Kreta 1971 – das erste Mal

Wie und warum es alles anfing …
Im Frühjahr 1971 war mein Wehrdienst zu Ende. Ich beschloss, mir erst einmal eine nette Auszeit zu nehmen. Was ich in dieser Auszeit tun oder auch nicht tun wollte, war nicht schwierig zu entscheiden. Ich war seit meinem 12. Lebensjahr aktiv „jugendbewegt“, d. h. Mitglied in einem Wandervogelbund, der zwei alte Burgen sein eigen nannte: Burg Waldeck im Hunsrück und Burg Hohlenfels im Taunus. Da die Hohlenfels als Ganzes besser erhalten war, es gab immerhin über 30 bewohnbare Räume, und dort auch die Leute verkehrten, die mir mehr zusagten, zog ich für etwas mehr als ein Jahr fest auf die Burg.

Es gab damals auf beiden Burgen eine sogenannte „Bauhütte“, d. h. junge Leute lebten und arbeiteten dort ohne Entgelt, nur für Kost und Logis (ein kleines Taschengeld für Zigaretten etc. verdienten wir uns manchmal außerhalb nebenbei).

Als es Sommer wurde, setzten wir uns zusammen, denn Urlaub sollte es schließlich auch geben. Ein Urlaub, den wir so nicht nannten … denn als Wandervogel macht man keinen Urlaub, sondern eine „Großfahrt“! Wir unterhielten uns also über das Ziel. Einer der Vorschläge war Sardinien, was ich aber ablehnte, da ich dort erst ein Jahr zuvor gewesen war und mein damaliges Credo lautete: „Niemals zwei Mal in das gleiche Land und schon gar nicht auf die gleiche Insel!“

Mein bester Freund Wanja brachte dann Griechenland ins Spiel, da sei er schon zwei Mal gewesen und könne auch schon die wichtigsten Worte Griechisch (ich lache nachträglich darüber, was er für Griechisch hielt und mir damals auch vermittelte – egal, es hat auch mit diesem Pidgin geklappt). Und irgendwann kristallisierte sich heraus: Diesmal sollte es Kreta sein. Da wir uns wenig für Politik interessierten, wussten wir zwar, dass es in Griechenland seinerzeit eine Militärdiktatur gab, aber uns stellte sich irgendwie nicht die Frage, deshalb das Land zu boykottieren. Und wenn sie sich uns gestellt hätte, würde ich darauf geantwortet haben: „Schadet es den Obristen oder den Tavernenbesitzern, wenn wir nicht hinfahren?“
Damit war die Frage nach dem wohin geklärt.

Die zweite Frage war dann, wer fährt überhaupt mit. Was wird uns die ganze Sache denn so ungefähr kosten etc. Nun, es gab da niemanden, den man ernsthaft fragen konnte. Höchstens unsere eigenen „Erfahrungswerte“ aus den vergangenen Jahren, aber aus anderen Ländern (denn außer Wanja war noch niemand von uns jemals in Griechenland gewesen).

In den nächsten beiden Wochen stellten wir fest, dass sich in diesem Jahr augenscheinlich viele unserer Freunde und Bekannten ebenfalls für Kreta entschieden hatten. Mal abgesehen von uns, würden sich also mindestens fünfunddreißig unserer „Bundesbrüder“ zur fraglichen Zeit irgendwo auf der Insel herumtreiben.

Und wir kamen auch auf die stolze Zahl von acht Jungs. Wanja und ich waren mit 24 und 20 die ältesten, die anderen zwischen 11 und 17 Jahren …

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Es stellte sich nunmehr die Frage nach einem geeigneten Transportmittel, das wir nicht besaßen. Für acht Leute brauchte man ja mindestens einen VW-Bus (und unserer war derzeit kaputt und hatte sowieso seit Jahren keinen Versicherungsschutz mehr – damit konnte man vielleicht durch die DDR nach Berlin fahren, aber nach Kreta?). Also hörten wir uns in der Nachbarschaft der Burg um, und einer der Einheimischen – ein Automechaniker – , der uns schon immer gewogen war, weil er mit seinen Freunden regelmäßig Vorderladerschießübungen bei uns im Außenhof absolvieren durfte, kam eines Tages vorbei und meinte: „Kommt mal runter in den Vorhof, ich glaube, ich habe da was für euch!“

Wir folgten ihm in gespannter Erwartung und waren erst mal baff, was da im Hof stand. Nicht etwa der gewünschte VW-Bus, nein, uns erwartete ein „Monstrum“: Ein Tempo Matador mit Doppelkabine sowie Ladefläche, Plane und Spriegel … 5,24 Meter lang, 1,76 breit, Baujahr 1952.
„Wollt ihr ihn mal Probe fahren?“

Natürlich wollten wir! Und wir scheuchten den 2,5 Tonner mit seinen sage und schreibe 54 PS die kurvenreichen Sträßchen in der Umgebung hinauf und hinunter, immer abwechselnd, denn wir konnten beide (Wanja und ich) nach nur kurzer Eingewöhnungsphase von der Kiste nicht genug kriegen. Vor allem imponierte uns der Fronantrieb, denn der Wagen zog wesentlich besser durch die Kurven als die Heckschleuder VW-Bus (der ja nur 30 PS hatte, wenn er auch leichter war) – ideal für Kretas Straßen, dachten wir uns, obwohl wir beide noch nie eine davon gesehen hatten.
„Aber dürfen wir damit 8 Personen befördern?“

„Für Deutschland und Österreich bauen wir halt hinten noch eine Sitzbank aus eurem Schrottbus drauf mit einer Alarmklingel in die Fahrerkabine … und in Griechenland ist das sowieso egal!“ Gesagt getan! Als alle Arbeiten erledigt waren und ich außerdem noch einen Schnellkurs gemacht hatte, welche Teile an diesem Auto kritisch werden könnten und wie man die typischen Probleme behebt (dieser Kurs sollte sich später noch als sehr nützlich erweisen), zweitens die entsprechenden Schrauben, Muttern, Kleinteile, Werkzeuge etc. an Bord waren, stand einem Aufbruch kaum noch was im Wege … für mich aber stellte sich (nicht) ganz überraschend plötzlich ein persönliches Problem. Wanja hatte lange herum gerechnet und veranschlagte nun pro Person 500-600 DM als Gesamtkosten für die fünf bis sechs Wochen, die wir gedachten, unterwegs zu sein.

Und ich besaß incl. aller Reserven nur noch ca. 150 DM. Also sagte ich abends schweren Herzens zu ihm: „Ich glaube, ich muss verzichten, ich kriege das Geld nicht zusammen. Fahrt ohne mich!“ Und ging sehr traurigen Herzens schlafen …

Auch am nächsten Morgen war ich nicht fröhlicher, denn ich hatte physisch wie psychisch in diese Fahrt schon einiges investiert. Jetzt nur zuzuschauen, wie die anderen davonfuhren, würde mir wahrscheinlich ziemlich weh tun.
Doch Wanja strahlte mich an, als ich mit Leichenbittermiene zum Frühstück getrottet kam: „Mach dir keine Sorgen, ich habe gestern ein bisschen rumtelefoniert. Es ist alles geregelt. Die Eltern von den Jungs, die mitfahren, haben zusammengelegt. Mit deinen 150 Mark haben wir jetzt sage und schreibe 700 zusammen.“

Beinahe hätte ich ihn geknutscht. Das war typisch Wanja, immer gut drauf und nie um eine Idee verlegen.
Nun stand es fest: In diesem Jahr würde ich zum ersten Mal Kreta betreten! Und das für Gesamtkosten von 150 DM für mich. Jubel …
Nein, ich kam mir nicht wie ein Schmarotzer vor, denn ich hatte und hätte niemand um einen Pfennig gebeten und außerdem wäre Wanja sonst der einzige Fahrer gewesen … in der Praxis stellte sich später heraus, das ich etwa 80% aller gefahrenen Kilometer am Steuer gesessen hatte.

Da jetzt alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, legten wir den Abfahrtstermin endgültig auf eine Woche später fest. Außerdem telefonierten wir auch die anderen Gruppen an, die zur gleichen Zeit fahren würden, und gaben die Parole aus: „Wer Lust hat, wir treffen uns Mittwochabend der nächsten Woche im Dorf am Fuß des Olymp (wir wussten den Namen nicht, aber es gibt nur eines) in der ersten Kneipe links!“ Wir gingen einfach davon aus, dass es in jedem griechischen Dorf eine „erste Kneipe links“ gibt … und wenn nicht, ist das Dorf eh so klein, dass man sich nicht verfehlen kann.

Genauere Ortsbeschreibungen gab es während der ganzen Tour nicht … für uns war so etwas eben genau genug. Und auch auf weitere Planungen verzichteten wir gänzlich. Erstens gab es nichts, nach dem wir hätten planen können, keine Reiseführer mit praktischen Hinweisen, kein Internet … und noch nicht mal irgendwelche Leute, die wir und die Kreta schon kannten.
Also einfach drauflos und schauen, was der nächste Tag uns bringt, das war eigentlich schon immer unsere Philosophie und so würde es auch diesmal sein.

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Kreta 1971 – Teil 2

Der Weg ist das Ziel …

Es war so weit. Wanja hatte neben mir auf dem Beifahrersitz Platz genommen, drei Mann hinter uns auf der Rückbank und die übrigen drei machten es sich so bequem wie möglich auf der Sitzbank unseres alten VW-Busses, die wir fest auf die Ladefläche direkt hinter der Fahrerkabine montiert hatten. Den Rest der Ladefläche hatten wir mit bequemen Matratzen ausgelegt, denn sobald wir Österreich verlassen haben würden, wollten wir die strenge Sitzordnung erheblich verändern. Dann sollte es zu einer Art Wohn- und Schlafmobil umfunktioniert werden, schon deshalb, weil wir gedachten, die Strecke in einem Rutsch durch zu fahren. Auf den Matratzen stapelten sich unsere Rucksäcke und einige Gerätschaften wie auch ein zweiflammiger Gaskocher und eine entsprechende Gasflasche, groß genug, um für die ganze Fahrt damit auszukommen. Wir hatten schließlich keinen Schimmer, ob es „da unten“ so etwas gab. Natürlich waren wir gewohnt, auch am Lagerfeuer zu kochen, aber ob wir das im trockenen Kreta tun sollten …?

Den deutschen Vorschriften zufolge gab es auch einen Schalter neben der Sitzbank hinten, mit dem man im Gefahrenfall die Fahrer alarmieren konnte. Leider aber saßen ausgerechnet die größten Spielkinder hinten, sodass das Lämpchen bereits nach wenigen Metern das erste Mal aufleuchtete. Also stoppte ich und brüllte durch das geöffnete Fenster zurück: „Was ist los?“ – „Johnny ist runtergefallen …“. Natürlich war das nicht wahr, also musste Wanja zum Schimpfen nach hinten.

Lange hielt das Bravsein allerdings nicht an und als es immer wieder blinkte, klemmten wir einfach die Leitung ab … genauer gesagt, wir klemmten sie nicht ab, sondern betätigten einfach den zweiten, unter dem Armaturenbrett versteckten Schalter, den wir in „weiser Voraussicht“ montiert hatten, und drehten ihnen so einfach den Saft ab. Man durfte und hatte es nicht vergessen: Kleine Jungs blieben kleine Jungs, auch wenn sie mit uns auf „große Fahrt“ gingen. Jetzt konnten die da hinten ihren Spaß haben und wir unsere Ruhe. Im Falle einer Polizeikontrolle würden wir es eben einfach schnell wieder einschalten …

Während ich das hier so schreibe, wird mir noch einmal so richtig bewusst, mit welchem Vertrauen die Eltern unserer Pimpfe (so nannte man beim Wandervogel die Jüngeren) uns ihre Kinder für eine solche „abenteuerliche Tour“ einfach mitgaben … es waren halt eben wirklich noch andere Zeiten, die ich mir zwar nicht zwingend zurück wünsche, die aber sicher ihren wirklichen Reiz hatten. Ich weiß und glaube nicht, ob bzw. dass es viele Eltern heutzutage noch so locker sehen würden.

Die Fahrt bis zur österreichischen Grenze und darüber hinaus verlief recht ereignislos. Zwischendurch hielten nur zwei Mal an, um menschliche Bedürfnissen der Nahrungszufuhr und -entsorgung nachzukommen (für den ersten Tag hatten wir genug dabei, denn wenn man incl. aller Fahrt- und Fährkosten mit ca. 15 DM pro Person und Tag auskommen will, sollte man nicht schon ein Vielfaches davon auf deutschen Autobahnraststätten ausgeben). Der Grenzübertritt verwies sich als erstaunlich problemlos, weder die deutschen noch die österreichischen Grenzer fanden an unserer Fuhre etwas auszusetzen (das Lämpchen hatten wir sicherheitshalber wieder scharfgestellt, aber niemand interessierte sich dafür!).

Als wir kurz vor Salzburg von der Autobahn nach Süden abbogen, kamen mir zum ersten Mal zarte Bedenken angesichts der Tatsache, dass vor uns nun drei deftige Alpenpässe lagen. Das hatten wir vorher gar nicht so richtig überdacht (in späteren Jahren bin ich klüger geworden und habe durch Österreich eine andere „passlose“ Strecke genommen).
„Wanja, ist dir eigentlich aufgefallen, dass unserer Mühle an langen Steigungen schon in Deutschland doch so ziemlich zu kämpfen hatte? 54 PS sind jetzt, wo wir voll beladen sind, nicht gerade der Hammer …“

„Was soll’s, fahr einfach weiter … es wird schon passen.“
„Dein Wort in Gottes Ohr.“

Und schon näherten wir uns den Radstädter Tauern. Ein Schild am Straßenrand drohte uns 15% Steigung an. Ich atmete tief durch und nahm sie in Angriff. Und siehe da, die Hoffnung starb zuletzt, wir kamen problemlos rauf und auch wieder runter, auch wenn ich zeitweise im ersten Gang fahren musste. Vielleicht kann man sich das heute angesichts PS-gewaltiger Fahrzeuge nicht mehr vorstellen, aber auch PKWs hatten an solchen Pässen damals oft Probleme.

Weiter ging die Fahrt. Ich mache es kurz, auch die 18% Steigung des Katschbergpasses bewältigte unser rollendes Wohnzimmer zwar mühsam, aber es bewältigte sie.
„Jetzt kann uns ja nichts mehr passieren,“ meinte Wanja. „Der Wurzenpass hat auch nicht mehr als 18% … Und so, wie du die Sache angehst, schaffen wir auch das …“

Ich war schon ein bisschen stolz, denn zeitweise war mir schon die Muffe gegangen, als ich beim mühsamen Anstieg den zahlreichen Bauern aus der Umgebung begegnete, die sich ein freundliches Zubrot verdienten, indem sie ununterbrochen den Passanstieg hinauf und wieder hinunter patrouillierten, um liegen gebliebene Fahrzeuge an die Kette zu nehmen und hinauf zu schleppen. Es blieben ziemlich viele liegen.
„Ich hoffe, du behältst Recht!“

Inzwischen war es stockdunkel geworden und dann waren wir am Wurzenpass. Wieder wurden uns 18% Steigung gemeldet. Also gleich den ersten Gang rein und los. Der Wagen erwies sich als braves Arbeitstier und mühte sich tatsächlich recht problemlos den Berg hinauf.
Doch wir freuten uns zu früh. Denn jetzt erlebten wir hautnah, wie einen die Unfähigkeit anderer zu eigentlich unnötigen Geldausgaben treiben kann. Direkt vor uns gab ein Wagen den Geist auf, ein zweiter PKW versuchte, an ihm vorbeizufahren und blieb ebenfalls stehen. Ausgerechnet an einer der steilsten Stücke musste ich anhalten … und das war es natürlich. Selbst heute, mit 42 Jahren mehr Fahrpraxis auf dem Buckel, würde ich es nicht schaffen, einen voll beladenen 2,5-Tonner mit 54 PS aus dem Stand wieder anfahren zu lassen. Das macht keine Kupplung der Welt mit.

Also gab ich den Versuch schnell wieder auf und wir brachten einem Bauern, der uns an die Kette nahm und ziemlich mühelos nach oben auf die Passhöhe schleppte, umgerechnet etwa 25 DM in die Kasse. Während wir noch an der Kette hangen, vergrößerte Wanja meinen Schmerz über die Blamage noch, indem er mal eben ausrechnete, wie viele Liter Wein wir jetzt auf Kreta weniger trinken konnten. Und das betraf nur ihn und mich, die Pimpfe kriegten ja noch keinen …

Dann waren wir endlich auf der Passhöhe. Nachdem der Bauer dankend wieder davon gerasselt war, ließ ich den Wagen wieder an, trat die Kupplung durch und … tja, ein Unglück kommt selten allein: Das Kupplungspedal fiel nach unten durch und blieb, wo es war. Selbst der immer so entspannte Wanja schaute nun sehr beunruhigt, doch dieses Mal blieb ich ganz ruhig. Ich erwähnte bereits, dass ich einen Schnellkurs absolviert hatte, der mich den (wenigen) Schwachstellen des Autos vertraut machen sollte.
Also war ich diesmal mit der Coolness dran.
„Dass es jetzt ausgerechnet stockfinster ist, ist natürlich Mist, aber das kriege ich wieder hin.“

Ich kramte nach einer passenden Schraubenmutter in meinem kleinen Ersatzteillager und kroch unter den Wagen. Wanja leuchtete mit einer Taschenlampe. Und ich behielt Recht. Die Stange, die das Kupplungspedal mit dem Kupplungsgehäuse verbindet, lag mit einem Ende lose auf dem Boden. Zum Glück war sie nicht verbogen, also war es wohl gerade eben erst beim versuchten Kupplungsvorgang passiert. Unser Freund, der Automechaniker, hatte mich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es keine Sicherung für die Mutter am Ende der Stange gab, dort wo sie mit dem Pedal verbunden war. Also schraubte ich unter gehörigem Fluchen, denn es ging nicht so einfach, wie es sich hier anhört, die Ersatzmutter wieder drauf und zog sie ordentlich fest. Alles funktionierte wieder – und es blieb für die gesamte Tour (fast) unsere einzige Panne. Die übrigen Ersatzmuttern brauchte ich nicht mehr (ich hatte mindestens zehn dabei, denn ich war vorgewarnt).
Jetzt allerdings hatte ich Nase vorübergehend voll. Mich kriegt so leicht keiner vom Lenkrad weg, aber nun war es so weit.

„Wanja, den Pass wieder runter fährst du jetzt aber, ich will vor Zagreb nicht geweckt werden.“ Über dieses Stück der Fahrt weiß ich also gar nichts, ich verschlief den Grenzübergang, ich verschlief Ljubljana und ich verschlief auch Zagreb – und das in meinem Schlafsack unter (!) dem Rücksitz in der Fahrerkabine. Das war zwar sehr unbequem, aber bei der Bundeswehr hatte ich gelernt, immer und überall schlafen zu können.
Ich übernahm das Lenkrad erst hinter Zagreb wieder. Wer die Strecke jemals gefahren ist, weiß, wie langweilig das Stück Autoput zwischen Zagreb und Belgrad war: Mehr oder weniger immer geradeaus, rechts und links fast nichts außer Maisfeldern …. Und völlig bekloppte Autofahrer. Vergessen wir nicht: Damals war alles nur zweispurig …

Ich fuhr bis kurz hinter Skopje, dann wechselten wir wieder und ich verzog mich erneut unter den Rücksitz. Meinen ersten Grenzübertritt nach Griechenland verschlief ich also auch noch. Ich weiß also auch nicht, ob ich für die Grenz- und Zollbeamten uninteressant war oder ob sie mich einfach nicht entdeckt hatten. Ich wurde erst wieder wach, als wir schon irgendwo bei Thessaloniki waren.
„Welchen Tag haben wir heute?“
„Mittwoch …“
„Und wie spät ist es?“
„Kurz vor 12 …“
„Und wie weit ist es noch zum Olymp?“
„Weiß ich doch nicht.“
„Also gut, soll ich weiterfahren? Du weißt doch, wir sind verabredet …“
„Wäre mir recht …“
Also fuhren wir rechts ran und wechselten wieder die Plätze …
Ich schaute durch die Frontscheibe auf Griechenland. Na super, wir waren angekommen, jetzt begann das Ganze erst richtig.

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Kreta 1971 – Teil 3

Erste Kontakte mit der Polizei …

Wir hatten den Stopp genutzt, um unser Wohnzimmer endgültig zum Spaßmobil umzufunktionieren. Alles Gepäck wurde auf und vor die hintere Sitzbank in der Fahrerkabine umgeräumt sowie hinten die Planen rechts und links hoch gerollt und festgebunden. Die ganze Mannschaft bis auf Wanja und mich saß auf diese Weise fast frei in der griechischen Sommerfrische (allerdings hatten wir allen eingeschärft, dass der Hintern auf den Matratzen bleiben müsse, das Sitzen auf den Seitenwänden sei streng untersagt. Wir wollten schließlich niemanden verlieren).

Alle waren von dieser Art des Reisens begeistert. Es zog kaum, denn erstens sind 80 Kilometer pro Stunde nicht unbedingt Raserei und zweitens schirmte die vordere Plane den meisten Fahrtwind ab. Und das bisschen, was sie abbekamen, war nur angenehm bei den Temperaturen, die inzwischen herrschten.

PicturesKJ/_mittagessen.jpgWeiter Richtung Olymp. Der massige Gebirgszug war schon von weitem nicht zu übersehen. Wir bogen nach Kateríni ein, um das einzukaufen, was wir in den folgenden Wochen immer wieder einkaufen würden: Fetakäse, Tomaten, Zwiebeln und Brot … Eigentlich haben wir uns all die Wochen mehrheitlich von diesen gesunden Sachen ernährt, wenn wir nicht zur Abwechslung mal selbst Nudeln mit … ja mit was wohl? … Tomaten kochten. Es hat allen geschmeckt und Mangelerscheinungen waren nicht zu beobachten.

Kateríni selbst fanden wir nicht berauschend und außerdem schrie die Jugend nach dem ersten Bad im Meer, dass nun schon seit einigen Kilometern unweit der Straße lockte.
Wir erreichten die Abzweigung nach Litochoro (inzwischen wussten wir auch, wie das Dorf am Fuß des Olymp heißt), bevor wir aber hinauf fuhren, gaben wir dem allgemeinen Wunsch nach einem Bad nach, es war sowieso noch zu früh für die lockere Verabredung mit den anderen.
Wer heute dort entlang fährt, wird diesen Küstenabschnitt komplett bebaut vorfinden, damals gab es da aber noch rein gar nichts. Es war alles unberührt und offen. Über einen Feldweg erreichten wir eine recht große, ebene „Wiese“ (grünes Gras war aber dort Ende Juli nicht mehr zu sehen), die problemlos zu befahren war. Zum Meer hinunter waren es nur ein paar Schritte über einen „Miniaturhang“. Es gab zwar nicht die Spur von Schatten, aber das störte uns wenig. Jetzt erst mal ab ins Wasser.

PicturesKJ/neu09.jpgNach stundenlangen Wasserschlachten waren wir uns einig, dass dies ein guter Schlafplatz auch für die Nacht sein würde. Wir machten uns dorffein (ja, wir waren in „Kluft“ unterwegs, was uns manchmal durchaus hilfreich war. Wir hatten auch schon das griechische Wort für „deutsche Pfadfinder“ gelernt: Γερμανοί πρόσκοποι = Jermani Proskopi, denn alle Griechen wollten natürlich wissen, was unsere Halstücher und Baretts zu bedeuten hatten).

Allmählich neigte sich nämlich der Nachmittag dem Ende zu und wir freuten uns a) auf unseren ersten Besuch einer griechischen Taverne und b) waren wir gespannt, inwieweit unsere lose Verabredung auch unsere Freunde pünktlich nach Litochoro führen würde.
Bevor wir aber in „die erste Kneipe links“ einkehrten, fuhren wir im Dorf ganz nach oben bis zum Dorfplatz (woanders konnte man mit unserer Kutsche sowieso nicht gescheit drehen). Auf dem Weg zurück erscholl plötzlich von hinten ein Sprechchor: „Souvlaki, Souvlaki …“. Ich bremste, denn unsere Jungs hatten rechts neben der Straße ein kleines Souvlatsidiko entdeckt. Ich schaute Wanja, unseren Zahlmeister, an: „Haben wir Zeit und Geld? Darauf hätte ich jetzt auch Lust …“
„Zeit haben wir sicher, wir sind auf Fahrt. Und das Geld wird auch reichen …“

Also ließ ich den Wagen stehen, wo er stand, und wir fielen in das winzige Lokal mit zwei Tischlein ein. Es war zum Glück vorher ganz leer gewesen, jetzt war es voll. Der Wirt, ein grauhaariger alter Mann, schmunzelte, als er die adrette Truppe sah. Er beeilte sich, viele kleine Spießchen auf die Holzkohlen zu legen. Pro Person vertilgten wir sieben Stück mit viel Brot, unsere erste griechische Mahlzeit. Dazu gab es Limo für die Kurzen und den ersten Malamatina-Retsina (die kleinen knubbeligen Fläschchen mit dem grünen Männchen mit dem Schlüssel im Bauch – wer kennt sie nicht) für die Erwachsenen. Die Preise waren unglaublich … für die ganze Völlerei zahlten wir, wenn ich mich noch richtig erinnere, knapp 30 DM (für 8 Personen).

Nebenbei bemerkt, die Einkehr in dieses kleine Lokal wurde in all den Folgejahren so etwas wie ein Ritus oder Pflichtprogramm. Die alten Wirtsleute erkannten mich trotz anderer Begleitung im nächsten Jahr (drei Mädels statt sieben Jungs) sogar wieder – und dann sowieso immer wieder. Irgendwann saßen sie dann aber nur noch vor dem Haus, das Lokälchen war geschlossen und wir tranken nur noch einen Kaffee miteinander. Und irgendwann zwei Jahre später war der Mann gestorben und ich traf nur noch die Frau an … an diesen Dingen merkt man, dass die Zeit gnadenlos vergeht und man älter wird.

Nachdem wir also zufrieden und ebenso gesättigt wie unternehmenslustig waren, ging es in die besagte „erste Kneipe links“ hinunter. Siehe da, der erste Wagen unserer Freunde war bereits eingetroffen, Fränz’ R4 stand vor dem Lokal.
Er und drei andere saßen schon vor ihrem Ouso. Großes Hallo …

Machen wir es nicht zu episch: Im Laufe des Abends trafen noch drei weitere Fahrzeuge ein, die Gruppe wurde immer größer, irgendwann wurden auch die Gitarren aus den Autos geholt und die Einheimischen wurden staunend Zeuge, wie perfekt deutsche „Pfadfinder“ griechisches Liedgut vergewaltigen konnten. Da wurde ein Syrtós (2/4 Takt) als Kalamatianós (7/8 Takt !) gesungen … und den Griechen gefiel es trotzdem, dass da etwa 20 deutsche Jungs saßen und griechische Lieder sangen.

Es blieb nicht aus, dass Retsina und Ouso reichlich flossen (leider auch durcheinander, und das ist tödlich). Zu noch früher Stunde steckte ich Wanja den Autoschlüssel zu.
„Egal, was ich nachher sage, gib ihn mir um Himmels willen nicht wieder.“
Irgendwann blieb ein Polizist neben uns stehen und betrachtete sich das Schauspiel. Irgendwie verstand ich seinen amtlichen Gesichtsausdruck falsch und begann ihn zum Glück auf Deutsch – Griechisch konnte ich nicht – heftig zu beschimpfen. Wie es dazu kam, kann ich mir bis heute nicht erklären, denn eigentlich machte mich Alkohol noch nie aggressiv. Dann stand ich auf und wollte auf ihn zugehen … und fiel samt der Ousokaraffe, die ich in der Hand hielt, rückwärts zwischen die Tische. Mein Gott, wie war das peinlich! Er schüttelte nur den Kopf und ging davon, ich hatte also Glück, er hatte mich wohl nicht verstanden.
Danach hatte ich noch einmal Glück, denn mein beharrliches Drängen, mir den Autoschlüssel wiederzugeben, erhörte Wanja nicht, und das war auch gut so …

Wieder unten auf der bereits erwähnten Wiese schaffte ich es gerade noch, meinen Schlafsack zu packen und mich ein paar Meter vom Auto zu entfernen. Dann fiel ich Augenzeugenberichten zufolge einfach um und versuchte minutenlang vergeblich in den Schlafsack zu kriechen (falls sich jemand jetzt an die Anfangsszene des „Kopflosen von Kreta“ erinnert fühlt, weiß er jetzt, woher sie kommt). Irgendwann schlief ich einfach neben dem Schlafsack ein … und erwachte am nächsten Morgen unter brennender Sonne mit einem Schädel, der seinesgleichen suchte.

Irgendwie schaffte ich es dennoch, zum Meer hinunter zu gelangen und ließ mich immer noch voll bekleidet einfach ins Wasser fallen.
Wie man sieht, ich bin nicht ertrunken, aber ich schwor mir mit Erfolg, dass das für diese Tour das erste und letzte Mal gewesen sein sollte.
Als ich einigermaßen wiederhergestellt zum Auto zurückkehrte, war das Frühstück schon bereitet. Es bestand wie erwartet aus Feta, Tomaten, Zwiebeln und Brot … herrlich.
Dazu mehrere Tassen löslichen Kaffees … und schon war die Welt wieder in Ordnung.

Nach dem Frühstück brachen wir auf, denn wir wollten die Fähre nach Kreta erreichen. Ich saß trotz immer noch leicht dickem Kopf am Steuer und fuhr brav wie die Einheimischen auf der Standspur. Nach der Fahrerei durch Jugoslawien fühlte man sich hier wie auf einer Autobahn.
Und da wir ein großes Auto hatten, luden wir so ziemlich jeden Tramper ein – Engländer, Österreicher, Australier – und ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass nach und nach mindestens 15 Leute auf der Ladefläche saßen. Und es ging dort lustig zu, man musizierte, sang und lachte …

Und dann kam der Moment, als ich im Rückspiegel den Streifenwagen entdeckte. Damals fuhr die griechische Polizei noch diese riesigen amerikanischen Limousinen. Er kam nur sehr langsam näher (wir fuhren immer noch auf der Standspur).
„Wanja, es könnte sein, dass wir Probleme kriegen!“
„Wieso?“
„Polizei hinter uns, und die scheinen uns zu beäugen. Dürfen wir hier überhaupt mit so vielen Leuten auf dem Auto …?“
Das konnte auch er nicht beantworten, also hieß es abwarten und ganz normal weiterfahren. Der Streifenwagen schob sich neben unser Hinterteil, von dem unbeeindruckt weiterhin handgemachte Musik erklang.

Und dann machten sie Blaulicht und Sirene an. Sch…. Aber sie blieben neben uns und zogen nicht vorbei, um uns zu stoppen. Ich überlegte, was das für einen Sinn machte? Doch dann sah ich, wie die Polizisten unserer Bagage hinten lachend zuwinkten. Wir waren offensichtlich für sie eine erheiternde Fuhre und nichts Verkehrswidriges. Und dann machten sie das Getöse auch wieder aus und stoben winkend davon. Auch der zweite Kontakt mit der griechischen Polizei verlief also harmlos – es würde nicht der letzte sein.

PicturesKJ/_Schiff04.jpgDer Rest der Fahrt bis Piräus verlief ohne besondere Ereignisse. Wir wuselten uns durch den atemberaubenden Verkehr der Hauptstadt und erkannten schnell, dass ein Blinker nicht weiter beachtet wird. Wesentlich effektiver war ein kurz nach außen gestreckter Arm und man wechselte einfach die Fahrspur, der Hintermann akzeptierte das, weil er es genau so machte.
In Piräus fanden wir die Ticketbüros recht schnell und konnten unsere Passage nach Soúda auch für den gleichen Abend buchen. Die zwei Stunden bis zum „Boarding“ verbrachten wir relaxend auf einer Mini-Grünfläche vor den Büros, dann parkte ich den Wagen in der Fähre ein und wir stiegen auf das Oberdeck, um von dort zu beobachten, wie riesige Lastwagen rückwärts auf die Fähre fuhren. Es war ein Chaos, aber es schien dennoch geregelt.

Irgendwann dann legte das Schiff ab. Die Nacht an Deck, auf dem wir uns schließlich in die Schlafsäcke rollten, war nicht so lang wie die vorige. Aber wir hatten schon unseren Spaß, während das Schiff in der Dunkelheit nach Kreta fuhr. Morgen würden wir endlich dort ankommen …

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Kreta 1971 – Teil 4

Ich fühlte es: Das leichte Vibrieren der Schiffsmotoren, das mich die ganze Nacht begleitet hatte, veränderte sich. Ich steckte den Kopf aus dem Schlafsack, richtete mich auf und schaute mich um. Es dämmerte, die Sonne war aber noch nicht hinter dem Horizont aufgetaucht. Ich sah Berge links des Schiffes … wir waren angekommen. Die Fähre war bereits in die Soudabucht eingelaufen und war dabei, anzulegen. Ich weckte die anderen. Wanja stieg in den Bauch des Schiffes hinunter, denn er hatte die Aufgabe übernommen, das Auto heraus zu fahren.

Ich stellte mich an die Reeling und beobachtete das Treiben unten. Und entdeckte bei der Gelegenheit ein Auto, dass ich kannte. Ernst war schon da, ein lieber Freund aus Wabern, der leider schon lange nicht mehr lebt. In seinem VW 1500 Variant, der jetzt da unten auf uns wartete, hatte ich schon viele Kilometer miterlebt.

Das Ausschiffen ging recht schnell, und als ich Ernst gegenüber stand, grinste er mich an.
„Wir sind schon seit zwei Tagen hier. Wir haben einen herrlichen Platz entdeckt.“
„Na, dann nichts wie hin.“
Wir folgten dem Variant aus Souda Richtung Rethymnon heraus bis zum Fort Izzedine (damals wusste ich natürlich noch nicht, wie es heißt), dort war damals das kurze Stück der „New Road“ schon wieder zu Ende und wir mussten links um das Fort herum auf der alten Straße weiter fahren. Schon wenige hundert Meter bogen wir links ab und folgten einem staubigen Fahrweg zum Meer, der vor bzw. hinter einem Lokal endete. Es war immer noch leicht dämmerig, so sahen wir erst einmal nicht, dass wenige Meter hinter dem Parkplatz ein Süßwasserfluss ins Meer mündete.

PicturesKJ/_bruecke01.jpgUngeachtet der Tatsache, dass es noch nicht so ganz richtig Tag war, stürzte die Meute der Kurzen zum Meer, es waren nur ein paar Meter. Ich hingegen folgte Ernst ins Lokal, in dem man gerade dabei war, sich auf den Tag vorzubereiten.
„Kriegt man hier was zu frühstücken?“
„Nein, glaube ich nicht, das ist eine Taverne. Aber man isst hier hervorragend!“
Ein Junge von höchstens sechs Jahren kam an unseren Tisch und fragte nach unseren Wünschen. Er sprach selbstverständlich nur Griechisch. Aber mit Hilfe der Karte erkannte ich, dass an ein „normales“ Frühstück nicht zu denken war, und so bestellten Ernst und ich uns eine Portion Feta, einen großen Teller Oliven und eine Karaffe Wein. Bis zu diesem Tag mochte ich eigentlich keine Oliven, aber seit diesem Tag liebe ich sie.

Obwohl wir uns eigentlich so viel zu erzählen hatten, sprachen wir kaum, sondern ließen die Ruhe und Schönheit des Augenblicks auf uns wirken. Und als sich in diesem Moment auch noch die Sonne über den Tafelberg des Drapanos nach oben schob, war das der Moment, in dem ich mich unwiderruflich in Kreta verliebte. Und dabei hatte ich von dieser Insel sonst noch gar nichts gesehen. Ich saß sprachlos da und das will bei mir schon etwas heißen.
Als wir später noch zum Fluss spazierten, fiel mir nur ein einziges Wort ein: Paradies.

PicturesKJ/_bruecke02.jpgDer kleine Junge, der uns an diesem Morgen bedient hatte, heißt Nikos. Heute ist er der Inhaber der Taverne und hat selbst mehrere Kinder (und Enkel!). Sein Vater Ilias ist leider 2005 gestorben. Ilias war ein absolut feiner Mensch, für ihn passt diese Bezeichnung. Er war niemals kumpelhaft, aber er war ein guter Freund. Als ich 2005 mit einigen Forumsfreunden im Lokal war, machte einer der Söhne seine Witwe darauf aufmerksam. Sie stand auf und wollte an unseren Tisch kommen, um mich zu begrüßen. Ich ging ihr entgegen, und ihr herzliches Lächeln trotz des kürzlichen Verlustes rührte mich derart, dass ich wirklich mit Tränen in den Augen kein Wort fand. Aber als sie mich umarmte, wusste ich, sie hatte mich verstanden.

Wir blieben drei Tage dort. Im Lokal nahmen wir nur die üblichen Dinge wie Salat und Brot zu uns, einmal durfte es auch Fleisch sein, ansonsten gewöhnten wir uns an Kreta, badeten im Meer und im Fluss, angelten (erfolgslos) und ließen es uns gut gehen. Geschlafen wurde am Strand.

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Kreta 1971 – Teil 5

Nach Süden nun sich lenken, die (Wander)Vöglein allzumal …

Es ist noch früh, als ich den Motor anlasse. Einige der Jungs waren so schlau, sich gleich auf dem Auto schlafen zu legen und blieben so einfach noch ein Weilchen liegen. Die anderen bereiteten den Proviant vor, denn auf der Wanderung, die vor uns liegt, will man sich ja auch zwischendurch mal stärken können. Wenn ich hier schreibe „vor uns“, dann traf das für mich leider diesmal nicht zu, denn ich habe die Auslosung, wer von uns beiden (Wanja und mir) mitwandern und wer das Auto von Omalós nach Chóra Sfakíon bringen würde, „verloren“. Ich war also der Fahrer und würde die Samariá frühestens im nächsten Jahr von innen sehen (insgesamt bin ich in den Folgejahren vier Mal durchgelaufen, aber das wäre eine andere Geschichte).

Kurz hinter Chaniá ging die Sonne auf, und während der Fahrt in die Lefká Óri hinauf genossen wir immer wieder den Blick zurück auf das Ägäische Meer, das in der Morgensonne glitzerte, als hätte man Silber auf das Wasser gegossen.

Gegen neun Uhr kamen wir am Schluchteingang an. Insgesamt zehn – wir hatten auch noch Insassen der anderen Wagen dabei – machten sich auf den Weg. Johnny hatte sich gestern den Fuß verstaucht und würde mir nun für den Rest des Tages und der Fahrt nach Süden Gesellschaft leisten. Wir verfolgten die Wanderer noch eine Weile bei ihrem Abstieg in die Schlucht mit den Augen und sahen uns an der beeindruckenden Landschaft hier oben satt, bevor wir dann auch selbst aufbrachen. Die engen Kurven zu fahren, machte mir immer mehr Spaß.

Dann hatten wir wieder die Nordküste erreicht und fuhren ostwärts Richtung Vrýsses. Die Gegend zwischen Kalýves und Vrýsses (wie schon erwähnt, gab es hier damals die „New Road“ noch nicht, die endete ja beim Fort Izzedine) gehört zu den landschaftlich schönsten Kretas, man fährt tatsächlich durch einen richtigen Wald.
Wir stoppten kurz, um einigen Köhlern bei der Arbeit zuzusehen. Leider fiel uns damals die Kommunikation noch ziemlich schwer, vor allem, weil ich die vollkommen falsche Aussprache der einigen wenigen Vokabeln, die mir Wanja auf der Fahrt beibrachte, von ihm auch übernommen hatte.

Dann gab ich den 54 Pferdchen wieder ordentlich Zucker und so kam es natürlich, wie es kommen musste. Niemals hatte ich in den folgenden Jahren so viel Kontakt mit der Polizei wie in diesem ersten. Es kommt mir im Nachhinein so vor, als sei die Staatsmacht damals noch viel präsenter gewesen als heutzutage, nun, das kann auch möglich sein, denn es war noch die Zeit der griechischen Militärjunta. Ansonsten bemerkte man als Ausländer nicht sehr viel davon, wenn man mal von den vielen Propagandaplakaten absah, auf denen immer wieder der Soldat vor dem Phoenix abgebildet war …

Aber jetzt zurück zur Geschichte. Wir fuhren nach Vrýsses hinein. Die Einfallstraße von Westen her ist ein langes Stück schnurgerade und gut zu übersehen, also dachte ich mir nicht viel dabei, als ich ein altes klappriges Dreirad vor mir mit der Hupe an die Seite scheuchte und zügig überholte. Das hätte ich allerdings besser gelassen, denn noch während ich mich wieder zurück auf die rechte Straßenseite bewegte, trat etwa 50 Meter vor uns ein Uniformierter aus dem Schatten eines Straßenbaumes (wo ich ihn natürlich nicht hatte sehen können) und hob gebieterisch die Hand. Notgedrungen hielt ich also an. Da ich keine Ahnung hatte, wie man sich in Griechenland in einem solchen Fall am besten verhielt, blieb ich einfach im Auto sitzen und harrte der Dinge, die auf uns zukommen würden.

Die kamen sehr gemessenen und selbstbewussten Schrittes, wie ich im Rückspiegel beobachten konnte. Der Polizist lugte durch einen Schlitz der Plane, die wir jetzt wieder geschlossen hatten, um festzustellen, ob wir irgendwelche heiße Ware geladen hatten.
PicturesKJ/_johnny.jpgDann kam er an der Fahrerseite immer noch aufreizend langsam nach vorne. Seine Miene war mehr als amtlich, als er mich musterte. Dann aber glitt sein Blick von mir ab und zu unserem 12-jährigen Johnny auf dem Beifahrersitz. Ich erwähnte es noch nicht: Johnny war ein zartes Bürschlein mit einem sehr hübschen Gesicht und schulterlangen blonden Haaren. Ich weiß nicht, ob der Beamte ihn als Mädchen einschätzte oder ob das Geschlecht eigentlich egal war, jedenfalls aber vollzog sich im Gesicht des Polizisten eine bemerkenswerte Änderung, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Ich will es trotzdem einigermaßen versuchen: Seine Augenbrauen zuckten ebenso erstaunt wie erfreut nach oben und ein fast seliges Lächeln verklärte sein eben noch strenges Gesicht. Johnny lächelte ihn wohl schüchtern an – ich weiß es nicht, denn ich behielt den Polizisten im Auge – denn dessen Lächeln unter dem exakt gestutzten schmalen Bärtchen wurde immer breiter. Innerlich atmete ich auf, denn wenn er so aussah wie ein verliebter Ameisenbär, konnte es nicht so schlimm werden.

Dann schaute er mich wieder an, wobei sich sein Gesichtsausdruck nur unwesentlich veränderte:
„Where are you from?!
„We are from Germany. Jermani proskopi.“ (deutsche Pfadfinder, ich erwähnte es bereits).
Sein Lächeln verstärkte sich abermals.
„Where are you going to?“
„Chóra Sfakíon.“
„Oh, I’m from there. Have a good travel, and …“ er hob kurz mahnend den Zeigefinger … „siga siga!“ (Immer langsam voran!).
Ich nickte ergeben: „Yes Sir, thank you …“

Mit einer kurzen, aber hoheitsvollen Handbewegung waren wir entlassen. Ganz sanft ließ ich den Wagen wieder anrollen und schaute hinter der nächsten Kurve kurz zu Johnny hinüber.
„Ich habe mich ja schon vorher gefreut, nicht alleine fahren zu müssen, aber jetzt gebe ich dir einen aus, soviel Taschengeld hat Wanja mir gegeben.“
Er verstand nicht sofort.
„Wieso das denn jetzt?“
„Weil mir deine Anwesenheit vermutlich ziemlichen Ärger erspart hat. Was soll’s, musst du nicht verstehen. Willst du eine Limo oder eine Cola? Und übrigens, lass dir bloß nicht die Haare schneiden!“

Er verstand mich wohl immer noch nicht so ganz, aber wir mussten beide herzhaft lachen, während wir Vrýsses gen Süden wieder verließen. Wir schraubten uns wieder in die Berge hinauf, überquerten die Askífou-Ebene und fuhren dann entlang der Ímbros-Schlucht (ich muss wohl nicht immer wieder erwähnen, dass ich alle diese Namen erst Jahre später in meinem Hirn speicherte).
Als sich der Blick auf das Libysche Meer vollends vor uns öffnete, konnte ich nicht anders, ich fuhr rechts ran auf einen kleinen Schotterparkplatz und wir schauten minutenlang schweigend auf diese großartige karge Landschaft. Die Straße wand sich in vielen Schleifen nach unten, das Meer dahinter lag ruhig in der gleißenden Sonne … einfach überwältigend. Nach einer Weile ließ ich den Motor wieder an und wir rollten gemächlich nach unten. Der sonst so vorlaute und lebhafte Johnny saß mit offenem Mund ganz still und klein neben mir und brachte kein Wort heraus. Mir ging es allerdings nicht viel anders.

Erst als wir mehr oder weniger unten waren, löste sich allmählich dieser Bann.
„Ey großer Bruder, das ist echt super hier.“
„Ja, das ist es, und ich bin sicher, dass ich hier nicht zum letzten Mal war.“
„Hast du nicht immer gesagt, du fährst nicht zwei Mal auf die gleiche Insel?“
„Ach, Johnny, mein Vater sagt immer – und ich glaube, das stammt vom ollen Adenauer: ‚Was gebe ich auf mein dummes Geschwätz von gestern.‘ Verlass dich drauf, hier fahre ich weitaus mehr als einmal hin …“ Das bestätigte sich, wie allgemein bekannt ist.

Wir parkten den Wagen in Chóra Sfakíon und erkundeten erst einmal das Dorf. Nun, es gab nicht viel zu erkunden und so setzen wir uns an die Hafenpromenade und verprassten das uns vom Zahlmeister gewährte Taschengeld. Wir aßen ein göttlich gutes Moussaka, ich trank meinen Wein (Bier war damals einfach zu teuer) und Johnny freute sich an mehreren Flaschen Limonade.
Der Nachmittag war schon ziemlich fortgeschritten und wir machten uns allmählich ein paar Gedanken, wann denn der Rest der Truppe aus der Samariá endlich eintreffen würde.

Plötzlich erregte eine größere Gruppe von Männern in Anzügen, die die Promenade entlang kamen, unsere Aufmerksamkeit, auch deshalb, weil in den umliegenden Lokalen die Einheimischen aufstanden und applaudierten. Vorne weg schritt ein mittelgroßer Mann mit einer kompletten Glatze in selbstbewusster Haltung, der freundlich nach links und rechts grüßte. Dann wanderte er mit seinem Tross zu einer Luxusyacht, die ich schon seit einiger Zeit bewundert hatte. Wenig später legte das Schiff ab …

Natürlich war ich jetzt neugierig geworden und so fragte ich den Kellner, als er eine neue Karaffe Wein brachte, wer der Herr denn sei. Er blickte sich scheu um.
„This was General Pattakos!“
„From the Junta?“
„Yes, but it is better …“
„OK, OK, I understand …“
Während der Kellner sich entfernte, lief das Boot aus der Samaria in den Hafen ein. Wir erkannten unsere Freunde an Deck.
„Na, dann scheint ja alles glatt gegangen zu sein.“

PicturesKJ/_frangokastello.jpgSie waren nur durstig. Nach einer Stunde aufgeregten Geschnatters, jeder wollte mir aus seiner Sicht erzählen, wie toll es gewesen war, bestiegen wir wieder unser Wohnmobil und rollten nach Osten. Wir rollten allerdings sehr gemächlich, denn die Strecke Richtung Frangokástello und Plakiás war damals noch in einem sehr mäßigen Zustand. Von Asphalt keine Spur, und so stiegen am folgenden Tag manche der Jungs auch einfach aus und liefen neben dem Wagen her … aber am folgenden Tag sind wir noch nicht!
Bei Frangokástello parkten wir den Wagen am Strand und warteten dort auf Ernst und Fränz, die am nächsten Vormittag tatsächlich eintrafen. Es lebe die nicht organisierte Organisation, so viel hatten wir von den Kretern inzwischen gelernt.

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Kreta 1971 – Teil 6

Nachdem wir den gesamten nächsten Tag mit Baden und einer ausgedehnten Kochorgie verbracht hatten (na gut, es gab natürlich Nudeln mit irgend etwas darin), brachen wir dann am kommenden Morgen mit drei Autos weiter nach Osten auf. Die Straße erweckte nicht den Eindruck, besser werden zu wollen, und so war es Fränz’ R4, der als erster einen Reifenschaden erlitt. Wenig später plagte sich auch Ernst mit dem gleichen Problem herum, während unser Matador zwar langsam, aber unbeirrt sein geringes „Tempo“ hielt. Erst in den Filmaufnahmen später fiel mir auf, dass die Jungs hinten öfter mal absprangen oder wieder während der Fahrt hinauf krabbelten. Gut, dass ich damals nicht wirklich gemerkt habe, denn ich hätte mich vor der Reaktion ihrer Eltern gefürchtet.

PicturesKJ/_tempo03.jpgMomentan überfiel mich eine andere Sorge, denn ich beobachtete die Tankuhr. Das Tankstellennetz war damals nicht so dicht, vor allem hier im Süden nicht, und ich fürchtete, wir würden in Kürze trocken laufen.
Doch zuerst gab auch einer unserer Reifen sein Dasein auf. Während wir noch am Wechseln waren, kam Fränz vorbei. Und wenig später auch Ernst mit seinem Variant. Glücklicherweise hielt letzterer aber an und leistete uns Gesellschaft … denn als ich nach vollzogenem Reifenwechsel den Wagen wieder anlassen wollte, zeigte dieser wenig Neigung dazu, anzuspringen. Das Benzin war alle. Ich verfluchte mich und die Welt, aber das half jetzt nicht viel. Wir waren irgendwo in der südkretischen „Ödnis“ gestrandet. Zum Glück – ich erwähnte es schon – war ja noch Ernst da, und der fuhr mit unserem leeren – ich Trottel – Benzinkanister weiter, um eine Tankstelle zu suchen. Wir hockten uns gezwungenermaßen in den spärlichen Schatten des Wagens und harrten aus.

Ernst fand im nächsten Dorf tatsächlich eine Tankstelle und brachte uns nach einer geraumen Zeit so viel Sprit im Kanister zurück, dass wir es zu ebenjener Tankstelle schafften. Meine Recherche ergibt, dass es wohl Áno Rodákino war … aber ganz sicher bin ich mir nicht.

PicturesKJ/_tempo06.jpgEgal, nun war der Tank wieder voll und glücklich schaukelten wir weiter ostwärts. Da wir natürlich allesamt einen Reifen flicken lassen mussten, endete die Fahrt gegen Abend in Timbaki, wo sich der örtliche „Voulkanisater“ über unser Kommen freute. Wir hinterließen ihm die drei Reifen und versprachen, sie am nächsten Morgen wieder abzuholen.

Unser Quartier schlugen wir in der Nähe auf, in Kókkinos Pýrgos. Das „Dorf“ machte zwar keinen sehr überzeugenden Eindruck als Ferienort, aber wir wollten eben nicht mehr zu weit fahren.

Zur „Feier des Tages“ kehrten wir wieder mal in einer Taverne ein. Eigentlich feierten wir jeden Tag, den wir auf Kreta sein durften. Und dazu hatten wir auch allen Grund. Wir futterten Spaghetti mit Tomaten und Hackfleisch und griechischen Salat (es gab also zu Feta, Tomaten und Zwiebeln diesmal auch ein paar Gurken). Der Wirt Jannis, der in den folgenden Jahren mein guter Freund werden sollte – aber das wusste ich an diesem Abend noch nicht -, stand lächelnd neben uns, während wir futterten, als sei es das Letzte, was wir im Leben bekommen würden. Ich habe erst ein Jahr drauf mal in seine Küche geschaut …

Hinterher, wie konnte es anders sein, wurden wieder die Gitarren herausgeholt und 16 Stimmen schmetterten griechische und deutsche Lieder (damit wir uns richtig verstehen, der „Westerwald“ oder ähnliches waren nicht dabei!).
Jannis hatte verstanden, dass wir „deutsche Pfadfinder“ waren und versorgte uns reichlich mit Getränken. Längst saß er mit bei uns am Tisch.

Sein etwa 5-jähriger, unendlich dicker Sohn Kostas beobachtete die seltsamen Fremden aus großen braunen Knopfaugen lieber aus der Ferne, sie waren ihm augenscheinlich ein wenig unheimlich. In den Jahren darauf brachte ich Kostas übrigens die ersten Töne auf dem Bousouki bei, heute ist er Profimusiker und beherrscht das Instrument perfekt. Und er hat selbst Kinder, die zu ihrem Glück weniger dick geraten sind.

Als wir uns irgendwann Richtung Strand verabschiedeten, denn wir hatten vorher mal die Gegend ausgekundschaftet und einen Platz mit schattigen Bäumen entdeckt, durften wir nichts bezahlen. Es war mir peinlich, aber Jannis war unerbittlich.

Am nächsten Morgen holten wir nach dem üblichen Frühstück unsere Reifen ab und waren also für die Weiterfahrt gerüstet.
Das nächste Ziel sollte die Lassíthi-Ebene werden (bzw. vorher wieder ein großes Treffen bei Knossós), also ging es wieder gen Norden. Dabei kamen wir durch das Weinbaugebiet rings um Archánes, rechts und links lachten uns die Trauben an. Wir waren aber brave Jungs, wir kamen nicht auf die Idee, einfach welche zu klauen. Als wir an einem Weinberg vorbei kamen, auf dem einige Menschen beschäftigt waren, schickten wir zwei von den Kurzen los.

PicturesKJ/_trauben03.jpg„Fragt mal, ob ihr ein paar Trauben kaufen könnt. Irgendwie werden die euch schon verstehen.“
Ich muss wohl kaum erwähnen, dass wir zwei Blondchen losgeschickt hatten, denn von unseren 6 Pimpfen waren fünf blond. Wenig später kamen sie in Begleitung einer älteren Frau zurück, die zwei prallvolle Plastiktüten mit sich trug. Voll mit herrlichen Trauben … zwei Tage hatten wir genug zu naschen. Wanja griff nach dem Portemonnaie, aber die Frau winkte nur lächelnd ab und wuschelte den beiden Jungs durch das Haar. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was sie dabei sagte, aber klang so ähnlich wie „glykoúli“. Wenn es wirklich das war, was sie gesagt hat …

Wir bedankten uns ausführlich und höflich, denn wir hatten es ehrlich nicht aufs Schnorren abgesehen. Auch wenn man mit wenig Geld unterwegs sein will, sollte man das nicht nötig haben!

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Kreta 1971 – Teil 7

PicturesKJ/_knossos01.jpgWir hatten irgendwo bei Iráklion kampiert und uns für den heutigen Tag Knossós vorgenommen. Man stelle sich diese Ausgrabungen nicht wie heute vor, wo man vor lauter Besuchern nichts mehr von den Steinen sieht. Wir waren fast alleine dort … und doch nicht alleine. Kreta und die Welt sind klein, denn genau zur gleichen Zeit hatten auch andere genau das gleiche Ziel.

Wir trafen eine weitere befreundete Gruppe, von der wir bisher nur annäherungsweise wussten, dass sie auch auf Kreta war. Da der Leiter dieser Gruppe damals neben Wanja mein bester Freund war, lag es eigentlich nahe, dass wir alle gemeinsam den Abend verbringen wollten. Auf der Suche nach einem entsprechenden Ort bemühten wir die Landkarte und einigten uns auf Skaláni, ein Dorf, dass unweit südlich von Knossós im Landesinneren liegt. Ich glaube mich jedenfalls zu erinnern, dass es Skaláni war.

Den Tag verbrachten wir danach erst einmal östlich von Iráklion bei Amnissós am Meer. Am Nachmittag allerdings brachen wir auf.

PicturesKJ/_tempo02.jpgIrgendwie schien es sich erstaunlicherweise herumgesprochen zu haben, denn es waren nicht vier Wagen, sondern sechs, die am Nachmittag auf dem Dorfplatz anrollten. Also über 30 Köpfe. Es gab kein einziges Lokal dort, das so viele Personen fasste. Aber mit dem wohlwollenden Einverständnis der Kreter rekrutierten wir einfach die Tische aus den diversen Kafenía am Platz und bauten damit mitten auf dem Platz ein großes Geviert auf, an dem wir alle Platz fanden. Die Einheimischen fanden Gefallen an den deutschen Pfadfindern, und als die dann auch noch stimmgewaltig die „Kyra Vangelio“ sangen, hatten wir jedes Eis und die Herzen gebrochen. Von allen Seiten wurde Essen und Trinken herbei getragen. Wie wir das am Ende mit dem Bezahlen geregelt bekamen, weiß ich echt nicht mehr, das war die Sache von Wanja. Ich hatte genügend damit zu tun, die Saiten der Gitarre zu traktieren … man stelle sich 30 Leute mit etwa 10 Gitarren vor und kann dann ermessen, dass die Kreter durchaus beeindruckt waren.

Irgendwann in der Nacht kam dann die „Konkurrenz“: Ein LKW fuhr vor und projizierte sein Open-Air-Kino auf eine weiße Hauswand. Nun sangen wir nicht mehr, sondern betrachteten fasziniert eine griechische Schmonzette in schwarz-weiß, von der wir nur so viel verstanden, als dass der Held das Mädchen zum Schluss NICHT bekam. So etwas gibt es vermutlich nur in Griechenland.
Als der Film vorbei war, stand uns auch nicht mehr der Sinn nach Singen. Irgendwie (siehe oben) rechneten wir ab und trugen alle Tische wieder ungefähr dahin zurück, wo wir sie hergeholt hatten. Dann fuhren wir ein paar hundert Meter in den nächsten Olivenhain und pflegten der Nachtruhe.

Die folgenden Tage fehlen in meinem Gedächtnis irgendwie. Ich erinnere mich noch, dass wir auf der Lassíthi waren – und damals gab es all die Windmühlen noch, aber dann klafft ein gewisses Loch.

Als wir Vái angeschaut hatten, wuchs in uns der Gedanke, jetzt mal ein paar Tage komplett in die Einsamkeit zu verschwinden, an einen Ort, an dem uns keiner sah und an dem wir nackt baden konnten. Und wir fanden diesen Ort natürlich: Es war mühsam, ihn zu erreichen und wahrscheinlich waren seitdem nicht viele nach uns dort: In der „Pavian-Bucht“.

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Kreta 1971 – Teil 8

In der „Pavian-Bucht“ … vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt!

PicturesKJ/_pavian07.jpgWir kauften in Palékastro eine größere Menge Lebensmittel ein, denn wir wollten einige Tage fernab jeder Zivilisation verbringen. Ganz ohne die Segnungen der Zivilisation wie Essen und Trinken ging das aber auch wieder nicht …

Und dann fuhren wir an Vái und Ítanos vorbei so weit nach Norden, wie es möglich war. Kurz vor dem militärischen Sperrgebiet wurde alles aus dem Auto geräumt, was nicht niet- und nagelfest war, natürlich auch die nicht ganz leichte Gasflasche und mehrere 50-Literkanister mit Süßwasser, denn solches erwarteten wir nicht, im kargen Osten „wild“ zu finden.

Und dann wanderten wir mit Sack und Pack querfeldein über drei oder vier Hügel, einfach drauf los, in der Hoffnung und Überzeugung, eine hübsche Bucht zu finden. Und wir fanden sie … relativ eng, kristallklares Wasser und grobkieseliger Strand. Also atmeten wir erleichtert tief durch, denn der Marsch war so schwer bepackt durchaus ziemlich anstrengend gewesen. Einige mussten den Weg sogar ein zweites Mal zurücklegen, um die restliche Ausrüstung heran zu schaffen.

PicturesKJ/_Pavian04.jpgUnten in der Bucht gab es keinerlei Schatten, nur ein wenig zurück standen ein paar kleine verkrüppelte Bäumchen, an denen wir wenigstens eine Zeltplane befestigen konnten, unter der wir unsere Küche aufbauten und es uns auch sonst gemütlich machten.
Dann stürzten wir uns aber erst einmal allesamt hüllenlos ins Wasser, denn hier waren wir wirklich allein bis auf eine einsame Ziege, die mit großen Augen dem fremdartigen Treiben zuschaute. Das Wasser war wie erwartet herrlich und die Jungs schnorchelten begeistert um die Felsen herum, die die kleine Bucht rechts und links begrenzten.

Mich hielt es nicht so lange im Wasser, sondern ich wanderte auf den Hügel seitlich der Bucht hinauf, um mich mal für mich ganz alleine in Kreta zu vertiefen. Oben stand ein kleiner Baum, in dessen Schatten ich mich niederließ. Ein Handtuch hatte ich allerdings als Sitzgelegenheit mitgenommen, wer hat schon gerne Ameisen oder ähnliches in der Kimme?
Das Lachen und Jauchzen der anderen war nur noch schwach zu hören. Meine Blicke glitten über die idyllische Bucht und weit auf das unendliche Meer hinaus und ich spürte einen ebenso unendlichen Frieden. So musste sich ein Eremit fühlen. Ich ertappte mich irgendwann dabei, dass ich überhaupt an nichts mehr dachte, sondern nur noch in den heißen Tag hinein träumte. Bis zu jenem Tag hatte ich gedacht, es sei gar nicht möglich, absolut an gar nichts zu denken. Doch an diesem Tag lernte ich, dass es geht.

PicturesKJ/_Pavian01.jpgWanja laute Rufe zerrissen meine Träumereien. Er hatte gekocht. Wie immer war es nicht sonderlich originell, aber es gab sogar Hackfleisch zu den Nudeln („das muss weg, wir haben hier keinen Kühlschrank“) und einen frischen Bauernsalat. Wir spachtelten, was das Zeug hielt. Danach guckten wir die Pimpfe aus, die die eher unangenehme Aufgabe bekamen, Pfanne, Topf und Geschirr im kalten Meerwasser zu reinigen. Aber sie waren findig und stellten fest, dass sich Sand vorzüglich zum Entfernen festgebackener Fettreste eignete. Und so scheuerten sie mit Eifer, Geduld und Ausdauer, denn in dieser Bucht stand die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes still … man hatte alles, nur keine Eile!

Die Minuten, Stunden und Tage tropften langsam dahin. Wir taten nichts außer Baden, Essen und Trinken, Träumen und Musizieren, der Älteste der Jungs wanderte zum Beispiel stundenlang als nackter Faun über die Kiesel des Strandes und spielte Flöte. Und wider Erwarten fühlte sich niemand davon genervt.

PicturesKJ/_Pavian06.jpgIch stieg immer wieder ganz allein zu „meinem“ kleinen Baum hinauf und träumte mich durch den Tag. Aus der Ferne klang leise die Flöte und ansonsten randalierten nur die Zikaden.

Die Tage in der Pavianbucht waren so ziemlich die entspannendsten Tage, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Wie alle jungen Leute liebten wir eigentlich die „action“, aber alle Sehnsucht danach, irgendetwas zu unternehmen, verflogen in dieser gleißenden kretischen Sonne, die ruhig und unbeirrt auf die Bucht schien.

Wenn es uns zu heiß wurde, plantschen wir einfach wieder eine Weile im Meer, ließen uns dann von der Sonne trocknen und sprangen dann wieder ins Wasser.
Am vierten Tag sorgte Wanja mit zwei anderen für Nachschub an Süßwasser und den wichtigsten frischen Lebensmitteln, sodass wir es mehr als eine Woche in der Bucht „aushielten“.

PicturesKJ/_Pavian05.jpgWarum aber tauften wir die Bucht „Pavian-Bucht“? Wir wurde alle immer brauner, nur auf den sonnenentwöhnten weißen mitteleuropäischen Hinterteilen trugen wir alle ab dem zweiten Tag veritable Sonnenbrände davon. Aber sogar daran gewöhnten wir uns, denn ist der Ar…. erst ruiniert, ändert man auch nichts mehr dran. Wir behandelten die Verbrennungen mit reichlich Olivenöl …

Irgendwann wurde uns aber die allerschönste Ruhe zu ruhig und wir beschlossen, unsere Einsamkeit wieder gegen etwas belebtere Gefilde der Insel einzutauschen. Darüber hinaus waren etwa fünf Wochen herum, und wir durften leider das Ende der Sommerferien in Deutschland nicht ganz aus den Augen verlieren …

PicturesKJ/_Pavian03.jpgSo feierten wir noch einmal mit viel Musik einen Abschiedsabend aus der Bucht am Lagerfeuer, das hier sowieso jeden Abend brannte, auch wenn wir täglich immer weiter gehen mussten, um so etwas wie Brennholz zu finden. Am nächsten Morgen räumten wir noch sorgfältig alles zusammen und weg, was an unsere Anwesenheit hier erinnern konnte. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Als wir über den Hügel davon zogen, sah die Bucht haargenau so aus wie vor unserer Ankunft!

Bisher war es uns gelungen, Iráklion eigentlich immer zu umfahren, aber es gab noch eine Pflichtveranstaltung, die Marktstraße hinter der damals einzigen Ampel der Stadt. Sie stand an der Ecke der Durchgangsstraße, an der einerseits die Marktgasse, andererseits die 25 Avgoustou zusammenkommen.

Ein kleines Problem stellte aber auch damals schon die Parkplatzsuche im Zentrum von Iráklion dar, vor allen Dingen mit unserem nicht ganz handlichen Gefährt … in Verbindung damit hatten wir unseren vierten und letzten Kontakt mit der Polizei … und diesmal lachten wir als Letzte.

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Kreta 1971 – Teil 9

Der Straßenverkehr in Iráklion war auch 1971 schon ein ziemliches Chaos. Wie bereits erwähnt, gab es eine einzige Verkehrsampel in der Stadt. Die Platía Elevtherías in der Nähe des Archäologischen Museums war noch ein kompletter Kreisverkehr, über den mehrspurig die Fahrzeuge tobten. Und die Hauptdurchgangsstraße war auch damals schon ständig verstopft.

Aber wer Athen hinter sich hatte, den konnte Iráklion nicht weiter beeindrucken. Nur die Parkplatzsuche gestaltete sich nicht so einfach. Wir waren zwar „Wander“vögel, wollten aber dennoch nicht unbedingt den Wagen in den Außenbezirken der Stadt abstellen.
Ich fuhr ein paar mal im Zentrum „um den Block“ und dann kam endlich das Erfolgserlebnis: Direkt am kleinen Plätzchen zwischen Morosíni-Brunnen und Meer, der Platía Kalérgon am kleinen Stadtpark, war doch tatsächlich ein Plätzchen frei, in dem wir unser Dickschiff auch erfolgreich unterbrachten.

Da gab es dann aber jemanden, der damit überhaupt nicht einverstanden war, nämlich den Besitzer des Andenkenladens, vor dem wir untergekommen waren. Lauf zeternd stürmte er aus dem Laden, als ich den Motor abstellte und bedeutete uns aufgeregt, dass hier „No parking!“ sei. Während Wanja ihn erst einmal freundlich zu beschwichtigen versuchte, inspizierte ich sicherheitshalber die Straße rechts und links und fand dort weder ein entsprechendes Verkehrsschild, noch war etwa die Bürgersteigkante gelb angepinselt, was ja auch auf ein Parkverbot hindeuten konnte. Nichts dergleichen!

Hier war also das Parken definitiv erlaubt. Auch wenn wir sogar ein bisschen Verständnis für den Ladenbesitzer hatten, denn von den Cafés auf der anderen Seite des Plätzchens aus war sein Laden definitiv nicht mehr zu sehen, aber da er uns von vornherein gleich mit der großen Keule kam, sahen wir nicht ein, aus lauter Höflichkeit nachzugeben. Als ich von meinem Kontrollgang zurückkam, erklärte ich dem Mann ebenso freundlich wie bestimmt, ich dächte nicht daran, diesen soeben errungenen legalen Parkplatz freiwillig wieder zu räumen, worauf ihm das Wort „police“ aus dem Mund rutschte. Da kam er bei uns aber gerade richtig an.
Mit der Polizei hatten wir nun schon so häufig zu tun gehabt, dass das seinen Schrecken längst verloren hatte, und außerdem wurde man nach fünf Wochen Kreta sowieso ausgesprochen gelassen.

Wir bedeuteten ihm also, ja, er solle bitte die Polizei rufen, damit diese ihm mitteilen könne, dass er uns zu Unrecht von diesem schönsten aller Parkplätze vertreiben wollte. Wir würden auch gerne so lange warten. Also eilte er um die Ecke und kehrte schon wenige Minuten später mit einem Uniformierten zurück, den er sich dort offensichtlich für alle Fälle schon bereit gestellt hatte. Der Polizist ging mit hochamtlicher Miene um unseren Wagen herum und inspizierte ihn ausführlich von allen Seiten. Dann wandte er sich an uns. Fast rechneten wir damit, dass er „No Parking here“ sagen würde, denn er schien ein Kumpel des Ladenbesitzers zu sein. Er enttäuschte uns nicht: „It is forbidden, to let the car here at this place?“

Wir baten ihn höflich um eine nähere Begründung. Wir forderten ihn ebenso höflich auf, uns ein Schild zu zeigen, dass das Parken verbiete. Und so weiter, das volle Programm …
Er schien aber eine tibetanische Gebetsmühle verschluckt zu haben und wies uns immer wieder ohne jede Begründung darauf hin, das Parken an dieser Stelle sei nun mal verboten. Er hatte aber die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Als er sich allmählich darüber klar wurde, griff er zu einer ansonsten wahrscheinlich erfolgreichen Drohgebärde. Er zog einen Notizblock aus der Brusttasche und begann, sich unsere Autonummer zu notieren … und nun war er bei Wanja endgültig an der richtigen Adresse.

Dieser griff in unser Handschuhfach und holte seinerseits dort Stift und Papier heraus, stellte sich neben den Beamten und griff mit spitzen Fingern nach der metallenen Dienstnummer, die jener am Oberrand des Hemdärmels trug. Dann notierte er sich die Dienstnummer. Der Polizist starrte ihn ungläubig an, als sei er ein Wesen von einem anderen Stern, dann zuckte er die Schultern, steckte den Block ein und … ging seiner Wege.

Ich winkte dem Ladenbesitzer ein wenig spöttisch zu, dann wanderten wir ebenfalls davon, ohne uns noch einmal umzudrehen. Wir gingen die Straße des 25. August hinunter, um die Fährtickets für uns zu erstehen. Die Knaben waren längst durch die Stadt ausgeschwärmt, wir hatten die Parole ausgegeben, uns um 16 Uhr wieder am Auto zu treffen (welches wir natürlich unversehrt am gleichen Platz wieder vorfanden). Wir tranken in aller Ruhe gegenüber einen Kaffee und amüsierten uns unauffällig über die wütenden Blicke, die der immer noch nicht beruhigte Ladenbesitzer von Zeit zu Zeit hinüber warf.

Dann machten wir uns allmählich zum Hafen auf, nicht ohne uns freundlich von dem Ladenbesitzer zu verabschieden: „Thank you very much, see you next year!“ Er schien erleichtert zu sein, dass wir nun für ein ganzes Jahr nicht mehr vor seinem Geschäft parken würden …

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Kreta 1971 – Teil 10

Abschied von Kreta
Am Hafen machen wir uns reisefein. Allerdings sahen Wanja und ich „obenrum“ nach diesen Wochen ziemlich verwegen aus, da wir uns während der ganzen Zeit nicht einmal rasiert hatten.

PicturesKJ/_ich01.jpgWir fuhren extra ziemlich früh zum Schiff, weil je eher man an Bord ging, desto später musste man nächsten Morgen wieder beim Auto sein, wie uns andere Reisende verraten hatten. Erstens konnte man so etwas länger schlafen und dann in aller Ruhe beim Anlegemanöver zuschauen. Zudem waren so früh die besten Schlafplätze an Deck noch frei. Wir wählten diesmal das noch völlig menschenleere Vorderdeck.

Warum dieses so leer und dass unsere Wahl nicht die optimale war, erfuhren wir erst viel später in der Nacht.
Wir breiteten also unsere Schlafsäcke aus und beschwerten sie mit Rucksäcken, weil wir nicht riskieren wollten, dass der Wind sie fort trug.

Dann genossen wir das bunte Treiben auf der Mole. LKW um LKW fuhr in den Bauch des Schiffes, die meisten davon rückwärts, vermutlich hatten sie am nächsten Morgen dann weniger Rangierarbeit und LKW-Fahrer haben es im Gegensatz zu fahrenden Gesellen wie uns ja immer eilig.

Die Stunde des Ablegens nahte und mit jeder Minute wuchs der Abschiedsschmerz. Aber es sind ja immer die schönsten Zeiten, die zu früh zu Ende gehen, wie ich anderweitig schon schrieb.

PicturesKJ/_Schiff02.jpgAls die Besatzung dann pünktlich und unter ohrenbetäubendem Tuten die Leinen los warf und das Schiff sich langsam vom Kai entfernte, ging in diesem Moment symbolträchtig die Sonne hinter dem Gebirge im Westen unter. Wanja, der neben mir an der Reling lehnte, und ich schauten uns an und wir mussten beide wohl Staubkörner in den Augen haben …
Dann sagte er zu mir: „Ich habe noch ein bisschen privates Geld, nicht aus der Kasse, das hauen wir jetzt auf den Kopf.“

Ich hatte nichts dagegen, denn wenn schon der erste Abend mit einer Ouzosause begonnen hatte, so durfte das auch der letzte Abend tun. Allerdings nahm ich mir vor, nur beim Ouzo zu bleiben und nicht wieder zu mischen.

Wie so oft, begann der Abend erst einmal ganz harmlos. Während die Jungs das ganze Schiff unsicher machten (aber sie waren auch alt genug, um nicht über Bord zu fallen), betraten wir die Bar der zweiten und dritten Klasse und bestellten uns zwei kleine Ouzo. Als wir jeder drei Stück getrunken hatten, wurde uns das Prozedere zu umständlich und wir bestellten der Einfachheit halber eine ganze 0,7 l Flasche.

Da wir zur „Feier“ des Tages in Iráklion alle zusammen Gyros-Pitta gespachtelt und zwar bis „zum Abwinken“ (jeder durfte so viel von den ziemlich fettigen Fladen essen, wie er wollte), hatten wir offensichtlich für eine gute Grundlage gesorgt. Zwischendurch kam immer wieder mal einer oder mehrere der Jungs vorbei und den älteren unter ihnen gaben wir durchaus auch Mal ein kleines Gläschen ab.

Als die Flasche leer war, schauten wir uns fast erstaunt an. Unsere Traurigkeit war inzwischen fast gänzlich einer gewissen Aufgekratzheit gewichen, aber betrunken fühlten wir uns eigentlich kaum bis überhaupt nicht. Also orderten wir eine zweite Flasche.
Der Barkeeper zog nur kurz eine Augenbraue hoch, servierte dann die Flasche aber umgehend und nahm sogar dankend an, als wir ihm auch ein Glas anboten. Und so leerten wir gemächlich die zweite Flasche und wurden immer lustiger. Allerdings bin ich sicher, dass wir uns nicht daneben benahmen.

Als wir dann aber noch eine weitere Flasche haben wollten, lehnte der Barmann sehr höflich, aber doch entschieden ab. Wir seien zwar „very nice people“, aber ob wir denn nicht der Meinung seien, dass es vielleicht besser sei, den Abend allmählich zu beenden? Wir waren zwar nicht seiner Ansicht, da er aber so freundlich und höflich war, wollten wir keinesfalls mit ihm streiten. Also beglichen wir die Rechnung und gaben ihm ein anständiges Trinkgeld, es ging ja aus Wanjas Privatschatulle und nicht aus der Gruppenkasse. Dann verließen wir zwar etwas enttäuscht, aber mit Würde die Bar.

Auf dem Weg zum Oberdeck kamen wir aber an einer anderen Bar vorbei und Wanja meinte spontan: „Wenn wir schon unten nichts mehr kriegen, dann trinken wir eben hier noch einen!“ Ich widersprach nicht, also traten wir ein.
Diese Bar sah wesentlich vornehmer aus als die andere, doch das focht uns wenig an. Wir setzten uns an den Tresen und bestellten zwei Ouzo, denn eine weitere Flasche wäre wohl tatsächlich des Guten zu viel gewesen.

Der Barmann bedachte uns mit einem indignierten Blick (erwähnte ich unsere Bärte schon?). Dann informierte er uns ebenso höflich, aber auch ebenso bestimmt wie sein Kollege ein Deck tiefer, dass wir uns hier in der Bar der ersten Klasse befanden und dort gebe es keinen Ouzo, sondern nur Whisky oder Ähnliches. Also änderte Wanja die Bestellung kurzerhand in zwei Whisky. Leider wurde auch dieser Wunsch abschlägig beschieden, mit der immer noch sehr höflich wiederholten Begründung, dies sei wie gesagt die erste Klasse und wir sähen – „sorry Sirs“ – nicht so aus, als wenn wir Passagiere ebendieser Klasse wären.

Es schien also nichts zu machen sein. Gut erzogen, wie wir nun einmal waren, erhoben wir uns und verließen ohne Aufsehen das Etablissement. Vor der Tür blieb Wanja allerdings stehen. „Wenn der glaubt, nur weil der uns so höflich abwimmelt, lassen wir uns auch einfach abwimmeln, irrt er sich. Komm mit, ich habe da eine blendende Idee!“
Wir kehrten also wieder in die Bar zurück. Wanja ging schnurstracks auf einen würdigen älteren Herren zu, der allein an einem der Tische im Sessel saß, und erklärte diesem in seinem schauerlichen Pidgingemisch aus Griechisch und Englisch, wir seien deutsche Pfadfinder, die noch einen kleinen Schlummertrunk zu sich nehmen wollten, ihn aber nicht bekämen, weil wir keine Passagiere der ersten Klasse seien. Ob er uns denn nicht zwei Whisky bestellen könnte, denn er sei ja offensichtlich im Gegensatz zu uns hier richtig. Wir würden selbstverständlich unsere Getränke auch selber bezahlen …

Und nun bewahrheitete sich der alte Spruch, dass die Wege des Herrn unergründlich sind und das Leben immer Überraschungen bereithält.
Der weißhaarige Mann lächelte fast gütig und erwiderte, es sei ihm selbstverständlich ein Vergnügen, zwei deutsche Pfadfinder einzuladen … und dann stellte er sich als der oberste Führer aller griechischen Pfadfinder vor … wir waren baff. Der Herr ließ uns kaum Zeit, unserer Verblüffung Ausdruck zu geben und winkte ebenjenem Kellner zu, der uns soeben aus der Bar komplimentiert hatte. Als dieser an den Tisch kam und uns erneut erblickte, schaute er uns wieder wie zwei fremdartige Insekten an. Unser freundlicher Gastgeber bestellte die Getränke. Da er ziemlich schnell sprach, verstanden wir das meiste nicht, was er dem Kellner sagte, aber zwei Mal waren die Worte „Jermani proskopi“ herauszuhören. Der Kellner lächelte, nickte, eilte davon und kehrte wenig später mit … vier Gläsern Whisky zurück. Er stellte je zwei vor uns hin, wobei er uns bedeutete, dass es ihm leid täte und dass deshalb die beiden zusätzlichen Gläser auf seine Kappe gingen. Inzwischen hatten sich noch zwei andere Herren an unseren Tisch gesellt. Als auch sie mit Getränken versorgt waren, tranken wir darauf, dass deutsche Pfadfinder als Gäste in Griechenland sehr willkommen seien. Wir gaben die entsprechenden Höflichkeiten zurück. Dieser Whisky brachte für Wanja das Fass aber offensichtlich zum Überlaufen.

„Signomi!“
Er sprang auf und eilte aus der Bar. Er schloss die Tür nach draußen nicht, sodass ich – aber nur ich – sehen konnte, wie er sich über die Reling beugte und das fröhliche Ouzo-Gelage wieder rückgängig machte. Er kam nicht wieder zurück. So saß ich da mit drei älteren griechischen Herren und drei (!) Gläsern Whisky, die ich natürlich aus Höflichkeit jetzt alle alleine vernichten musste.

Ich blieb noch fast eine Stunde sitzen, während die drei eine sehr kritische Diskussion über die amtierenden Machthaber um den Obristen Papadopoulos und dem mir schon begegneten General Pattakos begannen. Sie taten das vermutlich aus Höflichkeit mir gegenüber auf Englisch. Da der Whisky aber auch bei mir allmählich Wirkung zeigte, beschränkten sich meine Wortbeiträge auf die ständige Wiederholung der Mitteilung, dass sie froh sein könnten, dass sie außer mir niemand höre. Sie lachten dann jedes Mal.

Nach besagter Stunde hatte ich dem Whiskys tapfer den Garaus gemacht und lehnte nun meinerseits ebenso höflich wie bestimmt jeden Nachschlag ab. Ich begründete dies damit, dass ich am nächsten Morgen fahren müsse und bedankte mich noch einmal herzlich für die genossene Gastfreundschaft. Dann verließ ich die Runde, um mich zu meinem Schlafsack zu begeben.

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