieser blickte kurz hinein, nickte lächelnd und ging seiner Wege …
Wir luden alles aus, unter weiteren fachmännischen und anerkennenden Kommentaren der Umstehenden. Nikos holte von seinem Wagen eine Waage, ich war wie üblich der „Tamías“, also beauftragt, das Kopfrechnen und das Kassieren zu übernehmen … Alles, aber auch wirklich alles war innerhalb einer halben Stunde verkauft. Mein Hemd war prall gefüllt mit Scheinen, als wir zu Jannis‘ Lokal hinauf stiegen.
Nikos bestellte eine Flasche Rakí und reichte eine Tüte mit Fischen, die er für uns abgezweigt hatte, in die Küche: „Fishermens Breakfast“ wie üblich!

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Kreta 1975 – Teil 5

Die Tage – oder besser die Nächte – vergingen wie im Flug. Zwischendurch kam mir dann und wann der Gedanke, dass ich doch eigentlich hier sei, um Urlaub zu machen und ein bisschen von der Insel zu sehen. Doch ich ließ diesen Gedanken jedes Mal an mir abprallen: Heute war Jetzt, ich würde ja sicher noch viele Jahre nach Kreta kommen, um mehr von der Insel kennen zu lernen. Ganz fremd war sie mir ja auch jetzt schon nicht mehr und der Rest durfte ruhig noch ein wenig warten. Abgesehen davon gingen meine beiden Freunde Nikos und Manolis inzwischen wie selbstverständlich davon aus, dass ich dabei war und inzwischen war ich auch wirklich nützlich, denn ich hatte viel gelernt.

Da unser „Koursaros“ zwar ein altes Boot, wegen seiner Bauweise aber noch bei schlechtem Wetter sehr seetüchtig war, fuhren wir auch dann, wenn andere Boote längst im Hafen blieben. Dabei war das Fahren nicht mal das Schwierigste, aber wer jemals versucht hat, bei ordentlichem Wellengang Paragádia auszulegen oder reinzuholen, der weiß, dass man dann eigentlich drei Hände braucht: Zwei zum Arbeiten und eine, um sich festzuhalten. Irgendwie hatten wir die drei Hände aber auch …

Manchmal dachte ich noch an meine fürchterliche erste Nacht auf dem Meer zurück und an meinen Schwur, das sei das erste und letzte Mal gewesen. Und dann musste ich jedes Mal lachen … ich war ja schon so sehr Fischer geworden, dass mich die jungen Touristinnen, die wir schon mal in alter Kamáki-Tradition am Komós-Strand umbalzten und zu kleinen Spritztouren mit dem Boot einluden, schon gar nicht mehr von den anderen unterscheiden konnten. Sie freuten sich höchstens, dass einer von den strubbeligen, braungebrannten und nach Salz riechenden Burschen „ein bisschen“ Deutsch konnte *zwinker*. War ja auch ein tolles Bild: Das Boot rauschte bis kurz vor den Strand, dort ankerten wir und wateten durch das hüfthohe Wasser an Land … dass wir dabei nass wurden, merkten wir kaum noch. Wenn wir dann eine Weile im Lokal saßen (na ja, es war eine bessere Kantina), trocknete die Jeans eben am Körper … und die Mädels – jedenfalls die, die ohne männliche Begleitung waren, saßen von ganz alleine bei uns am Tisch. Es war ja auch spannend für sie, dann mit dem Boot ein bisschen spazieren zu fahren … natürlich (!) nicht viel mehr als das.

Diese kleinen Spaßausflüge fanden aber nicht sehr häufig statt, da wir in erster Linie (ehrlich!) ans Fischen dachten.

Und dann wollten wir auch mal woanders hin, nämlich vor Préveli fischen. Ich war noch nie am dortigen Palmenstrand gewesen, also fand ich die Idee natürlich gut. Auch Lefteris und Michalis mit dem kleinen Boot waren wieder dabei, was sich als echter Glücksfall erweisen sollte. In Kókkinos Pýrgos hatte man uns gewarnt, es war ein kräftigerer Wind angekündigt. Doch das hatte uns noch nie besonders geschreckt, deshalb legten wir etwas früher ab als gewöhnlich, um rechtzeitig die Fischgründe zu erreichen. Von Sturm war nicht die Rede, das Meer lag ruhig wie Öl.

Wir legten die Paragadia vor der Palmenbucht aus und fuhren mit der fortgeschrittenen Abenddämmerung in die Bucht hinein. Wir legten das Kaíki geschützt ans westliche Ende der Bucht unweit der Felsen, über die der Fußweg zum heutigen Parkplatz hinauf führt und fuhren dann mit Michalis‘ kleiner Várka an den Strand.

Man muss sich diese Bucht aus heutiger Sicht vorstellen: Damals war da NICHTS. Na ja, fast nichts. Es gab nur am Westende eine kleine aus Steinen einfach aufgeschichtete Hütte mit einem Dach aus Schilf und Plastikplanen, in der der legendäre Barba Jorgos seine „Strandtaverne“ betrieb. Wer Barba Jorgos nicht mehr kennen lernen durfte: Er war ein kleines, vertrocknetes und uraltes Männchen, welches allmorgendlich oder auch mal nur alle paar Tage mit seinem Esel den Pfad heruntergetrottet kam. Der Esel trug den Nachschub an Getränken für die Taverne, die Barba Jorgos dann an die paar vereinzelten nacktbadenden Aussteiger in der Bucht für ein horrendes Geld verkaufte. Na ja, der „Antransport“ war ja auch nicht ohne. Er kühlte die Getränke übrigens immer direkt im Fluss, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Barba Jorgos war die ewige Sonne und die freizügig dargebotene Nacktheit der wenigen hübschen Mädchen und Knaben in dieser Bucht offensichtlich im Lauf der Zeit ziemlich aufs Hirn geschlagen, denn seine Lieblingsvokabel lautete „ficki ficki“!

Na egal, als wir auftauchten, war er noch anwesend und begrüßte uns sehr erfreut, denn wir hatten erstens etwas zu rauchen und zweitens auch genug zu trinken dabei, diesmal auch Wein, außer dem obligatorischen Raki … und drittens hatte er endlich mal wieder Gesellschaft von Landsleuten. Wir saßen also in seiner Hütte, die nur von einer Petroleumfunzel erleuchtet wurde und quatschten und tranken.

Zwischendurch tauchte mal ein junge Engländerin auf, die eine Cola kaufen wollte. Barba Jorgos schlug ihr prompt „ficki ficki“ vor, da sie das aber nicht verstand oder verstehen wollte, kassierte er und wies sie an, sich die Flasche selber aus dem Fluss zu holen. Offensichtlich hielt man sich hier damals noch an das ungeschriebene Gesetz, nicht zu klauen.
Als wir dann auch noch Hunger bekamen, teilten wir alles, was wir hatten, mit Barba Jorgos, dem es sichtlich schmeckte und rollten uns dann am Strand in die nach Fisch riechenden Decken, die wir vom Kaíki mitgebracht hatten (glaubt bitte nicht, dass ich meinen recht ordentlichen Schlafsack jemals mit aufs Boot genommen hätte).

Ich wachte auf, als sich jemand neben mir regte. Nikos saß aufrecht und horchte aufs Meer hinaus. Ich hörte noch, wie er einen ziemlich hässlichen Fluch murmelte, dann schlief ich wieder ein. Doch mir fiel im Halbschlaf auf: Da war Wind, wo vorher noch keiner war …

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