Urlaub auf Kreta 1995

Von Gabi

Im September 1995 machte ich erneut Urlaub auf Kreta in Ágios Nikólaos. Diesmal wohnte ich im Hotel „Domeniko“, einem kleinem Hotel näher zum Stadtzentrum, in einer ruhigen Nebenstraße mit Blick zum Fußballstadion. 100 Meter entfernt vom Hotel lag das Meer, wo es eine kleine Taverne mit einer ausgezeichneten Küche gab. Hier durfte man in die Töpfe schauen, was es zu essen gab.

PicturesKJ/gabi7.jpgEin Ausflug führte in diesem Jahr in westliche Richtung. Ein Besuch des Klosters Arkádi ist unbedingt zu empfehlen, denn es spielt in der Geschichte der Insel Kreta eine wichtige Rolle.
Weiter ging die Fahrt nach Réthymnon mit seiner schönen Altstadt bis nach Chania. Die Zeit reichte leider nicht, um beide Städte ausgiebig zu durchlaufen und alles anzuschauen.

Außerdem spielte mir mein Fotoapparat einen Streich, der Verschluss öffnete sich nicht und ein ganzer Film war unbelichtet. Nicht nur deshalb werde ich sicher noch einmal nach Kreta reisen.
Ein Ausflug zur Lassithi-Hochebene und der Díkti-Höhle war sehr informativ. Leider sind nur noch ganz wenige Flügel der Mühlen mit Leinwand bespannt, sodass man schon suchen muss, um noch eine Mühle mit weißen Flügeln zu finden. Das Essen in der Taverne „Seli Ampelou“ schmeckt ausgezeichnet. Fleisch und auch die Kartoffeln werden im Backofen zubereitet.

PicturesKJ/gabi8.jpgSehr früh am Morgen brachen wir zu einer Tagesfahrt mit einem Kreuzfahrtschiff zur Insel Santorini auf. Zur Begrüßung gab es Frühstück. Bis zur Ankunft vor Santorini konnte man sich an Deck sonnen. Gegen 11:00 Uhr kamen wir an und das Ausschiffen auf dem Meer begann. Wir mussten in kleine Boote umsteigen, die uns an Land brachten.

Mein Ausflug auf die Insel Santoríni begann in Athinios und führte in das Bergdorf Pýrgos. Bekannt ist dieses Dorf durch seine Glockentürme. Von dort hat man einen herrlichen Ausblick auf das Meer.
Die Reiseführerin stürmte in Pýrgos die Stufen zu der Kirche mit den Glockentürmen hinauf, die Ausflügler im Sturmschritt hinterher. Das war mir in der Hitze entschieden zu stressig und so setzte ich mich in eine kleine Taverne, von wo aus der Ausblick genau so schön war.

Bei einem Frappe kam ich schnell mit den Besitzern ins Gespräch. Als die anderen wieder zurück kamen, wurde ich von allen in der Taverne herzlich verabschiedet. Die Reiseleiterin fragte mich, ach, sie kennen die Leute, sie waren schon mal hier? Ich antwortete, nein, ich habe sie gerade kennen gelernt! Bei allen schönen Aussichten und interessanten Geschichten, sollte man nicht den Kontakt zu den dort lebenden Menschen vergessen, denn diese Erlebnisse besitzen oft einen größeren Wiedererzählungswert, zumindest für mich!

PicturesKJ/gabi9.jpgAm Strand von Kamari hatten wir Zeit einiges anzusehen und in einer schönen Taverne Mittag zu essen. Dort bekam ich auch den beste Moussaka, den ich je in Griechenland gegessen habe. Ich brauchte einen großen Ouzo zur Verdauung, denn ich konnte erst aufhören, als ich alles aufgegessen hatte. Der Bus brachte uns dann nach Fíra, der Inselhauptstadt, die hoch über dem Meer liegt. Dort war es sehr voll und touristisch, da unser Schiff nicht das einzige mit Tagesausflüglern war. Sicher ist es viel schöner, durch die engen Gassen zu bummeln, wenn sie noch nicht so überfüllt sind.
Um zu den Booten zu kommen, die uns wieder an Bord unseres Schiffes brachten gab es drei Möglichkeiten:
1. die Stufen zu Fuß – nein
2. die Stufen auf dem Rücken eines Esels – nein
3. mit der Kabinen-Seilbahn – ja.

Wieder unten am Kai, wo die kleinen Boote lagen, die uns zurück auf das Schiff bringen sollten, reichte die Zeit noch für einen „Elliniko“. Eine kleine Taverne direkt neben der Seilbahn lag zur Hälfte im Felsen. Der Wirt servierte mir einen sehr starken griechischen Kaffee und versuchte mich zu überreden, meinen nächsten Urlaub auf Santorini zu verbringen – vielleicht später einmal!
Zurück ging es an Bord, wo es ein ausgiebiges Abendessen gab. Nach einer vierstündigen Fahrzeit war Kreta wieder in Sicht und ein schöner Ausflug zu Ende.
Von Gabi

Kreta – wie alles begann

Von Roswitha und Franz Heinrich
Es war einmal vor vielen Jahren – müssen so ca. 20 sein – eine heiße Diskussion mit Bekannten bezüglich Urlaub. Diese verbrachten seit Jahren immer ihre wohlverdienten Ferien in der gleichen Destination. Dies konnten und wollten wir einfach nicht verstehen. Wir konnten keine, wie immer gearteten Argumente akzeptieren – Geld, einfache Anreise wegen der Kinder, etc.
Für uns jedenfalls stand fest: wir wollen offen sein für viele Länder und Kulturen. Wir wollen und werden jedes Jahr etwas Neues entdecken …

PicturesKJ/Kreta_xyz1.jpgIn diesem Jahr war Kreta unser Reiseziel. Als „TOURISTEN“ genossen wir die Tage auf dieser Insel. Es war ein wunderschöner Urlaub – es passte einfach alles: Hotel, Klima, Ausflüge, usw. Doch alles geht dem Ende zu. Wir waren in Richtung Flughafen Chaniá mit dem Bus auf der New Road unterwegs. Sonnenuntergang, blutroter Himmel, tolle Wolkenstimmung, silberglänzendes Meer und schwarze Berge, aus den Buslautsprechern tönte blechern griechische Musik – diese, wirklich unter die Haut gehende Stimmung hatten wir noch nie zuvor und noch nirgendwo erlebt. … Und etwas für uns Unbegreifliches passierte: wir entschlossen uns, irgendwann einmal wieder nach Kreta zu kommen.

Nach nur zwei Jahren war es soweit. Wir flogen nach Kreta, wieder in das gleiche Hotel. Sofort nach der Ankunft machten wir eine – für uns unbegreifliche – Erfahrung mit den Kretern: Stavros, der Barkeeper, meinte sofort als er uns sah: „Ihr seid doch schon mal hier gewesen! Herzlich willkommen zurück!“ Und das in einem großen Hotel mit 560 Zimmern. Wenn man bedenkt, dass ein Zimmer mit zwei Personen belegt ist, normalerweise ein Turnus mit zwei Wochen berechnet wird und die Saison von April bis Oktober dauert, ist es doch fast unvorstellbar, dass man aus dieser Vielzahl an Gästen einfach zwei wieder erkennt. Doch es war nicht nur im Hotel so. In der kleinen Taverne, im Supermarkt, sogar der Taxifahrer, überall hieß es: „Willkommen zurück!“ Dieses Jahr hatten wir Kreta als GÄSTE besucht.
Und ein Virus befiel uns …

Mittlerweile waren wir schon ca. 20 mal auf dieser wunderschönen Insel. Mindestens einmal im Jahr kommen wir hierher, als FREUNDE, wie uns immer wieder versichert wird. Mit jedem Jahr wird es „anstrengender“ und „stressiger“, vor allem aber auch immer herzlicher. Von Sightseeing kann bei uns keine Rede mehr sein – wir sind ausgelastet mit Besuchen bei Stavros, Nikos, Michalis, Giannis und wie sie alle heißen.
PicturesKJ/Kreta_xyz2.jpgKretische Gastfreundschaft muss man einfach erlebt haben. Das zählt weitaus mehr als Besichtigungstouren, All Inclusive-Clubs, etc. Auf Kreta ist einfach der Mensch „all inclusive“. Davon zehrt man das ganze Jahr!

Nun werden wir ständig von unseren Bekannten gefragt: „Was treibt euch eigentlich jedes Jahr nach Kreta? Woanders gibt es doch auch schöne Strände und gute Hotels?“
Unsere Antwort ist ein Zitat von Nikos Kazantzakis: „Du musst Kreta mit dem Herzen sehen“. Was es wirklich genau ist, können auch wir nicht sagen. Es ist einfach ein Gefühl.
Das Logo unseres Hotels (zwei Schwalben) stammt von einem Fresco, 1750 v. Chr. und bedeutet „Heimkehr“. Wir hoffen, dass wir noch oft nach Kreta heimkommen können!
Von Roswitha und Franz Heinrich

Kreta in einem halben Tag

Von Armin G.

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte über eine Odyssee quer durch die Insel. Nur die Namen von Personen und Hotels sind verfremdet.

Vorwort
Bereits seit Jahren spielen wir mit dem Gedanken, einmal auf Kreta überzusetzen. Nachdem wir die Peloponnes schon fast unsere zweite Heimat nennen würden, wir Korfu in- und auswendig kennen, von Thessaloníki bis Kap Soúnion, von Igoumenítsa bis Vólos fast alle Sehenswürdigkeiten des Festlandes abgegrast sind, soll es dieses Jahr endlich passieren.

Wir haben uns gut vorbereitet, die Kreta-Fibel ausführlich studiert, Fähren- und Hotelzimmer von zu Hause aus gebucht, es kann eigentlich nichts schief gehen, zumal wir keine Griechenlandanfänger mehr sind. Und Kreta ist doch auch Griechenland, oder?

Wir fahren nach Kreta und freuen uns wie die Könige, so viel haben wir schon gehört und gelesen über die große griechische Insel.

Wie schon seit über zehn Jahren haben wir in Toló im Hotel unseres Freundes Dimitris auf der Peloponnes zwei wunderschöne Urlaubswochen verbracht, in den nächsten beiden Wochen wollen wir den kleinen Kontinent zwischen Europa und Afrika erkunden. Und der Tag der Weiterreise ist gekommen.

Mittwoch, 28.09.1999
Der Tag davor.
Um viertel neun Uhr mache ich mich auf den Weg in den Frühstücksraum, ich brauche dringend eine Stärkung, bevor ich den Wagen bis unter das Dach belade. Wir haben den halben Yper-Market leer gekauft, Wein, Olivenöl und andere Leckereien für zu Hause sowie noch eine Kretakarte – sicher ist sicher! Wer weiß denn schon, ob es auf Kreta auch so einen tollen Supermarkt gibt.

Nach einer Stunde bin ich fertig, total durchgeschwitzt stelle ich mich unter die Dusche, mangels Badeschlappen, die sich natürlich ganz unten in der Reisetasche im Kofferraum befinden, stehe ich dabei auf einer zerfetzten Plastiktüte. Ist griechisch improvisiert und beugt dem Fußpilz vor. Wie immer am Morgen ist die Dusche eiskalt, die Sonne scheint ja noch nicht so lange.

Zahlen dürfen wir auch noch, die vorsorglich bereits vor ein paar Tagen verlangte Rechnung ist endlich fertig, handgemalt natürlich. Bei Hochbetrieb in der Rezeption, es ist Abreisetag, müssen wir zig Euroschecks ausstellen, jedes Jahr die selbe Prozedur. Da könnte ich einen richtigen Hass bekommen.

Nicht, daß mir Dimitris nicht traut, es liegt an seiner Bank, die die Schecks nur dann annimmt, wenn sie den Höchstbetrag von 45.000 Drachmen nicht übersteigen. Also stellen wir halt ein paar Schecks aus, wir haben Urlaub und daher jede Menge Zeit.

Als Entschädigung für das Ungemach erhalten wir zwölf Prozent Rabatt „for friends – gia filous“, – Dimitris wechselt fließend zwischen dem Englischen und dem Griechischen, damit es die beste aller Reisebegleiterinnen auch versteht – die Gemüter beruhigen sich wieder.

Wir sagen der Argolís adieu, auf der neuen Autobahn gelangen wir zum Kanal von Korinth, wo es gemäß alter Sitte köstliche Souvlakistäbchen gibt, vielleicht die besten auf dem Festland. Über den „Highway under Construction“ kommen wir schließlich zur Ausfahrt Piräus. Das Verkehrsschild hat auch schon bessere Zeiten erlebt, es ist total verbogen, halb umgefahren und daher fast unleserlich, griechisch eben.

Durch das Verkehrsgewühl der Hafenstadt erreichen wir erstaunlich flott die Odós Aigaléo, die nach rechts abzweigt und direkt zum Hafen führt. Punkt zwei Uhr sehen wir die Schiffe vor Anker liegen, nur die Hafeneinfahrt müssen wir etwas länger suchen, da das Tor zu den Kretafähren noch geschlossen ist und wir den ganzen Hafen umrunden, um einfach auf der anderen Seite einzufahren.

Jetzt ist es dreiviertel vier Uhr, wir sitzen im Hafencafé mit Blick auf die King Minos, die uns anstelle der in Deutschland gebuchten Nikos Kazantzakis nach Kreta bringen wird. Die Tickets sind schon abgestempelt, um halb fünf Uhr sollen wir einschiffen können.

Jetzt fragen wir uns nur noch, ob es auf Kreta wirklich 36 °C hat, so wie ich es gestern in der Zeitung gelesen habe. Falls ja, wird der Aufenthalt im nicht klimatisierten und bereits vorgebuchten Hotel Castellios vor allem nachts vielleicht etwas unangenehm warm werden.

Das Hotelzimmer haben wir bereits von Deutschland aus per Fax reserviert, die Adresse habe ich aus den Greek Travel Pages, die ich mir im Vorjahr gekauft habe. Das Castellios in Plakiás hinterließ dabei einen sehr guten Eindruck und bekam wegen des besseren Strandes den Vorzug vor dem Irini-Mare in Agía Galíni.

Nachdem ich den Einweiser zum fünften Mal mit der Frage nerve, ob wir schon an Bord kommen dürfen – parakaló –, winkt er uns genervt auf die elf Jahre alte Fähre. Elf Jahre bedeuten, dass das Schiff zwar nicht auf dem absolut neuesten Stand, aber durchaus annehmbar ist.

Die Zeit bis zum Ablegen verbringen wir voller Vorfreude mit Duschen, bei einem Kaffee in der „Distinguished-Class-Bar“ (es gibt hier wirklich noch eine erste Klasse) sowie auf Deck, wo wir das Ablegen beobachten. Zu meinem Erstaunen ist die Fähre ziemlich voll, vor allem Griechen nützen diese preiswerte Beförderungsmöglichkeit. Andere Touristen treffen wir fast keine.

Um acht Uhr legen wir ab, die Durchsage auf Deutsch lautet kurz und prägnant: „Achtung, letzte Meldung, das Schiff legt ab“. Wahrscheinlich war der Ansager einmal beim Militär.

Auf Wiedersehen Piräus, Kreta wir kommen.

Das Abendessen im Restaurant ist super und preiswert. Auf der innergriechischen Linie ist dasselbe Essen einige Drachmen günstiger, als auf der internationalen Route. Es gibt sogar Schnitzel mit Kartoffelbrei, wir entscheiden uns aber für Rindfleisch mit Reisnudeln sowie zwei sehr ölige Salate. Dazu trinken wir Bier und minoischen Rotwein.

Den Nachttrunk nehmen wir in der Bar ein, die gut besucht und total verqualmt ist. Schon wieder ist Champions-League-Tag und alle sitzen vor den Fernsehern, um lautstark einen Sieg von Olympiakos Piräus bejubeln zu können. Um halb elf Uhr sind wir müde und gehen in die Kabinen. Während meine Chefin sofort einschläft, liege ich noch lange wach und wälze mich hin und her.

Sollte es doch so etwas wie Vorahnungen geben? Nööö, alles wird gut.

Mittwoch, 29.09.1999
Die unglaubliche Geschichte – Kreta in zehn Stunden – ein Rückblick.

Ein Rückblick auf einen Tag, dessen Ablauf ich in meinen kühnsten Träumen niemals für möglich gehalten habe und mein Leben lang nicht vergessen werde. Immerhin sollte es zwei Tage dauern, bis ich seelisch überhaupt in der Lage dazu war, dieses Erlebnis zu niederzuschreiben.

Eigentlich würden drei Worte ausreichen, das Unfassbare umfassend auszudrücken: Ankunft, Suchfahrt, Flucht. Aber das würde das Warum nicht erklären und deswegen ist dieser Bericht entstanden.

Wir schon geschrieben, ich konnte überhaupt nicht einschlafen, bis mindestens halb zwei Uhr lag ich wach. Um fünf Uhr klingelte dann der Wecker, ich war total kaputt, freute mich jedoch auf Kreta.
Langsam näherten wir uns dem Hafen von Iráklion, die Lichter der Stadt, dahinter die Silhouetten der Berge, die Müdigkeit wich hoffnungsfroher Erwartung.

Eine Stunde später legte die Fähre an, kurz vor sieben Uhr betraten wir erstmals im Leben kretischen Boden und machten uns sogleich auf den Weg nach Plakiás.

Rund eine dreiviertel Stunde irrte ich bei angehender Dämmerung durch diverse Vororte von Iráklion. Nach langer Suche fand ich auf dem Parkplatz eines Industriekomplexes endlich einen Griechen, der mir den Weg zur illegalen Autobahnauffahrt weisen konnte, nachdem ich zuvor nur Leute getroffen habe, die dem Griechischen oder Englischen nicht mächtig waren. Waren es die letzten nachtschwärmenden nicht Englisch sprechenden Touristen, oder Nichtgriechen, die ihre Frühschicht in den Hotelbunkern rechts und links der Straße antraten?

Das Befahren der illegalen Auffahrt sollte nicht der letzte Verkehrsverstoß für heute gewesen sein. Wenn mich die Polizei erwischt hätte, wäre zumindest in Deutschland der Lappen weg gewesen.

Auf der autobahnähnlichen Schnellstraße ging es kurvenreich bis Réthymnon. Von der Straße aus sahen wir die venezianische Festung der Stadt und wir witzelten, dass wir diesen Punkt bereits abhaken könnten. Wir konnten jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz ahnen, dass bereits die komplette Stadtbesichtigung von Réthymnon abgehakt war.

Die Abzweigung nach Plakiás war gut ausgeschildert, zügig fuhren wir durch die Berge zu unserem vermeintlichen Urlaubsort an der Südküste, den wir durch eine romantische Schlucht gegen neun Uhr erreichten.

Während der Fahrt bekamen wir Hunger, da wir auf dem Schiff nichts mehr essen konnten und machten Witze, daß wir uns im Castellios hinsetzen und lautstark „Hunger, Hunger, Hunger“ rufen würden. Hätten wir natürlich nicht wirklich gemacht!

In Plakias klapperten wir den Ort nach unserem Hotel ab, ich musste den Weg jedoch mehrmals erfragen, so versteckt lag das Anwesen in einer Seitengasse. Und was für ein Schock!!!

Wir fanden ein total überwuchertes Gebäude vor, die Gäste aßen ihr Frühstück aus Plastiktüten in einem ungepflegten Garten sitzend, der auf dem Bild großzügig erscheinende Hof war mit Autos zugeparkt und Tische und Stühle standen wild herum. Das Chaos nahm seinen Anfang.

Ich ging in den, mir vom Prospekt her als gepflegt bekannten, in Wirklichkeit jedoch sehr unaufgeräumten und dreckigen Frühstücksraum, wo ein Mann gerade beim Kaffee kochen war. Als ich ihn nach unseren Zimmern mit Meerblick fragte, sah er mich ungläubig an und meinte: „Zimmer, Meerblick, Fax, Reservierung, heute“?

Kurz und gut, der Typ wusste absolut nichts von einer Reservierung, nur dass er Herr Bikalakis war, das gab er zu. Ob ich das Fax dabei hätte, fragte er mich mürrisch, immerhin hatte ich ihn ja beim Kaffee kochen gestört.

Ich antwortete, dass es vielleicht im Wagen wäre und ich es holen wollte. Sprach’s, lief zum Auto, legte den Rückwärtsgang ein und war verschwunden. Nichts wie weg, denn auch ein Blick in das Hotelinnere versprach nichts Gutes und der Pool war genauso vergammelt wie der Rest des Anwesens.

Wir stellen zwar keine großen Ansprüche an unser Quartier, aber sauber und, wenn es geht, auch bezahlbar sollte es schon sein.

Das war’s dann wohl mit „Hunger, Hunger, Hunger“.

Da wir also immer noch nichts gegessen hatten, hieß es erst einmal, im Ort ein Frühstückslokal zu finden, um wenigstens die Magennerven zu beruhigen. Die beste aller Ehefrauen machte mir Vorwürfe, daß ich einfach verschwunden wäre, von wegen „no show“ und so, aber ich möchte nicht zwei Wochen in einer verwunschenen Gammelburg verbringen.

Im Hotel Neckermanthos Beach, das wir ebenfalls angeschrieben und für unsere Bedürfnisse als nicht geeignet befunden hatten, schauten uns die im Speisesaal sitzenden Neckermänner recht komisch an, also suchten wir weiter und nahmen im daneben liegenden Café das Frühstück ein.

Es sollte unser einziges Essen auf Kreta bleiben, nur, das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da sich niemand dafür zuständig fühlte, die Gäste nach deren Wünschen zu befragen, musste ich unsere Bestellung an der Theke im Inneren des Lokals aufgeben.

Auf meine Frage, ob es im Ort noch sehr viele Urlauber gäbe, erhielt ich keine Antwort, ich musste meine Frage auf Englisch wiederholen, die Antwort lautete kurz und prägnant „Yes“. Very friendly! Gab es auf Kreta eigentlich auch Kreter, außer Herrn Bikalakis.

Voller Zuversicht, in Plakias eine andere ansprechende Unterkunft zu finden, brachen wir auf und klapperten alle angeschriebenen Hotels des Ortes ab. Da uns aber keines so recht gefallen hat, beschlossen wir, nach Agía Galíni weiterzufahren.

Dies war unser erster großer Fehler, denn in Agia Galini war sowohl im Hotel Sunshine noch im daneben liegenden Irini-Mare ein Quartier für zwei Wochen zu finden. Im Sunshine hieß es, wir sollten am Nachmittag nochmals vorbei kommen oder anrufen, im Irini-Mare sagte uns die überaus nette Chefin, dass wir nur zwei Tage bleiben könnten und dann leider wieder ausziehen müssten, ausgebucht!

Auf nach Matala, aber, was für eine Enttäuschung, die Hotels am Ortsanfang von meterhohen Schilfwänden umgeben und der Ort selbst, na ja, Matala, einst Hochburg der Hippies hatte ich mir ganz anders vorgestellt.

Kein Problem, dachte ich, wir fahren einfach an die Nordküste weiter, dort gibt es ein Riesenangebot an Zimmern, so stand es zumindest im Reiseführer.

Fehler Nummer zwei.
Jetzt schon etwas flotter brauste ich über die kurvige Landstraße, Spíli – toller Brunnen, wenn wir ihn denn gesehen hätten -, Réthymnon nochmals von oben, dann Georgioúpolis, ein überlaufener und lauter Ort, nichts für uns. Eine Cola und ein Wasser, am Períptero gekauft, das war unser Mittagessen. Abgehakt!

An der Schnellstraße nach Iráklion klapperten wir verschiedene Luxusbunker ab, einer größer und teuerer als der andere. Die Preise bewegten sich zwischen einhundert und vierhundert Mark die Nacht. Bornierte Urlauber und Lärm von der Autobahn gab es gratis dazu, nein Danke, wieder nichts für uns, wir fuhren zurück Richtung Chaniá. Erste leichte Panik kam auf.

Als wir in Kalýves angekommen waren, hatte ich wieder ein gutes Gefühl. Ein kleiner Ort, abseits der Straße gelegen und wenige Menschen unterwegs, dazu der Hinweis aus dem Reiseführer, dass hier die Welt vom touristischen Standpunkt her gesehen noch einigermaßen in Ordnung wäre.

In der Ortsmitte fand ich ein schönes Hotel, das anscheinend nicht so viele Gäste hatte, zumindest saßen und lagen auf der Terrasse neben dem Pool rund fünf oder sechs Leute herum. In der Rezeption wurde ich eines Besseren belehrt, ab morgen wären Zimmer frei, aber nur bis Montag früh, dann käme eine tschechische Reisegruppe, die das ganze Hotel reserviert hätte. Wieder nichts, Mist!
Meine Hoffnung, in eine der Privatpensionen noch ein annehmbares Quartier zu finden, um die Nacht nicht am Strand verbringen zu müssen, zerschlug sich in der Pension „“Maria, Rooms to let“ am Ortsanfang gelegen. „Den echume domatia“, hieß es kurz und prägnant.

Als einige Häuser weiter auch nichts zu bekommen war, da die überall auf den Balkonen hängenden Handtücher die Vollbelegung der Häuser sichtbar anzeigten und wir auch nirgendwo jemanden erreichen konnten, der uns Rooms vermieten wollte, rief ich meinen Freund Dimitris (der kretische Wurzeln hat) an. Einfach so, ich wußte auch nicht, was ich mir von diesem Anruf versprach.

Dimitris konnte dies alles nicht glauben, er meinte leichtfertig 2warum kommst du nicht zurück, hier ist dein Zuhause“…

Zuerst war ich verdutzt, konnte mich aber schnell mit dem Gedanken an zwei weitere Wochen Peloponnes anfreunden, ich treffe meine Entscheidungen gelegentlich sehr spontan. Da meine Chefin sehr genervt und todmüde war, hätte sie sich mit allem einverstanden erklärt, Hauptsache etwas zum Essen und ein Bett für die Nacht. Und sei es auf der Fähre.

Auf meine Rückfrage, ob Dimitris das Angebot ernst meinte, erwiderte er nach einer kleinen Pause, dass er uns die Stammzimmer ab morgen reservieren könnte. Zuerst sollten wir jedoch nach Chaniá fahren, um im dortigen Hafenbüro der Minoan den Rückfahrttermin ändern zu lassen, dann sollte ich nochmals Bescheid geben.

Also auf nach Chaniá, das nur wenige Kilometer von Kalýves entfernt liegt. Leider gab es in Chaniá kein Minoan-Büro mehr, nur ein vergilbtes Schild „enoikiasete“ (zu vermieten) zeugte davon, dass hier einmal ein Büro gewesen sein musste. „Ich werde wahnsinnig“, nur so ein Gedanke.

In einem anderen, noch aktiven Reisebüro, wo ein Minoan-Prospekt auslag, sagte man mir, eine Umbuchung wäre „no problem“, nur müsste ich schnellstens nach Iráklion zurückfahren, da dort das Hauptbüro der Gesellschaft und eine Umbuchung nur dort möglich wäre.

Mittlerweile war es drei Uhr, die Zeit wurde knapp, da das Schiff in wenigen Stunden ablegen würde. Mit dem Gasfuß am Bodenblech flogen wir die rund 170 Kilometer unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln (ich war da nicht stolz drauf, aber es musste einfach sein) in unter eineinhalb Stunden bis in die Randbezirke der Hauptstadt. Meiner Mitreisenden war kotzübel und ich war fix und alle.

Um dreiviertel fünf Uhr erreichten wir trotz dichtem Feierabendverkehr in Iráklion den Hafen, ich hatte kaum noch Hoffnung, daß die Umbuchung kurz vor dem Einschiffungstermin noch klappen würde.

Doch überraschender Weise war das Einzige, was an diesem verfluchten Tag klappen sollte, die Änderung des Rückreisedatums, Mittwoch, 29.09.1999.

Der Rest ist schnell erzählt:
Im Hafen riß ich erst einmal frische Klamotten aus dem Koffer, da meine Sachen, die ich anhatte dreckig und völlig durchgeschwitzt waren. Wir hatten an diesem Tag weit über dreißig Grad und mein alter Audi 80 kannte das Wort Klimaanlage nur vom Hörensagen.

Dass dabei ein Teil des Gepäcks im Hafen verstreut wurde, war mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Anschließend konnten wir sofort einschiffen.

Zuerst löschte ich meinen Durst mit einem eiskalten Cola in der Bar, bevor ich die dringend notwendige Dusche in der kleinen Kabine mit dem Doppelstockbett vornahm. Die Zeit bis zum Ablegen verbrachten wir in der Erste-Klasse-Bar, ich mochte gar nicht zusehen, wie wir die wunderschöne Insel nach nur zehn Stunden Aufenthalt verlassen mussten.

Um halb neun Uhr öffnete endlich das Restaurant, wir waren hungrig wie die Löwen, das letzte Essen hatten wir vor knapp zwölf Stunden. Eine französische Reisegruppe, die fast die kompletten Speisen zurückgehen ließ, hatte das Bordrestaurant so lange blockiert. Nach einem Drink in der überfüllten Deckbar waren wir bettreif und verzogen uns auf die Kabinen. Wir packten provisorisch den auf dem Bett liegenden Schiffskoffer zusammen, um uns überhaupt hinlegen zu können, nach vielleicht fünf Minuten war ich eingeschlafen. Am nächsten Tag sollte es schon wieder heißen: Fünf Uhr, Aufstehen! So ist Urlaub individuell!

Das waren unsere ersten Erfahrungen mit Kreta.

Kreta in zehn Stunden – ein Tagesausflug der besonderen Art. So wie andere über das Wochenende zum Skifahren in die Berge gehen, legen wir kurzerhand weit über zweitausend Kilometer bis ans Ende Europas für nicht einmal einen Tag zurück. Wahnsinn, und das ist noch untertrieben.

Was am Vormittag noch als Witz gedacht war, fand am Abend seine Erfüllung. Das Ida-Gebirge, die Weißen Berge, die Halbinsel Gramvousa und Réthymnon mit seiner venezianischen Festung haben wir von der Autobahn, die Häfen von Chaniá und Iráklion von ganz nah, die Wasserspeier von Spíli im Vorbeifahren, Plakiás, Agía Galíni, Mátala, Georgioúpolis und Kalýves vom Hin- und Herfahren gesehen sowie das Kloster Arkádi, Festós und Knossós auf den teils zerschossenen Verkehrsschildern zumindest gelesen.

Am Ende dieses Tages, nach rund fünfhundert schweißtreibenden Autokilometern, hatte ich mir geschworen, keinen Fuß mehr auf diese Erde zu setzen, jetzt zwei Tage später, schwöre ich mir, noch einmal wiederzukehren, zu wundervoll ist diese Insel, als dass man sie nicht näher kennenlernen sollte.

Der Reinfall des Jahrhunderts ist vorbei, wir kommen wieder, schon alleine deshalb, da wir nicht ein einziges Foto auf Kreta gemacht haben. Und das ist kein Wunschdenken, sondern ein Versprechen.

Nachsatz
Und wir haben unser Versprechen gehalten, nicht nur einmal, sondern jedes Jahr immer wieder aufs Neue.

Das ist der Kreta-Virus.

Obwohl – Kreta hatte uns auch in den nächsten Jahren noch nicht richtig lieb, Benzinstreik, Fähruntergang und Autopanne, aber das sind schon wieder andere wahre Geschichten von uns und dem Kontinent zwischen Europa und Afrika.
Von Armin G.

Kreta 1976 – wenn Englein reisen

Am 17. Mai 1976 lernte ich Yvonne kennen: Und wie sagt es schon der Schlager: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!“
Am 18. Mai fragte ich sie, ob sie mit mir im Sommer nach Kreta fahren wollte.

Ich erwähnte bereits, wie ich mich zu erinnern glaube, dass ich mit dieser süßen Blondine seit fast 33  Jahren zusammen und seit fast 29 Jahren verheiratet bin. Wer die Bilder sieht – sie ist die mit den langen Haaren -, wird mich sicher verstehen.

PicturesKJ/for-1976-03_Litochoro.jpgUnd nun fuhren wir das erste Mal zusammen in Urlaub. Für mich war es ja nicht das erste Mal Griechenland und so hatte ich ihr von meiner Lieblingsinsel Kreta ausführlich vorgeschwärmt und überzeugt, wie man als junger Mann des Sternzeichens Löwe nun einmal von sich sein kann, auch meine „ausführliche Erfahrung“ ebenso ausführlich betont. Und da es schon immer ihr Traum gewesen war, nach Griechenland zu fahren, passte alles wunderbar zusammen: Sie freute sich auf Griechenland und ich mich auf sie und Griechenland (in dieser Reihenfolge).

Zusammen mit Ulrike und Achim, dem Schlagzeuger unserer damaligen Swing- und Jazzband, machten wir uns in Achims alten Käfer auf die lange Tour durch Jugoslawien, von der ich nichts besonderes zu berichten weiß.

Der erste Halt fand traditionsgemäß in Litóchoro am Fuß des Olymps statt. Nach den zwingend notwendigen Souvláki im Dorf, die für mich immer noch die besten der Welt waren, wollte ich meinen Mitreisenden noch das lustige Lokal weiter oben mit den kleinen Wasserläufen und –rädern zeigen. Zuerst aber wanderten wir ein Stück am Berg entlang zum Ursprung des Wassers, immer auf der betonierten Wasserleitung entlang. Diesmal verkniffen wir uns aber das Baden im kleinen Teich, denn wie schon erwähnt war dieser ja das Trinkwasserreservoir des Dorfes.

PicturesKJ/for-1976-04-Litochoro.jpgNachdem wir genügend die Landschaft genossen hatten, kehrten wir dann auf Retsína und Salat im Lokal ein. Der notgeile Zwerg von Wirt – sorry – kriegte natürlich sofort feuchte Lefzen. Er hielt sich nur mühsam zurück, da die beiden hübschen Damen in kräftiger Begleitung waren. Dass die Damen hübsch und Achim kein Hänfling waren, kann man unschwer den beigefügten Fotos entnehmen.

In jedem Fall war es ein erholsamer Nachmittag, denn – auch das erwähnte ich schon – hier oben ließ und lässt sich selbst die größte Hitze aushalten.

Den Abend verbrachten wir wieder in der Bar mit dem Alleinunterhalter, einige Soldaten machten wie 1972 große Augen, aber zu näheren Kontakten kam es dieses Mal nicht, da wir augenscheinlich pro weiblichem auch ein männliches Wesen waren.

Die Nacht verbrachten wir ebenfalls wie gewohnt in den Schlafsäcken unten am Meer. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, warum so viele Mädchen so klaglos diese primitive Art des Reisens mitgemacht haben. „Meine“ Yvonne entwickelte aber im Laufe dieses Urlaubs ihre sehr persönliche Art der Körperpflege, d. h. sie fand immer eine Dusche und wenn sie auch mal kalt war. Und wie sie in Kókkinos Pýrgos sehr zur Begeisterung der einheimischen Männerwelt von mir mit Kneippschen Wassergüssen aus dem eiskalten Brunnen „gepflegt“ wurde, dazu später mehr.

PicturesKJ/for-1976-05_Piraeus.jpgAm nächsten Morgen badeten wir ausgiebig und überlegten, ob wir nun stur nach Piräus durchfahren, oder uns noch eine weitere Übernachtung auf der Strecke gönnen wollten. Da wir reichlich Zeit hatten, fiel die Entscheidung für letztere Option.

Wir fuhren bis Arkítsa, dem kleinen Fährort zur Nordspitze von Évvia (Euböa). Dort hatten wir vor, uns wieder ein ausführliches Essen zu gönnen und uns danach irgendwo unten am Meer einen Schlafplatz zu suchen. Am nächsten Morgen konnten wir es dann sehr ruhig angehen lassen, um zeitgerecht die Fähre nach Chaniá/Soúda zu erreichen.

Und dann kam es, wie es leider kommen musste. Ich kannte dieses Dorf bis zu jenem Tag noch nicht, sonst wäre ich gleich zum Fährhafen und zu den dortigen Souvláki-Bratereien gefahren, denn wie man die bestellt, wusste ich schon und die ganze Aktion wäre nicht so peinlich für mich geworden.

Kreta 1976 – Teil 2

Stattdessen hielten wir leider schon am Dorfplatz an und setzten uns in die einzige dort vorhandene Metzgereitaverne. „Leider“ nur, was den Eindruck betraf, den ich bei dieser Einkehr machte, denn das Lokal war im Endeffekt sehr gut. Wir waren dort übrigens die einzigen Touristen.

Ich bestellte Souvláki, was der Wirt mit einem bedauernden Schulterzucken verneinte. Alle weiteren Versuche, mich ihm verständlich zu machen, scheiterten kläglich. Er verstand weder Englisch noch Deutsch und ich kannte die Speisen nicht, die er mir auf Griechisch offerierte. Es gab natürlich auch keine Wärmetheke, so dass ich irgendwo drauf hätte zeigen können, es war ja eine Taverne und sein Fleisch hing im Kühlraum.

Es war mir entsetzlich peinlich, dass ich zum Schluss einen Sprachführer hervorziehen musste – zum Glück konnte der Wirt lesen – und es zwar zu einer befriedigenden Mahlzeit kam, aber leider auch zu einigen spöttischen Blicken und dezenten Bemerkungen meiner frischen Geliebten. Ich versank für Wochen im Boden und beschloss dann später, als ich wieder über die Grasnabe schauen konnte, zusammen mit ihr: „Nun werden Nägel mit Köpfen gemacht, wir lernen richtig Griechisch!“
PicturesKJ/for-1976-09_faehre.jpgUnd so war es im Oktober 1976, dass wir zum ersten Mal an der Kölner Uni vor Hans Eideneier saßen, inmitten von ca. 40 weiteren Sprachanfängern und wir haben es durchgehalten. Natürlich machen wir beide noch Fehler, aber wir können uns schon recht gut verständigen und auch durchaus sachbezogene Diskussionen führen.

Am nächsten Morgen widmeten wir uns nach der wiederum am Strand verbrachten Nacht sehr ausführlich der Körperpflege, denn wir hatten unterhalb (!) einer Viehtränke ein weiteres Süßwasserbecken entdeckt, in dem es sich trefflich baden ließ. Leider darf ich die Bilder der Grazien und der Faxen machenden Herren hier nicht veröffentlichen.

Sei es wie es sei, wir fuhren gegen Mittag die paar Kilometer nach Piräus weiter, erstanden die Tickets und gingen früh an Bord. Ebenfalls traditionsgemäß hatten wir alles für den Schweizer Wurstsalat dabei, die Damen schnibbelten und tranken, während die Herren eigentlich nur tranken und die Sauce anrührten. Auf einem der angefügten Fotos sieht man, dass man für das Anrühren nur eine Hand braucht.

PicturesKJ/for-1976-10_faehre.jpgDa damals viele PKWs immer noch auf dem Oberdeck standen, wenn auch ein Deck tiefer als wir, gelang mir ein lustiges Bild einer „Kälberkutsche“, aus der entweder einige entkommen oder vorübergehend zum „Grasen“ auf Deck freigelassen worden waren.

Irgendwann rollten wir uns in die Schlafsäcke … am nächsten Morgen würde wieder das „Kyani Akti“ bei Kalýves unser Ziel sein, denn das war immer noch einer der schönsten Plätze für mich, um auf Kreta erst einmal anzukommen und sich ein paar Tage zu akklimatisieren.

Gegen halb sieben Uhr lief die Fähre in die Souda-Bucht ein. Wir waren natürlich längst auf und bewunderten die majestätischen weißen Berge im Licht der aufgehenden Sonne. Yvonne und Ulrike waren frech wie Oskar wie schon am Vorabend in der 2. Klasse duschen gegangen. Ich erwähnte ja bereits, dass Yvonne immer eine gute Waschgelegenheit fand. Aber sie berichteten, dass sowohl die Duschen als auch die Toiletten sich jetzt am Morgen in einem ziemlich erbarmungswürdigen Zustand befanden.

Ich zeigte meinen Gefährten das Fort Izzedine und erklärte ihnen, dass wir dorthin fahren würden. Die Blamage von vorgestern gehörte der Vergangenheit an und ich gab wieder den erfahrenen Reiseleiter.
Wir hatten den Käfer günstig geparkt, da wir recht früh auf die Fähre gefahren waren und mussten uns also nicht besonders beeilen, in den Laderaum hinter zu steigen. Erst als das Schiff fest vertäut am Kai lag, packten wir unsere Siebensachen zusammen und machten uns auf.

PicturesKJ/for-1976-07_Faehre.jpgBis zum Kyani Akti und Kalýves sind es von Soúda aus nur wenige Kilometer. Wir kamen also zur besten Frühstückszeit an. Ich hatte die anderen aber schon vorgewarnt, dass sie mit einem mitteleuropäischen Frühstück nicht rechnen durften. Immerhin gab es Frappé … die Männer hielten sich schon wieder an Retsína. Ein großer Bauernsalat, zwei Portionen Féta mit „ládhi ke rígani“, Oliven und Brot … wir ließen es uns gut gehen. Die Familie erkannte mich wieder – dafür haben die Kreter und Griechen wie schon mal erwähnt ein besonderes Talent – und begrüßte uns entsprechend freundlich.

Dann wollten die Damen natürlich baden. Dies bereitet am Kyani Akti besonderes Vergnügen, da neben dem Meer auch noch der eiskalte Süßwasserfluss Kíliaris lockt. In diesem Jahr war er so ausgebaggert worden, dass er parallel zum Meer über den Strand floss, man musste also hindurch, um ins und aus dem Meer zu kommen. Heute verläuft er anders!
Das war ganz herrlich, denn beim Hineingehen schwamm bzw. watete man zuerst durch den kalten Fluss, um dann das wesentlich wärmere Meer wie eine Badewanne zu empfinden. Und auf dem Rückweg tauchte man einmal hindurch und war salzfrei … und sehr erfrischt.

Zudem gab und gibt es noch eine Außendusche, die Hygienemöglichkeiten waren also perfekt.
Das Schilfdach, unter dem noch vor ein paar Jahren unser Tempo Matador geparkt hatte gab es leider nicht mehr, so hatten wir eben keinen Schatten für das Auto, aber das war auch nicht weiter schlimm.

PicturesKJ/for-1976-12_Kyani.jpgWir blieben drei Tage dort, schliefen natürlich am Strand, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht (das erste Zimmer, das ich auf Kreta gemietet habe, war meiner Erinnerung nach 1979 – und das auch nur, weil es Frühjahr war und wir am Strand von einem ekelhaften Dauerregen überrascht wurden … eine andere Geschichte! Und wir aßen und tranken eine Menge, natürlich immer nur im Lokal, das für mich nach wie vor eines der allerbesten Kretas ist. Keine sehr große Speisekarte, aber ich habe dort mehrere hundert Male gegessen und nicht einmal (!) hat es meinen Mitreisenden oder mir nicht hervorragend geschmeckt.

Dann zog es uns aber wieder weiter. Wir fuhren nach Paleóchora, wo wir aber nicht lange blieben, da es recht windig war … (erst im nächsten Jahr sollte es ein längerer Aufenthalt werden).

Kreta 1976 – Teil 3

PicturesKJ/for-1976-16_Kokkinos.jpgUnd dann fuhren wir wieder mal nach Kókkinos Pýrgos, aber wie ich anderen Berichten entnehme, war ich nicht der Einzige, der in jenen Jahren immer wieder dort aufschlug. Das „Dorf“ bot nämlich neben aller Hässlichkeit den Vorteil, dass man dort im Gegensatz zu Mátala und insbesondere Agía Galíni kaum andere Touristen antraf (und wenn, immer die gleichen paar, die dort schon fast zum Inventar gehörten).
Es gab ja auch nicht viel Besonderes dort: Direkt an der Hafenmole, die damals noch viel kleiner war (siehe Foto) ein Restaurant, das auch ein paar Zimmer vermietete, und wirklich für damalige Verhältnisse überteuertes Essen anbot. Der Wirt wurde dem Vernehmen zufolge auch mal wegen Preiswuchers verknackt. Des weiteren Kostas Kafenío und Jannis unsägliche Kneipe, die ich ja schon beschrieben habe. Jannis betrachtete mich nach den Vorjahren sowieso als sein persönliches Eigentum und hätte gar nicht zugelassen, dass ich woanders esse … insbesondere, als er Yvonne in Augenschein genommen hatte. Er war schon von Susi und Helga sehr angetan gewesen, aber Yvonne schlug alles. Jannis scharwenzelte dauernd um sie herum … aber er war natürlich Gentleman genug – im Gegensatz zu dem erwähnten Herren vom Olymp – nicht wirklich zudringlich zu werden.

PicturesKJ/for-1976-13_Kokkinos.jpgWir schliefen in der Regel mit Luftmatratzen auf dem Dach der kleinen Betonhütte am Hafen (auf einem der Fotos kann man den Rand des Daches im Vordergrund sehen). Das hatte den Vorteil, dass wir morgens Schatten hatten.
Jannis kochte übrigens sehr gut – in seine Küche sollte man aber besser nicht schauen. Erst in späteren Jahren half ich auch mal abends aus, bereitete Bauernsalate zu und kellnerte. Aber nur zum Spaß …

Wir ließen uns von der Transusigkeit des Dorfes anstecken, badeten und sonnten uns auf der Mole, aßen und tranken Unmengen von Jannis‘ Hauswein, den er in Plastiklitermaßen an den Tisch brachte. Meistens holten wir ihn uns aber selber, denn wie jedes Jahr zahlte ich nur einmal, nämlich bei der Abreise. Alles, was wir verzehrten, musste ich selbst notieren, dafür hatte Jannis keinen Nerv. Ich habe ihn übrigens nie betrogen, jedenfalls nicht absichtlich. Oft wurden wir zum Essen der Familie eingeladen (was aber nicht immer ganz meinem Geschmack entsprach … denn was seine Familie betraf, war Jannis ein ziemlicher Geizhals).

PicturesKJ/for-1976-14_Kokkinos.jpgAuf den beiden Schwarz-Weiß-Fotos eine große Holztafel zu sehen, das war Jannis‘ „Speisekarte“. Natürlich standen da keine Preise drauf und er hatte auch nicht immer alles da, was darauf stand. Diese „Speisekarte“ gibt es heute noch, auch wenn das Lokal seit Jannis‘ Tod geschlossen ist.

Eines Tages passierte folgendes: Zwei Männer vom Ordnungsamt bestellten bei Jannis etwas zu essen und bekamen es auch. Nur hatte Jannis leider überhaupt keine Genehmigung, Essen anzubieten … Nachdem die beiden aufgegessen hatten, bezahlten sie und zeigten Jannis an, unter anderem mit der Begründung, man dürfe nicht kochen, wenn man keine Speisekarte hat. Da kamen sie bei Jannis aber nicht gut an. Mit Hilfe eines Freundes demontierte er die Tafel und karrte sie mit dem Pickup eines Bekannten zur Gerichtsverhandlung. Dort zeigte er seine „Speisekarte“ vor und wurde freigesprochen … er kochte bis zu seinem Tod weiter und keiner hat ihm je wieder Schwierigkeiten bereitet.

PicturesKJ/for-1976-15_Kokkinos.jpgJannis fuhr ein absolutes schrottreifes Moped, dies war sein einziges Fortbewegungsmittel. Die zwei Kilometer bis Timbáki schaffte er damit, aber dann und wann musste er auch nach Míres, um Zigarettennachschub einzukaufen. Ich glaube mich zu erinnern, dass es diesen Kioskwagen von   1976 noch nicht gab, damals lagerte Jannis die Zigaretten noch in Schubladen hinter dem Tresen.

Ein solcher Ausflug nach Míres bedeutete natürlich immer ein gewisses logistisches Problem, und so war er froh, wenn sich gerade ein Tourist bei ihm aufhielt, der über ein Auto verfügte. Ich war sein Lieblingsopfer …

Wir fuhren also morgens recht früh (Yvonne fuhr natürlich mit, die anderen schliefen noch) mit Jannis nach Míres. Er erledigte seine Einkäufe und dann gingen wir jedes Mal gemeinsam „frühstücken“. Ich setze das Wort hier in Anführungszeichen, denn es war für uns schon ungewöhnlich, morgens gegen neun Uhr in einer Psistariá (einer Grillstube) Platz zu nehmen und einen mit Koteletts überreichlich gefüllten Teller – einzige Beilage war Brot – zu verzehren. Dazu gab es pro Person mehrere Flaschen Bier, das ich ansonsten auch in diesem Jahr aus Kostengründen nicht trank. Mehr als gesättigt und alle leicht angesäuselt waren wir dann gegen halb elf wieder zurück in Kókkinos Pýrgos.

PicturesKJ/for-1976-35_Faehre.jpgYvonne ging gerne auch mal alleine spazieren, worüber sich Jannis immer wieder Sorgen machte. Zwar wussten alle im Dorf, dass sie die meine war – und bis auf eine einzige Ausnahme wurde sie auch nie belästigt – aber sie hätte sich ja was brechen können oder sonst was. Einmal sagte er den in die Annalen eingegangenen Satz zu ihr: „Du egal Ziega!“ Das sollte keine Beleidigung sein, sondern verdeutlichte nur, dass er es gar nicht so gut fand, wo sie überall herumkrauchte …

Ganz zu Beginn hatte Yvonne ihn scherzhaft gefragt, ob es im Meer Haifische gebe. Seine Antwort: „Nix im Meer, Eisfische (!) gibt nur an Strand!“

PicturesKJ/for-1976-36_Faehre.jpgAber auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Die Rückfahrt mit der Fähre verlebten wir einmal mehr „luxuriös“. Zwar hatten wir nur Holzklasse gebucht, d. h. wir schliefen wieder an Deck, doch ein opulentes Abendessen sollte schon sein. Und so bastelte ich es zusammen. An einem windgeschützten Platz – man hatte ja inzwischen so seine Erfahrungen – entstand ein „kaltes Buffet“ vom Feinsten.

Ulrike hatte sich zwischenzeitlich selbständig gemacht und fuhr nicht mit uns zurück, dafür jemand anderes, die Achim kennen gelernt hatte und die sehr nett war.

Kreta 1975 – ein echtes Abenteuer

Im Jahre 1975 war ich ganz alleine auf Kreta … ich hatte keine geeigneten Mitreisenden gefunden, mit denen ich gerne über längere Zeit auf Kreta zusammen sein wollte.
Stattdessen hatte ich mir eine Mitfahrgelegenheit nach Athen besorgt – zum Glück erwischte ich einen recht besonnenen Fahrer – und dann die Fähre nach Kreta genommen.

Was ich 1974 noch nicht erzählt hatte: Wir hatten damals am letzten Abend vor der Abreise aus Kókkinos Pýrgos ein paar einheimische Fischer kennen gelernt, die versprochen hatten, mich mal mit aufs Meer zu nehmen, wenn ich denn noch mal wieder käme.
Da wir uns sehr gut verstanden hatten – auch sprachlich, mit einem wilden Mischmasch aus deutschen, englischen und griechischen Brocken klappte das sehr gut – entschloss ich mich also nun nach Ankunft der Fähre in Iráklion, sie doch beim Wort zu nehmen. Eine billige Bleibe würde ich bei Jannis sicher finden … und wenn nicht, eben wieder im Freien schlafen.

So nahm ich den nächsten Bus nach Kókkinos Pýrgos.
Jannis freute mich sehr über mein Kommen, auch wenn er ein wenig enttäuscht schien, dass ich weder Susi noch Helga dabei hatte … aber ich vertröstete ihn auf (vielleicht) nächstes Jahr. Er hatte sogar eine Unterkunft für mich … heute würde ich da nicht mehr von Unterkunft sprechen, denn es war ein winziges Kämmerchen mit einer schießschartengroßen unverglasten Fensternische … und das noch direkt neben Jannis indiskutabler Toilette (die ich fortan jeden Tag mit viel Wasser zu putzen versuchte, um wenigstens einen Großteil der Fliegen – und den Geruch – einzuschränken). Heute würde ich diesen Raum nicht einmal in einem ABC-Schutzanzug mehr betreten … aber damals war ich jung, anspruchslos und hartgesotten. Außerdem hatte ich ein sicheres Plätzchen für meine Habseligkeiten und es kostete auch überhaupt nichts.

Am späten Nachmittag tauchten tatsächlich die Fischer auf. Sie begrüßten mich mit großem Hallo, wir tranken erstmal einen Raki, dann erinnerte ich sie an ihr Versprechen vom Vorjahr.
„Natürlich kannst du mitfahren. Du sollst uns ja schließlich helfen.“
Da ich noch nie auf einem Fischerboot gewesen war, sah ich schon vor mir, wie ich mich in die Netze verstricken oder sonst irgendeinen Unfug veranstalten würde. Andererseits … Abenteuern muss man sich einfach hingeben, es würde schon klappen.

Nach dem Raki verluden wir gemeinsam ein paar Kisten mit tiefgefrorenen Fischen auf ihr Boot, ein etwa zehn Meter langes altes Kaiki, das auf den schönen Namen „Koursaros“ hörte. Während ich mich fragte, warum sie Fische mit an Bord nahmen, da sie doch welche fangen wollten, zeigte Nikos, der Besitzer des Bootes (wie ich später erfuhr, gehörte der größte Teil allerdings der Bank) auf die Fische und auf mehrere viereckige Kisten, in deren oberem Rand fein säuberlich Unmengen von Angelhaken steckten. Offensichtlich hingen die Haken alle an einer Nylonschnur, die im Inneren der Kiste aufgerollt war.

Nikos zeigte auf die Fische, grinste und sagte „dóloma“, dann auf die Kisten und fügte hinzu „paragádia“. Ich kapierte zwar nichts, aber später wurde mir während der Arbeit klar, dass sie nicht mit Netzen fischten, sondern dass die Fische als Köder (dóloma) dienten und das „paragádia“ kilometerlange Treibangeln waren, an denen in gewissen Abständen Nebenschnüre befestigt waren, die in den erwähnten ziemlich großen Angelhaken endeten.

PicturesKJ/fischer1.jpgWährend Manolis das Boot aus dem Hafen steuerte und Kurs auf die Paximádia-Inseln nahm, halbierte Nikos mit meiner Hilfe die Köderfische. Und dann erklärte er mir, welche Aufgabe er für mich vorgesehen hatte. Kurz von den Paximádia-Inseln drosselte Manolis den Motor und wir trugen die erste Kiste mit den Angelleinen nach hinten. Nikos befestigte am Ende der Leine eine selbst gebastelte Boje aus einem Stück Styropor in einem blauen Müllsack, in dem oben eine Bambusstange mit einem zerrissenen schwarzen Plastikfähnchen am oberen Ende steckte.
Dann zeigte er mir noch einmal am gefrorenen Objekt, wie meine Handgriffe für die nächste Stunde aussehen würden, ich hockte mich auf die hintere Reling neben die Kiste und den Korb mit den Köderfischen, hakte mein rechtes Fußgelenk fest ein (denn ich würde beide Hände brauchen) … Nikos gab Manolis ein Zeichen und warf die Boje mit der verknoteten Angelleine ins Meer. Manolis gab langsam Gas.

Und so sah mein Job aus: Während Nikos hinten neben Manolis stehend die Angelleine durch die Hände laufen ließ, griff ich wie ein Fließbandarbeiter mit der linken Hand blind in den Korb mit den Köderfischen, während ich gleichzeitig mit rechten den nächsten Haken vom Rand der Kiste löste. Dann bohrte ich den Haken kräftig durch den Rücken des noch immer gefrorenen Fisches, sodass die mit einem Widerhaken versehene Spitze auf der anderen Seite wieder austrat. Dabei musste ich mich sehr beeilen, denn sobald sich Leine des Hakens straffte, musste ich das Ganze seitlich vom Boot fallen lassen … und schon wieder der nächste Fisch und der nächste Haken. Am Anfang stellte ich mich natürlich nur bedingt geschickt an … mancher Haken musste leer ins Wasser fallen und manch anderer riss mir ein wenig die Hand auf. Von den spitzen Flossen der Köderfische ganz zu schweigen, ich sah ja nicht, wo ich hin griff. Zwischendurch band Manolis immer wieder mal eine verschlossene leere Klorixdose oder ähnliches an die lange Leine, die dann ebenfalls im Kielwasser zurückblieb.

Mit der Zeit begriff ich das System: Diese gelegentlichen „Bojen“ hielten das „Paragadi“ freischwimmend im Meer, sodass die Köder nur etwa 10 Meter tief hinunter sinken konnten und dann frei im Meer schwammen, als würden sie noch leben. Ich fragte mich allerdings, auf was für Fische sie mit diesen großen Angelhaken eigentlich aus waren, aber Zeit zum Fragen hatte ich nicht, denn als Nikos bemerkte, dass ich mit der Arbeit allmählich besser klar kam, erhöhten wir ein wenig das Tempo. Und jetzt ging es wirklich Schlag auf Schlag … eine Ruhepause gab es nur dann, wenn eine neue Kiste oder ein neuer Korb mit Fischen nach hinten getragen werden musste.

Dann war es endlich geschafft und ich hatte einen ersten und bleibenden Eindruck davon bekommen, wie romantisch und gemütlich das echte kretische Fischerleben ist: Mir tat alles weh, besonders die Hände, die von Schrunden übersät waren, in denen Köderschmiere und Salzwasser ziemlich höllisch brannten. Während Nikos auch am Ende der Leine eine Boje anbrachte, die der ersten ähnelte, aber zusätzlich oben an der Stangenspitze über eine kleine Glühbirne und unten über eine wassergeschützte kleine Autobatterie verfügte, erhob ich mich ächzend aus meiner unbequemen Stellung an der Reling, was Nikos und Manolis mit einem kleinen Grinsen zur Kenntnis nahmen. Als die Birne brannte, wanderte auch diese Boje ins Meer.

Nikos zeigte auf das sich ganz langsam entfernende Lämpchen und erklärte mir in seinem wilden Kauderwelsch, mit Hilfe der Lampe würden wir die Leine heute Nacht wieder finden …
„Avrio du timoni!“ Er wies auf die Ruderpinne. „Manolis and me work at paragadi!“
Wurde ich jetzt schon zum Steuermann befördert?

Nikos warf einen Treibanker aus, stellte den Motor ab und wir nahmen beleuchtet von einer einsamen Glühbirne am Mast unser Abendessen zu uns: Brot, Käse, Oliven, Tomaten und Ölsardinen! Und reichlich Raki! Wer jemals behauptet hat, Kreter würden nicht trinken, der ist noch niemals Fischern oder Köhlern begegnet …

Dann löschte Nikos das Licht. Wir wollten uns ein paar Stunden ausruhen, um gegen vier Uhr morgens wieder mit dem Einholen der Leinen beginnen. Ich rollte mich in einige nach Fisch riechenden Decken auf dem Vorderdeck ein. Und so wurde es … nein, nicht die schlimmste, aber eine DER schlimmsten Nächte meines Lebens. Solange das Boot fuhr, war das Schaukeln problemlos gewesen, jetzt aber, als es vor Treibanker sachte, aber dafür in alle Richtungen krängte, wurde ich dermaßen seekrank, dass ich alles, was ich den vergangenen Stunden zu mir genommen hatte, nach und nach dem Meer opferte. Es war grauenhaft und ich schwor, ich sei hiermit das erste und letzte Mal Fischen gewesen. Ich hoffte nur, ich würde wieder an Land kommen, bevor sich mein Magen vollends nach außen stülpte … und an Land würde ich dann auch bleiben!

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Kreta 1975 – Teil 2

Als mich Nikos um halb vier Uhr morgens weckte, war es noch dunkel und mir kam es vor, als hätte ich gerade mal zehn Minuten geschlafen. Er bemerkte nicht, wie mies es mir ging, sondern beorderte mich an die Ruderpinne, um mir armer Socke das kleine 1×1 des Kaikifahrens beizubringen.

Ich lernte trotz meines jämmerlichen Zustandes relativ schnell, wie man Vor- und Rückwärtsgang sowie den Leerlauf bedient, denn da gab es nur einen einfachen langen Metallstock, den man nach vorne oder hinten schieben musste (übrigens wie bei Automatikautos nach vorne, um rückwärts zu fahren). Wie man lenkte, war auch nicht so schwer … und nachdem ich ein paar Kreise gedreht hatte und auch wieder „rückwärts einparkte“, war er sehr zufrieden: „Íse télios, very good!“

Vor lauter Stolz ging es mir augenblicklich ein bisschen besser. Dann übernahm Nikos aber erstmal wieder die Pinne und wir suchten nach der Boje mit dem Lämpchen. Kaum hatte das Boot wieder richtig Fahrt aufgenommen, ließ auch das unangenehme Querschaukeln erfreulicherweise nach. Manolis stand am Bug und rief plötzlich: „Náto, dexiá!“
„Da ist es, rechts!“ – Backbord und Steuerbord kennen griechische Fischer nicht … Nikos und ich spähten ins Dunkel und da war das Lämpchen wirklich schwach zu erkennen. Nikos schob den zweiten kleineren Metallhebel nach hinten, änderte den Kurs und wir hielten in voller Fahrt auf das Lämpchen zu.

Nikos drosselte die Geschwindigkeit wieder und ganz langsam schob sich das Boot an die Boje heran. Ich passte auf wie ein Schießhund, ich wollte jetzt was lernen und hatte keine Zeit mehr, mich auf meine Übelkeit zu konzentrieren.
Manólis ergriff den „Gántsos“, eine mehr als einen Meter lange kleinfingerdicke Eisenstange, die vorne zu einem Haken (mit geschliffener Spitze) gebogen war (dieses neue Wort lernte ich so auch kennen – ich lernte in diesen Wochen eine Menge Fischer-Griechisch) und angelte die Boje heraus, indem er mit dem Haken um die Leine fasste. Die Boje wurde gelöst, das Lämpchen wurde gelöscht und aus dem Weg geschafft.

Nun war ich an der Reihe: Die beiden anderen gingen nach vorne, ich übernahm das Ruder und hatte nun das Kaiki nach ihren Handzeichen immer „der Leine nach“ zu steuern, nicht zu schnell und nicht zu langsam, während die beiden gemeinsam die Leine einholten (ich konnte die Leine allerdings nicht sehen). Nikos saß an vorderster Front und schaute immer wieder aufgeregt ins Wasser, wenn es anscheinend etwas schwerer ging. Manolis stand hinter ihm, löste die nicht abgefressenen Köder von den Haken und warf sie ins Meer. Dann verstaute er das Paragádi genauso ordentlich wie vorher in der Kiste. Zwischendurch brüllte Nikos immer mal wieder Befehle nach hinten, aber schien ganz zufrieden mit mir zu sein.

Die ersten 30-50 Haken waren erfolglos „spazierengegangen“, wie es Nikos gerne ausdrückte. Aber dann: „Niko, lígo pio dexia – échi práma …!“ Er unterstützte den Befehl durch eine kurze Richtungsanzeige mit der Hand. „Echi práma“ … so lernte ich bei der Gelegenheit, hieß bei den Fischern soviel wie „es ist was dran!“ (wörtl. etwa „es gibt eine Sache“).

Ich sah nicht, ob es wirklich was gab, aber Manolis griff wieder nach dem Gántsos, der diente offensichtlich verschiedenen Zwecken. Und nun war es so weit. Auf einen letzten Wink von Nikos nahm ich den Gang raus und die beiden wuchteten einen silberglänzenden Fischkörper an Bord.
Manólis drehte sich zu mir um: „Na, Xifias … triánda kilá perípou!“ Und dann sah ich ihn auch besser, denn es dämmerte bereits stark. Ein Schwertfisch von etwa 30 Kilo (übrigens, alle die Worte, die ich hier übersetze, kannte ich bis zu jener Nacht nur bedingt, aber ich lernte durch Anschauung jeden Tag dazu).

PicturesKJ/fischer2.jpgWeiter ging es … wir fingen in dieser Nacht drei Schwertfische und ich grübelte, ob drei Fische diesen Aufwand wert gewesen waren, aber die beiden anderen schienen recht zufrieden zu sein (später erlebte ich durchaus öfter, dass man auch ganz ohne Fang nach Hause kommen konnte und dann nur die Ausgaben für Köder und Diesel an der Backe hatte, und da verstand ich ihre heutige Zufriedenheit besser).

Dann waren die Paragádia wieder alle ordentlich verstaut. Längst war die Sonne aufgegangen. Ich nahm an, dass damit mein „Steuermannsdienst“ erst einmal zu Ende war, aber weit gefehlt. Nikos wies mit dem Arm nach Süden: „To vlépis to Kókkino Pýrgo?“ Das verstand ich sogar … „Éla, na mas pas ekí, emís échoume douliá.“ Er machte eine auffordernde Handbewegung und ging wieder nach vorne.

Ich verstand soviel, dass ich das Boot jetzt selbständig Richtung Heimat steuern sollte. Welche Ehre! Also schmiss ich den Gang wieder rein, schob den Gashebel nach vorne und zog das Boot in einem weiten Bogen herum und nahm Kurs in die angegebene Richtung. Dann wurde ich übermütig – was übrigens ohne Folgen blieb. Wenn man das Boot nämlich im Sitzen steuerte, konnte man nach vorne praktisch nichts sehen, da das große Ruderhaus über dem Motor die Sicht verdeckte. Also erinnerte ich mich daran, wie es Nikos und Manolis gemacht hatten. Ich stand einfach auf (es gab eine Stange zum festhalten) und lenkte das Boot mit den Füßen. Geil! Nikos und Manolis nahmen die Fische aus und machten sie verkaufsfertig. Nikos schaute dann und wann mal, ob der Kurs noch in etwa stimmte und grinste, als er mich hinten inzwischen fast lässig stehen sah.
„Íse kapetánios!“ Das verstand ich trotz des Lärms des schnell laufenden Diesels …

PicturesKJ/fischerklaus.jpgDie damals noch kleine Mole von Kókkinos Pýrgos war inzwischen klar zu erkennen. Nikos hatte schon vor einiger Zeit eine Raki-Flasche geöffnet und sie kamen zu mir nach hinten. Die Flasche kreiste. Nikos steckte mir eine brennende Zigarette in den Mund, nahm mich kurz in den Arm und grinste …

Erst als ich das Boot in einer Kurve in den Hafen lenkte, löste er mich wieder ab, denn für das Anlegemanöver war ich wohl noch nicht reif genug. Ich beobachtete es aber mit Argusaugen – ich beschreibe es dann später noch mal, als ich es selber durchführen durfte. Mir war überhaupt nicht mehr schlecht … dennoch war ich nicht überzeugt, ob ich das meinem Magen noch einmal antun sollte. Obwohl die ganze Flasche Raki, die wir auf nüchternen Magen getrunken hatten, diesen angenehm wärmte und beruhigte.

Wir luden die Fische aus und auf die Ladefläche von Nikos‘ altem Pick-up, auf dem auch eine altertümliche Waage hing. Fast zwanzig Einheimische hatten uns schon erwartet. Nikos und Manolis schnitten mit einem großen scharfen Messer die gewünschten Portionen ab und warfen sie auf die Waage. Dann rechnete Nikos mühsam auf einem Block den Preis aus. Nach dem dritten Mal wurde es mir zu bunt.
„Niko, what does a kilo of xifias cost?“
„800!“
„This piece is 700 grammária, so the price is 560 Drachmes.“
Er schaute mich mit großen Augen an.
„And 1200 grammária?“
„960 Drachmes!“
„O.k., you will be the tamías!“ (der Kassierer).

Jetzt lief alles viel schneller. Nikos und Manolis zerteilten und wogen die Fische, riefen mir das jeweilige Gewicht zu und ich kassierte … alle Umstehenden waren von meinen doch gar nicht so umwerfenden Kopfrechenkünsten sehr beeindruckt, denn so was kannten sie nicht.

Im Handumdrehen war der Fisch (insgesamt 80 Kilo) verkauft, nur ein Stück behielten wir zurück und ließen es uns von Jannis braten. Nach dem Frühstück hob Nikos das Glas: „You are now the third captain of ‚Koursaros‘ ke o tamías … to vrádi páli!“

Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich eigentlich an diesem Abend nicht wieder mitfahren wollte … Ich fuhr deshalb mit den beiden später nach Timbáki, wo sie wohnten, und besorgte mir in der Apotheke ein Mittel gegen Seekrankheit. Ich verriet es ihnen aber nicht … und übrigens hals es auch. In der nächsten Nacht hatte ich kein Problem und auch danach nie mehr wieder.

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Kreta 1975 – Teil 3

Manolis und Nikos kamen am nächsten Spätnachmittag „pünktlich“ zu Jannis und holten mich ab, um von dort aus die wenigen Meter zur Mole zu fahren.
Der Ablauf war der gleiche wie am Abend und in der Nacht zuvor … mit dem für mich entscheidenden Unterschied, dass wir die Paragádia dieses Mal wesentlich näher an den Paximádia-Inseln auslegten und wir deshalb statt auf dem offenen Meer vor Treibanker dümpelnd eine kleine Bucht der Paximádia anliefen und dort ankerten.

Hier lag das Boot ziemlich ruhig, mein Magen war es zufrieden, und mein Gefallen am Fischerdasein wuchs … auch wenn es wirklich nicht halb so romantisch ist, wie es sich mancher vorstellen mag. Aber für mich hatte es den Geschmack von Freiheit und Abenteuer. In dieser Nacht fingen wir nur zwei Schwertfische, aber das reichte auch, um die Kosten zu decken.
Ich vergaß übrigens zu erwähnen, dass Nikos auch mir einen kleinen Anteil ausbezahlte, wenn wir erfolgreich waren.

Von da an hatte ich einen geregelten Tagesablauf: Gegen 5 Uhr nachmittags tauchten die beiden auf und gegen 9 oder 10 Uhr morgens kehrten wir zurück – mal verkauften wir unseren Fisch in Mátala, mal in Kókkinos Pýrgos … und mal … z. B. in der Nacht; die wir in Kalí Liménes an Land geschlafen hatten, waren die Paragádia zwar kilometerweit „spazieren gegangen“, sodass wir sie erst bei Tageslicht wiederfanden, aber kein einziger Xifías hatte angebissen …

In der Regel ging ich gegen 11 Uhr (vormittags) schlafen, um dann kurz vor 5 Uhr wieder aufzustehen. Gegessen wurde morgens und abends Fisch (das war das Einzige, was ich weniger spannend fand). Nur einmal die Woche war Ruhetag und dann zog ich mir Jannis eine Riesenportion Koteletts rein.

Meine Jeans blieb inzwischen nach dem Ausziehen senkrecht neben dem Bett stehen, so sehr war sie voller Meersalz. Einmal die Woche weichte ich sie zwar in Süßwasser ein, aber das hielt nie lange.
Mein Pidgin-Fischergriechisch wurde immer besser, zumindest verstand ich alles und konnte auch schon einiges anwenden … was aber nicht im Geringsten heißt, dass ich Griechisch gekonnt hätte, wie ich im folgenden Jahr leidvoll erfahren musste.

Ich muss noch erwähnen, dass wir manchmal sogar zu fünft unterwegs waren: Michalis, ein kleiner verschmitzter Glatzkopf, der auch ein eigenes kleines Boot mit Außenbordmotor besaß und sein Freund Lefteris, der nur selten und aus Hobby zum Fischen fuhr.

So war es auch in dieser Nacht: Wir hatten die Paragádia diesmal sogar außerhalb der Paximádia ausgelegt und sie nur sehr schwer wieder gefunden, und zwar erst, als es dämmerte. Es herrschte hier draußen ein ziemlicher Seegang und außerdem war der Morgennebel ziemlich dicht. Wir hatten nun zwar die Leinen wieder gefunden, wussten aber längst nicht mehr genau, wo wir waren. Irgendwo sehr weit draußen. Erwähnte ich bereits, dass dieses alte Boot natürlich über kein Radar verfügte?

Nikos blieb selbst am Ruder, da das Meer doch ziemlich rau war, dafür bekam ich einen fast ebenso spannenden Auftrag. Ich musste auf den kleinen Mast klettern, weil ich von da oben über die Kämme der Wellen wohl eher anhand der kleinen „Bojen“ die Richtung der Leine verfolgen konnte. Es ging tatsächlich einigermaßen und ich lenkte Nikos durch Zurufe und Gesten von oben. Die Leine verlief kreuz und quer, was recht ungewöhnlich war … Schwertfische kämpfen in der Regel nicht lange.

Zwischendurch überlegte ich, was passieren würde, wenn nun plötzlich aus dem Nebel ein großer Frachter vor uns auftauchen würde … doch ich verwarf den Gedanken lieber gleich wieder.

Dann hörte ich die ersten Rufe: „Echi práma!“
Der erste Schwertfisch wanderte an Bord … normales Kaliber. Ich konnte das von hier oben wie aus einem Logenplatz beobachten. Und gleich am nächsten Haken wieder einer, sogar eine Nummer größer. Die Stimmung an Bord stieg.
Doch dann bog die Leine wieder einmal fast im rechten Winkel ab und es dauerte eine Weile, bis das Boot richtig dran lag. Plötzlich beugte sich Manolis, der als vorderster die Leine einholte, über die Reling und brüllte: „Karcharías!“

Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal, aber ich merkte sofort, dass es auf die anderen wie ein Alarmruf wirkte. Und dann sah ich auch den silbrigen Schatten, der mit der Leine immer höher zum Boot gezogen wurde: Nicht so gedrungen wie ein Schwertfisch, sondern viel schlanker und um einiges länger. Was war das? Ich mache es kurz, es war ein Hai! Und der hatte vermutlich die Leine so durcheinander gebracht.

Ihn an Bord zu bekommen, kostete fast eine halbe Stunde … er wehrte sich nach Kräften, aber es gelang, ihn mit dem Gántzos kurz vor dem Schwanz zu erwischen und ein Tau darum zu binden. Ein weiteres Tau wurde um den Hals geschnürt und dann bekamen wir ihn endlich an Bord. Mit den Leinen wurde er vorne und hinten fest vertäut. Erst dann traute sich Manolis so weit an ihn heran, dass er ihm sein schweres Fischermesser etwa zwanzig Mal in den Kopf jagen konnte – richtig still lag der Hai danach noch lange nicht, aber er schien jetzt nicht mehr gefährlich zu sein, denn wir machten weiter.

Und tatsächlich brachte uns dieser Tag noch vier weitere Schwertfische, darunter einen echten Großvater, der alleine ca. 65 Kilo wog! Das war unser Tag …

Wer übrigens nun Bedenken bekommen sollte, auf Kreta Baden zu gehen, sei beruhigt. Solche großen Haie – er war immerhin ca. 4,50 Meter lang! – gibt es in Küstennähe nicht! Wir befanden uns mindestens 15 Kilometer weit draußen auf dem Meer. Das stellten wir fest, als jetzt endgültig die Sonne durch den Nebel brach und wir wenigstens wussten, in welche Richtung wir nun fahren mussten.

Es wurde auch viel später diesmal, wir kamen erst gegen Mittag wieder an. Nachdem der Fisch verkauft war (einen Teil brachten wir nach Agía Galíni, es war einfach zu viel), fuhren wir nach Kókkinos Pýrgos zurück und feierten erst einmal ausgiebig. Ich erfuhr während des Verkaufs auch, warum es noch einen zweiten Grund gab, warum die Fischer Haie nicht so gerne an der Angel hatten: Sie machten nicht nur ungleich mehr Mühe, sondern brachten auch nur ein Viertel des Kilopreises der Schwertfische ein.

Als unsere Feier um vier Uhr nachmittags noch nicht zu Ende war, stand für mich fest: Diese Nacht würden wir wohl nicht rausfahren. Und so war es auch …

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Kreta 1975 – Teil 4

Auch die nächste Nacht war „Ruhenacht“ – Nikos pflegte wohl seinen Kater – aber am Nachmittag drauf tauchten sie alle vier wieder auf.
„Éla, Niko Kapetánie, páme!“
Alles verlief ganz normal, nur etwas wunderte mich (ich fragte aber nicht nach): wir nahmen Michalis‘ kleines Boot ins Schlepptau, bevor wir wieder Richtung auf die Paximádia ablegten. Wozu das gut sein sollte, wusste ich noch nicht.

Ungefähr eine Stunde später hatten wir unsere heutigen Fanggründe erreicht (ich habe übrigens niemals kapiert, nach welchen Kriterien das Nikos jedes Mal neu aussuchte) und legten wie üblich die Paragádia aus.
Nikos, Manolis und ich waren inzwischen schon ein eingespieltes Team, sodass die beiden anderen zuschauen durften.
Danach gab es erst einmal die obligatorische Zigarettenpause. Es war inzwischen völlig dunkel geworden. Michalis packte die Essensvorräte aus, während Nikos vorne am Bug eine sehr helle Lampe aufhängte, direkt über dem Wasserspiegel.

„Wir haben heute keinen Mond, das ist gut!“ stellte er zufrieden fest. Ganz begriff ich die Zusammenhänge noch nicht, warum wollte Nikos bloß mitten in der Nacht das Meer beleuchten?
Wir hockten uns auf dem Deck nieder, die Rakí-Flasche kreiste. Nikos reichte mir ein Stück Brot, es gab wie üblich auch Dosenfisch und ein großes Stück Kefalotyri. Während wir kauten, schaute dann und wann einer der anderen über Bord und meinte lakonisch: „Sie kommen schon!“

Und allmählich begriff ich, was vor sich ging: Mit der Lampe lockten sie Fische an! Da wir keine Netze an Bord hatten und das Paragádi weit mehr als einen Kilometer entfernt lag, konnte das nur eines heißen: Dynamit! Diese Gangster … Jetzt war ich schon so oft mit ihnen Fischen gefahren und bisher war immer alles ganz korrekt gelaufen. Zuerst wollte ich protestieren, beruhigte mein Gewissen dann aber damit, dass es zum einen sowieso nichts nützen würde und dass sie zum anderen wenigstens nicht direkt unter Land bomben wollten, sondern hier, wo das Meer mehrere hundert Meter tief war. Sie würden also nicht viel kaputt machen, außer den Fischen, die sie anlockten. Jetzt erkannte ich auch die zahllosen kleinen silbrigen Schatten, die um das Boot und die Lampe tanzten, es waren Sardinen.

Deshalb war also die Abwesenheit des Mondes so wichtig gewesen, er hätte mit seinem Schein die Fischlein nur von unserer Lampe abgelenkt. Während die anderen die Essensreste wegpackten, tauchte Manolis aus der Luke auf, ein graues Päckchen unter dem Arm. Während er das Bündel öffnete, wurde mir doch ein bisschen mulmig. Ich hatte schon mehrfach über Fischer gelesen, denen eine Hand oder mehr fehlte, weil sie im Umgang mit Dynamit zu sorglos gewesen waren. Einen davon hatte ich sogar selbst schon getroffen, auch wenn er nicht zugab, wer oder was seine rechte Hand auf dem Gewissen hatte. Manolis schien weniger Bedenken zu haben, vielleicht las er selten, jedenfalls drückte er noch nicht einmal seine Zigarette aus.

Er wickelte ein Stückchen Zündschnur ab und fummelte es in eine Zündkapsel. Das Kernstück seines Päckchens war dann eine graue unförmige Masse (du lieber Himmel, sie hatten die Zündkapseln zusammen mit dem Dynamit aufbewahrt und wir hatten die ganze Zeit darüber gesessen!). Mit dem Messer bohrte er ein Loch in die Dynamitmasse und versenkte gleichmütig die Zündkapsel darin. Er umwickelte das Päckchen mit reichlich Klebestreifen, dann packte er es in eine blaue Plastiktüte, nur das Zündschnurschwänzchen schaute noch heraus. Dann umwickelte er das Ganze mit Unmengen von Klebestreifen und Bindfaden und band noch zwei Steine mit ein, damit die „Spezialangel“ auch tief genug sinken würde. Ein Jahrhundertwerk für einen einzigen Bums!

Dann schien er zufrieden zu sein und die anderen wurden jetzt von Unruhe ergriffen. Ich auch, allerdings aus anderen Beweggründen. Lefteris und Michalis zogen das kleine, im Schlepp mitgeführte Boot näher ans Heck des Kaíki (aha, dafür hatten sie es mitgenommen!) und stiegen hinein. Nikos holte aus dem Inneren des Kaíki zwei Kescher, auch im Beiboot konnte ich jetzt einen liegen sehen. In der allgemeinen Hektik rief mir Nikos zu, ich solle jetzt ans Ruder gehen und auf seine Anweisungen achten. Das half mir über meinen immer noch ein wenig vorhandenen Widerstand hinweg, auch mich ergriff jetzt das Jagdfieber. Also nahm ich flugs meinen Platz ein, während Nikos den Diesel startete.

Manolis stand schon am Bug und hatte sich eine neue Zigarette entzündet. Auch der Außenborder des kleinen Bootes brummte auf, sie blieben aber noch hinter unserem Heck. Nikos holte nach einem letzten Blick schnell die Lampe am Bug ein, Manolis hielt die Zigarette an die Zündschnur, diese zischte auf und dann flog das Bündel mitten zwischen die silbrigen kleinen Leiber, platschte auf und versank schnell.

Zwei, drei Sekunden vergingen, ich dachte schon, jetzt sei es doch schief gegangen, da rumste es heftig vor uns. Eine hohe Wassersäule stieg vor dem Boot hoch, und während sie noch in sich zusammenfiel, heulte der kleine Außenborder hinter uns auf und das kleine Boot schoss schräg an uns vorbei. Nikos brüllte, ich sollte endlich mal voran machen, Manolis und er hatten schon jeder einen Kescher in der Hand und standen gebückt rechts und links am Bug des Kaíki. Ich trat mit dem Fuß gegen die altertümliche Kupplung, auch wir ruckten an, ich war viel zu nervös und hatte zu viel Gas gegeben.

Nikos brüllte ein paar unfeine Flüche in meine Richtung, ich fing mich und das Boot wieder. Dann sah auch ich, dass der gesamte Meeresspiegel um uns herum von Unmengen toter und betäubter Fische silbrig bedeckt war. Weisungsgemäß hielt ich mitten hinein und Nikos und Manolis schaufelten eilig die Fische an Bord. Langsam verstand ich auch, warum es so schnell gehen musste. Die meisten Fische waren ja nur betäubt und wir wollten sie an Bord haben, bevor sie wieder zu sich kamen und sich empfahlen. Jetzt wollte und musste auch ich mein Bestes geben! Ich ignorierte Nikos‘ Rufe völlig, wühlte im Getriebe und manövrierte das schwerfällige Boot auf kleinstem Raum immer wieder durch die silbrige Flut. Aus den Augenwinkeln sah ich dabei das kleine Boot immer wieder im Zickzack um uns herumflitzen, Nikos, Manolis und Lefteris (im kleinen Boot) schaufelten wie wild, hektische Rufe klangen immer wieder auf. Da aber keine Flüche mehr dabei waren, schien Nikos doch einigermaßen mit meinen Fahrkünsten zufrieden zu sein.

Nach einer halben Stunde war die Meeresoberfläche wieder dunkel. Was wir nicht an Bord hatten, war weggetaucht, aber vielen Fischen schien das nicht gelungen zu sein. Auf unserem Vorderdeck stapelte sich ein mehr als respektabler Haufen silbriger Leiber, auch Lefteris im kleinen Boot stand bis zu den Knien darin. Nikos winkte mir zu, die Jagd sei zu Ende und ich stellte den Motor ab. Das kleine Boot kam längsseits, auch der Außenborder erstarb, es wurde fast gespenstisch ruhig. Manolis reckte sich und ließ ein zufriedenes Grunzen hören, während Lefteris und Michalis schon damit begannen, die Fische eimerweise herüberzureichen.
Nikos schleppte Kisten herbei, wir schaufelten die Fische hinein und eine Viertelstunde später war auch das geschafft. Das kleine Boot wurde wieder am Heck vertäut, Nikos steckte sich eine Zigarette unter die Nase und verkündete zufrieden, es seien mindestens 90, wenn nicht gar 100 Kilo.

Ich muss zugeben, dass ich trotz aller Ressentiments gegen die Dynamitfischerei von seiner Zufriedenheit angesteckt wurde, spätestens dann, als er mir auch eine Zigarette anbot und meinte, er habe doch gewusst, wie perfekt ich inzwischen mit dem Kaíki umgehen könne. Wieder kreiste kurz die Raki-Flasche, doch die Feier dauerte nicht lange, wir mussten ja wegen der Paragádia früh wieder raus. Wir rollten uns auf dem Deck zusammen, die Decken stanken gewaltig nach Fisch, doch das störte keinen mehr so richtig.

Das Einholen der Paragádia war die übliche Routine, davon muss ich hier nicht noch einmal in allen Einzelheiten berichten. Drei Schwertfische waren die Ausbeute … einer davon wog sogar über 40 Kilo!
Es war bereits acht Uhr, als die Paragádia alle an Bord wahren und ich das Boot wieder auf Kurs Richtung Kókkinos Pýrgos schwenkte. Michalis und Nikos nahmen die Schwertfische aus, während die beiden anderen das Boot reinigten. Ich hatte den gemütlichsten Job, aber einer musste uns ja nach Hause bringen :-). Zwischendurch kreiste wie immer die Flasche …

Wir näherten uns der Mole, auf der uns schon eine ganze Reihe Leute erwarteten. Das erste jedoch, was ich deutlich erkennen konnte, war eine Polizeiuniform. So ein Mist, das war’s wohl. Keine Netze an Bord, aber kistenweise Sardinen. Klarer ging es ja wohl nicht … Ich wurde unruhig, doch meine Freunde schien das völlig kalt zu lassen. Manolis ging lediglich zu den Kisten und füllte eine Plastiktüte mit Sardinen.
Während wir anlegten, liefen die üblichen Zurufe von Mole zu Boot und zurück ab: „Was gefangen?“ – „Nicht schlecht!“ – „Lasst mal sehen!“ Nikos hob den größten der Schwertfische hoch und man war beeindruckt! Und die Sardinen?

Die Haltetaue flogen herüber, Michalis zog das Boot an den Kai, einige der dort Stehenden halfen bereitwillig. Dann sprang Michalis auf die Mole herüber und überreichte dem Polizisten die Tüte. Dieser blickte kurz hinein, nickte lächelnd und ging seiner Wege …
Wir luden alles aus, unter weiteren fachmännischen und anerkennenden Kommentaren der Umstehenden. Nikos holte von seinem Wagen eine Waage, ich war wie üblich der „Tamías“, also beauftragt, das Kopfrechnen und das Kassieren zu übernehmen … Alles, aber auch wirklich alles war innerhalb einer halben Stunde verkauft. Mein Hemd war prall gefüllt mit Scheinen, als wir zu Jannis‘ Lokal hinauf stiegen.
Nikos bestellte eine Flasche Rakí und reichte eine Tüte mit Fischen, die er für uns abgezweigt hatte, in die Küche: „Fishermens Breakfast“ wie üblich!

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