Völkerverständigung Teil 2

Von Elke Schroeder
Es dauerte zwei Wochen, bis die Sache vergessen war.
Diesmal wollte ich um jeden Preis einen Streit verhindern. Also ignorierte ich seine erwartungsvolle Haltung und wandte mich seinem Lieblingsthema zu: Die Schönheit der griechischen Flagge.
„Diesmal war sie besonders hübsch anzusehen, findest du nicht?“ fragte ich einfältig und grinste wie eine Schwachsinnige.

Diomidis war irritiert, und das war gut so.
„Was war hübsch anzusehen?“
„Na, eure Flagge. Sie hatte heute dieses satte Blau, schien mir einen Ton dunkler als sonst. Die Streifen stachen daraus hervor wie Enzianblüten an einer Felswand. Es war ergreifend.“
Für einen kurzen Augenblick spiegelte sich pure Freude auf seinem Gesicht. Bald darauf wurde er misstrauisch und am Ende hatte er den Braten gerochen.

„Ja, ja die Flagge. Ich weiß schon. Sie werden sie gewaschen haben. Aber was viel wichtiger ist …“
Er erhob den Zeigefinger wie ein Lehrer:
„Was ist dir sonst noch aufgefallen?“
Ich zuckte die Schultern und räusperte mich unbehaglich.
„Nichts, nur dass der Moderator etwas verschnupft war.“
Diomidis begab sich in kerzengerade Haltung und erklärte:
„Ist dir nicht aufgefallen, daß hinten rechts im Regal des französischen Premiers ein Französisch-Griechisch Lexikon stand?“
„Wie um Himmels willen fällt dir immer etwas derart Nebensächliches auf?“ wollte ich wissen. Und schon hatte ich das Stichwort zur Diskussion gegeben.
„Interessant! Das Französisch-Griechisch Lexikon ist also Nebensache für dich?“ hob Diomidis an. Automatisch setzte ich mich in Gefechtsposition.

„Nein, so habe ich das auch wieder nicht gemeint. Aber in Anbetracht der Rede des französischen Premiers zum Thema Europa und Währungsunion war sein Bücherregal im Hintergrund eher nebensächlich.“
Diomidis ließ meine Erklärung nicht ohne weiteres gelten. Er belehrte mich:
„Merke: Am kleinen Indiz erkennt man den Mörder.“
Ich lachte laut auf.
„Willst du jetzt Frankreichs Präsidenten des Mordes bezichtigen?“

Diomidis schlug sich gereizt auf die Stirn und stöhnte laut auf. Die folgenden Worte formte er so langsam und bedächtig, daß ich sie auch mühelos von seinen Lippen hätte ablesen können.
„Was ich meine ist, wenn schon Frankreichs Staatspräsident unsere Sprache in seinem Regal hat, entwickelt sich in Europa vielleicht doch noch das wahre Bewusststein.“
Ich verdrehte die Augen.
„Sag es nicht, bitte!“
„Warum soll ich es nicht beim Namen nennen? Ich sage es sogar laut und deutlich: Auf der ganzen Welt sollte Griechisch gesprochen werden“
„Ach ja? Warum?“
„Weil es die beste aller Sprachen ist. Sie ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend.“
„Das mag ja sein“, gab ich zu bedenken. „Aber Handelssprache ist und bleibt Englisch. Und das wird vorerst so bleiben.“

Diomidis grunzte unzufrieden und zog die Stirn kraus. Sein Blick streifte mich kalt, bevor er fragte:
„Was heißt hier: DAS MAG JA SEIN? Warum sagst du das so abwertend? DAS MAG JA SEIN bedeutet für mich: Griechisch ist hässlich und leicht zu lernen.“
„Das ist ja lächerlich“, rief ich ungewollt heftig aus.

Weil ich mich nicht aufregen wollte, erhob ich mich vom Sofa, nickte Diomidis kurz zu und verschwand auf die Toilette. Für mich ist sie der beste Ort zur Sammlung. Nirgends sonst wird man sich der eigenen Persönlichkeit derart bewusst wie auf der Klobrille. Es liegt wohl daran, dass man seine Ruhe hat und nicht abgelenkt wird. Ich dachte angestrengt nach. Vernünftig mit Diomidis zu diskutieren gleicht dem Versuch, einem Haifisch einen Kuss abzuringen. ‚Ja und Amen‘ zu sagen, bringt ihn nur noch mehr in Rage und führt zu gar nichts. Also musste ich es mit Schmeicheleien versuchen.

Als ich mir eine Strategie ausgedacht hatte, betätigte ich die Toilettenspülung und kehrte zum Sofa zurück. Besorgt stellte ich fest, daß mein Freund sich zwischenzeitlich nicht einen Millimeter gerührt hatte. Er wartete auf die Gelegenheit, explodieren zu können.
„Also hör zu!“ sagte ich ruhig. „Du weißt, ich liebe die griechische Sprache …“
„Stimmst du mir auch zu, dass sie alt, schwer und ungeheuer faszinierend ist?“ unterbrach er mich.
„Natürlich ist sie schwer. Wer sie lernt, kann ein Lied davon singen. Deshalb kommt sie als Handelssprache erst gar nicht in Frage. Erschwerend hinzu kommt euer anstrengendes Schriftbild. Allein wegen der fünf ‚i’s‘ käme der gesamte Welthandel zum Erliegen.“

Diomidis schwankte deutlich zwischen Stolz und Zorn.
„Dann sollen sie gefälligst die fünf ‚i’s‘ lernen. Auch ich habe sie lernen müssen.“
„Du sprichst sie, sicher, aber kannst du sie auch schreiben?“
Diomidis errötete.
„Was tut das jetzt zur Sache?“
„Na bitte, da hast du’s. Selbst der Grieche kann seine Sprache nicht schreiben.“
Triumph prasselte auf mich nieder wie ein sommerlicher Platzregen. Als Diomidis schwieg, wurde aus dem Platzregen eine Sintflut. Plötzlich tat er mir leid. Zum Glück fiel mir ein Beispiel ein:
„Nimm die Drachme, Diomidis, auch die ist alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Trotzdem wird der Euro sie ablösen. Man hat sich eben geeinigt.“

Diomidis Augen wurden hart.
„Ha! Du willst mir etwas über unsere Währung erzählen? Kennst du die Entstehungsgeschichte der Drachme? Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. prägten wir auf Mykene die erste Münze und ihre Kaufkraft war außerordentlich hoch.“
„Ja, und dann seid ihr maßlos geworden, habt eure Ernten und Töchter verkauft, um eure Gesichter im Glanz der Drachme zu spiegeln.“
„Und ihr mit eurer D-Mark führt euch in Griechenland auf wie die Götter!“

Der Platzregen versickerte im Erdreich. Ich verlor langsam die Beherrschung!
„DAS, MEIN LIEBER DIOMIDIS …“, schrie ich, „… SIND WIR IM VERGLEICH UNSERER BEIDEN WÄHRUNGEN AUCH!“
„WIR HABEN EURE WÄHRUNG NICHT NÖTIG!“ schrie Diomidis zurück.
„IHR NEHMT SIE ABER GERNE AN! IHR WÜRDET DOCH JETZT NOCH AUF ESELSPFADEN TRAMPELN, WENN UNSERE D-MARK EUCH NICHT SCHON JAHRELANG HUCKEPACK TRAGEN MÜSSTE.“
Diomidis wurde weiß um die Nase.

Von oben klopfte mein Nachbar dreimal mit dem Besenstiel auf den Boden.
Diomidis Gesichtsfarbe kehrte nur langsam zurück. Das gleichmäßige Zittern seiner aufgeblähten Nasenflügel verriet großen Zorn. Mühsam rang er um Beherrschung, bevor er fortfuhr:
„Gut, ok, langsam, wir drehen uns im Kreis. Du selbst hast das Thema Drachme auf den Tisch gebracht. Du sagtest, sie sei alt, schwer und ungeheuer faszinierend. Erkläre mir das näher!“
„Da gibt es nichts weiter zu erklären“, erwiderte ich völlig ermattet.
„Aha! Du machst also wieder einfach ‚Schnipp‘ und entziehst dich einer stichhaltigen Argumentation. So geht das nicht.“

Meine Geduld war aufgebraucht. Mit festem Blick sah ich in Diomidis zusammengekniffene Augen.
„Du willst also ein stichhaltiges Argument? Also gut, hör zu: Es ist ungeheuer faszinierend, wie alt und schwer eure Münzen sind, dass ihr Gewicht jedes europäische Portemonnaie zerstört. Kein Land der Welt hat eine derart ungehobelte Währung.“
Es folgte minutenlanges Schweigen, unterbrochen nur vom rythmischen Trommeln von Diomidis’ Fingern auf der Tischplatte. Schließlich stand er auf und bewegte sich Richtung Haustür. Bevor er ging, schleuderte er mir einen letzten Satz ins Gesicht:
„Du wirst schon sehen. In Kürze werden weltweit alle Computer auf griechisch umgestellt.“
„Ja!“ rief ich meinem Freund hinterher. „Und der nächste Papst wird eine Frau!“

Irgendwann haben wir uns wieder versöhnt. Noch immer kommt Diomidis zu Besuch, aber wir schauen uns keine griechischen Nachrichten mehr an. Einzig erlaubt sind musikalische Werbeunterbrechungen.
Mittlerweile denke ich jedoch ernsthaft darüber nach, auch das zu unterbinden, denn nach einem der letzten Konzertausschnitte glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen:
„Ist dir das auch aufgefallen?“
„Was?“ fragte ich alarmiert.
„Das Mikrofon. Es kam aus Japan!“

Von Elke Schroeder