Völkerverständigung

Von Elke Schroeder
Kürzlich war mein Freund Diomidis zu Besuch. Gegen Abend bat er mich, den Fernseher einzuschalten, um die griechischen Nachrichten zu verfolgen. Wir freuten uns wie die Kinder, weil der Moderator männlich war und stellten den Ton auf ohrenbetäubend. Griechische Moderatorinnen verlesen die neuesten Meldungen in Frequenzbereichen, die einem sopranistischen Terroranschlag auf das menschliche Innenohr gleichkommen. Selbst der Gesang eines einzelnen Schwertwals bei hohem Seegang hat keine derart verheerende Wirkung. Der Lautstärkeregler eines griechischen Fernsehgerätes kommt mit zwei Stufen aus:

Stufe 1: unhörbar
Stufe 2: infernalisch

Stufe 1 (unhörbar) tritt in Kraft, wenn
a) der Nachrichtensprecher weiblich ist oder
b) sich die Familie in Trauer befindet oder
c) der Gatte heimlich auf die nackten Mädels von Pol-Sat umschaltet, weil die Ehefrau endlich schläft.

Stufe 2 (infernalisch) erfreut sich großer Beliebtheit, wenn
a) der Nachrichtensprecher männlich ist oder
b) Fußballübertragungen gezeigt werden oder
c) das Gekreisch der zänkischen Ehefrau übertönt werden muss, die die nackten Mädels von Pol-Sat entdeckt hat.

Als die Nachrichten zu Ende waren, lehnte Diomidis sich zufrieden zurück. Eine Weile saßen wir in einträchtigem Schweigen zusammen. Dann schaute er mich erwartungsvoll an. Ich wusste nur zu gut, was sein Blick zu bedeuten hatte. Es war immer das gleiche mit Diomidis. Gleich nach den Nachrichten packte ihn der unheilvolle Drang, mich einem Kreuzverhör zu unterziehen. Stets fiel ihm etwas ein, was mir hätte auffallen sollen. Meistens handelte es sich um eine Nichtigkeit, die nur im entferntesten Sinne mit den Nachrichten zu tun hatte. Ein besonders fettes Insekt beispielsweise, das an der Außenmauer des Athener Parlamentsgebäude entlangkroch, oder eine vollbärtige Dame mit Enkelkind, die versehentlich für den Bruchteil einer Sekunde vom Sucher der Kamera erfasst wurde. In beiden Fällen – des Insekts wie auch der vollbärtigen Dame – war es zwischen Diomidis und mir zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Immer zeriss sein extremer Patriotismus jedes meiner Argumente in der Luft, analysierte und sezierte es so lange, bis es unansehnlich ausgebreitet vor unseren Füßen lag. Bei der bärtigen Dame war es besonders schlimm. Damals beschuldigte er das deutsche Kind der Lieblosigkeit.

„Hab ich hier auf deutschem Boden schon jemals eine bärtige Dame in Begleitung ihres Enkelkindes gesehen?“ fragte sich Diomidis.
Sicherheitshalber gab er sich die Antwort sogleich selbst:
„Nein, natürlich nicht! Die perfekten Kinderchen schämen sich in Grund und Boden. Omas mit Bartwuchs sind biologische Unfälle. Ein Fall für das Kuriositätenkabinett! Bah…!“
Ich lachte.
„Sei nicht albern!“
„So, du lachst also?“
Diomidis schäumte über.
„Hergott, Diomidis, deine haarsträubenden Behauptungen sind eben lustig. Was kann ich dafür, wenn mich dein herrlicher Zynismus zum Lachen bringt?“

Ich versuchte es bereits mit Schmeicheleien.
„Deutsche Kinder sind genauso liebesfähig wie griechische. Außerdem sind sie einfach unschuldig. Also lassen wir das Thema jetzt!“
Diomidis war da anderer Ansicht. Mit theatralischer Bedächtigkeit holte er zum nächsten Schlag aus:
„Weißt du, was euer Problem ist? Ihr habt kein Herz im Leib. Also, woher sollen eure Kinder es besser wissen? Aus Stein wird kein Fleisch geboren.“
Augenblicklich erhob mein Zorn sein Haupt:
„Das brauche ich mir nun wirklich nicht anzuhören. Diese Unterhaltung führt zu überhaupt nichts. Du bist unsachlich und unfair.“
Ärgerlich stand ich auf und leerte den übervollen Aschenbecher aus.

Diomidis rief aus dem Wohnzimmer:
„Typisch, wenn dir die Argumente ausgehen, beendest du einfach das Thema. Machst ‚Schnipp‘ und gehst zur Tagesordnung über.“
„Was, bitte schön, soll ich zu deinem lächerlichen Argument sagen? Dass wir eben Steinmenschen in einem Land aus Steinherzen sind, das sich an Menschen mit unkontrolliertem Haarwuchs bereichert? Ist es das, was du hören willst?“
Jetzt war es an Diomidis, zu lachen.
„Es ist unbestreitbar, dass ihr bei der Vergabe menschlicher Wärme zu kurz gekommen seid.“
„Siehst du, es hat keinen Sinn, mit dir zu diskutieren“, rief ich ihm aus der Küche zu.
„Außerdem konnte ich nicht ahnen, daß bärtige Frauen so wichtig für dich sind. Jedenfalls waren sie bisher kein Thema für mich.“
Diomidis kam mir in die Küche hinterher. Angriffslustig lehnte er im Türrahmen.
„Ach ja, und warum waren sie bisher kein Thema für dich?“
„Weil wir hier in Deutschland keine bärtigen Omas haben, der Hormonhaushalt der deutschen Frau ausgewogen ist und die Ärzte im Notfall auch zur Stelle sind. So einfach ist das!“

Diomidis knallte die Tür, als er ging.
Von Elke Schroeder