Kreta 1971 – Teil 11

Als ich das Oberdeck erreichte, bemerkte ich, dass der Wind stark aufgefrischt hatte. Besonders auf dem ungeschützten Vorderdeck blies er wie Hechtsuppe. So wunderte ich mich nicht, keinen unserer Jungs dort noch vorzufinden, sie hatten sich ein windgeschützteres Plätzchen gesucht. Nur ein einsames Schlafsackbündel lag dort noch und wurde vom Wind gebeutelt. Es war Wanja, dem es wohl zu mühsam gewesen war, sich von hier noch einmal fortzubewegen.

Aber wo war mein Schlafsack? Der Rucksack lag noch da, doch der Schlafsack war einfach weg! War er etwa über Bord geweht worden? Ich erschrak zutiefst, doch dann entdeckte ich ihn. Etwa zwanzig Meter von mir entfernt flatterte er wie eine Fahne im Wind. Tatsächlich war er vom Wind fort getragen worden, aber glücklicherweise war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich an der Reling festzuhalten, d. h. er hatte sich um einen Pfosten gewickelt und dort „festgeklammert“. Glücklich sammelte ich den verlorenen Sohn wieder ein, trug ihn an seinen alten Platz zurück – der Wind war mir jetzt auch egal – und rollte mich tief in den Schlafsack (nicht ohne säuberlich vorher meine gestern in Iráklion erstandenen Riemchensandalen neben dem Schlafsack abzustellen – auch das erwies sich später als Fehler!).

Ich hatte es mir erst seit etwa zehn Minuten „gemütlich“ gemacht, als plötzlich nicht nur der Wind an mir rüttelte, sondern zu allem Überfluss auch noch Wanja. Er saß aufrecht neben mir in seinem Schlafsack und zeigte aufgeregt auf das Meer hinaus:
„Guck mal schnell, da drüben ist Land. Siehst du die Lichter?“
Ich steckte nur gerade mal die Nase aus dem Schlafsack.
„Wanja, du spinnst. Wir sind etwa auf halber Strecke zwischen Kreta und Piräus, wo sollen wir denn da so nah an Land vorbeikommen. Das ist bestimmt ein Schiff, vielleicht die Gegenfähre!“
„Ach so, bloß ein Schiff …“
Er ließ sich enttäuscht nach hinten sinken und wickelte sich wieder ein. Doch es dauerte nur Sekunden, dann ging es erneut los: Rüttel rüttel …
„Schau mal, da drüben sind ganz viele Lichter. Da ist eine Insel …“
„Ach Wanja, lass mich pennen. Da ist keine Insel … und wenn da eine wäre, warum sollte die um diese Zeit so festlich beleuchtet sein? Das ist ein Schiihiif.“
„Ach so, ein Schiff …“

Er sprang, kletterte auf die Reling (es ging dahinter nicht gleich bis unten ins Meer, sondern er wäre nur im Falle des „Falles“ ein Deck tiefer aufgetitscht). Er zog das Hemd aus und begann heftig, damit zum anderen Schiff hinüber zu winken.
„Wanja, jetzt ist es aber gut. Meinst du etwa, dich sieht einer auf die Entfernung? Und außerdem ist es stockdunkel hier. Roll dich wieder in den Schlafsack, bevor du dich erkältest oder es dich von der Reling weht.“
Erstaunlicherweise leistete er der Aufforderung ohne weitere Einwände Folge. Er hatte übrigens auf Kreta die gleichen Sandalen wie ich gekauft. Auch er platzierte sie nun säuberlich neben seinen Schlafsack.
Die Nacht verging ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle, wenn man denn ignorieren konnte, dass der Wind keineswegs nachließ …

Als es dämmerte, ließ der Kapitän wieder das Horn des Schiffes aufbrüllen – tatsächlich, wir liefen bereits langsam auf die äußere Hafenbegrenzung von Piräus zu.
Wir steckten beide unseren Kopf aus dem Schlafsack und sahen uns schlaftrunken um. Als ich nach meinen Sandalen tastete, griffen meine Hände ins Leere. Die Sandalen waren spurlos verschwunden. Ich hatte meine Rechnung wohl ohne den Wind gemacht.
„Wanja, sind deine Sandalen noch da?“
Er suchte, fand aber nur noch einen Schuh.
„Wahrscheinlich ist der andere vom Wind weggeweht worden. Meine sind übrigens gleich beide weg! Mist …“
Wanja bekam einen mittleren Wutanfall. Er sprang auf.
„So ein …, die waren noch ganz neu! Dann brauche ich den anderen ja auch nicht mehr.“
Er lief zur Reling hinüber und warf die Sandale mit einer ausholenden Bewegung weit hinaus in die schäumende Ägäis.

Muss ich eigentlich erwähnen, was ich zehn Minuten später ein Deck tiefer wiederfand? … Drei Sandalen!
Ich tröstete Wanja: „Wir kaufen dir in der Pláka (die Athener Altstadt) eine neue … wenn man die einzeln kriegt.“
Da Wanja Athen ein wenig besser kannte als ich vom einmaligen Durchfahren, lotste er uns auf kürzestem Weg von Piräus in die schmalen Gassen der Altstadt. Da ich vermutlich noch nicht wieder ganz nüchtern war, war die Kurbelei – einmal musste ich dreißig Meter zurücksetzen, weil uns ein größerer Wagen entgegen kam – etwas ermüdend. Und plötzlich fiel mir etwas auf.
„Wanja, kann es sein, dass wir jetzt schon das vierte Mal zu diesem Platz hier kommen? Fahren wir ständig im Kreis?“
„Ja, das tun wir. Erstens wollte ich mal sehen, wie du heute Morgen mit der Karre in diesen Gassen zurecht kommst, und zweitens … hast du bisher irgendwo einen Parkplatz gesehen? Wir wollten doch eine neue Sandale für mich kaufen …“
Mir blieb der Mund offen stehen. Natürlich wollten wir die Sandale kaufen und wir wollten auch auf den berühmten Flohmarkt, aber dafür musste er mich doch nicht wie einen Blöden durch die Gassen scheuchen!
„Sprüche kannst du ja schon wieder machen … du Armleuchter!“
„Sie Armleuchter, so viel Zeit muss sein, und … ich sehe was, was du nicht siehst, nämlich einen Parkplatz. Da vorne an dem kleinen Park.“

Na endlich! Wir parkten und verzurrten die Plane, um dann erst mal Kaffee und ein paar süße Gebäckstückchen im Imbiss gegenüber zu uns zu nehmen. Das hatte auch einen taktischen Grund, denn so konnten wir danach den Besitzer bitten, ein Auge auf unser Auto zu haben, während wir einkaufen gingen. Dieser versprach es uns, bedeutete uns aber auch, wir sollten uns mal keine Sorgen machen, in Griechenland käme schon nichts weg (was sich zumindest in diesem Jahr und auch in den folgenden bestätigte).

Wir gaben uns Mühe … aber wir fanden natürlich in der ganzen Pláka keine einzelne Sandale, so viele Läden wir auch frequentierten, wo diese aber nur paarweise verkauft wurden. Irgendwann kauften wir ein komplettes Paar und so hatte Wanja nun eine Ersatzsandale zum Wechseln.

PicturesKJ/_tempo01.jpgAm frühen Nachmittag kehrten wir zum Wagen zurück, denn wir wollten nun aufbrechen. Etwa 2.800 Kilometer lagen schließlich noch vor uns, die wir wie auf dem Hinweg größtenteils nonstop zurücklegen wollten. Es gab noch eine Gýros-Pítta auf die Hand für unterwegs aus dem gleichen Imbiss und so gestärkt rollten wir bald nach Norden.

Die letzte Nacht in Griechenland verbrachten wir auf der gleichen Wiese wie die erste … nur ohne größere alkoholische Exzesse. Selbst zum Singen hatten wir nicht die richtige Lust. So saßen wir alle nur um unser letztes Lagerfeuer und tranken ein wenig Wein. Wir sprachen wenig, sondern lauschten gemeinsam dem für uns letzten Rauschen des ägäischen Meeres für dieses Jahr.

Kreta 1971 – Teil 12

Der nächste Morgen traf uns schon früh auf der Piste an. Diesmal hatte Wanja die erste Schicht übernommen. Unterwegs sammelten wir noch zwei deutsche Anhalter aus München ein, die natürlich hocherfreut waren, fast die ganze Strecke in einem Rutsch hinter sich bringen zu können.

Die Grenzkontrollen in Evzóni erlebte ich diesmal wach mit, es verlief alles problemlos: Wanja und ich gingen mit dem ganzen Stapel Ausweise nach drinnen, diese wurden ohne große Kontrolle abgestempelt, die Anzahl der Pässe wurden nicht einmal mit der Anzahl der Reisenden verglichen, denn wenn man Griechenland verließ (und nicht gerade vorher aus der Türkei gekommen war), interessierte sich die griechische Polizei nur noch bedingt für einen. Griechen wurden damals bei der Ein- und der Ausreise weitaus penibler und sorgfältiger kontrolliert als Ausländer!

Der einzige, der einen längeren Blick in Wanjas Pass warf, war der Kollege vom griechischen Zoll, denn er musste ja die Wiederausfuhr des Fahrzeugs im Pass bestätigen.
Dann waren wir entlassen. Die jugoslawischen Beamten ein Stückchen weiter in Gevgelija interessierten sich noch weniger für uns, denn wir waren ja nur Durchreisende. Auch hier störte sich niemand daran, dass wir mit zehn Personen unterwegs waren.

Die Strecke durch Jugoslawien zog und zog sich. Es war schon ziemlich Nachmittag, als wir endlich Belgrad erreichten. Ich übernahm wieder das Lenkrad. Um den von der Hinfahrt hinlänglich bekannten nicht ungefährlichen Verkehr auf dem Autoput und später auch die drei erwähnten Alpenpässe zu umgehen, entschlossen wir uns, die weitaus weniger befahrene Nebenstrecke nördlich des Put Richtung Maribor zu nehmen. Wir würden zwar langsamer vorankommen, da man auf dieser Strecke durch zahlreiche Ortschaften fahren musste, aber vor allen Dingen in der Nacht, die vor uns lag, würden wir kaum Verkehr haben. Also würde sich der Zeitverlust in Grenzen halten und es pressierte uns auch nicht.

Es war schon einige Stunden später und stockdunkel, als wir plötzliche alle Hinweisschilder an der Straße vermissten. Außerdem wurde sie irgendwie immer schmaler und wies auch keinerlei selbstleuchtende Begrenzungen auf. Waren wir etwa falsch abgebogen und hatten uns verfahren?
„Egal,“ meinte Wanja, „fahr erst mal immer geradeaus weiter, irgendwo kommen wir schon raus! Und irgendwo wird es dann wieder ein Ortsschild geben, dass wir lesen und auf der Karte finden können.“
„Hoffen wir das Beste!“
Da die Straße vollkommen leer war und ziemlich ohne Kurven verlief, kamen wir recht flott voran. Dann entdeckte ich einige hundert Meter voraus ein Licht.
„Wenn das jetzt eine Tankstelle oder eine Kneipe wäre, könnte man vielleicht mal fragen.“
„Ich glaube nicht, dass das ein Gebäude ist. Siehst du nicht die roten Lampen? Das ist vermutlich ein stehendes Auto. Vielleicht Polizei …“
„Das wäre mal was Neues. Hier in Jugoslawien hatten wir das Vergnügen ja noch nicht!“

In der Zwischenzeit waren wir nahe genug dran, um zu erkennen, dass es sich um einen PKW handelte, der am rechten Straßenrand stand.
„Das ist keine Polizei, die hätten schon lange die Kelle draußen … fahr also zügig vorbei!“
Also gab ich wieder etwas mehr Gas und lenkte den Wagen auf die linke Straßenseite.
Doch plötzlich lief mir irgendetwas kalt über den Rücken. Es war, als wolle mich irgend wer oder irgend etwas vor einer drohenden Gefahr warnen.

An einen Überfall dachten wir wohl beide nicht, aber ich spürte etwas anderes in der Luft, was mir Angst machte.
„Wanja, verdammt, da stimmt etwas nicht. Ich weiß nicht was, aber ich habe ein Scheißgefühl!“
Ich nahm das Gas weg und bremste den Wagen herunter. Gleichzeitig knipste ich das Fernlicht an, um besser zu sehen. Langsam und sehr vorsichtig pirschten wir uns an dem haltenden Wagen vorbei, wobei Wanja feststellte, dass offensichtlich niemand darin saß. Ich schaute nur angespannt nach vorne.
Und dann war er da, der Moment des großen Schrecks. Ich trat mit aller Macht auf die Bremse. Als der Wagen zum Stehen gekommen war, schauten wir beide einen Moment durch die Frontscheibe und wir wollten nicht glauben, was wir sahen: Die Straße endete unvermittelt und ohne jede Warnung in einem riesigen Loch, von dem wir im Licht der Scheinwerfer nur erkennen konnten, dass es etwa die Ausmaße einer Kiesgrube haben musste.

„Mein Gott, hättest du nicht doch gebremst … dann wären wir jetzt alle tot.“
„Na, besser jetzt, als auf der Hinfahrt …“
Es sei versichert, dass dies ein dummer Spruch ohne echten Hintergrund und sicherlich durch den Schock ausgelöst worden war.
Einige der Jungs hinten waren durch die Vollbremsung wach geworden, ein paar fragende Rufe waren zu hören.
„Alles in Ordnung, schlaft weiter!“

Wanja stieg aus und leuchtete mit der Taschenlampe umher. Dabei stellte er nicht nur fest, dass es vor uns scheinbar bodenlos in die Tiefe ging, sondern er entdeckte nur wenige Meter vor dem steil abfallenden Hang einen schmalen Feldweg, der rechts ein Stück hinunter und dann um die Grube herum führte. Wir diskutierten nur kurz, ob wie diesen Weg einfach auszuprobieren oder lieber umkehren wollten. Wir entschlossen uns für Ersteres, denn der Schreck ebbte langsam wieder ein wenig ab.

Vorsichtig lenkte ich den Wagen den dunklen Weg hinunter. Er war erstaunlich gut befahrbar, vermutlich machten es die ortskundigen Einheimischen genauso. Und dass es keinerlei Warnschilder gegeben hatte, erklärten wir uns allmählich damit, dass wir uns wirklich verfahren haben mussten, und dass hier vermutlich niemals andere als Ortskundige entlang fuhren.
Beim Umfahren der Grube wurde uns erst richtig deutlich, wie groß diese wirklich war. Wanja hatte Recht gehabt: Wenn wir diese Grube im freien Flug kennen gelernt hätten, wäre das für alle das Ende gewesen. Und mit ziemlicher Sicherheit nicht nur das Ende dieser Fahrt.

Wir fanden tatsächlich im Dunkeln eine andere Straße, die auch Beschilderungen aufwies. Wir hatten uns um einige 20 Kilometer verfahren.
Wir redeten kaum, denn wir dachten wohl beide über die verdammte Verantwortung nach, die wir mit uns schleppten, und der wir mit Glück und Instinkt gerade noch mal gerecht geworden waren. Plötzlich wurde uns erst so richtig bewusst, was es bedeutet, in einem fremden Land weitab von zu Haus für die Kinder anderer Leute verantwortlich (gewesen) zu sein. Aber es war ja diesmal gerade noch mal gut gegangen. Und wir würden es jetzt auch alle gesund nach Hause schaffen. Nur beinahe hätten diese schönen Tage in einer Katastrophe geendet …

Erst eine halbe Stunde später versuchte Wanja einen Scherz, über den wir beide aber nur ein wenig gezwungen lachen konnten: „Das war bestimmt eine Touristenfalle. Früher lockten doch die Fischer gerne Schiffe mit falschen Leuchtfeuern auf die Klippen, um sie auszuplündern … hier lockt man Autos in Kiesgruben …“

Die jugoslawisch-österreichische Grenze passierten wir gegen drei Uhr nachts ohne dass die Jungs auf der Ladefläche wach wurden. Beide Seiten zeigten nur sehr mäßiges Interesse an uns. Wir fuhren über Bruck und Leoben quer durch Österreich, wobei wir auf dieser Strecke alle wirklichen Pässe vermieden (ich habe zukünftig immer diese Strecke genommen – natürlich aber nicht durch die Kiesgrube).

Der Morgen war schon ziemlich fortgeschritten, als wir Salzburg passierten. Der nächste und letzte Grenzübertritt war nicht mehr fern.
Wanja saß wieder am Steuer und ich hatte mich zu einem Nickerchen nach hinten verzogen. Und dann passte er leider nicht auf. Wir hatten nämlich vorgehabt, auf dem letzten Parkplatz vor der deutschen Grenze unser Auto wieder der deutschen Straßenverkehrsordnung anzupassen und außerdem wenigstens die beiden Tramper zu Fuß über die Grenze zu schicken.
Wir verpassten den Parkplatz, auch der österreichische Grenzposten war irgendwie nicht besetzt und mir nichts dir nichts standen wir mitten im deutschen Zoll.

Ich erwachte durch einen erregten Wortwechsel zwischen Wanja und den Grenzbeamten.
Natürlich wurde alles beanstandet. Das Fahrzeug sei überladen – lächerlich, Wanja hob den Kleinsten hoch und fragte die Zöllner rhetorisch, ob der denn vielleicht eine Tonne wiege –, dann beförderten wir zu viele Personen – na ja, das stimmte – langer Rede kurzer Sinn, trotz aller Streitereien und aus Griechenland übernommener Argumentationsversuchen ließ man uns hier tatsächlich nicht nach Deutschland hinein. Wir waren kurzfristig ausgebürgert. Deutschen Polizisten gegenüber konnte man offensichtlich keine griechischen Methoden anwenden.

Wir setzten also die beiden Münchner ab, räumten das Gepäck nach hinten und setzten uns wieder gesittet und vorschriftsmäßig auf die vorgesehenen Bänke, erst dann ließ man uns überhaupt (!) wieder weiterfahren … leider aber nur in die falsche Richtung, zurück nach Österreich.
So richtig Sorgen bereitete uns dies allerdings nicht, nach dem überstandenen Schrecken der vergangenen Nacht war dieses Problem ein winziges – es gab schließlich noch andere Grenzübergänge.
Wir entschieden uns für den „Nahverkehr-Grenzübergang“ an einer Landstraße unweit Salzburgs.

Und das war auch schon wieder unklug gewesen. Die deutschen Grenzer betrachteten den Wagen mit dem fernen Kennzeichen argwöhnisch und fragten als Erstes, wo wir denn her kämen. Als sie die Antwort „Griechenland“ vernahmen, wurden sie noch misstrauischer. Warum wir denn aus Griechenland kommend nicht den Grenzübergang an der Autobahn benutzten (sie vermuteten vermutlich, wir wollten irgendetwas schmuggeln).
Die schnell vorgebrachte Ausrede, wir hätten in Salzburg übernachtet und das sei hier der kürzeste Weg, zog leider nicht: Wir waren ihnen einfach suspekt.

Zuerst hieß es, alle Rucksäcke auszuladen. Dann krabbelten zwei Beamte auf die Ladefläche und durchwühlten wirklich alles bis auf den letzten Winkel.
Lustige Zurufe wie „wenn Sie bei der Gelegenheit meine Zahnbürste finden, wäre ich Ihnen dankbar“ oder „Vorsicht, in der Tüte sind nur meine Stinksocken“ ignorierten sie hoheitsvoll. Erst, als einer der beiden versehentlich voll in den Kochtopf griff, in dem sich noch reichlich Reste gestern verzehrter Spaghetti mit Tomatensauce befanden – das Spülen hatte sich nicht mehr gelohnt –, da fluchte er doch auf kräftig bayrisch vor sich hin:“Herrgottssakra noch eimo …“ (oder so ähnlich).

Die Visitation des Autos wurde daraufhin abgebrochen, dafür mussten wir sämtliche Rucksäcke in die Wache hineintragen und sie bis auf das letzte Taschentuch auspacken.
Gefundene Wein- oder Schnapsflaschen und Zigaretten stellten bzw. legten die Zöllner wie Trophäen auf den Tresen. Als sie dann aber letztendlich die Flaschen und uns durchzählten, wobei nur die Älteren als volle Personen gerechnet wurden, stellten sie bedauernd fest, dass die ganze Aktion ein absoluter Schuss in den Ofen war. Wir hatten keinen Tropfen zu viel dabei … und auch keine einzige Zigarette. Damals im ersten Jahr hatten wir uns noch nicht so recht getraut.
„Verdammt, da können wir nix mochn,“ zischte einer der Zöllner seinen Kollegen zu.
Und an uns gewandt: „Nu haut’s scho ab! Seht’s zua, dös ihr Land g’winnt.“
Wir ließen uns das nicht zwei Mal sagen.

Deutschland hatte uns wieder. Wenn wir das nicht vorher gewusst hätten, hätten uns die Erlebnisse an dieser letzten Grenze endgültig überzeugt! Es war unwiderruflich vorbei … gegen Abend kamen wir wieder an der Burg an, wo schon einige erleichterte Eltern auf uns warteten – wir hatten von unterwegs ein paar Telefonate geführt – und ihre braun gebrannten, leicht schmuddeligen und müden, aber gesunden und erholten Söhne wieder in die Arme schließen duften. Niemand außer Wanja und mir wusste an diesem Tag, dass es um ein Haar nicht zu diesem Wiedersehen gekommen wäre …

PicturesKJ/_sandlilie.jpgAls wieder Ruhe auf Burg Hohlenfels eingekehrt war, tranken Wanja und ich genussvoll unser erstes Bier seit fast sechs Wochen. Auf Kreta hatten wir uns diesen damals noch sehr kostspieligen Luxus nicht gegönnt …

Dazu hörten wir noch einmal die beiden Langspielplatten, eine mit kretischer Musik, eine mit Bousoúki, die Wanja am letzten Tag in Iráklion gekauft hatte … und wir träumten uns noch einmal zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Und dachten nur noch an die schönen Momente.

Aber die Fahrt und der Bericht sind zu Ende …

Vái

PicturesOG/vai1_gwg2.jpgDer Palmenhain von Vái im äußersten Osten Kretas zählt zu den bekanntesten und am meisten fotografisch abgebildeten Plätzen der Insel. Der Legende nach wurde dieser Palmenhain unabsichtlich von arabischen Seeräubern angelegt, die hier auf Kreta anlegten, Datteln kauten und die Kerne in den Sand spuckten, wo sie wurzelten und zu Bäumen wurden. Mehr als eine Legende ist diese Geschichte aber nicht, denn Botaniker bezeichnen diese Art der Dattelpalme nicht als Importgewächs, sondern als einheimische und nur auf Kreta vorkommende Pflanze. Oder sollten auch an der Mündung des Megalopotamós arabische Seeräuber gelandet sein? Das zumindest wäre eine neue Entdeckung!

Der Palmenstrand von Vái ist jedenfalls ein sehr hübsches Fleckchen Erde, dessen Entdeckung durch die ersten Rucksackler schon schnell viel fahrendes Volk anzog (mich selbst 1971 das erste Mal, und ich war begeistert!). Der Strand und auch der Palmenhain von Vái verdreckten leider durch viele wilde Camper und Strandschläfer (und „Wildk…“) völlig, bis vor mehreren Jahren die kretischen Behörden reagierten: Sie zäunten den größten Teil des Palmenwaldes in Vái ein und erklärten ihn zum Naturschutzgebiet – Betreten verboten.

PicturesOG/vai2_gwg2.jpgDer Strand und der kleine weiterhin betretbare Teil des Palmenhains darf heutzutage nur von 7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends betreten werden. Übernachten oder gar Campen ist verboten! Abends wird der Strand im wahrsten Sinne des Wortes „geschlossen“. Das ist auch ganz gut so (auch wenn man grundsätzlich gegen restriktive Maßnahmen aller Art ist und sein darf!), denn so – und leider nur so – konnte die Schönheit dieses Fleckchens Erde gerettet werden. Für Vái war es wirklich 5 vor 12!

Trotz dieser Einschränkungen hat Vái augenscheinlich seine Anziehungskraft nicht verloren, hier ist immer reichlich was los, auch wenn sich die Klientel sehr verändert hat. Ein Restaurant hat sich rechts am Hang eingerichtet. Trotz der relativen Monopolstellung des „Estiatório Vái“ von Antónis Kalambókis (denn die nicht weit entfernte Snack-Bar am Strand stellt eine ziemliche Zumutung dar) sind die Preise normaler Durchschnitt und die Essensqualität erstaunlich gut. Beim Essen bietet sich zudem ein schöner Blick über die Bucht gratis.

Vor allem mittags fahren hier viele Reisebusse der „Eastern-Crete-in-5-Hours-Touren“ (die heißen natürlich nicht wirklich so) vor und speien ihre Fracht aus. Entsprechend voll ist es dann, das Lokal und sein Personal werden aber bisher damit recht gut fertig. Durchaus zu empfehlen, vor allen Dingen, weil sich das Essensangebot nicht nur auf das übliche Tavernenessen beschränkt, sondern auch Leckeres aus Topf oder Backofen angeboten wird.

Da sich der Strand von Vái vom Rucksäcklerparadies zum Tagesbadestrand von (durchaus auch sehr vielen individuellen) Ausflüglern aus Sitía gewandelt hat, ist natürlich eine entsprechende Infrastruktur vorhanden: Man kann Windsurfbretter und Tretboote, Sonnenschirme und Strandliegen mieten, kurz alles, was man so braucht. In der Saison ist sogar Wasserski im Angebot.
Der Strand selbst ist grob sandig und sehr schön. Im Wasser trifft man aber auf diverse Felsplatten. Ganz hält also das Meer nicht, was der Strand verspricht.

PicturesOG/vai3_gwg2.jpgKlettert man die Steintreppe links neben dem Restaurant hinauf und überquert den Aussichtsfelsen, so erreicht man (immer den roten Punkten folgend) eine weitere Badebucht, die fast noch schöner ist. Sie ist allerdings nicht für kleine Kinder geeignet, da das Wasser hier (im Gegensatz zur eigentlichen Bucht von Vái) recht steil tiefer wird.

Eine öffentliche Toilette und eine Süßwasserdusche (beide gebührenpflichtig) findet man am (ebenfalls gebührenpflichtigen) Parkplatz.

Öffentliche Verkehrsmittel
Etwa 5 x täglich kommt der Bus aus Sitía hierher.

Gerüchten zufolge (aber die gibt es schon seit Jahren) soll oberhalb von Vái der größte europäische Ferienclub mit 7.500 (!) Betten und einer eigenen Meerwasserentsalzungsanlage entstehen. Der Bauherr soll ein englischer Konzern sein. Dann wäre leider ziemlich Feierabend hier … oder sieht das jemand anders?