Kreta 1972 – Teil 2

Litóchoro – schon vertraut, aber wieder ganz anders …

Ich vergaß zu erwähnen, dass ich schon wenige Kilometer hinter der griechischen Grenze einen wahren „Kulturschock“ erlebte. Ich hatte den Mädels doch während der Fahrt eine ganze Menge aus dem letzten Jahr erzählt, und wir urig ich Griechenland erlebt hatte. Und dann das: Im ersten Dorf hinter der Grenze auf der rechten Straßenseite … eine Pizzeria!
Ich überprüfte mein Navi, ob wir vielleicht versehentlich ins falsche Land gefahren waren, aber es beharrte darauf, dass hier Griechenland war. Och ne … ich fahre doch nicht nach Griechenland, um Pizza zu essen!

Egal, kommen wir zurück auf Litochoro … „meine“ kleine Souvlakibraterei war noch vorhanden und wir kehrten natürlich dort als erstes ein. Ich hatte oben am Dorfplatz geparkt und war dann demonstrativ Hand in Hand mit den drei Damen in rot, orange und grün Hand in Hand die Hauptstraße hinunter spaziert, ich konnte es nicht lassen. Die Blicke der Einheimischen schmeichelten mir, denn alle drei konnten sich wie gesagt wirklich sehr gut sehen lassen.

PicturesKK/forbild36.jpgDer alte Besitzer des Souvlatzidiko und seine Frau erkannten mich zu meiner Überraschung sofort wieder, eine Überraschung, die ich in Griechenland in den Folgejahren immer wieder erlebte.

Griechen im Allgemeinen und Kreter im Besonderen haben wohl ein besonderes Gen dafür, jemanden wieder zu erkennen, ich bin sicher, ich bin nicht der Einzige, der diese Erfahrung gemacht hat. Mein Griechisch war in diesem Jahr nicht besser geworden, aber Worte wie Souvlaki, Retsina etc. hatte ich behalten. So klappte die Bestellung reibungslos, selbst Konversation fand irgendwie statt … keiner verstand den anderen verbal so richtig, aber man verstand sich schon.

Die Damen waren sehr angetan und ich auch, denn dieses Mal vertilgten wir noch ein paar sehr leckere Souvlaki mehr als im Jahr zuvor … übrigens legten die Mädels trotz all der reichhaltigen Nahrung in diesem Urlaub – ja, diesmal war es ein Urlaub – nicht zu, sie waren und blieben eine wahre Augenweide. Und man möge mir nicht böse sein, ich genoss es.

Während wir aßen, klärten wir untereinander auch die Übernachtungsfrage. Keine von ihnen bestand auf einem Zimmer, wir würden abends wieder zum Meer hinunter fahren, um uns unter freiem Himmel von den nahen Wellen in den Schlaf wiegen zu lassen.

Vorher aber wollten wir noch etwas erleben.
Also wanderten wir nach dem reichhaltigen Essen wieder Hand in Hand die Dorfstraße hinunter. Erwähnte ich schon, dass es in Litóchoro eine große Kaserne gab oder noch gibt? Jedenfalls waren auf der Straße und in den Lokalen überdurchschnittlich viele junge Soldaten vertreten … und die verdrehten sich natürlich nach uns – weniger nach mir – den Kopf. Im letzten Lokal unten rechts kehrten wir dann ein (ja, wer jetzt alles mitbekommen hat, der weiß, es war gleichzeitig das erste Lokal unten links vom letzten Jahr). Hier hatte sich doch einiges verändert. Vor allen Dingen gab es jetzt eine Zwei-Mann-Kapelle, die mit Hammondorgel und Schlagzeug so ziemlich alles durchnudelte, was damals in Griechenland gerade so en vogue war.

Der größte Teil der Gäste waren auch hier Soldaten. Und so saßen wir schon nach etwa 20 Minuten mit etwa zehn von ihnen an einem Tisch. Wann hatten sie denn hier schon mal so charmante Gesellschaft? Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, meine drei Begleiterinnen waren wirklich weitaus mehr als einen Blick wert. Meine Susi war ein 180 cm großes schwarzhaariges Rasseweib mit einem Mund wie Angela Jolie, Schornie war zwar etwas kleiner, aber hübsch proportioniert und dunkelblond, und meine Schwester … na ja, die sah etwa so aus wie ich damals, allerdings trug sie keinen Bart.

Da die jungen Soldaten alle Englisch konnten, klappte auch die Konversation. Und eines musste man den Jungs lassen: Sie waren wirklich nett und höflich, vielleicht auch deshalb, weil wir nicht erkennen ließen, wer denn nun im Endeffekt wirklich zu mir gehörte. Es machte uns Spaß und augenscheinlich ihnen auch.
Irgendwann im Laufe des Abends schlug einer von ihnen vor, uns doch am nächsten Mittag ein Lokal zu zeigen, das kaum ein Tourist kennen würde. Eine ganz kurze Absprache mit den Damen ergab, dass keine etwas gegen einen weiteren Tag in Litóchoro hatte, also sagten wir zu und verabredeten uns für den frühen Nachmittag im gleichen Lokal.

Den ganzen Morgen plantschten wir im Meer, es wurde heißer und heißer. Die Mädels zeigten von Stunde zu Stunde weniger Interesse, den doch relativ erfrischenden Fleck am Meer gegen eine Taverne auf den heißen Bergen einzutauschen, aber da war der „Reiseleiter“ unerbittlich:
„Soll ich da alleine hochfahren? Wegen mir wollen sie uns das Lokal doch nicht zeigen! Die wollen  mit euch flirten.“
Das leuchtete allen ein und nach einem letzten erfrischenden Bad zogen wir uns wieder unsere Einheitshemden an (die wir übrigens täglich wuschen oder zumindest einmal durchs Wasser zogen). Ich musterte die Truppe wie immer voller Stolz …und ab ging es.

Man erwartete uns bereits. Vier junge Uniformierte strahlten uns entgegen, als wir vor fuhren. Sie hatten sich sogar einen Militärjeep ausgeborgt, in dem sie uns nun voran fuhren. Es ging immer nach oben: Über den Dorfplatz und vorbei am Friedhof. Und dann waren wir da. So ein Lokal habe ich seitdem nicht mehr gesehen … Eine winzig kleine Steinhütte auf einem großen ebenen Platz, der von mehreren Bächen durchflossen wurde, die vom Olymp kamen. Und das ganze unter mächtigen Platanen. Es war hier etwa zehn Grad kühler als unten am Meer, die Temperatur konnte man nicht anders als „ausgesprochen“ angenehm beschreiben Über die Bäche führten Miniaturholzbrückchen und überall waren kleine Wasserräder eingehängt, die meisten mit Glöckchen versehen. Sie machten an diesem sonst so ruhigen Ort einen Höllenlärm.

Das war aber fast das einzige Unangenehme an diesem fast idyllischen Ort. Wir aßen herrliche Salate mit ganz viel Käse und fühlten uns nur wohl. Die Soldaten freuten sich an unserer charmanten Gesellschaft. Nur der Wirt war das andere Unangenehme: Er hatte wohl selten so hübschen Besuch und benahm sich wie ein läufiger Hund. Nun, die Mädels wussten ihn in die Schranken zu weisen und so gab es keinen größeren Ärger. Ich habe diese Oase übrigens später noch öfter besucht, in wechselnder Begleitung, aber der „Schmuddelzwerg“ versuchte es irgendwie immer wieder. Aber immer wieder ohne Erfolg.
Eines war mir klar: Ohne meine Damen und die damit verbundenen Kontakte hätte ich dieses Lokal im Leben nicht entdeckt.

Nach einem langen und sehr erfrischenden Nachmittag verabschiedeten wir uns von unseren neuen Freunden … und ich wusste genau, wie sehr sie mich beneideten, dass ich am nächsten Morgen Richtung Piräus aufbrechen durfte, während sie weiter in ihrer Kaserne schwitzen mussten. Sie waren aber allesamt wirklich lieb und nett …

Kreta 1972 – Teil 3

Den nächsten Abend verbrachten wir auf dem Oberdeck der Fähre. In diesem Jahr begannen wir einen „Ritus“, den ich über fast all die Jahre, die ich mit dem Auto nach Kreta fuhr, beibehielt. Wir bereiteten uns auf Deck eine große Schüssel „Schweizer Wurstsalat“ zu. Alle Zutaten hatten wir aus Deutschland mitgebracht …

In diesem Jahr (und in all den folgenden) schauten die Einheimischen schon etwas verwundert, als wir da alle fleißig Fleischwurst, Gouda und Gurken schnippelten, alles in die Schüssel warfen und dann noch Paprikastreifen und Silberzwiebeln hinzufügten. Nur für diesen einen Salat nahm ich sogar normales Pflanzenöl mit ins Land der Oliven … und ordentlich Balsamico gehörte natürlich auch hinein.

Und immer gaben wir jedem Interessierten etwas ab … wir produzierten ja jedes Mal viel zu viel. So betätigten wir uns als „Botschafter des Wurstsalats“ in Griechenland … aber ehrlich, das war wirklich die einzige „deutsche“ Mahlzeit, die wir in Griechenland zu uns nahmen.

PicturesKK/forbild32.jpgNun muss ich einen ordentlichen Sprung machen, ich weiß nämlich nicht mehr, wohin wir uns auf Kreta als Erstes wandten. Ich weiß nur noch, dass der bereits erwähnte Jannis in Kókkinos Pýrgos mehr als angetan von meinem „Harem“ war, dass wir in Festós und „natürlich in Knossós waren und dass wir natürlich auch wieder meine erste Liebe, das „Kiani Akti“ bei Kalýves besuchten und dass wir auf der Lassíthi herumkraxelten.

Aber an einen Abend und noch viel mehr an den darauffolgenden Tag erinnere ich mich noch sehr gut: Wir waren in Ierápetra in irgend einem kleinen Lokal mitten im Ort. Wir hatten gut gegessen und irgendwie kriegten die Mädchen mich rum, noch ein bisschen Gitarre zu spielen. Ich konnte inzwischen zwei oder drei griechische Lieder mehr, und die einheimischen Gäste waren recht begeistert, unsere Tischrunde wurde immer größer. Nicht weil ich so ein toller Sänger war, nehme ich an, sondern weil es ihnen ziemlich unfassbar erschien, dass überhaupt ein Tourist auf die Idee kam, selbst griechische Lieder zu singen. Und außerdem hatte man so ja auch einen Vorwand, den Mädels ein wenig näher zu rücken.

PicturesKK/forbild34.jpgUnd so kam es im Verlauf des weiteren Abends, wie es leider kommen musste. Irgendwann hatte ich dummerweise das Gefühl, jetzt genug Ouzo oder Raki getrunken zu haben (ich glaube, damals trank ich noch vorzugsweise Ouzo, was sich aber bald änderte), und stieg – ja es war Dummheit – auf Retsina um. Man weiß eigentlich vorher schon, wie das ausgeht, aber mancher wird eben durch Schaden nicht klug.

Langer Rede kurzer Sinn: Wie ich mit dem Auto an den Strand östlich von Ierapetra gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Die Damen behaupteten, ich sei noch ziemlich normal gefahren … ich erinnere mich nicht mehr. Tatsache war aber, dass mich selbst der größte Pott Filterkaffee am nächsten Morgen nicht fit machte (wir hatten so ein kleines Gaskocherchen dabei) … und so blieben wir erst einmal am Strand. Meine Mädels bauten für den leidenden „Pascha“ ein kleines Sonnendach aus einem Handtuch für den Kopf. Ich sollte ja nicht auch noch einen Sonnenstich bekommen.

Ich lag da vollkommen ermattet, ein leichter, kühlender Wind strich über meinen Körper und mein Kopf schmerzte zwar, aber das wenigstens im Schatten.
Die Ladies gingen baden und ich schlief wieder ein.

PicturesKK/forbild35.jpgLeider hatten wir die Rechnung ohne die Sonne gemacht. Warum auch immer, keine der Damen hatte daran gedacht, mich einzucremen (wie ich das gewohnt war) und ich bemerkte erstens wegen des Windes und zweitens schlafend nicht, dass ich mir den bombastischsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Ich wurde nämlich erst Stunden später wieder wach … und es war grauenhaft. Insbesondere meine Beine hatten die Farbe gut gesottenen Krebsfleisches angenommen, und der Versuch, in meine Jeans zu steigen, endete in einem Schmerzensschrei. Es ging einfach nicht …

Susi borgte mir schließlich eine ganz leichte und dünne Baumwollhose, rot-weiß kariert und natürlich ein wenig zu kurz, aber auf Schönheit kam es jetzt nicht an. Ich brauchte einige Tage, bis ich mich wieder in die Sonne wagen konnte.

Die letzten Tage auf Kreta verliefen ebenfalls ohne Ereignisse, an die ich mich erinnern würde, lediglich die Rückfahrt durch Jugoslawien blieb mir in Erinnerung. Wir wollten nonstop durchfahren und ich hielt von Piräus bis hinter Belgrad ohne Probleme durch. Dann aber überfiel mich die Müdigkeit und ich bat Schorni, mal für ein oder zwei Stunden das Lenkrad zu übernehmen.
Geweckt wurde ich knapp eine halbe Stunde später durch ein übles Rumpeln, das durchs Auto fuhr … wir kamen auf einer Wiese zum Stehen. Schorni war am Steuer eingeschlafen … ein Glück, dass weiter nichts passiert war. Also setzte ich mich wieder hinter das Lenkrad und fuhr bis Köln durch … insgesamt waren es 48 Stunden praktisch nonstop. Damals konnte ich das noch …

Noch ein abschließendes Wort zu meinem treuen „Rossi“: Über 8.000 Kilometer hatte er uns ohne jedes Problem nach und durch Kreta getragen. Eine Woche später erlitt er einen Kolbenfresser … und ich bekam noch 400,00 DM dafür … ehrlich!