Kreta 1973 – wieder auf Tour

Wieder einmal standen die Semesterferien vor der Tür und mir stellte sich die inzwischen fast schon obligatorische Frage: „Mit wem mache ich denn in diesem Jahr Kreta unsicher?“

Und wie der Zufall es wollte, traf ich zwei alte Freunde, mit denen ich im Jahre 1970 schon auf Sardinien gewesen war (auch aus diesem Jahr könnte ich Einiges berichten, aber ich will nicht zu sehr von Kreta abschweifen – vielleicht mache das mal irgendwann, wenn mir der Kreta-Stoff ausgeht): Jorgo (der natürlich nicht wirklich so hieß, sondern ein Deutscher aus Bonn war) und sein jüngerer Freund Jü.
Da wir uns schon geraume Zeit nicht mehr begegnet waren, setzten wir uns in die nächste Kneipe. Natürlich gedachten wir gemeinsam der wunderschönen Fahrt nach Sardinien – sie war wirklich super, abenteuerlich und fast Kreta-like – und dann kamen wir auf den diesjährigen Sommer zu sprechen … als wir uns drei Stunden später trennten, war der Plan festgezurrt: In diesem Jahr würden drei zusammen nach Kreta fahren.

Diesmal gibt es nichts Nennenswertes über die Anreise zu berichten. Jorgo war stolzer Besitzer eines VW-Busses, wir beide wechselten uns beim Fahren ab (das hatten wir 1970 schon gemacht, obwohl ich erst ein paar Monate später bei der Bundeswehr den Führerschein erwarb).

Zu erwähnen ist, dass ich damals eine alte Schaffnertasche besaß, die mich eigentlich auf Schritt und Tritt begleitete … auch auf dieser Fahrt. Da ich der „Griechenlanderfahrendste“ von uns war, hatte ich die Gruppenkasse übernommen und trug in ebendieser Tasche praktisch unsere gesamte Barschaft herum – es waren, als wir in Griechenland ankamen, sicher über 3.000 DM in den verschiedensten Währungen, in erster Linie aber noch der guten alten deutschen Mark.

Wir kehrten zwischen Thessaloníki und Kateríni zum ersten Mal in Griechenland ein, um etwas zu trinken. Es war eine Fernfahrerkneipe, deren Parkplatz nur wenig größer war als die riesige Terrasse direkt an der Nationalstraße. Die Terrasse war ziemlich voll (der Parkplatz auch).
Nachdem wir in aller Ruhe unsere Frappedes ausgetrunken hatten, bestellte ich noch drei und zahlte bei der Gelegenheit alles direkt. Es war spottbillig, denn es war wie gesagt eine Fernfahrerkneipe, in die sich Touristen selten verirren – und abgesehen davon gab es ja auch noch nicht so viele …

Etwa eine halbe Stunde später brachen wir auf und fuhren etwa 100 Kilometer weiter bis zu meinem beliebten Etappenziel Litóchoro. „Meine Wiese“ gab es nicht mehr, hier standen inzwischen mehrere Häuser, zum Teil fertig, zum Teil noch als Rohbau. Natürlich war ich enttäuscht, aber dann fuhren wir ein kleines Stück zurück, denn dort war (und ist wohl noch) der Bahnhof von Litóchoro (etwa drei Kilometer vom Dorf entfernt), dort war sicher auch ein Strand.

Natürlich war da einer und wir spülten uns den Staub und Schweiß der Fahrt im agäischen Meer vom Leib. Dann beschlossen wir, dem Kaffee von vor zwei Stunden einen etwas handfesteren Schluck folgen zu lassen, bevor wir nach Litóchoro hinauffuhren, um dort in den obligaten Souvlaki zu frönen und hinterher das Lokal mit den Wasserrädchen und Glöckchen aufzusuchen. Erst morgen früh sollte es dann schnurstracks nach Piräus und zur Fähre nach Kreta gehen.

Wir kleideten uns also wieder geziemend an. Ich übernahm das Lenkrad, denn ich kannte ja den Weg und fragte Jü, der hinten saß, über die Schulter: „Kannst du mir mal die Tasche nach vorne geben?“
Er schaute um sich und fragte dann zurück: „Welche Tasche, hier liegt nichts?“
„Na, meine Schaffnertasche mit unserer Kasse, wir wollen doch was trinken gehen … schau noch mal genau nach!“
„Hier ist die Tasche nicht!“
Mich erfasste so etwas wie Panik. Wo war die Tasche? Wir durchwühlten also den ganzen Bus, was eine Weile dauerte, denn wir hatten einiges an Gepäck dabei … doch die Tasche war verschwunden.
Ich erinnerte mich an einen Satz, den meine Mutter gerne verwendete: „Du musst mit dem Kopf suchen, nicht mit den Händen!“
Also versuchte ich genau dieses. Wann und wo hatte ich die Tasche zum letzten Mal bewusst gesehen? Da kam nur das Fernfahrerlokal in Frage, denn ich hatte dort bezahlt. Hatte ich sie danach noch einmal gesehen? Ich kam zu dem Ergebnis, dass nein …

So ein verdammter Mist, ich hatte offensichtlich unsere gesamte Barschaft auf der Terrasse eines Fernfahrerlokals einhundert Kilometer entfernt von hier hängen gelassen. Das war eine Katastrophe, wie ich sie mir in diesem Moment nicht hätte größer vorstellen können. Wir waren in Griechenland und verfügten in unseren Taschen gemeinsam gerade mal noch über etwa 50 Mark! Damit würden wir gerade mal bis Athen kommen, um uns dort vielleicht bei der deutschen Botschaft das Benzingeld für die Rückfahrt zu pumpen. Das konnte und durfte doch nicht wahr sein!

Ich erwartete schlimmste Vorwürfe von Jorgo und Jü, doch zu meinem großen Erstaunen blieben die völlig aus. Sie waren nur ebenso geschockt wie ich, dass diese Fahrt zu Ende sein sollte, bevor sie richtig begonnen hatte. Was tun?
„Egal, selbst, wenn es alles weg ist, wir müssen zumindest nachschauen und nachfragen … also zurück!“
Jorgo gab zu bedenken, dass die Tasche nicht in irgendeinem Bergdorf vergessen worden war, sondern an einer recht stark befahrenen Straße, und dass jeder, der am Tisch vorbeiging, nur hätte zugreifen brauchen. Auch der Kellner … wir hätten keinerlei Chance gehabt, auch nur das Geringste zu beweisen.
„Egal wie, wenn wir es nicht wenigstens versuchen und zurück fahren, ist die Kohle auf jeden Fall weg … und übrigens auch mein Pass und mein Führerschein!“
Ja, verdammt, meine ganze Identität war in dieser Tasche. Ich war nass vor Schweiß, als ich die hundert Kilometer zurück fuhr, nein zurück raste, mit allem, was der Bulli so hergab. Es kam zwar jetzt auch nicht mehr auf die Minute an, und es wäre sehr peinlich geworden, wenn ich jetzt der Polizei aufgefallen wäre, aber das war mir egal. Diese Ungewissheit (oder Gewissheit, dass wir nur wieder nach Hause fahren konnten – falls uns die Botschaft überhaupt Geld vorschießen würde …) brachte mich um den Verstand. Ich fühlte mich wie ein Volltrottel in Vollendung.

Mit quietschenden Reifen brachte ich den Bulli vor dem Lokal zum Stehen. Wir rannten hinein, ich war immer noch völlig aufgelöst. Hinter dem Tresen standen zwei Kellner, einer wandte uns den Rücken zu. Dann drehte er sich um und sah uns heranhasten. Ein feines Lächeln überzog sein Gesicht, er griff ganz langsam unter den Tresen. Als er seine Hand wieder hob, hielt er darin meine Tasche.
Mir wurde fast schwarz vor Augen, als er lächelnd zu mir sagte: „You forgot this!“

Ich hätte ihn knutschen können. Aber ich war so fertig, dass ich kaum ein vernünftiges Wort herausbrachte. Er schien mein psychisches Desaster zu bemerken, denn er goss mir ein großes Glas Kognak ein.
„It’s from me. I think you need it!“
Ich stürzte den Schnaps hinunter und fing mich allmählich wieder. Dann kramte ich in der Tasche, um ihm eine Belohnung zu geben, denn die hatte er sich verdient. Doch er wehrte ab.
„No money, you come to Greece, you are welcome. You love Greece and we love you.“

Das Einzige, was er annahm, war eine Zigarette. Ich glaube, als ich die mit ihm rauchte, war es die schönste Zigarette meines Lebens. Dieser Mann hatte uns gerettet. Ich war nicht nur dankbar, sondern ich empfand die allergrößte Hochachtung vor dieser griechischen Ehrlichkeit, die damals wirklich noch selbstverständlich war. Und doch war sie für mich in diesem Moment und an diesem Ort einfach unfassbar. Ich wusste genau, dass ich das Geld in der Tasche nicht nachzählen musste, es würde kein Pfennig fehlen (und es fehlte natürlich auch keiner).
Nach viel Hin und Her ließ er sich breit schlagen, einen Kognak auf meine Kosten mit mir zu trinken. Jorgo hatte sich die ganze Zeit vollkommen zurück gehalten und übernahm dann das Lenkrad, als wir wieder zurück gen Süden fuhren.

Nach den Souvlaki bei meinem nun schon alten Bekannten in Litóchoro, der sich wie immer freute, fuhren wir in das Bimmellokal oben am Berg hinauf (siehe Kreta 1972). Bevor wir uns aber dem Weine widmeten, wollten wir erst einmal herausbekommen, wo denn das ganze Wasser eigentlich herkam, das hier so spendabel durch das Lokal floss. Hinter dem Haus stürzte es von der Wand. Wir kletterten hinauf und entdeckten, dass es aus einer Art begehbarer Wasserleitung kam. Ein abgedeckter Kanal zog sich an der Hangseite entlang, die scheinbar in den Olymp hineinführte. Wir folgten ihm – man konnte ja darauf entlang laufen – bis weit in den Einschnitt des Berges hinein. Ein Zaun, an dem ein für uns unlesbares Schild stand, bremste uns nur vorübergehend, wir kletterten einfach darüber. Kurz hinter diesem Zaun endete der Kanal und wir standen vor einem kleinen glasklaren See oder Tümpel, der uns förmlich aufforderte, die Füße hineinzustecken. Das taten wir auch.
Erst etwas später entdeckten wir ein zweites Schild und bekamen ein wirklich schlechtes Gewissen:
„This water is for drinking. Please do not make it dirty!“
Wir hatten unsere Füße ins Trinkwasserreservoir von Litochoro getunkt, hoffentlich hat es keiner geschmeckt!

Der Wirt des Lokals erkannte mich übrigens ohne die Mädels vom letzten Jahr nicht wieder, was ich verstehen konnte, aber das war mir ziemlich egal … denn sein Salat war immer noch sehr schmackhaft.

Kreta 1973 – Teil 2

Wir waren inzwischen auf Kreta angekommen und hatten einige Tage zum Akklimatisieren wie so gerne beim Kiani Akti (bei Kalýves) verbracht. Der Bulli stand unter einem schattenspendenden Strohdach direkt am Fluss und wir verbrachten den größten Teil des Tages essend im Lokal. Es gibt dort zwar auch heute noch keine riesige Speisenauswahl, aber alles, was angeboten wurde und wird, war und ist allererste Klasse. Nicht umsonst ist das Lokal bei den Einheimischen sehr beliebt, wie andernorts schon mehrfach erwähnt.

Dann aber wollten wir die angefressenen Pfunde wieder ein wenig abtrainieren, also beschlossen wir, die Samaria-Schlucht anzugehen. Allerdings gedachten wir, es anders zu machen, als heutzutage üblich, nämlich in der Schlucht zu übernachten (was man heute ja nicht mehr darf). Es gab auch damals keinerlei winterliche Beschränkung, in der man dort nicht wandern durfe. Nach diesem Marsch weiß ich auch, warum es sich geändert hat …
Wir würden also fast unser komplettes Hab und Gut durch die Schlucht tragen, denn wir brauchten für die Übernachtung die Schlafsäcke, Lebensmittel etc.

Die „Planung“ sah dann so aus: Wir fahren mit dem Bulli nach oben und parken ihm am Schluchteingang. Unten von Agía Rouméli aus würden wir mit dem Schiff nach Chóra Sfakíon fahren – wir machten uns überhaupt keine Gedanken, ob es um diese Jahreszeit überhaupt ein Schiff gab – und dann zurück nach Chaniá trampen. Wer als erster ankam, sollte dann mit dem Bus oder ebenfalls per Anhalter wieder nach Omalós hinauf und das Auto holen. Und ansonsten wollten wir uns jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Lokal in der Nähe des Busbahnhofs treffen. Wie man sicher erkennen wird, es war alles sehr locker geplant (und genau so locker sollte es auch kommen – wir brauchten fünf Tage, um uns wiederzusehen. Fünf für mich recht angenehme Tage …).

Aber zuerst war die Schlucht angesagt. Recht schwer bepackt, denn wir wollten ja weder Hunger noch Durst leiden noch sonst etwas vermissen (auch die beiden Gitarren mussten mit), stiegen wir am späten Vormittag die hölzernen Treppen hinab. Wir hatten keine Eile, denn es war ja schließlich auch die Übernachtung vorgesehen. Ich weiß nicht, ob man es heute noch nachvollziehen kann, aber wir haben von oben bis zum verlassenen Dorf Samaria keine Menschenseele getroffen! Nur ein paar Ziegen an den Wänden der Schlucht beäugten neugierig die vorbeikommenden Wanderer. Damals hielt ich sie für echte Agrimia, heute zweifle ich ein wenig daran.

Auch im „Dorf“ war erst einmal niemand zu sehen. Also „besetzten“ wir eines der dächerlosen Häuser und richteten uns behaglich ein. Nachdem wir in der Umgegend Holz gesammelt hatten und der Abend hereinbrach, schürten wir unter dem Hordenpott ein Feuer, um uns einen wärmenden „Tschai“ zu bereiten, der aus wenig Tee, viel Rotwein, Rosinen und einer Flasche Rum bestand (letztere hatten wir zur Sicherheit aus Deutschland mitgebracht).

Erst als wir das Feuer entfachten, merkten wir, dass wir hier doch nicht ganz allein waren. Auf der anderen Seite des Bachbettes erschien eine Gestalt, die uns wild zuwinkte und einige unverständlich klingende, aber eindeutig ärgerliche Worte zurief. Wir ignorierten die Gestalt, nachdem wir ein paar Steine in ihre Richtung geworfen hatten und sie in Deckung ging. Der Tschai war gerade so richtig am Brodeln, da stand der Typ plötzlich neben uns – er musste sich heran geschlichen haben. Es war der örtliche Feldhüter, der natürlich hatte eingreifen wollen, als er das Feuer bemerkte.

Nun aber begutachtete er es aus der Nähe und stellte fest, dass hier wohl keine Marodeure, sondern Fachleute am Werk waren, und deshalb keine größere Gefahr bestand. Da auch wir eher friedlicher Natur waren, wurden wir schnell einig. Er saß mit uns die halbe Nacht am Feuer und trank und sang mit uns. Zu fortgeschrittener Stunde sang er ganz alleine Verse, die wir zwar nicht verstanden, die uns aber ziemlich anrührten. Wie ich später lernte, waren es alte kretische Mantinades. Musik und Gesang verbinden eben auch ohne dass man die Worte versteht.
Als wir den großen Topf geleert hatten, schwankte der Feldhüter davon (der Alkoholgehalt des Gebräus war wirklich heftig) und wir krochen in unsere Schlafsäcke. Vorher hatte er noch nach Süden gezeigt und versucht, uns etwas zu erklären, was mit dem Wort „neró“, also Wasser zu tun hatte. Wir kapierten es allerdings nicht wirklich

Am nächsten Morgen verstanden wir es. Wir waren aufgebrochen, um die engste Stelle der Schlucht zu erreichen und fanden sie voll Wasser vor. Das ist wohl auch der Grund, warum die Schlucht in heutiger Zeit nur im Sommer bewandert werden darf. Die „Sideroportes“ waren ein einziger Fluss. Was nun? Sollten wir umdrehen und wieder nach oben laufen?

Hallo, spinnst du, da hatten wir schon andere Sachen gemacht. Wir waren jung, fit und unbekümmert. Also zogen wir uns aus, packten sämtliche Kleidungstücke in die Rucksäcke, die Gitarren noch oben drauf, nahmen das Ganze auf die Köpfe und stiegen ins Wasser. Zwischendurch bekam ich mal gewisse Bedenken, denn die strömenden Fluten reichten uns bis zur Brust. Und doch ging es gut. Die Gitarren blieben trocken. Nur rollte mir mittendrin ein respektabler Stein über den Fuß und so vollendete ich den Rest des Marsches, nachdem wir wieder aus dem Wasser gestiegen waren, ebenso humpelnd wie fluchend.

Agía Rouméli bestand damals nur aus ein paar Häusern, aber eine Taverne war dabei. So bekamen wir auch etwas zu essen. Die Frage nach einem Boot oder Schiff nach Chóra Sfakíon beantwortete der Wirt zuerst nur mit einem Achselzucken … Weiteres Nachfragen ergab, dass es um diese Jahreszeit kein regelmäßig verkehrendes Boot gäbe.

Da wir uns darüber klar waren, dass wir den umgekehrten Weg durch die Schlucht wegen der Wassermassen wohl nicht schaffen würden, schauten wir wohl so unglücklich drein, dass der Wirt sich erweichen ließ und zum Telefon griff.
Dann erklärte er uns, am nächsten Morgen werde ein befreundeter Fischer mit seinem Boot aus Chóra Sfakíon kommen und uns abholen. Wir waren ihm dankbar und verzehrten an diesem Abend noch so einiges.

Der nächste Morgen war recht stürmisch. Als wir am Strand aus den Schlafsäcken lugten, waren wir mehr als skeptisch, ob das Fischerboot wirklich kommen würde. Doch es kam tatsächlich. Als wir es erblickten, bekamen wir doch ein wenig Bammel. Denn es war ein ganz kleines Boot. Die Bordwand lag nur unwesentlich höher als das Wasser ringsum.

Dennoch gelang es uns irgendwie, an Bord zu kommen und dicht unter Land heil und gesund Chóra Sfakíon zu erreichen. Der Fischer verlangte eine recht kommode Summe für die Fahrt, wie so oft waren wir sehr positiv überrascht.

Nun waren wir also in Chóra Sfakíon und wollten wie besprochen von hier aus nach Chaniá per Anhalter zurück fahren. Wie schon drei Jahre zuvor in Sardinien waren die Rollen schnell und klar verteilt: Da ich als der sprachgewandteste galt, würde ich alleine mein Glück versuchen und überließ den beiden anderen den Platz an der Straße, während ich gemütlich in dem Pinienhain hinter ihnen saß. Aus Sardinien waren wir gewöhnt, dass zwar wenig Autos vorbeikamen, das erste einen aber gewöhnlich mitnahm. Auf Kreta war das aber anders: Die beiden brauchten einige Stunden, bis sie endlich eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatten.

Ich schaute ihnen nach und stellte mich dann selbst an die Straße …

Kreta 1973 -Teil 3

Nach einer knappen Stunde hatte ich die Nase voll. Ich war es wie schon erwähnt aus Sardinien gewohnt, dass man schnell und unproblematisch mitgenommen wurde, aber hier lief das offensichtlich zumindest heute nicht. Also schulterte ich den Rucksack und die Gitarre wieder und wanderte die paar Schritte zurück ins Dorf. Vom Platz am Dorfeingang zweigt eine schmale Gasse im spitzen Winkel ab. Direkt am Anfang dieser Gasse gab es damals – es gibt sie schon lange nicht mehr – eine kleine Souvlakibraterei, in die ich einkehrte, denn es war Mittag und ich hatte Hunger.

Eine Stunde später etwa war der Hunger sehr erfolgreich gestillt, aber mir kam nicht in den Sinn, mich wieder an die Straße zu stellen. Ich würde einfach am nächsten Tag den Frühbus um sieben Uhr nehmen (damals der einzige Bus).
Der Wirt stellte ungefragt ein weiteres Kilo Wein vor mich hin und wies ebenso fragend wie freundlich auffordernd auf meine Gitarre, die hinter mir an der Wand lehnte.

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags (und des Abends) also mit Musik.
Irgendwann saß ein Mädchen neben mir, an dessen Aussehen ich mich nicht mehr erinnere. Ich weiß nur noch, dass sie einen dieser grob gestrickten kretischen Wollpullover trug, die damals bei Touristen sehr in Mode waren … einmal in die Waschmaschine und man konnte sie wegwerfen.
Bei jedem Lied rückte sie mir ein wenig näher. Irgendwann sprachen wir auch miteinander. Sie war Engländerin und fragte mich, wo ich denn eine Bleibe hätte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass ich vor lauter Wein und Gesang daran noch gar nicht gedacht hatte. Ich sagte, ich würde wohl irgendwo draußen unter den Bäumen schlafen, doch sie informierte mich, sie habe ein Zimmer zwei Häuser weiter und da sei noch ein Bett frei. Wenn ich denn wollte …

Kann man ein solches Angebot ablehnen, ohne unhöflich zu sein? Ich war noch selten im Leben unhöflich gewesen und zog also gegen etwa drei Uhr morgens mit ihr ab. Alle weiteren Einzelheiten möchte ich hier nicht wiedergeben, außer vielleicht, dass es in ihrem Zimmer kein freies zweites Bett gab.

Am nächsten Morgen erwachte ich durch lautes Hupen auf der Straße. Ich lief zum Fenster und sah den Frühbus, den ich hatte nehmen wollen, soeben abfahren. Was soll’s, wenn nicht, dann eben nicht. Ich kroch ins Bett zurück.

Man mag es übertrieben finden, aber diese Geschichte wiederholte sich drei Tage lang. Morgens verschlief ich regelmäßig den Bus, weil die süße Engländerin dafür sorgte, ich stellte mich ein bis zwei Stunden der Form halber an die Straße, bekam aber keine Mitfahrgelegenheit, kehrte wieder in das Lokal zurück und verbrachte auch die nächste Nacht am gewohnten Ort.

Dann aber überkam mich allmählich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, denn vermutlich machten sich die beiden anderen allmählich Gedanken, wo ich denn blieb. Und dann fasste ich den Entschluss, die nächste Nacht zwar in Morpheus, aber nicht in Jennys Armen zu verbringen – in diesem Moment fällt mir sogar ihr Name wieder ein – sondern mal „Butter bei de Fische zu tun!“

Nach einem sehr netten Abschied („I really don’t want to leave, but I have to“) rollte ich meinem Schlafsack auf dem Asphalt aus, auf dem der Bus morgens zu wenden pflegte – und so verpasste ich ihn diesmal nicht. Er hätte über mich drüber fahren müssen … Jenny stand übrigens oben am Fenster, wir winkten uns kurz zu, natürlich habe ich sie nie wieder gesehen (und sie hat mich sicherlich längst vergessen).

Die beiden anderen erwarteten mich wie verabredet in Chaniá. Sie hatten den Bulli längst vom Omalós abgeholt und fragten mich freundlicherweise nicht, warum ich so lange gebraucht hatte. Und da ich damals noch ein Gentleman war, erzählte ich ihnen auch nichts. Aber genossen habe ich die Tage sehr, wen wird es wundern.

Kreta 1973 – Teil 4

An viel mehr Einzelheiten aus diesem Jahr erinnere ich mich leider nicht mehr. Außer vielleicht, dass wir überraschend hinter einer unübersichtlichen Kurve vor einem monumentalen Erdrutsch nur mit Mühe zum Stehen kamen. Oder dass wir die alte Straße nach Káto Zákros nur ziemlich mühsam bewältigten … es gibt diesen Fahrweg heute noch, aber eben auch eine neue Asphaltstraße.

Ich erinnere mich nur noch eine Begebenheit, nämlich, wie ich zum ersten Mal erfolgreich zum Schmuggler wurde: Wir hatten auf Kreta vier 20-Liter-Kanister erstanden und sie mit Raki füllen lassen. Natürlich entsprach das nicht ganz den deutschen Einfuhrbestimmungen. Also nahmen wir gewisse Umbauten am Bulli vor. Die mittlere Sitzbank war wie damals üblich, sowieso verkehrt herum eingebaut, die Lehne der hinteren ruhte zwischen den zwei Bänken auf Wasserkisten, so hatten wir eine Schlafebene. Und unter dieser Lehne brachten wir die vier Kanister unter.

Eine eigentlich durchschaubare Angelegenheit, auf die jeder Zöllner hätte kommen können, natürlich … und kommen würde. Wir mussten uns also noch was zusätzlich einfallen lassen. Wir waren übrigens auf der Rückfahrt zu fünft, wir hatten bei Larissa noch ein Pärchen aus Frankfurt eingeladen. Das erwies sich nun als sehr praktisch.

Wir deckten die Liegefläche kurz vor Salzburg also mit mehreren Schlafsäcken sorgfältig ab und breiteten ein weißes Bettlaken darüber. In einer Bäckerei hatten wir vorher etwa 20 Brötchen und Erdbeermarmelade erstanden, nun wurden sie geschmiert und auf dem Laken drapiert. Die junge Dame aus Frankfurt machte das sehr hübsch.

Ein weiterer Trick wurde hinter der Kofferraumklappe vorbereitet, und wir waren für alles gewappnet. Als wir die Grenzstation anfuhren, saß Jorgo am Lenkrad, wir vier anderen hockten um die Brötchen und frühstückten.

Die Zöllner warfen einen Blick auf die schmierigen Brötchen und mochten sich damit nicht unbedingt abgeben. Aber den Kofferraum wollten sie doch inspizieren – das hatten wir auch eingeplant. Klappe auf … und mit Getöse knallte eine bereits vorher angebrochene in Míres gekaufte tönerne Amphore auf das Pflaster hinter dem Auto. Darin hatten wir übrigens ein paar gebrauchte Unterhosen untergebracht, um den Effekt zu verstärken. Ich zeterte ein wenig herum wegen des zerstörten Souvenirs … und die Zollbeamten waren ausreichend beeindruckt. Sie bedeuteten uns nur noch, unseren Kram wieder zusammen zu packen und zu verschwinden, und wir waren sogar so ordentlich, die Scherben des schon lange vorher kaputt gewesenen Tonkruges zu entsorgen.

Dann freuten wir uns nur noch darauf, auf jeden Fall bis auf weiteres genug zu trinken zu haben. Allerdings wird mir wohl jeder zustimmen: Raki schmeckt auf Kreta anders und besser. Warum eigentlich?

Kreta 1972 – Teil 2

Litóchoro – schon vertraut, aber wieder ganz anders …

Ich vergaß zu erwähnen, dass ich schon wenige Kilometer hinter der griechischen Grenze einen wahren „Kulturschock“ erlebte. Ich hatte den Mädels doch während der Fahrt eine ganze Menge aus dem letzten Jahr erzählt, und wir urig ich Griechenland erlebt hatte. Und dann das: Im ersten Dorf hinter der Grenze auf der rechten Straßenseite … eine Pizzeria!
Ich überprüfte mein Navi, ob wir vielleicht versehentlich ins falsche Land gefahren waren, aber es beharrte darauf, dass hier Griechenland war. Och ne … ich fahre doch nicht nach Griechenland, um Pizza zu essen!

Egal, kommen wir zurück auf Litochoro … „meine“ kleine Souvlakibraterei war noch vorhanden und wir kehrten natürlich dort als erstes ein. Ich hatte oben am Dorfplatz geparkt und war dann demonstrativ Hand in Hand mit den drei Damen in rot, orange und grün Hand in Hand die Hauptstraße hinunter spaziert, ich konnte es nicht lassen. Die Blicke der Einheimischen schmeichelten mir, denn alle drei konnten sich wie gesagt wirklich sehr gut sehen lassen.

PicturesKK/forbild36.jpgDer alte Besitzer des Souvlatzidiko und seine Frau erkannten mich zu meiner Überraschung sofort wieder, eine Überraschung, die ich in Griechenland in den Folgejahren immer wieder erlebte.

Griechen im Allgemeinen und Kreter im Besonderen haben wohl ein besonderes Gen dafür, jemanden wieder zu erkennen, ich bin sicher, ich bin nicht der Einzige, der diese Erfahrung gemacht hat. Mein Griechisch war in diesem Jahr nicht besser geworden, aber Worte wie Souvlaki, Retsina etc. hatte ich behalten. So klappte die Bestellung reibungslos, selbst Konversation fand irgendwie statt … keiner verstand den anderen verbal so richtig, aber man verstand sich schon.

Die Damen waren sehr angetan und ich auch, denn dieses Mal vertilgten wir noch ein paar sehr leckere Souvlaki mehr als im Jahr zuvor … übrigens legten die Mädels trotz all der reichhaltigen Nahrung in diesem Urlaub – ja, diesmal war es ein Urlaub – nicht zu, sie waren und blieben eine wahre Augenweide. Und man möge mir nicht böse sein, ich genoss es.

Während wir aßen, klärten wir untereinander auch die Übernachtungsfrage. Keine von ihnen bestand auf einem Zimmer, wir würden abends wieder zum Meer hinunter fahren, um uns unter freiem Himmel von den nahen Wellen in den Schlaf wiegen zu lassen.

Vorher aber wollten wir noch etwas erleben.
Also wanderten wir nach dem reichhaltigen Essen wieder Hand in Hand die Dorfstraße hinunter. Erwähnte ich schon, dass es in Litóchoro eine große Kaserne gab oder noch gibt? Jedenfalls waren auf der Straße und in den Lokalen überdurchschnittlich viele junge Soldaten vertreten … und die verdrehten sich natürlich nach uns – weniger nach mir – den Kopf. Im letzten Lokal unten rechts kehrten wir dann ein (ja, wer jetzt alles mitbekommen hat, der weiß, es war gleichzeitig das erste Lokal unten links vom letzten Jahr). Hier hatte sich doch einiges verändert. Vor allen Dingen gab es jetzt eine Zwei-Mann-Kapelle, die mit Hammondorgel und Schlagzeug so ziemlich alles durchnudelte, was damals in Griechenland gerade so en vogue war.

Der größte Teil der Gäste waren auch hier Soldaten. Und so saßen wir schon nach etwa 20 Minuten mit etwa zehn von ihnen an einem Tisch. Wann hatten sie denn hier schon mal so charmante Gesellschaft? Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, meine drei Begleiterinnen waren wirklich weitaus mehr als einen Blick wert. Meine Susi war ein 180 cm großes schwarzhaariges Rasseweib mit einem Mund wie Angela Jolie, Schornie war zwar etwas kleiner, aber hübsch proportioniert und dunkelblond, und meine Schwester … na ja, die sah etwa so aus wie ich damals, allerdings trug sie keinen Bart.

Da die jungen Soldaten alle Englisch konnten, klappte auch die Konversation. Und eines musste man den Jungs lassen: Sie waren wirklich nett und höflich, vielleicht auch deshalb, weil wir nicht erkennen ließen, wer denn nun im Endeffekt wirklich zu mir gehörte. Es machte uns Spaß und augenscheinlich ihnen auch.
Irgendwann im Laufe des Abends schlug einer von ihnen vor, uns doch am nächsten Mittag ein Lokal zu zeigen, das kaum ein Tourist kennen würde. Eine ganz kurze Absprache mit den Damen ergab, dass keine etwas gegen einen weiteren Tag in Litóchoro hatte, also sagten wir zu und verabredeten uns für den frühen Nachmittag im gleichen Lokal.

Den ganzen Morgen plantschten wir im Meer, es wurde heißer und heißer. Die Mädels zeigten von Stunde zu Stunde weniger Interesse, den doch relativ erfrischenden Fleck am Meer gegen eine Taverne auf den heißen Bergen einzutauschen, aber da war der „Reiseleiter“ unerbittlich:
„Soll ich da alleine hochfahren? Wegen mir wollen sie uns das Lokal doch nicht zeigen! Die wollen  mit euch flirten.“
Das leuchtete allen ein und nach einem letzten erfrischenden Bad zogen wir uns wieder unsere Einheitshemden an (die wir übrigens täglich wuschen oder zumindest einmal durchs Wasser zogen). Ich musterte die Truppe wie immer voller Stolz …und ab ging es.

Man erwartete uns bereits. Vier junge Uniformierte strahlten uns entgegen, als wir vor fuhren. Sie hatten sich sogar einen Militärjeep ausgeborgt, in dem sie uns nun voran fuhren. Es ging immer nach oben: Über den Dorfplatz und vorbei am Friedhof. Und dann waren wir da. So ein Lokal habe ich seitdem nicht mehr gesehen … Eine winzig kleine Steinhütte auf einem großen ebenen Platz, der von mehreren Bächen durchflossen wurde, die vom Olymp kamen. Und das ganze unter mächtigen Platanen. Es war hier etwa zehn Grad kühler als unten am Meer, die Temperatur konnte man nicht anders als „ausgesprochen“ angenehm beschreiben Über die Bäche führten Miniaturholzbrückchen und überall waren kleine Wasserräder eingehängt, die meisten mit Glöckchen versehen. Sie machten an diesem sonst so ruhigen Ort einen Höllenlärm.

Das war aber fast das einzige Unangenehme an diesem fast idyllischen Ort. Wir aßen herrliche Salate mit ganz viel Käse und fühlten uns nur wohl. Die Soldaten freuten sich an unserer charmanten Gesellschaft. Nur der Wirt war das andere Unangenehme: Er hatte wohl selten so hübschen Besuch und benahm sich wie ein läufiger Hund. Nun, die Mädels wussten ihn in die Schranken zu weisen und so gab es keinen größeren Ärger. Ich habe diese Oase übrigens später noch öfter besucht, in wechselnder Begleitung, aber der „Schmuddelzwerg“ versuchte es irgendwie immer wieder. Aber immer wieder ohne Erfolg.
Eines war mir klar: Ohne meine Damen und die damit verbundenen Kontakte hätte ich dieses Lokal im Leben nicht entdeckt.

Nach einem langen und sehr erfrischenden Nachmittag verabschiedeten wir uns von unseren neuen Freunden … und ich wusste genau, wie sehr sie mich beneideten, dass ich am nächsten Morgen Richtung Piräus aufbrechen durfte, während sie weiter in ihrer Kaserne schwitzen mussten. Sie waren aber allesamt wirklich lieb und nett …

Kreta 1972 – Teil 3

Den nächsten Abend verbrachten wir auf dem Oberdeck der Fähre. In diesem Jahr begannen wir einen „Ritus“, den ich über fast all die Jahre, die ich mit dem Auto nach Kreta fuhr, beibehielt. Wir bereiteten uns auf Deck eine große Schüssel „Schweizer Wurstsalat“ zu. Alle Zutaten hatten wir aus Deutschland mitgebracht …

In diesem Jahr (und in all den folgenden) schauten die Einheimischen schon etwas verwundert, als wir da alle fleißig Fleischwurst, Gouda und Gurken schnippelten, alles in die Schüssel warfen und dann noch Paprikastreifen und Silberzwiebeln hinzufügten. Nur für diesen einen Salat nahm ich sogar normales Pflanzenöl mit ins Land der Oliven … und ordentlich Balsamico gehörte natürlich auch hinein.

Und immer gaben wir jedem Interessierten etwas ab … wir produzierten ja jedes Mal viel zu viel. So betätigten wir uns als „Botschafter des Wurstsalats“ in Griechenland … aber ehrlich, das war wirklich die einzige „deutsche“ Mahlzeit, die wir in Griechenland zu uns nahmen.

PicturesKK/forbild32.jpgNun muss ich einen ordentlichen Sprung machen, ich weiß nämlich nicht mehr, wohin wir uns auf Kreta als Erstes wandten. Ich weiß nur noch, dass der bereits erwähnte Jannis in Kókkinos Pýrgos mehr als angetan von meinem „Harem“ war, dass wir in Festós und „natürlich in Knossós waren und dass wir natürlich auch wieder meine erste Liebe, das „Kiani Akti“ bei Kalýves besuchten und dass wir auf der Lassíthi herumkraxelten.

Aber an einen Abend und noch viel mehr an den darauffolgenden Tag erinnere ich mich noch sehr gut: Wir waren in Ierápetra in irgend einem kleinen Lokal mitten im Ort. Wir hatten gut gegessen und irgendwie kriegten die Mädchen mich rum, noch ein bisschen Gitarre zu spielen. Ich konnte inzwischen zwei oder drei griechische Lieder mehr, und die einheimischen Gäste waren recht begeistert, unsere Tischrunde wurde immer größer. Nicht weil ich so ein toller Sänger war, nehme ich an, sondern weil es ihnen ziemlich unfassbar erschien, dass überhaupt ein Tourist auf die Idee kam, selbst griechische Lieder zu singen. Und außerdem hatte man so ja auch einen Vorwand, den Mädels ein wenig näher zu rücken.

PicturesKK/forbild34.jpgUnd so kam es im Verlauf des weiteren Abends, wie es leider kommen musste. Irgendwann hatte ich dummerweise das Gefühl, jetzt genug Ouzo oder Raki getrunken zu haben (ich glaube, damals trank ich noch vorzugsweise Ouzo, was sich aber bald änderte), und stieg – ja es war Dummheit – auf Retsina um. Man weiß eigentlich vorher schon, wie das ausgeht, aber mancher wird eben durch Schaden nicht klug.

Langer Rede kurzer Sinn: Wie ich mit dem Auto an den Strand östlich von Ierapetra gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Die Damen behaupteten, ich sei noch ziemlich normal gefahren … ich erinnere mich nicht mehr. Tatsache war aber, dass mich selbst der größte Pott Filterkaffee am nächsten Morgen nicht fit machte (wir hatten so ein kleines Gaskocherchen dabei) … und so blieben wir erst einmal am Strand. Meine Mädels bauten für den leidenden „Pascha“ ein kleines Sonnendach aus einem Handtuch für den Kopf. Ich sollte ja nicht auch noch einen Sonnenstich bekommen.

Ich lag da vollkommen ermattet, ein leichter, kühlender Wind strich über meinen Körper und mein Kopf schmerzte zwar, aber das wenigstens im Schatten.
Die Ladies gingen baden und ich schlief wieder ein.

PicturesKK/forbild35.jpgLeider hatten wir die Rechnung ohne die Sonne gemacht. Warum auch immer, keine der Damen hatte daran gedacht, mich einzucremen (wie ich das gewohnt war) und ich bemerkte erstens wegen des Windes und zweitens schlafend nicht, dass ich mir den bombastischsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Ich wurde nämlich erst Stunden später wieder wach … und es war grauenhaft. Insbesondere meine Beine hatten die Farbe gut gesottenen Krebsfleisches angenommen, und der Versuch, in meine Jeans zu steigen, endete in einem Schmerzensschrei. Es ging einfach nicht …

Susi borgte mir schließlich eine ganz leichte und dünne Baumwollhose, rot-weiß kariert und natürlich ein wenig zu kurz, aber auf Schönheit kam es jetzt nicht an. Ich brauchte einige Tage, bis ich mich wieder in die Sonne wagen konnte.

Die letzten Tage auf Kreta verliefen ebenfalls ohne Ereignisse, an die ich mich erinnern würde, lediglich die Rückfahrt durch Jugoslawien blieb mir in Erinnerung. Wir wollten nonstop durchfahren und ich hielt von Piräus bis hinter Belgrad ohne Probleme durch. Dann aber überfiel mich die Müdigkeit und ich bat Schorni, mal für ein oder zwei Stunden das Lenkrad zu übernehmen.
Geweckt wurde ich knapp eine halbe Stunde später durch ein übles Rumpeln, das durchs Auto fuhr … wir kamen auf einer Wiese zum Stehen. Schorni war am Steuer eingeschlafen … ein Glück, dass weiter nichts passiert war. Also setzte ich mich wieder hinter das Lenkrad und fuhr bis Köln durch … insgesamt waren es 48 Stunden praktisch nonstop. Damals konnte ich das noch …

Noch ein abschließendes Wort zu meinem treuen „Rossi“: Über 8.000 Kilometer hatte er uns ohne jedes Problem nach und durch Kreta getragen. Eine Woche später erlitt er einen Kolbenfresser … und ich bekam noch 400,00 DM dafür … ehrlich!

Kirchen, Klöster, Kurven – Kreta 2004

KKKK-Tour: Kirchen, Klöster, Kurven und „Kwellen“
(und Kalauer)

Drei Mann auf Tour im „Cinquecento“ – Kreta 2004
Pünktlich um halb acht treffen wir uns wie verabredet auf eine starke Tasse Nescafé: Chelmiii und Frank aus dem Kreta-Forum und meine Wenigkeit. Es ist erst einmal gar nicht so einfach, den versäumten Schlaf aus den Augen zu reiben. Aber Punkt acht Uhr lasse ich den kleinen Fiat („to baby sou“, wie ihn Adriana aus Kalýves ein paar Tage vorher genannt hat) an, wir verlassen den Parkplatz des „Romantika“ in Agía Galíni und brechen zu unserer großen Rundtour zu Kirchen, Klöstern und Wasserfällen auf, von der ich schon weiß, dass sie in erster Linie aus Kurven bestehen wird.

Doch schon nach wenigen Metern stoppe ich den Wagen wieder, denn mit der Lenkung stimmt was nicht. Also lieber mal die Vorderreifen begutachten! Und siehe da, der rechte ist fast platt. Zum Glück gibt es nur wenige hundert Meter weiter eine Tankstelle. Frank bläst den Reifen von 0,5 wieder auf die regulären 2 ATÜ auf. Ergebnis: Pfeifend entweicht direkt an der Felge die Luft. Wahrscheinlich die Folge des Loches, durch das ich vor zwei Tagen ungebremst in Ágios Nikólaos gedonnert bin. Ein Wunder, dass er gestern auf der Fahrt nicht in irgendeiner Steilkurve den Geist aufgeben hat. Ich gerate ins Schwitzen … genau wie unser „Youngster“ Frank, als er dann den Reifen wechselt. Zum Glück hatte die Tankstelle wenigstens einen professionellen Wagenheber und zum Glück haben wir das Malheur jetzt schon bemerkt, das hätte voll in die Hose gehen können.

Frank arbeitet und wir geben unseren Senf dazu. Auf der Innenseite des Reifens ist der Mantel weiträumig aufgerissen, wie sich herausstellt. Puuuh! Der Tankstellenbesitzer verspricht mir bis zum Abend einen runderneuerten Reifen aufzuziehen und so fahren wir halt ohne Ersatzreifen los. Hoffentlich bleiben wir nicht irgendwo in der Einöde liegen, durch die wir zu fahren gedenken.

Heute machen wir Sight-Seeing. „Der Weg ist das Ziel!“ Also nehme ich nicht die neue Straße Richtung Spíli, sondern wir fahren erst einmal die Serpentinen nach Mélambes hinauf, wegen der Aussicht. Und auf ein paar Kurven mehr oder weniger kommt es nicht an!
Natürlich stoppen wir ein paar Mal, Frank will filmen … Wir werden heute überhaupt oft stoppen, das haben wir uns vorgenommen. Nirgendwo vorbeisausen, nur um irgendwo anzukommen!

In Mélambes ist es für ein zweites Frühstück doch noch etwas zu früh, also halten wir nicht. Den Berg durch viele Kurven wieder hinunter, dann erreichen wir wieder die neue Straße und düsen nun fast in Richtung Spíli. Wir sind schon fast da, als der ansonsten bis dahin ziemlich schweigsame Chelmiii (die arme Socke musste ja auch hinten sitzen) was von den zwölf Löwenköpfen am dortigen Brunnen erzählt. Daraufhin beschließen die Vorderbänkler, Chelmiii die 19 Brunnenkätzchen persönlich zählen zu lassen, als Strafe sozusagen!

Die Durchgangsstraße von Spíli ist auffällig leer und überall stehen Halteverbotsschilder. Ja, denn Spili hat einen sehr großzügig dimensionierten neuen Parkplatz mitten im Ort bekommen (hinter der Kurve am Brunnen Richtung Réthymnon geht es links rein). Ich fahre bis ganz hinten durch, in der Hoffnung, dass es vielleicht einen kurzen Fußweg zum Brunnen gibt, und Chelmiiis heimliches Flehen (er hat es nicht laut gesagt) wird erhört. Ein paar Stufen hoch und vorbei am öffentlichen Klo von Spíli (naserümpf!) führt die schmale Gasse bis direkt zur Kurve mit dem Brunnen. Chelmiii zählt und fotografiert die Löwen und uns (uns zählt er nicht!), natürlich gibt es die obligatorische Pausenzigarette, dann es weiter …

Kurz vor Koxaré biegen wir links ein und erreichen bald die Kourtaliótiko-Schlucht.
„Chelmiii, gleich ist Fußmarsch angesagt. Mindestens hundert Stufen runter … und natürlich wieder hinauf! Außer es ist zu starker Wind, dann ist die Treppe nicht ungefährlich.“
Chelmiii ist uns am Tag zuvor bei etwa 40 Stufen auf der Lassíthi fast abgenibbelt. Er raucht zu viel! Aber dennoch nimmt er die Drohung mit einem fast gleichmütigen Gesicht hin. Er wird sich nicht unterkriegen lassen. Oder er betet heimlich, dass es in der Schlucht wie oft orkanartig wehen wird … wer weiß?

Ich will den beiden nämlich die „offiziellen“ Quellen des Megalopotamós zeigen (inoffiziell führt die Schlucht auch weiter oben schon Wasser). Links der Straße taucht das Steinmäuerchen auf, ich fahre aber noch ein paar Meter weiter, um links in einer Parkbucht halten zu können. Rechts direkt an der Felswand möchte ich das „Baby“ wegen möglichen Steinschlags nicht parken.
Und dann steigen wir hinunter, es weht tatsächlich kaum. Ich bin in dieser Hinsicht hier ein wenig vorsichtig geworden, seit ich vor zwei Jahren mal fast in den Abgrund geweht wurde.

Dann erreichen wir die kleine Kirche des Ágios Nikólaos und sinnieren eine Weile, warum die Griechen so gerne an den entlegensten Stellen Kirchen bauen. 100 Meter weiter erreichen wir dann die Wasserfälle, die wir von der Aussichtsterrasse aus natürlich fotografieren und filmen. Nicht ganz Niagara, aber sicherlich schöner und beeindruckender als die zwar viel berühmteren, aber doch eigentlich ziemlich mickrigen Fälle in Argyroúpolis (wir werden heute noch den direkten Vergleich haben!).
Einzig dem Panorama abträglich sind die vielen schwarzen Plastikschläuche, die zu Bewässerungszwecken von hier wegführen. Frank steigt noch etwas tiefer, um eine andere Filmperspektive zu haben, gibt es dann aber auf  (zu viele Schläuche), während Chelmiii und ich wieder nach oben steigen. Chelmiii hat es zwar schnaufend, aber diesmal doch sehr tapfer durchgehalten! Immerhin hat uns Frank nicht eingeholt (wenn auch schon ein bisschen aufgeholt, aber er ist ja auch über 20 Jahre jünger als ich – und körperlich mindestens 50 Jahre jünger als Chelmiii *g). Der wiederum braucht als erstes natürlich ein Lungenbrötchen, dann geht die Fahrt weiter …

Kirchen, Klöster, Kurven Teil 2 – Kreta 2004

Wir passieren Asómatos und Marioú und erreichen Mýrtios. Der sonst so asketisch brave Frank äußert den Wunsch, etwas zu trinken … gute Idee. Natürlich setzen wir uns ins „Panórama“, die beiden kennen diesen Superblick noch nicht, und nehmen geruhsam unser zweites Frühstück in Form von drei Mythos zu uns. An den Nachbartisch setzen sich zwei junge Leute, die sich offensichtlich erst seit gestern kennen. Man müsste noch mal dreißig sein!

„So weiter geht’s, Jungs! Frank, pack die Filmkamera aus, du bekommst jetzt eine weitere Schlucht vor die Linse!“
Ich fahre von unten durch die Kotsífou-Schlucht und drehe am oberen Ende. Frank stellt sich auf den Beifahrersitz und zwängt sich durch das Schiebedach hinaus, und dann lasse ich den Wagen sanft wie ein rohes Ei wieder nach unten rollen. Ich habe die Aufnahmen schon gesehen, sie sind sehr gelungen. Allerdings hat sich Frank da draußen fast den Ast abgefroren.

Weiter geht die Fahrt nach Rodákino, wo ich für alle Fotografierer vor der berühmten Brücke links ran fahre. Das war auch gut so, denn drei Reisebusse schieben sich quälend langsam über die Brücke, wir hätten sowieso keine Chance gehabt zu passieren.
Dann aber ist die Strecke wieder frei. Ein Athener Mercedes geistert als typischer Sonntagsfahrer durch Áno Rodákino vor uns her, am Ortsausgang aber gebe ich dem kleinen Fiat die Sporen und blase den Dicken mit der Hupe zur Seite. Die Beschleunigung des Babies ist schon wirklich OK, wie wir auch später wieder merken.

Weit reicht der Blick über die Kurven nach unten und wir sehen einige Kilometer vor uns einen kleinen blauen Punkt, der über die Straße kriecht.
„Was meint iIhr, wie lange brauchen wir, bis wir diesen Wagen haben?“
„Sicher nicht lange …“, meinen die beiden lakonisch. Zuerst aber stoppen wir noch mal, um eines unserer unzähligen Kirchenfotos zu machen.
Kurz vor dem nächsten Dorf haben wir dann den Blauen vor uns, eindeutig mit Touristen besetzt. Ich komme wohl so zügig von hinten angeflogen, dass die Fahrerin lieber gleich rechts ranfährt. Das wäre nun aber wirklich nicht nötig gewesen!

In Chóra Sfakíon wird es nun aber Zeit, endlich mal etwas zu essen.
Wir schlendern über die Uferpromenade, denn wir haben Hunger. Vor einem Lokal namens „Samaria“ sieht die Wärmetheke sehr interessant aus. Aber bleib mal kurz stehen, schon hast Du einen Werbemann an der Seite. Wortreich beschreibt er uns auf Englisch die wirklich lecker aussehenden Speisen! Frank und Chelmiii verlassen sich auf mich und sagen gar nichts. Ich unterbreche den Wortschwall: „Ke ti íne avtó edó?“ (und was ist das hier?). Der Mann ist kein Dummkopf! Augenblicklich wechselt er in die griechische Sprache und erklärt alles noch mal! Damit imponiert er mir, denn gerade in Touristengegenden merken die Kreter oft überhaupt nicht, wenn man mit ihnen in ihrer Sprache spricht. Und außerdem sieht alles, wie schon erwähnt, lecker aus. Ich äußere noch ein paar Sonderwünsche bezüglich der Beilagen, was natürlich kein Problem ist. Langer Rede kurzer Sinn: Es ist zwar wohl kein Feinschmeckerlokal, aber wir haben trefflich gut gegessen (vor allem Franks „Plaki“ – gegrillte Fischstücke – war ungemein lecker und auch Chelmiii und ich fanden unsere für griechische Verhältnisse mit viel Pfeffer gewürzten Keftedákia in Sauce sehr gut) und uns dazu das zweite Mythos des Tages schmecken lassen.

Und nun auf in die Berge! Die Serpentinen oberhalb von Chóra Sfakíon sind schon eine Wucht. Bedauernd sehe ich, dass sich ein Stück (ein Kilometer) vor uns ein Bus den Berg hinaufquält.
„Hinter dem hängen wir jetzt bis ‚Imbros, außer er ist ein netter Kerl!“
Wir laufen tatsächlich schon wenig später auf den Bus auf, die engen Kurven machen ein Überholen unmöglich. Doch dann … ein kleines Stück nur fast gerade Strecke, der Bus nimmt das Gas weg und fährt scharf rechts … ein netter Kerl!!!

Frank meint nur: „Das schreibe ich mir auf! Das man hier einen Bus überholen kann, hätte ich niemals geglaubt!“ Na, es ging nur mit der Mithilfe des Fahrers.

Ca. einen Kilometer hinter Ímbros biegen wir rechts ein und schrauben uns mit der Straße ins Gebirge hinauf. Der Blick hinunter wird atemberaubend, aber ich muss auf die vielen Steine achten, die auf der Asphaltstraße liegen. Angeblich werden diese Steine von Ziegen herunter getreten … aber gibt es hier überall so viele Ziegen???

Die Wolken hängen tief, aber wir können trotzdem im Tal Ásfendos erkennen. Während wir durch die Serpentinen herunterrollen, erzähle ich den beiden ein Erlebnis, das ich eine Woche zuvor in diesem Dorf hatte: „Hier gibt es nirgendwo ein Hinweisschild, wo es nach Argyroúpolis weitergeht. Ich bin also einfach nach Gefühl unten links abgebogen – ihr könnt die Straße von hier aus erkennen – war dann aber unsicher. Da stand dann ein junger Mann neben einer Betonmischmaschine, und ich fragte ihn, ob dies denn die richtige Straße nach Argyroúpolis sei.

Erst einmal hat er mich völlig verständnislos angeschaut und ich dachte, er müsse ein Albaner oder Bulgare sein, aber dann antwortete er, nein, da sei ich vollkommen falsch! Nun vollkommen konnte nicht sein, also fragte ich ihn, wie denn das nächste Dorf heiße. Nun, auch das wusste er nicht, erst ein Ruf ins Innere des Hauses brachte Aufklärung. Es heiße Kallikrátis und genau da wollte ich ja auch hin! Ist es nicht witzig, dass er nicht mal den Namen des Nachbardorfs kennt?“

Das fanden die beiden auch. Als wir durchs Dorf fuhren und natürlich links einbogen und um die Ecke kamen, wen sahen wir? Den Knaben an der Mischmaschine (wo er also nun 8 Tage beschäftigt war!!!) Für einen kleinen Moment spielte ich mit dem Gedanken, das gleiche Fragespielchen noch einmal zu betreiben, fand das dann aber gemein und ließ es sein.

Auf der Passhöhe oberhalb von Asigoniá stoppten wir aus drei Gründen:
1. Die Zigarettenpause (im Auto wurde nicht geraucht)
2. Fotografieren des malerisch zerschossenen Schildes
3. Pinkelpause (aufpasssen, es blies ein heftiger und kalter Wind, also schnell wieder rein in die gute kleine Stube)

Und dann gab es noch einen vierten Grund: „Frank, mach die Kamera bereit, jetzt kommen die besten Serpentinen des Tages!“

Kirchen, Klöster, Kurven Teil 3 – Kreta 2004

Dieses Mal blieb Frank im Auto sitzen, draußen oben war es zu kalt. Und beim Ansehen der Filmaufnahmen durch die Frontscheibe kann einem schlecht werden, obwohl ich wirklich langsam gefahren bin.

Asigoniá ist als Widerstandsnest gegen die Türken bekannt, denn es war gut zu verteidigen. Dies erkennt man, wenn man durch das Tal hinunter fährt. Es ist idyllisch grün, aber eng.
Unten biegen wir nach rechts über eine Brücke Richtung Argyroúpolis ein und besichtigen natürlich die berühmten Wasserfälle. Klar, sie sind schön, aber nicht mit der Quelle des Megalopotamós zu vergleichen.
Frank und ich kletterten fast bis zum Dorf hinauf, weil wir zu blöd waren, die Wasserfälle zu entdecken, da oben war allerdings überhaupt nichts. Chelmiii blieb zurück, weil er „die falschen Schuhe anhatte“. Ich konnte es natürlich nicht lassen, als wir wieder herunter kamen:
„Chelmiii, du musst unbedingt da rauf. Du glaubst gar nicht, wie toll es da ist!“
Trotz der falschen Schuhe gab er sich einen entschlossenen Gesichtsausdruck und wollte losziehen, aber ich habe ihn aufgeklärt: Die recht kleinen (und künstlich angelegten) Wasserfälle befinden sich gleich unten links neben der Treppe.
Nach den obligatorischen Fotos genehmigten wir uns das dritte Mythos des Tages.

Und dann wollte ich eine Strecke ausprobieren, die ich noch nicht kannte: Von hier aus sollte es eine recht neu asphaltierte Straße hinunter nach Plakiás geben! Tatsächlich?
Tatsächlich! Wir fanden im Ort oben ein Hinweisschild und folgten ihm. Es gibt die Straße wirklich. Wir kamen tatsächlich in Kalí Sikiá an und fuhren von dort aus über Ágios Ioánnis zurück zur Hauptstraße von Réthymnon nach Spíli. Und dann war wieder ein Reisebus vor uns, der weniger kooperativ war, als der bereits Erwähnte. Immer, wenn es mal ein Stück geradeaus ging, fuhr er penetrant in der Mitte der Straße!
Aber irgendwann hatte er doch ein Erbarmen und ließ uns vorbei!

Zurück auf der neuen Straße von Réthymnon Richtung Agía Galíni zur Abwechslung mal ein Stück Kreta-Highway. Der Cinquecento schnurrt zufrieden dahin, obwohl ihm die vielen Kurven, Steigungen und Gefälle bis jetzt wenig ausgemacht haben.
Und dennoch mache ich kurz vor Spíli einen Vorschlag: „Was ist jetzt, fahren wir auf der neuen Straße durch bis Agía Galíni, dann kriegen wir in 20 Minuten ein kühles Bier! Oder ich biege noch mal auf der anderen Seite in die Berge hinauf, dann wird es mindestens ein bis zwei Stunden später.“

Die Antwort lautet trotz der Drohung unisono vom Beifahrersitz und von der Rückbank: „Abbiegen, der Weg ist das Ziel!“ Obwohl … ich sehe im Rückspiegel, wie Chelmiii immer mal wieder seine Oberschenkel massiert. Nun ja, die Rückbank, auch wenn man sie für sich alleine hat, ist nicht der komfortabelste Platz im Cinquecento.

Also, kurz hinter dem Ortseingang von Spíli – gegenüber des Priesterseminars – biege ich links ab Richtung Gerakári. Wieder geht es steil und in teils engen Kurven nach oben. Rechts unter uns tut sich der Panoramablick auf Spíli auf. Rechts ranfahren und stoppen: Fototermin (einige der Fotos waren ja schon im Kreta-Forum zu bewundern).

Während wir die diversen Auslöser betätigen – Frank filmt natürlich auch, aber er filmt immer nur die Landschaft und nicht Chelmiiis Schuhe – kommt ein anderer kleiner Leihwagen den Berg hinter. Auch dieser bremst sofort, als er uns hantieren sieht, heraus springt ein kleiner Chinamann mit mindestens drei Kameras. Denn wo gleich drei Leute am Straßenrand und in der Macchia herumgeistern, muss es was zu fotoglafielen geben. Wenig später zieht er zufrieden wieder ab, und auch unser Auto schraubt sich über den Kédros hinauf. Ziemlich weit oben fahre ich extra vorsichtig, denn ich erinnere mich mit Schrecken, dass es hier 2001 eine ebenso überraschende wie brutale Querrinne gab, die mir sicherlich seinerzeit die Vorderachse gebrochen hätte, hätte ich keinen hartbeinigen Suzuki Samurai unter dem Hintern gehabt. Entwarnung, die Rinne ist entschärft.

In Gerakári biegen wir rechts ein und rollen die alte kurvenreiche Straße über Áno Méros wieder zu Tal gen Süden. Als wir durch Áno Méros fahren, erzähle ich natürlich die Geschichte, wie wir mit einem alten Freund, der sicherlich längst gestorben ist, öfter oberhalb des Dorfes beim Kirchlein „Kaloídena“ picknicken waren (zu Fuß natürlich!).
Und dann glaube ich, etwas außerhalb des südlichen Dorfausgangs einer Fata Morgana zu unterliegen: Eine schmale Asphaltstraße führt im spitzen Winkel nach rechts den Berg hinauf und das steht tatsächlich ein braunes Schild, wie es auf Sehenswürdigkeiten hinweist: „Monasteri Panagia Kaloidena“!

Kann das wahr sein, dass es da hinauf jetzt eine Straße gibt? Wozu eigentlich? Aber das will ich jetzt wissen! Also wenden und hinauf. Passenderweise beginnt es zu regnen. Da macht das Sträßchen trotz Asphalt nur bedingt Spaß. Und dann sind wir wirklich am Kirchlein, das eigentlich  die Reste eines ehemaligen Klosters darstellt.
Es ist zumindest von außen schick restauriert, die Glocke hängt frei draußen an einem Baum und die Treppen hinunter sind die Picknickplätze erheblich erweitert worden. Hier scheint also im Sommer durchaus viel los zu sein. Momentan sah es noch wüst aus: Abgebrochene Bäume und große Äste, die die Treppe blockierten, der vergangene Winter war ja auch wirklich heftig.
Da es jetzt auch noch stärker zu regnen beginnt, packen wir die Kameras ein und machen uns wieder vom Acker.

Der Rest der Tour verlief bis auf die weiteren zahlreichen Kurven eher ereignislos. Chelmii fühlte sich auf seinem Hinterbänkchen immer unwohler und auch wir anderen beiden begannen, uns allmählich auf das Ende der Fahrt zu freuen, was ja nach 235 Kilometern auf kretischen Straßen, die ja zumindest da, wo wir unterwegs waren, praktisch nur aus Kurven bestehen, auch irgendwo verständlich war.

Und außerdem, da wartete doch jemand auf uns: Einige Gläser frischgezapftes Mythos auf Frank und mich, auf Chelmii der Wein und auf alle ein reichliches und gutes Essen bei Antónis. Und als nach dem Essen die Flasche Rakí auf den Tisch gestellt wurde, da hat nicht einmal Chelmiii einen getrunken.
Das fanden wir sehr gut: Denn wir waren vorher überein gekommen, dass die drei Mann zusammen auf Tour gehen … aber (nur) zu Kirchen, Klöstern, Kurven und Kwellen …

Und wie endet dieser Bericht? Wie alle griechische Märchen (denn die Tour war zwar durchaus sehr real, kam uns aber bei dem Spaß, den wir dabei hatten, auch wie ein Märchen vor. Es war zwar nicht die einzige Fahrt, die wir zusammen unternahmen, aber ich glaube, es war die Schönste!): „Sie lebten gut und wir noch besser!“