Kreta 1977 – im rollenden Wohnzimmer

Ich war natürlich nach wie vor mit Yvonne zusammen – bin ich ja heute noch – und ich hatte das Vergnügen, einen kleinen Vorschuss auf mein bescheidenes Erbteil zu erhalten. Also beschloss ich bzw. beschlossen wir, dass unser beider Traum, ein VW-Bus, in Erfüllung gehen sollte. Vor der Kölner Zentralmensa fanden wir ihn und erstanden ihn für 7.000 DeEmmchen. Er hatte nur knapp 100.000 Kilometer runter …
Aber schon, als wir das erste Mal zu Yvonnes Mutter nach Neuss-Norf fuhren, kam das böse Erwachen … Kolbenfresser. Es durfte also noch ein Austauschmotor für weitere 3.500 DM her.

Dann kamen die Semesterferien und wir siedelten als Haushüter ganz nach Neuss-Norf um, mit dem Ziel und der Aufgabe, unseren neuen Wagen nach unseren Vorstellungen gemeinsam aus- und umzubauen. Jeden Tag fuhr ich zum örtlichen Baumarkt, um mir Spanplatten zuschneiden zu lassen, denn unser Auto wurde wirklich „handmade“. Hinter dem Beifahrersitz entstand die Küche mit einen Zwei-Flammen-Gaskocher auf einem selbstgebauten Schrank, in dem die Gasflasche und ein großer Wasserkanister untergebracht wurden. Neben der Küche bauten wir einen Sitz ein, der natürlich darunter Stauraum bot.

PicturesKJ/for-1977-01_Hobbit.jpgEin großes logistisches Problem stellte das Bett dar: Wenn man die selbstgebaute hintere Sitzbank auf die Höhe des Kofferraums brachte, hätten die Passagiere fast mit dem Kopf an der Decke gesessen. Also wurde getrickst. Die Sitzfläche wurde auf normales Niveau gebracht und ich bastelte zwei einlegbare Abstandshalter, die zum Schlafen die Matratze auf das gleiche Niveau brachte. Die Rückenlehne der Bank befestigten wir variabel … so konnte man sie einfach herausnehmen und auf die zwei Holzkisten legen, die normalerweise hinten im Kofferraum standen und unsere Wäsche enthielten … also entstand alles in allem ein 2,10 Meter langes Bett. Man kann das irgendwie schlecht beschreiben …

Ansonsten gestalteten wir den Bus bewusst so kitschig, wie wir es nie mit einer Wohnung getan hätten. Auf dem Boden ein Fliesenwerk aus Plastik, Wände und Schrank beklebt mit DC-Fix-Mauerwerk, Bett und Sitz mit Flokati bezogen, das Ding sah schon abenteuerlich aus. Leider reichte unsere Zeit nicht mehr, den Dachhimmel blau mit weißen Wölkchen zu bemalen.
Yvonnes ältere Schwester kam rechtzeitig aus dem Urlaub zurück, um uns die roten Blümchengardinen zu nähen.

PicturesKJ/for-1977-02_Unterwegs.jpgUnd dann war es soweit: Unser Hobbit (so hatte wir ihn getauft) war zum Start in den Süden bereit und wir hatten noch fast 3 Monate Zeit. Zwischenzeitlich hatten wir noch zwei Mitfahrer aufgetan: Peter, ein alter Schulkamerad von Yvonne und … verdammt, ich habe ihren Namen vergessen.

Über die Fahrt durch Deutschland und Österreich gibt es nichts zu berichten.
Kurz hinter Maribor verzogen wir uns in einen Feldweg, um zu übernachten. Sicherheitshalber verrammelten wir den Bus nach allen Regeln der Kunst, aber wir blieben unbehelligt. Am nächsten Morgen pflegten wir uns ausgiebig mit Wasser aus dem gelben Kanister, frühstückten und es ging weiter.

Der Autoput wurde dann spannender, da 30 PS einen VW-Bus nicht gerade sehr zügig vorantreiben. Ich fand aber bald eine gute Möglichkeit, trotzdem zu überholen, indem ich schon frühzeitig auf dem müden Gaspedal stand und erst im letzten Moment ausscherte, wenn der Gegenverkehr vorbei war. Yvonne starb dabei tausend Tode! Nachträglich besehen gebe ich zu, dass diese Fahrweise für Beifahrer wirklich nicht sehr beruhigend war.

PicturesKJ/for-1977-04_Unterwegs.jpgUnd wir hätten es auch beinahe nicht überlebt, aber das lag nicht an mir. Zwischen Nis und Skopje verlief die Strecke am Hang eines Tales entlang (an dieser Stelle wurden die Karl-May-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker gedreht).
Ich fuhr so normal vor mich hin, als hinter mir ein Reisebus zum Überholen ansetzte. Erst einmal störte ich mich wenig daran, aber dann tauchte in der Kurve vor uns ein LKW auf …
Ganz großes Tennis! Bus neben mir, LKW vor uns, Abgrund rechts …

Der Busfahrer hatte zwei Möglichkeiten – eigentlich drei, denn eine Vollbremsung hätte es im Nachhinein betrachtet vermutlich auch getan. Die zwei anderen Möglichkeiten: Frontal in den LKW oder diesen kleinen VW-Bus mal eben von der Straße pusten. Er entschied sich für letzteres, er zog nach rechts. Ich schloss gedanklich mit dem Leben ab.

PicturesKJ/for-1977-05_Unterwegs.jpgDas Ganze liest sich hier zwar vielleicht recht gemütlich, es spielte sich aber innerhalb weniger Sekunden ab. Ich trat wie ein Irrer auf die Bremse und wusste, es würde nicht reichen. Neben der Straße war nicht mal ein Meter Platz, dann ging es fast senkrecht nach unten. Und dann war die Rettung da: Plötzlich ein kleiner Ausweichparkplatz, auf dem ich schleudernd zum Stehen kam.
Die anderen schreckten aus ihrem Nickerchen hoch.
„Was ist los?“
„Nichts, schlaft weiter!“

Ich blieb erst einmal zehn Minuten dort stehen und kam allmählich wieder zur Ruhe. Ich war schon ein paar Mal dem Tod von der Schippe gesprungen – ich musste da in diesem Moment an das eine oder andere Bundeswehrerlebnis denken – aber so knapp war es wohl noch nie gewesen. Na, was sollte es, Mund abputzen, weiterfahren.

PicturesKJ/for-1977-10_Litochoro.jpgEs mag langweilig erscheinen, dass unsere erste Station in Griechenland einmal mehr Litóchoro war. Als Erstes war ein ausgiebiges Bad im Meer angesagt, dann fuhren wir nach oben und futterten die obligatorischen Souvlákia. Müßig zu erwähnen, dass wir natürlich wieder erkannt wurden.

Danach ging es wieder den Berg hinauf. Dieses Mal lernten wir eine sehr nette Familie dort kennen, vor allem der Oma hatte es Yvonne angetan. Nach dem ausgiebigen Nachmittag unternahmen wir wieder einen Spaziergang über die Wasserleitung zum Trinkwasserreservoir, wobei allerhand Faxen angesagt waren. Das Tor stand dieses Mal offen, Yvonne wäre in ihrem langen Rock wohl auch nicht über den Zaun gekommen.
Sie konnte es nicht lassen und watete durch das Wasser … na ja, auch meine ganz persönliche Muse war eben eine Quellnymphe … eine hübsche noch dazu.
Den Abend verbrachten wir im Dorf feuchtfröhlich, was man uns am nächsten Morgen auch ansah.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 2

Kreta 1977 – Teil 2

PicturesKJ/for-1977-19_Litochoro.jpgEin kräftiges Frühstück aber hob Oma und Opa wieder aufs Fahrrad und wir bewegten uns gemächlich gen Süden weiter.
Dann erreichten wir die damals erste Mautstation am Eingang des Tempetals. Das Tal ist sicher einer der schönsten Fleckchen in Thessalien, und vor allen Dingen ein im Sommer sehr angenehmer Aufenthaltsort. Denn Thessalien gilt als der Glutofen Griechenlands. Mir sagte mal jemand: „Fahre von Thessaloniki nach Athen. Da wo das Thermometer am höchsten steht, da ist Thessalien.“

Das Tal ist ca. 8 Kilometer lang und voll üppiger Flora. Dies ist dem Fluss Pinios (oder Pineios) zu verdanken, der sich hier seinen Weg gegraben hat.
Heute ist die Autobahn von Thessaloniki nach Athen durchgehend fertig, nur dieses Tal hat sich erfolgreich gewehrt … hier fährt man noch über die alte und recht kurvenreiche Schnellstraße, für eine Autobahn ist es einfach zu eng.

PicturesKJ/for-1977-21_Tempetal.jpgEtwa in der Mitte des Tals lud ein Parkplatz zum Halten ein, an dem wir bisher immer nur vorbei gefahren waren. Diesmal nicht … denn wir wollten herausfinden, was denn der Grund für die vielen Autos auf dem Parkplatz war. Wir wanderten auf der schmalen Fußgängerbrücke über den Fluss, um an der kleinen Felsenkirche mit der herrlich frischen Quelle eine kleine Rast einzulegen. Da waren wir nicht die Einzigen, aber fast die einzigen Touristen. Der Ort ist wohl besonders bei den Einheimischen sehr beliebt, die gerne Quellwasser in Flaschen und Kanister abfüllen.
Vergleicht mal, wie es dort heute aussieht: http://www.sonnabend.at/tempetal.htm

Wir genossen den Schatten, aber dann entwickelte sich allmählich ein kleines Hüngerchen. Yvonne erstand am Parkplatz noch einen frisch gerösteten Maiskolben, den sie mit viel Genuss verzehrte.

PicturesKJ/for-1977-24_Tempetal.jpgDen nächsten Halt machten wir an den Thermopylen, wo seinerzeit der spartanische Feldherr Leonidas die Übermacht der Perser aufhielt. Ich war ein wenig enttäuscht, denn die Landschaft ist eigentlich eher flach und weitläufig und die Perser hätten die paar Spartaner einfach überrennen können. Vermutlich aber hat sich Laufe der Jahrtausende die Landschaft auch durch Anschwemmungen verändert.

Die Endstation für diesen Tag war wieder einmal das Dorf Arkítsa (wo ich mich 1976 noch so hübsch blamiert hatte). Diesmal ließen wir „vorsichtshalber“ den Marktplatz ganz links liegen und fuhren durch das Dorf zur Anlegestelle der Fähre nach Évvia (Euböa). Hier genehmigten wir uns mal wieder eine größere Menge Souvlákia und – welch luxuriöse Völlerei: Bier. Ich erwähnte bereits, dass die Preise für Wein und Bier in den Siebzigern in keinem verständlichen Verhältnis standen. Bier war für unser Portemonnaie ein Luxusgetränk …

PicturesKJ/for-1977-26_Arkitsa.jpgDann fuhren wir den Strandweg ein Stück nach Norden und plantschten den Rest des Nachmittags im Meer. Wir hatten ja alle Zeit der Welt und wollten uns nicht hetzen. Wenn wir am nächsten Tag die Fähre nehmen würden, hatten wir vorher noch reichlich Zeit, uns Athen anzuschauen.
Zum Abendbrot gab es noch einmal Souvláki, diesmal auch einen großen Bauernsalat dazu und dann zogen wir uns in die Pampa zurück.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem üblichen Frühstück und einem „Hausputz“ nach Piräus weiter. Den Athener Verkehr kannte ich inzwischen zur Genüge, ebenso die Ticketbüros der Fährgesellschaften. Es war noch Vormittag und so bekamen wir ohne Probleme bei A.N.E.K. die Tickets für den gleichen Abend. Damals fuhr ich aus Prinzip mit dieser Gesellschaft, Minoan Lines, die andere kretische Reederei gab es noch nicht. Erzählte ich eigentlich schon, dass die Fähre einer Athener Reederei, mit der wir 1972 gefahren waren, ein Jahr später mitten zwischen Kreta und Piräus sank. Sie war überaltert und wenn ich mich recht erinnere, gab es so gut wie keine Überlebenden. Daraufhin wurde eben die A.N.E.K. gegründet …

PicturesKJ/for-1977-33_Athen.jpgDann fuhren wir wieder zurück nach Athen hinein, um die Zeit sinnvoll zu verbringen. Sinnvoll hieß für uns, nicht etwa in der Nachmittagshitze die üblichen Sehenswürdigkeiten wie die Akropolis etc. abzuklappern, sondern gemütlich durch die Altstadt Pláka zu bummeln.
Besonders angetan hatte es mir eine kleine Kirche unweit des Syntagma-Platzes, um die man ein mehrstöckiges Haus einfach herum gebaut hatte.

Wir fuhren nicht zu spät zur Fähre zurück, um aus schon beschriebenen Gründen möglichst früh drauf zu fahren. So konnten wir in Ruhe den allfälligen Wurstsalat produzieren (von dem es diesmal keine Fotos gibt).

Gegen sieben Uhr legte die Fähre ab und Piräus blieb hinter uns zurück. Kreta, wir kommen!!!
Dass wir auf dem Oberdeck „wohnten“ versteht sich von selbst … wir lernten in dieser Nacht einige interessante Leute kennen, mit denen wir die nächsten Wochen als „wilde Horde“ die Insel unsicher machten …

Kreta 1977 Reisebericht Teil 3

Kreta 1977 – Teil 3

PicturesKJ/for-1977-44_Ankunft.jpgWie erwähnt hatten wir am Abend bzw. in der Nacht einige nette Leute kennen gelernt. Ich vergebe hier einfach Phantasienamen, da ich bis auf Toni keinen mehr in Erinnerung habe.
Toni kam mit einer Bekannten aus München und war ebenso mit einem VW-Bus unterwegs wie wir. Sie waren das erste Mal auf Kreta und interessierten sich sehr für meine „Erfahrungen“. Also beschlossen wir, da wir uns auf Anhieb sympathisch waren, am nächsten Morgen zusammen aufzubrechen, um von Soúda aus „mal wieder“ eines meiner Lieblingsziele, das „Kyani Akti“ bei Kalýves anzusteuern. Tonis Begleiterin nennen wir jetzt mal Michaela.

Hinzu kamen zwei junge griechische Studenten aus Athen, die auch vorher noch nie auf Kreta waren, und die uns höflich fragten, ob sie sich uns für eine Weile anschließen dürften. Nennen wir sie Jorgos und Christos (ich glaube, sie hießen wirklich so, bin mir aber nicht sicher). Zwei Rucksacktramper, einer aus Süddeutschland (Rolf), der andere aus Österreich (Franz) komplettierten die Truppe. Jetzt waren wir also in drei Autos zu zehnt.

PicturesKJ/for-1977-45_Ankunft.jpgDie Sirenen des Fährschiffes rissen uns aus dem Schlaf (wir hatten ziemlich lange ziemlich gebechert), wir liefen bereits in die Soúdabucht ein. Die Deckspassagiere (darunter auch eine Roma-Familie, die ein Deck tiefer kampiert hatte) genossen den Blick auf die Weißen Berge, während das Schiff anlegte.

Während des Anlegemanövers kam ein bärtiger junger Mann, den ich am Vorabend schon wahrgenommen und gegen ihn und seine Begleitung eine recht spontane Abneigung entwickelt hatte, auf mich zu und sprach mich an: „Wir haben gestern mitbekommen, dass du schon ein paar Mal hier warst. Hast Du einen guten Tipp, wo wir hinfahren sollten? Wo fahrt ihr denn hin?“
Ich antwortete ausweichend, denn eigentlich wollte ich ihn nicht um mich haben: „Erst einmal nach Westen …“. Jeder hier weiß, dass Kalýves im Osten von Soúda liegt.

Als wir unsere Wagen aus dem Schiff fuhren, bemerkten wir, dass er mir wohl nicht geglaubt hatte, denn sie warten – ebenfalls in einem VW-Bus – auf uns, um sich offensichtlich an uns dran zu hängen. Da kamen sie aber an den Richtigen!
Ich übernahm die Spitze, hinter mir fuhr Toni und am Ende reihten sich Jorgos und Christos in ihrem roten Simca ein. Dann aber scherte wie befürchtet auch der unerwünschte VW-Bus aus und folgte uns.

Ich bog auf die alte Straße nach Osten ein und fuhr an den Marinekasernen von Soúda vorbei. Dahinter folgt(e) ein kleineres Stück mit einigen unübersichtlichen Kurven, bevor die Straße auch heute noch in die „New Road“ mündet.

Und dann startete ich mein „unerwünschte-Verfolger-Abhängmanöver“ (ich hatte die anderen instruiert und vorgewarnt). Ich überholte – ziemlich risikoreich – einen Traktor, der einen großen mit Heu beladenen Anhänger hinter sich her zog. Dann konnte ich als Einziger die Straße wieder vernünftig einsehen und winkte die beiden anderen Wagen vorbei. Unser „Verfolger“ befand sich hinter der Kurve, konnte meine Handzeichen nicht sehen und traute sich folglich an dem Verkehrshindernis nicht vorbei. Wir hingegen traten auf den Pinsel und holten aus den Autos heraus, was sie hergaben, um den Abstand zu vergrößern. Kurz vor Kalámi und der Festung Izzedine gab und gibt es rechts der Straße einen Parkplatz, den man von der Straße aus wegen diverser Bäume nicht einsehen kann. Und diesen steuerten wir an, um uns zu „verstecken“.
Einige Minuten später raste der „Verfolger“ mit hochdrehender Maschine unter uns vorbei, er sah uns nicht. Und da in jenem Jahr die „New Road“ schon sehr viel weiter führte als zuvor, wird er wohl erst bei Georgioúpolis gemerkt haben, dass er uns verloren hatte.

PicturesKJ/for-1977-47_Kyani.jpgWir hingegen bogen nun in aller Gemütsruhe vor Izzedine auf die alte Straße ab und waren wenige Minuten später beim „Kyani Akti“. Ich erwähnte ja bereits, dass man das Lokal von der „New Road“ gar nicht sehen und kann und von der alten Straße so direkt auch nicht. Dort gibt es zwar inzwischen ein Hinweisschild, aber das nur auf Griechisch …

Als erstes war natürlich mal wieder ein Bad im Meer und eine anschließende Entsalzung im Süßwasserfluss Kíliaris angesagt, dann musste ein opulentes Frühstück her.

Es bestand wieder aus diversen Zutaten, die normalerweise für einen Mitteleuropäer eher weniger für ein Frühstück geeignet sind, aber es war herrlich. Statt Wein gab es allerdings Frappé für alle, dazu gekochte Eier, Spiegeleier, Oktopussalat, Féta mit Öl und Orégano, Tomaten, Oliven etc.

PicturesKJ/for-1977-48_Kyani.jpgVater Ilias und seine Familie sahen in mir inzwischen schon einen richtig alten Bekannten und so war es nach dem Frühstück überhaupt kein Thema, dass wir am Fluss unser „Feldlager“  aufschlugen. Am Dachgepäckträger meines Busses befestigten wir eine große orange Plastikplane, die auch das Autodach überspannte, auf der anderen Seite befestigten wir sie mit zwei langen Zeltstangen (alles in weiser Voraussicht mitgenommen). So erhielten wir einen zwar lichtdurchfluteten, aber doch sehr viel kühleren Platz vor dem Bus, unter dem wir unser Campingmobiliar aufbauten – ja dieses Mal hatten wir alles dabei! So war mein Bus zwar fest eingebaut, aber für mögliche kleinere Ausflüge gedachten wir, Tonis Auto zu nehmen. Natürlich hängten wir auch Wäscheleinen auf, denn nur zehn Meter von uns entfernt hatten wir Süßwasser bis zum Abwinken.

PicturesKJ/for-1977-49_Kyani.jpgDie folgenden Tage genossen wir einfach nur unser Zigeunerleben: Baden, essen und trinken, zusammen sitzen und quatschen, Musik machen … einfach nichts „Sinnvolles“  tun. Und die Ruhe natürlich, denn wir waren die einzigen Touristen vor Ort. Nur Toni und ich mussten jetzt endlich den Kassettenrecorder meines Autos reparieren, was uns in einer längeren Operation auch glückte. In Jugoslawien hatte sich eine Kassette verhaspelt und war gerissen …

Wir hatten ein System vereinbart, dass nie wieder so gut klappte wie in diesem Jahr: Ich zahlte alles, notierte es aber sorgfältig und teilte die Beträge einfach durch die Anzahl der Anwesenden und kassierte zwischendurch immer wieder einmal, um nicht plötzlich ganz ohne Geld dazustehen. Wobei jeder bestellen durfte, was er essen wollte, ob es nun teurer Fisch oder anderes war … mit der Zeit glich sich alles aus und keiner hatte etwas dagegen.

PicturesKJ/for-1977-69_Kyani.jpgUnser babylonisches Sprachgewirr spielte sich vorwiegend auf Englisch ab, denn eine andere Sprache, die wir alle verstanden, war nicht greifbar.

Eine nette Episode am Rande: Toni kam mal wieder aus dem Fluss zurück, den wir immer dann frequentierten, wenn es uns zu heiß wurde, aber nie lange drin bleiben konnten, denn er war und ist wirklich eiskalt. Er trocknete sich ab und griff zu einer Flasche Retsína (die wir auch im Fluss kühlten).
„So, jetzt fühle ich mich wohl wie ein frisch gef…… Eichhörnchen!“

Unsere beiden Griechen wollten natürlich wissen, warum wir anderen so lachten, also versuchten wir es mit einer Übersetzung. Es kamen einige Vorschläge, aber zum Schluss blieb wohl „I feel good like a just have been fucked nutsquirrel“ übrig, was sicher auch kein korrektes Englisch war. Egal, sie haben es verstanden.

PicturesKJ/for-1977-65_Kyani.jpgSo vergingen die Tage. Zwischendurch unternahmen wir einen Ausflug nach Chaniá (damals durfte man die Hafenpromenade noch befahren).

Morgens kam oft ein kleines Fischerboot an den Strand gefahren und Papa Ilias stieg in der Badehose ins Meer (Foto), um frischen Fisch zu kaufen, den einige von uns dann natürlich mit Genuss verzehrten.

Irgendwann aber beschlossen wir dann doch, unsere Zelte hier abzubrechen.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 4

Kreta 1977 – Teil 4

PicturesKJ/for-1977-73_Samaria.jpgNach etwa zwei Wochen hatten wir also genug der Ruhe und des Badens, Essen, Trinkens und Faulenzen … dafür war dann später wieder Zeit. Die Diskussion am Vorabend hatte als Ergebnis gebracht, dass die Samariá-Schlucht eine schöne Option wäre. Es war zwar Mitte Juli, aber in der Schlucht würde es wohl nicht so heiß sein, und außerdem gab und gibt es dort Wasser genug.

Christos und Jorgos waren von der Idee, etwa 18 Kilometer durch unwegsames Gebiet zu wandern, nicht ganz so angetan, deshalb beschlossen sie, doch noch ein wenig zu bleiben … wir verabredeten uns recht locker für unser nächstes Etappenziel, an dem wir wieder ein paar Tage bleiben wollten. Das Wiedersehen klappte übrigens. Immer wieder staune ich selbst darüber, mit welcher selbstverständlichen Lockerheit man damals durch die Lande fuhr. Heute muss „man“ ja alles planen oder vorgekaut bekommen. Damals aber gab es niemanden, der kaute … wir haben trotzdem recht gut über- und nur von einem Tag zum nächsten gelebt.

PicturesKJ/for-1977-75_Samaria.jpgDie Damen badeten und wuschen die letzte Wäsche, die hier in einer Stunde in Wind und Sonne trocknete, die Herren brachen allmählich und in Ruhe das „Feldlager“ ab. Es musste ja so einiges gesäubert und verstaut werden. Aber nur keine Hektik … in diesem Urlaub nicht! Also setzte man sich zwischendurch auch mal wieder in den Schatten der Bäume und rauchte oder trank ein wenig Wein im Lokal. Wir wollten schließlich erst am Spätnachmittag nach Omalós aufbrechen und dort unser Lager erneut, aber nicht ganz so stabil wieder aufbauen. Diesmal sollte es nur für eine Nacht halten … dann würde der Tross durch die Schlucht wandern, während Toni und ich die Karossen nach Chóra Sfakíon befördern würden.
Keine Planung, wie gesagt, aber das generalstabsmäßig!

Nach einer ausführlichen Verabschiedung von der Familie  Vlamakis, bei denen wir nun ca. vierzehn Tage mehr als erholsam und alle um mindestens ein bis zwei Kilo schwerer (sogar ich!) zu Gast gewesen waren, brach die Mannschaft gegen vier Uhr nachmittags dann auf. Wie immer übernahm ich die Führung, denn ich kannte die Strecke schon.

Diverse Ausblicke, Ikonostássia und ein Esel ließen uns immer wieder die Fahrt unterbrechen, aber am frühen Abend erreichten wir dann doch die Omalós-Hochebene, auf der wir unser Lager aufschlugen. Dieses Mal kochten wir ausnahmsweise selber … und der Abend wurde etwas länger. Aber nicht zu lang, denn am nächsten Morgen sollte es recht früh losgehen.

PicturesKJ/for-1977-82_Samaria.jpgNachdem nun am Morgen alles wieder verstaut war, fuhren wir den letzten Kilometer zur Schlucht und entließen die Wanderer „in die Freiheit“. Alle Fotos aus der Samariá stammen übrigens nicht von mir, ich hatte irgendeinem der anderen einen Film in die Hand gedrückt, um eine möglichst lückenlose Dokumentation zu erhalten. In diesem Jahr hatte ich nämlich diesen Tick erst- und letztmals … es wurden über 1.000 Dias, von hier zum Glück nur ein kleiner Teil zu sehen ist.
Toni, Yvonne und ich allerdings machten uns auf die Autotour nach Chóra Sfakíon „außen herum“, um am Abend die Wanderer dort wieder einzusammeln. Warum Yvonne nicht mitwanderte – in späteren Jahren hat sie die Schlucht öfter durchlaufen als ich – wird später erzählt. Sie hatte nämlich ein Problem, dass uns noch eine Weile beschäftigen würde.

Ein weiteres Problem bekam Toni, als wir wieder den Weg hinunter fuhren. Plötzlich zogen seine Bremsen kaum noch. Wir spannten also meinen Wagen hinter seinen … er zog mich und ich bremste ihn. Wir kamen tatsächlich wieder heil unten an …

PicturesKJ/for-1977-89_Samaria.jpgWir fuhren eine Werkstatt an, wo man aber nichts fand. Und nach einer Rundfahrt auf dem Werkstatthof stellten wir fest, dass hier ein seltener Fall von „Selbstheilungswundere“ vorliegen musste – es war alles wieder in Ordnung! Übrigens machte die Bremse auch in den folgenden Tagen/Wochen keine Probleme mehr.

Also fuhren wir gemütlich weiter, wir hatten ja den ganzen Tag Zeit. Irgendwann am Nachmittag kamen wir dann in Chóra Sfakíon an. Zuerst hieß es, die Busse vorne auf der alten Mole zu parken … ja, man konnte damals noch auch als Tourist problemlos über die Promenade fahren. Dann suchten wir uns eine Taverne, um etwas zu essen.
Als das erledigt war, machten wir es uns auf der Mole gemütlich, um die Ankunft unserer Resttruppe abzuwarten.

Und nun sei noch schnell erklärt, warum Yvonne die Wanderung nicht mitgemacht hatte. Sie hatte sie einen wirklich heftigen und leicht eiternden Abszess am Unterschenkel. Woher der kam, wusste keiner so recht, aber sicherlich muss man sich nur einmal an einem Mückenstich kratzen, um dort eine Infektion auszulösen. Sei es wie es sei, das verdammte Ding bereitete vor allen Dingen Yvonne, aber auch uns anderen noch einige Probleme, vor allen Dingen aber auch meine erste und schlimmste Begegnung mit der griechischen Bürokratie, als Yvonnes Abszess längst Schnee von gestern war – Geduld!

PicturesKJ/for-1977-104_Samaria.jpgMehrere kleine Boote legten an – damals waren sie SEHR viel kleiner und rostiger als heute, dann aber war endlich das richtige dabei. Alle hatten die Schlucht gut überstanden … na ja, bei dem Spaziertempo kein Wunder. Da sie in Agía Rouméli etwas gegessen hatten, beschlossen wir, nach Frangokástello weiter zu fahren und uns dort einen netten Platz für unsere Fahrzeuge und etwas zu essen zu suchen.

Fotos davon habe ich keine, aber ich erinnere mich, dass wir ziemlich im Westen der verstreuten Häuser beides fanden. Einen Platz am Strand und unweit eine Taverne, in der wir später gut aßen und in der es hinterher sehr, sehr spät wurde. Auch wenn die meisten doch ein wenig müde waren. Die Wirtsleute waren freundlich und hatten ebenfalls an der ausgelassenen Truppe ihren Spaß. Vor allem, als diese nach griechischem Prinzip alles in einer Summe bezahlte – das System funktionierte nach wie vor.

Wir schliefen hinterher tief und fest und – da wir die Wagen und die externen Schlafsäcke im Schatten untergebracht hatten – auch erfrischend lang.
Nachdem wir in selbiger Taverne auch fast so etwas wie eine Art Frühstück bekamen, brachen wir zu neuen Ufern auf.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 5

Kreta 1977 – Teil 5

PicturesKJ/for-1977-107_Kokkinos.jpgUnser nächstes Tagesziel war – man ahnt es vielleicht schon – Kókkinos Pýrgos. Direkt hinter Jannis‘ Kneipe schlugen wir wieder unser Lager auf, auch Jorgos und Christos trafen „pünktlich“ ein. Jannis freute sich uns wieder zu sehen und natürlich auch über die vielen Gäste.

Wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, hatten alle unsere Gefährten aber nach zwei Tagen den Ort satt, und so zerstreute sich die Gruppe in alle Winde, nicht ohne vorher Adressen auszutauschen. Jorgos in Athen und Toni in München besuchten wir gegen Ende des Urlaubs tatsächlich.

Zuerst aber mussten wir uns um Yvonnes Abszess kümmern, denn der schwoll immer mehr an und wurde auch immer schmerzhafter. Der Arzt in Timbáki verschrieb ihr eine Salbe, die nicht wirklich half, also fuhren wir nach Iráklion ins Krankenhaus, wo man ihr das Ding ohne Betäubung aufschnitt. Ich bin schon vom Zuschauen fast ohnmächtig geworden und bewundere im Nachhinein Yvonne, wie sie das ertrug. Weitere Medikamente wurden verschrieben, die wir dann wieder in Timbaki einkauften und ihr wurde streng verboten, Baden zu gehen, damit keine weitere Infektion hinzu kam. Ich glaube, das war das Schlimmste für sie. Das Meer ständig vor Augen und nicht hineinspringen zu dürfen …

PicturesKJ/for-1977-115_Kokkinos.jpgZwischendurch fing ich mir einen platten Reifen ein. Also fuhr ich nach Timbáki in die Werkstatt, wo ich aber nur zwei Knirpse antraf. Der Besitzer, ihr Vater, war gerade nicht da. Aber die beiden werkelten eifrig an meinem Reifen herum und er hat trotz eines gewissen Misstrauens perfekt gehalten!

Der Mikrokosmos von Kókkinos Pýrgos bevölkerte sich wieder mit alten Bekannten. Rolf aus Wiesbaden und Joan, eine Englischlehrerin aus München, kamen an. Beide kannten wir schon und es waren ein paar nette Abende. Übrigens sind beide echte Kókkinos Pýrgos-Opfer: Rolf baute einen Unfall kurz vor dem Dorf, als er mit seinem Wagen gegen einen unbeleuchteten Armee-LKW prallte, wobei seine Beifahrerin ums Leben kam. Er hatte natürlich vor Gericht keine Chance gegen die Soldaten, die allesamt beschworen, ihr LKW sei nicht unbeleuchtet gewesen, und wurde seitdem auf Kreta nicht mehr gesehen.
Joan erging es nicht besser, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die mich bis heute davon abhält, auf Kreta sesshaft werden zu wollen.

Ich fuhr zwischendurch auch wieder mal mit meinen Fischerfreunden hinaus, aber nicht annähernd so oft und regelmäßig wie zuvor.
Auch einige neue griechische Bekannte waren zu verzeichnen. Zum einen Manolis, ein jüngerer, kräftiger Mann, der in den Gewächshäusern arbeitete und jeden Tag bei Jannis aß. Eines Tages geriet er mit Janni in Streit, weil er täglich Tomatensalat kredenzt bekam, der ihm allmählich zu den Ohren herauskam. Danach aß er dann woanders.

Dann lernten wir „Opa“ Léandros kennen, einen alten Kreter, wie er im Buche steht. Er hatte Haus und Familie in Timbáki, verbrachte seine Zeit aber lieber in einer winzigen Hütte bei seinen Schafen zwischen den Gewächshäusern von Kókkinos Pýrgos, in die er uns einige Male einlud. Dort bereitete er uns in der Pfanne über dem offenen Feuer immer ein sehr schmackhaftes Omelett, wozu es Wein und Mournóraki gab. Inzwischen war unser Griechisch nach zwei intensiven Studiensemestern gut genug, um uns mit ihm zu unterhalten und so wurden es sehr interessante und schöne Nächte.

Als wir nach Hause fuhren, drückte uns Léandros 1.000 DM in bar in die Hand mit der Bitte, diese von Deutschland aus an seine in London studierende Tochter Klio zu überweisen, weil das von Kreta aus so teuer war. Natürlich machten wir das, aber ich bewundere heute noch sein Vertrauen in uns.

PicturesKJ/for-1977-119_Anomeros.jpgIn den folgenden Jahren verlief es genau so, das Geld besserte unsere schmale Reisekasse auf, aber kaum waren wir zurück in Deutschland, wurde es zuverlässig nach London überwiesen. Klio lernten wir erst Jahre später persönlich kennen. Sie lebt heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern im Elternhaus in Timbáki. Wir haben sie oft besucht, aber auch das sind wieder andere Erinnerungen.

Und dann war da noch der alte Leftéris, ursprünglich ein Bauer aus Áno Méros, der nun aber ebenfalls eine Hütte in Kókkinos Pýrgos bewohnte. Leftéris hatte auf seine alten Tage entdeckt, er sei zum bildenden Künstler berufen und fertigte bildhauerische Werke aus Holz und Stein an. Kunstkenner würden diese Werke naiv nennen, aber sie hatten durchaus was. Leftéris war im Dorf als leicht spinnerter Sonderling bekannt, wozu seine seltsame und manchmal sehr schwer verständliche Sprechweise sehr beitrug. Er tauchte oft bei Jannis auf und hatte uns schnell ins Herz geschlossen, denn wir hörten ihm geduldig zu. Stolz zeigte er uns einen Zeitungsartikel, in dem über ihn und seine künstlerische Arbeit berichtet worden war.

Immer wieder erzählte er uns von seinem Heimatdorf Áno Méros und wünschte sich, mit uns dorthin zu fahren … und eines Tages war es dann so weit.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 6

Kreta 1977 – Teil 6

PicturesKJ/for-1977-122_Anomeros.jpgBeim Scannen der Bilder bemerke ich, dass ich hier von unserem zweiten Besuch von Áno Méros erzähle, denn wir waren doch vorher mit Lefteris schon einmal dort gewesen. Er hatte uns sein altes Haus mitten im Dorf gezeigt und war dann wie diesmal auch mit uns den Kédros hinauf gestiegen, bis wir an einem Kirchlein ankamen. Er erklärte uns in seinem manchmal schwierig zu verstehenden Griechisch, warum dieser Platz und das Kirchlein „Panagía Kaloídhena“ hießen. Vor Jahren bzw. Jahrzehnten behauptete eine Dorfbewohnerin, hier eine Marienerscheinung gehabt zu haben. Alle Zweifel wehrte sie immer wieder mit den Worten „Kaló ídhena“ („Ich habe es gut gesehen!“) ab. Schließlich glaubte man ihr und errichtete die kleine Kirche.

Beim ersten Mal begegneten wir unterhalb der Kirche einem älteren Dorfbewohner, der dann wieder umkehrte und uns ein großes Stück köstlichen Käses schenkte. Natürlich kannte er Lefteris.

Dort unterhalb der Kirche befand sich (und befindet sich noch) nämlich eine eingefasste Quelle, um die man einen „Picknickplatz“ unter riesigen Platanen gebaut hatte, und zusammen mit unserem Essen und dem hinauf getragenen Wein ergab das ein herrliches Picknick. Hinterher rasteten wir einfach im Schatten und hielten ein Mittagsschläfchen auf dem Erdboden im Schatten. Herrlich … wenn es nicht reichlich Wespen gegeben hätte, aber die ignorierten wir unbeschadet.

PicturesKJ/for-1977-127_Anomeros.jpgDieses Mal pflückte Leftéris unterwegs Feigen und Trauben von seinen ziemlich verwilderten Grundstück, die wir dann oben an der Quelle wuschen bzw. nur kühlten. Dort saß schon eine kretische Familie und lud uns sogleich an ihren Tisch ein. Leider ist auf den Fotos nicht perfekt zu erkennen, welche Leckereien sie hier herauf getragen hatten. Jedenfalls aber beeindruckte uns der Patriarch der Familie, ein alter Kreter, ungemein. Ich bat, ihn fotografieren zu dürfen, was sich aber durch die Lichtverhältnisse unter den Bäumen nicht als gerade einfach erwies.
Vor allen Dingen musste er vor dem offiziellen Foto aber noch seinen kolossalen Schnurrbart kämmen. Auch dieser Nachmittag verging wie im Fluge, unsere Griechischkenntnisse waren wie erwähnt inzwischen so weit, dass wir uns einigermaßen (!) unterhalten konnten.

Später waren wir übrigens noch ein drittes Mal mit Lefteris hier oben, dieses Mal trafen wir seinen leibhaftigen Bruder, ebenfalls ganz in schwarzes Tuch gekleidet.

Viele, viele Jahre später – ich beschrieb es in der „Kurven, Klöster und Kwellen“-Tour, entdeckten wir durch Zufall, dass es nun eine Straße dort hinauf gibt – wie langweilig! Das Besondere war ja gerade der Aufstieg zu Fuß und die unwahrscheinliche Ruhe, die einen hier oben umgab, vom Plätschern des Wassers mal abgesehen. Leftéris ist längst gestorben …

Kreta 1977 Reisebericht Teil 7

Kreta 1977 – Teil 7

Die nächsten Tage verbrachten wir zum Teil mit der zweitschönsten Sache der Welt, mit Nichtstun. Yvonne wäre gerne Baden gegangen, aber der Abszess war immer noch nicht verheilt, er hielt sich dran. Und das Meer bei Kókkinos Pýrgos erschien uns nicht so sauber, als dass wir ein Infektionsrisiko eingehen sollten. Die Abwässer flossen dort wie anderswo auch (und tun es wahrscheinlich heute noch) ungeklärt ins Meer.

PicturesKJ/for-1977-135_Gortys.jpgZwischendurch frönten wir allerdings auch ein wenig der Kultur und besuchten zum Beispiel Górtys. Auch heute noch, wo es nun schon lange nicht mehr so leer ist wie damals, sind die Olivenhaine südlich der Straße mit ihren verstreuten Ausgrabungsfragmenten einen Spaziergang wert. Yvonne hatte den damals einzig brauchbaren Reiseführer von Hanni Guanella mit, den sie eifrig studierte, was mir das hübsche Photo von der antiken und der ganz taufrischen Grazie bescherte.

Eines Abends fragte uns Jannis, ob wir nicht mit ihm am nächsten Tag nach Iráklion fahren wollten, er hatte dort einiges zu erledigen. Warum sollte man nicht den Gefallen für einen alten Freund mit etwas Angenehmem verbinden, wir waren dieses Jahr noch nicht in Iráklion gewesen und konnten ja auch nicht immerzu nur in Kókkinos Pýrgos rumsitzen. Wir konnten eigentlich doch (was ich heute im Nachhinein nicht mehr so ganz verstehe), aber ein bisschen Abwechslung war auch mal schön.

Also ging es am nächsten Tag nach Iráklion. Wir setzten Jannis ab und verabredeten uns für den Spätnachmittag, um gemeinsam wieder zurück zu fahren.

PicturesKJ/for-1977-142_Iraklion.jpgUnd dann bummelten wir einfach ein wenig durch die Stadt. Der Morosini-Brunnen führte ausnahmsweise mal Wasser und die Straße des 25. August war damals noch ein wenig leerer, aber es gab durchaus schon Souvenirgeschäfte. Und Frauen – auch meine Yvonne – shoppen ja mit Vorliebe, auch wenn ich zugeben muss, dass sie eigentlich nur schauen wollte und praktisch nichts kaufte. Unsere Reisekasse war ja auch durch die Arzt- und Arzneikosten, die ihr Abszess mit sich gebracht hatten, etwas belastet … man glaubt es kaum noch, dass wir damals tatsächlich mit wirklich kleinem Geld rechnen mussten. Diese ca. 140 DM brauchten wir nämlich dringend als Benzingeld für die Rückfahrt! Das führte übrigens noch zu einer anderen Geschichte, aber die ist ein Extrakapitel wert!

Nachdem wir auch die belebte Marktgasse ausgiebig inspiziert hatten, meldete sich der kleine Hunger und so kehrten wir in der Odós Archimandrítou Fotíou Theodasáki in einer der dortigen kleinen Tavernen ein. Wem dieser Name nicht geläufig ist … der Volksmund nennt die kleine Gasse, die von der Marktgasse abzweigt, „Schmutzgässchen“, weil die dortigen kleinen „Garküchen“ auch 1977 noch nicht alle über Toiletten verfügten. Nichtsdestotrotz war das Essen damals und ist es heute noch sehr gut …

PicturesKJ/for-1977-141_Iraklion.jpgNachdem dieses leibliche Bedürfnis gut gestillt war, wanderten wir zum Hafen und besichtigten das venezianische Fort. Es gibt auch davon Fotos, aber die sind wenig weltbewegend.

Leider fühlte ich mich allmählich zunehmend unwohl, was nicht am Essen im „Schmutzgässchen“ gelegen haben wird, vermutlich hatte ich mir den Magen mit zu kalten und zu hastig getrunkenen Flüssigkeiten einfach verkühlt. Das passierte mir durchaus öfter, aber so heftig wie in diesem Jahr eigentlich später nicht mehr. Obwohl …

Ich war froh, als wir wieder beim Auto waren und legte mich erst einmal hin, denn ich hatte heftigen Schüttelfrost. Yvonne wäre sicher gerne noch ein bisschen durch Iráklion spaziert, aber natürlich blieb sie bei mir und hielt mir das Händchen, bis Jannis „endlich“ kam. Die Hitze in Iráklion war in diesem meinen Zustand nämlich kaum auszuhalten.

Ich fuhr zurück – es war ja niemand anderes da – aber fragt mich nicht, wie. Als wir in Agía Varvára kurz anhielten, weil Jannis noch irgendetwas Spezielles einkaufen wollte, lag ich mit dem Oberkörper auf dem Lenkrad und wünschte mir nur noch, möglichst schnell und schmerzlos zu sterben.

Irgendwie schafften wir es aber dennoch bis Kókkinos Pýrgos. Ich ließ den Wagen einfach direkt vor Jannis‘ Kneipe im Schatten der Almiríkia stehen und verkroch mich mit letzter Kraft nach hinten. Es ist schon gut, wenn man in einem solchen Fall das Bett direkt dabei hat.

Die nächsten Tage verbrachte ich im Halbkoma, einzig unterbrochen von kleinen Ausflügen auf Jannis‘ unsägliches Klo … es kam mir reichlich aus allen Körper… na ja, machen wir es nicht zu drastisch. Außerdem – und das war noch schlimmer – bekam ich etwa 42 Grad Fieber, und nun machten sich alle wirklich Sorgen um mich. Jannis ergriff die Initiative: Er krabbelte mit einer Flasche Rakí in den Bus und verpasste mir eine brutale Massage damit, wobei hinterher die Flasche leer war und ich jeden Knochen im Leib spürte. Man muss wissen, dass Jannis nicht gerade ein schwächlicher Mann war und er malträtierte mich gewaltig.

PicturesKJ/for-1977-148_Kokkinos.jpgDoch das „Wunder“ geschah: Am nächsten Tag lag ich zwar völlig ausgelaugt und zerschlagen immer noch „voor Pampus“ (wie der Niederländer sagt), aber ich war tatsächlich fieberfrei. Und nun begann die letzte Tortur: „Rísi me lemóni“ … grauenhaft. Und ständig schleppte Stella kleine Portionen davon heran, damit ich allmählich wieder zu Kräften käme und der Durchfall nachließe. Und ich lag in dem trotz Schattens im August heißen Bus, nur wenige Meter von der Lärmquelle Taverne entfernt, versuchte, diesem verdammten Reis zu entkommen, hatte aber keine Chance.
Als ich nach einem harten Ei verlangte, beschied mich Yvonne, das sei jetzt nichts für mich. Allerdings ließ sie sich erweichen, als ich verständlich machte, das das Beste in meinem Zustand das sei, wonach es mich gelüstete.

Nun gut, wenn man drei Monate Zeit hat, fällt rein rechnerisch eine Woche Siechtum nicht so ins Gewicht, aber ich war schon sehr froh, dass es nach dieser Woche so ziemlich vorbei war. Im Gegensatz zu Yvonnes Abszess, der wohl beschlossen hatte, noch eine Weile nicht auszuheilen. Sie war so tapfer, aber am meisten ging es sie wohl an, das Meer weiterhin nur von außen zu sehen.

PicturesKJ/for-1977-145_Kokkinos.jpgDa wir uns Jannis inzwischen so weit „erzogen“ hatten, dass wir auch ohne „wegzuschleichen“ uns mal schräg gegenüber bei Heidi und Kyriakos aufhalten „durften“, seht ihr hier ein Foto des schon ziemlich in Rekonvaleszenz befindlichen Klaus, der zwar noch gequält und mürrisch schaut, aber … „drei Tage war der Klaus so krank, jetzt trinkt er Bier, na Gott sei Dank!“

Nachdem wir allmählich wieder zur Tagesordnung übergehen konnten, trafen zwei neue Besucher in Kókkinos Pýrgos ein, die es tatsächlich gewagt hatten, den Bus zu verlassen, um ein paar Tage zu bleiben: Irene und Klaus aus München.

Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch und erlebten auch einige sehr nette und amüsante Tage miteinander. Übrigens haben wir die beiden in den folgenden Jahren immer wieder sehr gerne auf der Rückfahrt in München besucht und wir stehen auch heute noch in (sporadischem) Kontakt miteinander.

Mit Irene spielte ich sehr gerne Tavli, ich weiß gar nicht mehr, wer in der Regel gewann, aber ich nehme mal an, dass ich es war, denn ein bisschen was hatte ich mir bei Jannis inzwischen abgeschaut. Eigentlich bin ich aber auch heute noch eher ein Tavli-Theoretiker, der laut Aussage eines guten Freundes von mir zwar ein sehr gutes Buch über dieses Spiel geschrieben hat, trotzdem aber gegen diesen gleichen guten Freund von 20 Spielen auch 20 verliert.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 8

Kreta 1977 – Teil 8

PicturesKJ/for-1977-153_Festos.jpgIn den nächsten Tagen unternahmen wir mit Irene und Klaus auch wieder einen Kulturausflug, der uns nach Festós, Agía Triáda und erneut nach Górtys führte.

Wie schon erwähnt, hatten wir viel Spaß miteinander, besonders Klaus erwies sich als echter Schelm, der uns immer wieder zum Lachen brachte. Wenn wir zusammen in einem Lokal saßen, psalmodierte er immer wieder mal völlig überraschend und ernsten Gesichtes wie ein orthodoxer Priester: „Maria, zehntausend Mark für ein Bein oder pro nobis!“
Was auch immer das genau bedeuten sollte, dieser Spruch ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben!

PicturesKJ/for-1977-157_Gortys.jpgDann aber beschlossen wir, mal wieder die Lokalität zu wechseln und zuerst nach Norden und sodann nach Paleochóra zu fahren, dass wir im letzten Jahr so fluchtartig wegen des Sturmes verlassen hatten. Genauer gesagt lautete der Plan, von dort aus nach Gávdos zu fahren.
Wir fuhren die alte Straße durch das Amárital nach Réthymnon (ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob es die neue Straße über Spíli 1977 schon gab).

Unterwegs machten wir Rast an einem der vielen kleinen Quellbrunnen auf dieser Strecke und füllten bei dieser Gelegenheit alle Wasserkanister frisch auf. Zudem hatte uns die bisher noch gar nicht lange Fahrt hungrig gemacht, also vertilgten wir ein riesiges Stück Graviéra, das wir noch in unseren Vorräten fanden. Ich liebe diesen Käse, selbst wenn ich dazu nur frisches Quellwasser trinke.

In Chaniá wartete unter anderem die Markthalle auf uns und dort würden wir uns erneut reichlich eindecken. Wir waren uns zwar sicher, dass man auch in Paleochóra etwas zu essen bekommen würde (und ob!), aber ob es dort solch eine Käse- und auch Wurstauswahl für unsere geliebten Picknicks wo auch immer geben würde, bezweifelten wir stark.

PicturesKJ/for-1977-165_Chania.jpgEntgegen unserer schon üblichen Gewohnheit machten wir dieses Mal keinen Zwischenstopp in Kalýves beim Kyani Akti, das verschoben wir auf später … wir hatten ja noch so viel Zeit.

Stattdessen fanden wir in Chaniá in der Nähe einen Parkplatz – ich finde immer irgendwie einen Parkplatz und damals war es ja auch noch leerer dort – und stürmten die Halle. Die Damen probierten sich vollmundig durch die diversen Käsesorten, aber es lief dann doch wieder auf Kefalotýri und Graviéra hinaus, die waren schmackhaft und auch ohne Kühlschrank bedingt haltbar. Und ein großes feuchtes Stück Féta musste natürlich auch mit, ebenso zwei der herrlichen Würste, die von der Decke des Verkaufsstandes baumelten.

Sollten wir auch noch die allfälligen Tomaten mitnehmen? Wir entschieden uns dagegen, die gab es in Pale mit Sicherheit genauso und wohl auch billiger …

PicturesKJ/for-1977-166_Chania.jpgNatürlich verließen wir Chaniá nicht, ohne einen Frappé in einem der Kafenía getrunken zu haben. Und dort ertönte wieder: „Maria, zehntausend Mark für ein Bein oder pro nobis!“
Man sieht an meinem herzhaften Lachen und Klaus’ verschmitzten Grinsen auf dem entsprechenden Foto, es verfehlte wieder einmal seine Wirkung nicht, weil es so unverhofft und unbegründet kam.

Dann aber ging es weiter, wir wollten ja nicht so spät in Paleochóra ankommen. Eine Quartiersuche entfiel, da wir uns irgendwo ins Grüne (?) legen würden – wir hatten ja sowieso den Bus.

Kreta 1977 Reisebericht Teil 9

Kreta 1977 – Teil 9

PicturesKJ/for-1977-170_Pale.jpg„Gestrandet“ in Paleochóra
Wir nahmen die damals einzige Straße nach Pále über Tavronítis, Voukoliés und Kándanos.
In Paleochóra wehte es bei unserer Ankunft dieses Mal (noch) nicht. Zuerst begrüßten wir den Pelikan vor der gleichnamigen Taverne und führten ein Telefongespräch am Kiosk (Kartentelefone waren damals natürlich noch völlig unbekannt), dann gingen wir essen und erkundigten uns beim Wirt über das Boot nach Gávdos.

Es sollte zwei Tage später fahren, aber der Wirt ließ durchblicken, dass er mit aufkommendem Wind rechnete und es überhaupt nicht sicher sei, ob das Boot überhaupt fahre. Wir wunderten uns, denn es war momentan praktisch windstill. Andererseits mussten die Einheimischen ja eigentlich wissen, wie die Vorzeichen von Wetteränderungen zu deuten waren.

Und der Wirt behielt Recht. Am nächsten Nachmittag frischte es auf und gegen Abend kräuselte ein Sturm die Wellen vor dem Abend heftig. Die erneute Frage nach dem Boot nach Gávdos wurde nur mit einem Schulterzucken beantwortet. Also zogen wir uns recht früh am Abend ein Stück nach Westen zurück, wo der Wind sehr viel schwächer war. Wenn das Boot denn fahren würde, wollten wir es nicht verschlafen.

Machen wir es kurz: Als wir am nächsten Morgen wieder zum Hafen zurückfuhren, informierte man uns bedauernd, dass es wohl in den nächsten Tagen kein Boot nach Gávdos geben würde. Es sei viel zu gefährlich, raus zu fahren. Es sei hinzugefügt, dass die damaligen Boote, die Gávdos ansteuerten, sehr viel kleiner waren als heute.

PicturesKJ/for-1977-171_Pale.jpgIrene und Klaus, die sehr viel weniger Urlaubszeit vor sich hatten als wir, beschlossen daraufhin, mit dem Bus wieder nach Norden zu fahren, weil sie es sich nicht leisten wollten, vielleicht eine Woche untätig herumzusitzen. Da wir das Ganze naturgemäß sehr viel gelassener sahen, verabschiedeten wir uns voneinander, nicht ohne vorher die heimatlichen Adressen ausgetauscht und uns lose im „Kyani Akti“ bei Kalýves verabredet zu haben. Wenn wir uns dort nicht treffen würden, wurde vereinbart, dass wir in München bei ihnen ein bis zwei Tage Station machen würden.

Yvonne und ich kauften noch reichlich Überlebensmittel ein und füllten unsere Wasservorräte auf. Wein hatten wir aus Kókkinos Pýrgos noch reichlich dabei. Dann fuhren wir wieder nach Westen … mit jedem Kilometer ließ der Wind nach. Wir entdeckten einen herrlichen sandig-kieseligen Strand mit einigen Bäumen, die uns Schatten spenden konnten. Irgendein freundlicher Zeitgenosse hatte sogar eine „Fahrspur“ aus großen Kieseln bis zu diesen Bäumen gelegt. So bugsierte ich den Bus vorsichtig darüber, denn ich konnte mir ungefähr vorstellen, was passieren würde, wenn ich von den Steinen abrutschte und im Sand landete.
Unter den Bäumen richteten wir uns häuslich ein und lebten dort drei Tage wie „Adam und Eva im Wohnmobilparadies“.

Als Yvonne auf das herrliche Meer schaute, das zwar bewegt, aber nicht richtig stürmisch vor uns lag, warf sie die Ratschläge aller irakliotischen Mediziner über Bord und beschloss, endlich mal wieder zu baden. „Hier ist es so sauber, das kann meinem Bein nicht schaden!“

PicturesKJ/for-1977-173_Pale.jpgIch widersprach nicht, denn ich wusste sehr gut, wie sehr sich die süße Baderatte nach Selbigem sehnte. Sie schwamm tatsächlich mehrere Stunden draußen herum – ich bat sie aber, nicht zu weit raus zu schwimmen, da das Wasser so ruhig auch wieder nicht da lag. Mit dem Teleobjektiv verfolgte ich sie dann mal kurz und wer sich diesen glücklichen Gesichtsausdruck auf dem Foto anschaut, kann nachvollziehen, dass sie sich wie im siebten Himmel fühlte.
Wir hatten uns einen lächerlich winzigen Sonnenschirm gekauft, den wir in einer ebenso ridikülen Konstruktion auf dem Strand aufbauten. Fotos davon darf ich nicht zeigen, denn Yvonne hat mir alle Bikini-Fotos verboten *ggg.

Nach einigen Tagen aber gingen unsere Vorräte allmählich zur Neige und wir beschlossen, mal nach Paleochóra zu fahren, um erstens für Nachschub zu sorgen und uns zweitens mal wieder nach dem Boot Richtung Gávdos zu erkundigen.

PicturesKJ/for-1977-176_Pale.jpgWir packten alles zusammen und ich setzte den Bus langsam und vorsichtig wieder über die Steine zurück (drehen konnte ich nicht). Und dann passierte es: Ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit reichte aus, dass der Wagen mit den (angetriebenen) Hinterrädern von der schmalen Spur aus Steinen abrutschte und sich sofort tief in den Sand eingrub. Alle Versuche, ihn dort mit Hilfe von Fußmatten und Zweigen wieder zu befreien, schlugen kläglich fehl. Letztendlich saß der Bus mit der Ölwanne fest auf dem Sand auf … wir waren im wahrsten Sinne des Wortes „gestrandet“. Was tun? Wir beide allein hatten keine Chance, von hier weg zu kommen.

Glücklicherweise hörten wir aber schon seit einiger Zeit Motorengeräusche von der Straße. Und zwar nicht Motorengeräusche von vorbeifahrenden Wagen, sondern es hörte sich so an, als ob hier schwerere Maschinen mit Bauarbeiten beschäftigt waren. Ich wanderte also die etwa hundert Meter und fand dort tatsächlich Bauarbeiter vor, die an der Straße werkelten. Und was mein Auge mit besonderem Entzücken erblickte, war ein handfester Radlader …

Also ging ich zu ihnen und es gelang mir, ihnen erfolgreich klar zu machen, dass ich ihre Hilfe – insbesondere aber den Radlader – brauchte. Da Kreter schon immer hilfsbereit waren, fuhren vier von ihnen mir mit dem Radlader hinterher. Als sie die Bescherung erblickten, grinsten sie – es kam mir aber nicht schadenfroh, sondern eher vor wie „no problem“ – und machten ein langes Drahtseil zwischen Radlader und Bus fest. Damit es mir nicht die hintere Stoßstange abriss, trugen sie mir auf, den Vorgang mit meiner eigenen Motorkraft zu unterstützen.

PicturesKJ/for-1977-178_Pale.jpgEiner zog, die anderen unterstützen die Aktion mit Handzeichen … und dann hatten wir es geschafft: Der Bus stand wieder auf festem Boden!
Ich bot ihnen Geld an, sie winkten nur ab. Daraufhin verteilte ich eine Runde Zigaretten, die sie gnädig annahmen. Noch ein kurzes Gespräch des Dankes – sie machten kein großes Aufheben daraus – und sie kehrten zu ihrer Arbeit zurück.

Wir fuhren nach Paleochóra, nur um zu erfahren, dass das nächste Boot – wenn überhaupt – erst wieder in zwei Tagen fahren würde. Wir beschlossen, diese zwei Tage noch abzuwarten, dann aber aufzugeben und Gávdos auf ein anderes Jahr zu verschieben.
Wir ergänzten unsere Vorräte und fuhren wieder zurück nach Westen – allerdings nicht wieder an den gleichen Strand, denn die Erfahrung hatte mir gereicht. Wir suchten uns eine uneinsehbare Stelle zwischen Felsen (von der es keine Fotos gibt, denn auf allen Bildern ist Yvonne drauf – siehe oben).

Am übernächsten Tag erfuhren wir, dass es nichts zu erfahren gab: Bis auf Weiteres fuhr kein Boot. Also brachen wir unsere Zelte in Paleochóra ab und luden am Ortsausgang ein englisches Tramperpärchen – Dave und Jill – ein, die nach Chaniá wollten. Wir versprachen ihnen, sie dort abzusetzen, wenn sie denn noch einen Tag Zeit hätten, denn wir wollten noch einen Abstecher nach Falássarna machen.

PicturesKJ/for-1977-181_Falassarna.jpgSie waren einverstanden und bereuten es nicht, denn sie verlebten mit uns dort oberhalb des Strandes mit den schönsten Sandlilien der Insel einen sehr gemütlichen und nahrhaften Abend. In diesen Jahren entwickelten Yvonne und ich eine Vorliebe für Essen auf griechische Art: Viele Teller und überall was Leckeres drauf, was immer Kreta hergab. Ich könnte mich auch heute noch tagelang von diversen Käsesorten, Oliven, Tomaten, Brot etc. wunderbar ernähren.

Am nächsten Tag fuhren wir wieder nach Chaniá, wo sich die beiden von uns verabschiedeten. Dann steuerten wir wieder das „Kyani Akti“ an, wo wir mal schauen wollten, ob Irene und Klaus tatsächlich eintrudeln würden.

Überraschung: Als unser Bus ausrollte, entdeckten wir sie schon. Sie kampierten im Freien unter den paar „Almiríkia“ am Strand, die ein wenig Schatten boten. Wir parkten also gleich neben ihnen und freuten uns auf die kommenden Tage, die wir weiterhin gemütlich angehen wollten. Es gibt viele schöne Dinge im Leben: Reichtum, Liebe, Glück … aber eines gehört auch dazu und das hatten wir in diesem Jahr reichlich: Zeit!

Kreta 1977 Reisebericht Teil 10

Kreta 1977 – Teil 10

Die nächsten Tage dienten mal wieder der Erholung in allen Facetten. Wir aßen drei Mal am Tag im Kyaní Ákti, badeten, restaurierten unser Äußeres und trieben allerlei Faxen. Außer uns tauchte nicht ein einziger anderer Ausländer auf, nur Griechen besuchten das Lokal mittags wie abends auch damals schon gerne. Wenn man sich vor Augen hält, dass dieser Strand der allererste westlich von Chaniá ist, wundert es wenig. Und über die Qualität der Taverne sprach ich ja schon mehrfach!

Es war früher Samstagabend. Wir saßen ganz am Rande der Terrasse und wollten uns noch etwas Zeit bis zum Essen lassen. Klaus und Irene spielten Tavli und ich klimperte ein wenig leise auf der Gitarre vor mich hin. Auch für die Griechen war es eigentlich noch zu früh zum Essen und so war nur eine einzige große Paréa anwesend, die sich drei Tische zusammengeschoben hatte und wie alle griechischen Familien laut und lebhaft war. Aber das störte uns ebenso wenig wie wir sie … im Gegenteil. Plötzlich stand ein Mann aus der Familie neben mir und lud uns an ihren Tisch ein … aber die Gitarre sollte ich mitbringen.

Nun wir hatten noch selten Kontaktängste und so siedelten wir zu ihnen um. Schnell standen frische Teller vor uns und das Familienoberhaupt ließ es sich nicht nehmen, sie für uns persönlich voll zu schaufeln. Und als alle uns inklusive herrlich gesättigt waren, erfüllte ich natürlich gerne den Wunsch nach ein paar griechischen Liedern auf und zur Gitarre … die ganze Truppe sang begeistert und lautstark mit. Wein und Raki flossen heftig und im Lauf des Abends erfolgte eine Einladung für den nächsten Mittag ins Haus der Familie in Chaniá zum Mittagessen. Natürlich sagten wir höflich zu …

Da wir spät ins Bett gekommen waren, kamen wir auch recht spät wieder raus. Aber für ein ausführliches Bad im eiskalten Fluss reichte es allemal.

Das Haus der Familie in der Odós Perídou fanden wir schnell und wurden erfreut begrüßt. Der Haushaltsvorstand zeigte uns stolz sein in der direkten Nachbarschaft liegendes großes Möbelgeschäft – in dieser Gegend lagen noch eine große Zahl weiterer Möbelgeschäfte, es ist wohl ein griechisches Phänomen, dass Firmen der gleichen Branche gerne im Rudel auftreten!
Leider brauchten wir aktuell keine neue Sitzgruppe, sonst hätten wir ihm sicher etwas abgekauft.

Dann aber ging es zurück nach Hause, wo wir einen reichlich gedeckten Tisch und den Rest der Großfamilie, die wir alle schon vom Vorabend „kannten“, vorfanden. Und die Dame des Hauses hatte aus dem Vollen geschöpft – das war noch eine Nummer besser als in der besten Taverne (aber das werden die meisten auch schon mal erlebt haben).

Um es kurz zu machen, dieses Essen zog sich – unterbrochen durch einige Tässchen Kaffee und einige mehr Gläser Raki bis etwa 7 Uhr abends hin. Ich wusste gar nicht, dass man auch mal immer weiter essen kann, irgendwie passt es noch rein. Und da wir eine so perfekte Grundlage hatten, machte uns auch der reichliche Alkohol nichts aus. Zwischendurch sang die versammelte Mannschaft auch wieder mal …

Gegen acht Uhr abends verabschiedeten wir uns dankbar und herzlich von unseren neuen Bekannten und fuhren zum Kyani Akti zurück. Im Nachhinein ist mir überhaupt nicht mehr verständlich, warum ich mir dort zu einem Liter Wein noch eine doppelte Portion Féta mit Öl und Orégano bestellte, die ich tatsächlich noch vertilgte – vielleicht hatte die Völlerei in Chaniá meinen Bandwurm aufgeweckt …?

Übrigens kam die Familie noch zwei Mal in den nächsten Tagen ins Kyani Akti, wo wir dann wieder gemeinsame lustige Stunden verbrachten. Und ich bekam die Möglichkeit, mich ein wenig zu revanchieren. Als wir nämlich auf das ungefähre Datum unserer Rückreise nach Deutschland zu sprechen kamen, meinte eine der Töchter, das sei etwa der Termin, an dem sie zurück zur Uni in Thessaloniki müsse, wo sie studierte. Was lag näher, als ihr anzubieten, sie dorthin mitzunehmen? Also bot ich es an und sie war sehr erfreut. Wir verabredeten uns also für ein bestimmtes Datum in Iráklion am Morosinibrunnen … Wir hatten uns aber schon darauf geeinigt, dass es eine Übernachtung in Athen geben würde, denn wir hatten ja versprochen, Jorgos (und Christos) zu besuchen, um uns von ihnen mal Athen aus der Sicht Einheimischer zeigen zu lassen. Und ein Bett für sie würde man sicher vorfinden, darüber machten wir uns keinen Kopp (sie auch nicht!).

Irenes und Klaus‘ Urlaub ging zu Ende, sie reisten ab. Wir fuhren Richtung Réthymnon. Unterwegs nahmen wir wieder ein englisches Tramperpärchen mit, dem es eigentlich egal war, wohin sie fuhren. Sie waren auch sonst sympathisch, so dass wir beschlossen, ein paar Tage zusammen zu bleiben.
In Réthymnon wurde zuerst einmal ausführlich die Fortétsa mit ihrer Moschee und dem kleinen christlichen Kirchlein besichtigt. Danach aßen wir an der Strandpromenade (nicht im Hafen, da war es uns zu voll).

Und im Anschluss daran machten wir uns auf nach Balí, denn dort waren wir noch nicht gewesen. Ausnahmsweise nahmen wir uns mal ein – nein, zwei Zimmer, und zwar bei Vassílis in der südlichsten Taverne in der Hauptbucht direkt am Strand. Wir wollten uns einfach mal was gönnen. Vassilis sah aus wie eine magere Version von Charlie Chaplin – ich glaube kaum, dass er noch lebt, aber ich weiß es nicht.
Gleich am zweiten Abend überfiel er mich mit dem Wunsch, früh morgens am nächsten Tag mit uns nach Pánormos zu fahren, wo er Zigaretten für das Lokal kaufen wollte. Solche Ausflüge waren mir ja schon Jannis und Kókkinos Pýrgos bekannt, also sagte ich leichtsinnigerweise zu.

Leichtsinnigerweise? Ja, denn Vassilis weckte uns um halb sieben in der Frühe. Das ist für einen Studenten – und dann noch in den Semesterferien – ein Synonym für „mitten in der Nacht“! Na, was sollte es, versprochen war versprochen … die beiden Engländer ließen wir aber weiter schlafen. Und wir tranken erst mal jeder drei griechische Kaffees, um wach zu werden.
Dann fuhren wir nach Pánormos, wo uns Vassilis vor einer recht einfach aussehenden Taverne  ziemlich weit oben im Dorf zum Anhalten aufforderte, die tatsächlich schon geöffnet war. Er wollte seine Einkäufe erledigen, wir sollten es uns so lange hier gemütlich machen.

Es dauerte kaum eine halbe Stunde und er kam mit mehreren Plastiktüten bepackt zurück. Wir verstauten diese im Auto und dann orderte er eine größere Menge Souvláki bei der Wirtin und drei Flaschen Bier. Ja, ja, auch das kam uns bekannt vor.
Um kurz nach neun Uhr waren wir dann zurück in Balí und Vassilis öffnete nun auch seine Taverne – wir gingen erst einmal Baden.

Nach vier Nächten zog es uns dann wieder in den Süden, allerdings erst einmal nicht direkt nach Kókkinos Pýrgos, obwohl wir dort sicher schon erwartet wurden. Wir fuhren erst einmal nach Keramés, wovon uns Joan mehrfach vorgeschwärmt hatte. Nachdem wir den Gebirgszug überquert hatten, stoppten wir, denn wir hatten entdeckt, dass hier jede Menger wilder Oregáno wuchs. Da dieser zu meinen Lieblingsgewürzen zählt, hielten wir erst einmal reichliche Ernte.
Keramés selbst allerdings entpuppte sich als völlig verschlafenes Nest. Da es außerdem zwischenzeitlich zu regnen begonnen hatten, beschränkten wir unseren Aufenthalt auf einen Spaziergang über die Hauptstraße und ergriffen dann wieder die Flucht … nach Kókkinos Pýrgos, wo wir wie üblich mit großem Hallo begrüßt wurden. Auch die üblichen bekannten Stammgäste aus Deutschland, England, Österreich und der Schweiz waren wieder oder noch da …

Ein paar Tage später fragte uns Stella, Jannis‘ Frau, ob wir mit ihr und den Kindern zum Kloster Préveli fahren wollten. Dort würde am nächsten Tag ein großes Fest zu Ehren der wichtigsten Reliquie des Klosters stattfinden, dem Splitter vom Kreuz Christi in der Kirche, der in ein prächtiges Kreuz eingearbeitet wurde und angeblich Augenleiden heilt.
Um diese Reliquie rankt sich eine berühmte Geschichte: Die deutschen Besatzer sollen während des zweiten Weltkriegs den Splitter aus dem Kreuz Christi gestohlen haben. Es nützte ihnen allerding wenig, da das wundersame Stückchen Holz seine Übermacht über die seinerzeit moderne Technik bewies. Die Motoren des Flugzeugs, mit dem es außer Landes gebracht werden sollte, weigerten sich hartnäckig, anzuspringen … Erst als sich die Reliquie reumütig zurückgebracht wieder im Kloster befand, funktionierten diese und andere Motoren wieder.

Natürlich wollten wir! Stella und die Kinder würden im Kloster übernachten, dass zu diesem Vorabend des großen kirchlichen Festes vielen Gläubigen eine Übernachtungsmöglichkeit (auf dem Fußboden) bot, und wir hatten ja unseren Bus, den wir vor dem Kloster parken konnten.
Stella packte einige Fastenspeisen zusammen, denn am Vorabend des Festes wurde gefastet (aber sehr lecker gefastet!) und blühte auf der Fahrt und während des Aufenthalts im Kloster förmlich auf. Sie war offensichtlich froh, mal von Jannis und der Taverne wegzukommen.
Nur Jannis mopperte vorher und nachher ziemlich rum, er musste ja zwei Tage lang selbst arbeiten!

Es war ein sehr netter Abend – wir schliefen hinterher wie gesagt im Bus vor dem Kloster – und auch der Gottesdienst am nächsten Tag war beeindruckend. Ich erstand eine ganz billige Abbildung des heiligen Kreuzes aus Plastik, die unseren Bus begleitete, so lange er lebte. Ich glaube, irgendwo habe ich sie immer noch …

Kreta 1977 Reisebericht Teil 11