Kreta 1971 – Teil 7

PicturesKJ/_knossos01.jpgWir hatten irgendwo bei Iráklion kampiert und uns für den heutigen Tag Knossós vorgenommen. Man stelle sich diese Ausgrabungen nicht wie heute vor, wo man vor lauter Besuchern nichts mehr von den Steinen sieht. Wir waren fast alleine dort … und doch nicht alleine. Kreta und die Welt sind klein, denn genau zur gleichen Zeit hatten auch andere genau das gleiche Ziel.

Wir trafen eine weitere befreundete Gruppe, von der wir bisher nur annäherungsweise wussten, dass sie auch auf Kreta war. Da der Leiter dieser Gruppe damals neben Wanja mein bester Freund war, lag es eigentlich nahe, dass wir alle gemeinsam den Abend verbringen wollten. Auf der Suche nach einem entsprechenden Ort bemühten wir die Landkarte und einigten uns auf Skaláni, ein Dorf, dass unweit südlich von Knossós im Landesinneren liegt. Ich glaube mich jedenfalls zu erinnern, dass es Skaláni war.

Den Tag verbrachten wir danach erst einmal östlich von Iráklion bei Amnissós am Meer. Am Nachmittag allerdings brachen wir auf.

PicturesKJ/_tempo02.jpgIrgendwie schien es sich erstaunlicherweise herumgesprochen zu haben, denn es waren nicht vier Wagen, sondern sechs, die am Nachmittag auf dem Dorfplatz anrollten. Also über 30 Köpfe. Es gab kein einziges Lokal dort, das so viele Personen fasste. Aber mit dem wohlwollenden Einverständnis der Kreter rekrutierten wir einfach die Tische aus den diversen Kafenía am Platz und bauten damit mitten auf dem Platz ein großes Geviert auf, an dem wir alle Platz fanden. Die Einheimischen fanden Gefallen an den deutschen Pfadfindern, und als die dann auch noch stimmgewaltig die „Kyra Vangelio“ sangen, hatten wir jedes Eis und die Herzen gebrochen. Von allen Seiten wurde Essen und Trinken herbei getragen. Wie wir das am Ende mit dem Bezahlen geregelt bekamen, weiß ich echt nicht mehr, das war die Sache von Wanja. Ich hatte genügend damit zu tun, die Saiten der Gitarre zu traktieren … man stelle sich 30 Leute mit etwa 10 Gitarren vor und kann dann ermessen, dass die Kreter durchaus beeindruckt waren.

Irgendwann in der Nacht kam dann die „Konkurrenz“: Ein LKW fuhr vor und projizierte sein Open-Air-Kino auf eine weiße Hauswand. Nun sangen wir nicht mehr, sondern betrachteten fasziniert eine griechische Schmonzette in schwarz-weiß, von der wir nur so viel verstanden, als dass der Held das Mädchen zum Schluss NICHT bekam. So etwas gibt es vermutlich nur in Griechenland.
Als der Film vorbei war, stand uns auch nicht mehr der Sinn nach Singen. Irgendwie (siehe oben) rechneten wir ab und trugen alle Tische wieder ungefähr dahin zurück, wo wir sie hergeholt hatten. Dann fuhren wir ein paar hundert Meter in den nächsten Olivenhain und pflegten der Nachtruhe.

Die folgenden Tage fehlen in meinem Gedächtnis irgendwie. Ich erinnere mich noch, dass wir auf der Lassíthi waren – und damals gab es all die Windmühlen noch, aber dann klafft ein gewisses Loch.

Als wir Vái angeschaut hatten, wuchs in uns der Gedanke, jetzt mal ein paar Tage komplett in die Einsamkeit zu verschwinden, an einen Ort, an dem uns keiner sah und an dem wir nackt baden konnten. Und wir fanden diesen Ort natürlich: Es war mühsam, ihn zu erreichen und wahrscheinlich waren seitdem nicht viele nach uns dort: In der „Pavian-Bucht“.

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Kreta 1971 – Teil 8

In der „Pavian-Bucht“ … vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt!

PicturesKJ/_pavian07.jpgWir kauften in Palékastro eine größere Menge Lebensmittel ein, denn wir wollten einige Tage fernab jeder Zivilisation verbringen. Ganz ohne die Segnungen der Zivilisation wie Essen und Trinken ging das aber auch wieder nicht …

Und dann fuhren wir an Vái und Ítanos vorbei so weit nach Norden, wie es möglich war. Kurz vor dem militärischen Sperrgebiet wurde alles aus dem Auto geräumt, was nicht niet- und nagelfest war, natürlich auch die nicht ganz leichte Gasflasche und mehrere 50-Literkanister mit Süßwasser, denn solches erwarteten wir nicht, im kargen Osten „wild“ zu finden.

Und dann wanderten wir mit Sack und Pack querfeldein über drei oder vier Hügel, einfach drauf los, in der Hoffnung und Überzeugung, eine hübsche Bucht zu finden. Und wir fanden sie … relativ eng, kristallklares Wasser und grobkieseliger Strand. Also atmeten wir erleichtert tief durch, denn der Marsch war so schwer bepackt durchaus ziemlich anstrengend gewesen. Einige mussten den Weg sogar ein zweites Mal zurücklegen, um die restliche Ausrüstung heran zu schaffen.

PicturesKJ/_Pavian04.jpgUnten in der Bucht gab es keinerlei Schatten, nur ein wenig zurück standen ein paar kleine verkrüppelte Bäumchen, an denen wir wenigstens eine Zeltplane befestigen konnten, unter der wir unsere Küche aufbauten und es uns auch sonst gemütlich machten.
Dann stürzten wir uns aber erst einmal allesamt hüllenlos ins Wasser, denn hier waren wir wirklich allein bis auf eine einsame Ziege, die mit großen Augen dem fremdartigen Treiben zuschaute. Das Wasser war wie erwartet herrlich und die Jungs schnorchelten begeistert um die Felsen herum, die die kleine Bucht rechts und links begrenzten.

Mich hielt es nicht so lange im Wasser, sondern ich wanderte auf den Hügel seitlich der Bucht hinauf, um mich mal für mich ganz alleine in Kreta zu vertiefen. Oben stand ein kleiner Baum, in dessen Schatten ich mich niederließ. Ein Handtuch hatte ich allerdings als Sitzgelegenheit mitgenommen, wer hat schon gerne Ameisen oder ähnliches in der Kimme?
Das Lachen und Jauchzen der anderen war nur noch schwach zu hören. Meine Blicke glitten über die idyllische Bucht und weit auf das unendliche Meer hinaus und ich spürte einen ebenso unendlichen Frieden. So musste sich ein Eremit fühlen. Ich ertappte mich irgendwann dabei, dass ich überhaupt an nichts mehr dachte, sondern nur noch in den heißen Tag hinein träumte. Bis zu jenem Tag hatte ich gedacht, es sei gar nicht möglich, absolut an gar nichts zu denken. Doch an diesem Tag lernte ich, dass es geht.

PicturesKJ/_Pavian01.jpgWanja laute Rufe zerrissen meine Träumereien. Er hatte gekocht. Wie immer war es nicht sonderlich originell, aber es gab sogar Hackfleisch zu den Nudeln („das muss weg, wir haben hier keinen Kühlschrank“) und einen frischen Bauernsalat. Wir spachtelten, was das Zeug hielt. Danach guckten wir die Pimpfe aus, die die eher unangenehme Aufgabe bekamen, Pfanne, Topf und Geschirr im kalten Meerwasser zu reinigen. Aber sie waren findig und stellten fest, dass sich Sand vorzüglich zum Entfernen festgebackener Fettreste eignete. Und so scheuerten sie mit Eifer, Geduld und Ausdauer, denn in dieser Bucht stand die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes still … man hatte alles, nur keine Eile!

Die Minuten, Stunden und Tage tropften langsam dahin. Wir taten nichts außer Baden, Essen und Trinken, Träumen und Musizieren, der Älteste der Jungs wanderte zum Beispiel stundenlang als nackter Faun über die Kiesel des Strandes und spielte Flöte. Und wider Erwarten fühlte sich niemand davon genervt.

PicturesKJ/_Pavian06.jpgIch stieg immer wieder ganz allein zu „meinem“ kleinen Baum hinauf und träumte mich durch den Tag. Aus der Ferne klang leise die Flöte und ansonsten randalierten nur die Zikaden.

Die Tage in der Pavianbucht waren so ziemlich die entspannendsten Tage, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Wie alle jungen Leute liebten wir eigentlich die „action“, aber alle Sehnsucht danach, irgendetwas zu unternehmen, verflogen in dieser gleißenden kretischen Sonne, die ruhig und unbeirrt auf die Bucht schien.

Wenn es uns zu heiß wurde, plantschen wir einfach wieder eine Weile im Meer, ließen uns dann von der Sonne trocknen und sprangen dann wieder ins Wasser.
Am vierten Tag sorgte Wanja mit zwei anderen für Nachschub an Süßwasser und den wichtigsten frischen Lebensmitteln, sodass wir es mehr als eine Woche in der Bucht „aushielten“.

PicturesKJ/_Pavian05.jpgWarum aber tauften wir die Bucht „Pavian-Bucht“? Wir wurde alle immer brauner, nur auf den sonnenentwöhnten weißen mitteleuropäischen Hinterteilen trugen wir alle ab dem zweiten Tag veritable Sonnenbrände davon. Aber sogar daran gewöhnten wir uns, denn ist der Ar…. erst ruiniert, ändert man auch nichts mehr dran. Wir behandelten die Verbrennungen mit reichlich Olivenöl …

Irgendwann wurde uns aber die allerschönste Ruhe zu ruhig und wir beschlossen, unsere Einsamkeit wieder gegen etwas belebtere Gefilde der Insel einzutauschen. Darüber hinaus waren etwa fünf Wochen herum, und wir durften leider das Ende der Sommerferien in Deutschland nicht ganz aus den Augen verlieren …

PicturesKJ/_Pavian03.jpgSo feierten wir noch einmal mit viel Musik einen Abschiedsabend aus der Bucht am Lagerfeuer, das hier sowieso jeden Abend brannte, auch wenn wir täglich immer weiter gehen mussten, um so etwas wie Brennholz zu finden. Am nächsten Morgen räumten wir noch sorgfältig alles zusammen und weg, was an unsere Anwesenheit hier erinnern konnte. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Als wir über den Hügel davon zogen, sah die Bucht haargenau so aus wie vor unserer Ankunft!

Bisher war es uns gelungen, Iráklion eigentlich immer zu umfahren, aber es gab noch eine Pflichtveranstaltung, die Marktstraße hinter der damals einzigen Ampel der Stadt. Sie stand an der Ecke der Durchgangsstraße, an der einerseits die Marktgasse, andererseits die 25 Avgoustou zusammenkommen.

Ein kleines Problem stellte aber auch damals schon die Parkplatzsuche im Zentrum von Iráklion dar, vor allen Dingen mit unserem nicht ganz handlichen Gefährt … in Verbindung damit hatten wir unseren vierten und letzten Kontakt mit der Polizei … und diesmal lachten wir als Letzte.

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Kreta 1971 – Teil 9

Der Straßenverkehr in Iráklion war auch 1971 schon ein ziemliches Chaos. Wie bereits erwähnt, gab es eine einzige Verkehrsampel in der Stadt. Die Platía Elevtherías in der Nähe des Archäologischen Museums war noch ein kompletter Kreisverkehr, über den mehrspurig die Fahrzeuge tobten. Und die Hauptdurchgangsstraße war auch damals schon ständig verstopft.

Aber wer Athen hinter sich hatte, den konnte Iráklion nicht weiter beeindrucken. Nur die Parkplatzsuche gestaltete sich nicht so einfach. Wir waren zwar „Wander“vögel, wollten aber dennoch nicht unbedingt den Wagen in den Außenbezirken der Stadt abstellen.
Ich fuhr ein paar mal im Zentrum „um den Block“ und dann kam endlich das Erfolgserlebnis: Direkt am kleinen Plätzchen zwischen Morosíni-Brunnen und Meer, der Platía Kalérgon am kleinen Stadtpark, war doch tatsächlich ein Plätzchen frei, in dem wir unser Dickschiff auch erfolgreich unterbrachten.

Da gab es dann aber jemanden, der damit überhaupt nicht einverstanden war, nämlich den Besitzer des Andenkenladens, vor dem wir untergekommen waren. Lauf zeternd stürmte er aus dem Laden, als ich den Motor abstellte und bedeutete uns aufgeregt, dass hier „No parking!“ sei. Während Wanja ihn erst einmal freundlich zu beschwichtigen versuchte, inspizierte ich sicherheitshalber die Straße rechts und links und fand dort weder ein entsprechendes Verkehrsschild, noch war etwa die Bürgersteigkante gelb angepinselt, was ja auch auf ein Parkverbot hindeuten konnte. Nichts dergleichen!

Hier war also das Parken definitiv erlaubt. Auch wenn wir sogar ein bisschen Verständnis für den Ladenbesitzer hatten, denn von den Cafés auf der anderen Seite des Plätzchens aus war sein Laden definitiv nicht mehr zu sehen, aber da er uns von vornherein gleich mit der großen Keule kam, sahen wir nicht ein, aus lauter Höflichkeit nachzugeben. Als ich von meinem Kontrollgang zurückkam, erklärte ich dem Mann ebenso freundlich wie bestimmt, ich dächte nicht daran, diesen soeben errungenen legalen Parkplatz freiwillig wieder zu räumen, worauf ihm das Wort „police“ aus dem Mund rutschte. Da kam er bei uns aber gerade richtig an.
Mit der Polizei hatten wir nun schon so häufig zu tun gehabt, dass das seinen Schrecken längst verloren hatte, und außerdem wurde man nach fünf Wochen Kreta sowieso ausgesprochen gelassen.

Wir bedeuteten ihm also, ja, er solle bitte die Polizei rufen, damit diese ihm mitteilen könne, dass er uns zu Unrecht von diesem schönsten aller Parkplätze vertreiben wollte. Wir würden auch gerne so lange warten. Also eilte er um die Ecke und kehrte schon wenige Minuten später mit einem Uniformierten zurück, den er sich dort offensichtlich für alle Fälle schon bereit gestellt hatte. Der Polizist ging mit hochamtlicher Miene um unseren Wagen herum und inspizierte ihn ausführlich von allen Seiten. Dann wandte er sich an uns. Fast rechneten wir damit, dass er „No Parking here“ sagen würde, denn er schien ein Kumpel des Ladenbesitzers zu sein. Er enttäuschte uns nicht: „It is forbidden, to let the car here at this place?“

Wir baten ihn höflich um eine nähere Begründung. Wir forderten ihn ebenso höflich auf, uns ein Schild zu zeigen, dass das Parken verbiete. Und so weiter, das volle Programm …
Er schien aber eine tibetanische Gebetsmühle verschluckt zu haben und wies uns immer wieder ohne jede Begründung darauf hin, das Parken an dieser Stelle sei nun mal verboten. Er hatte aber die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Als er sich allmählich darüber klar wurde, griff er zu einer ansonsten wahrscheinlich erfolgreichen Drohgebärde. Er zog einen Notizblock aus der Brusttasche und begann, sich unsere Autonummer zu notieren … und nun war er bei Wanja endgültig an der richtigen Adresse.

Dieser griff in unser Handschuhfach und holte seinerseits dort Stift und Papier heraus, stellte sich neben den Beamten und griff mit spitzen Fingern nach der metallenen Dienstnummer, die jener am Oberrand des Hemdärmels trug. Dann notierte er sich die Dienstnummer. Der Polizist starrte ihn ungläubig an, als sei er ein Wesen von einem anderen Stern, dann zuckte er die Schultern, steckte den Block ein und … ging seiner Wege.

Ich winkte dem Ladenbesitzer ein wenig spöttisch zu, dann wanderten wir ebenfalls davon, ohne uns noch einmal umzudrehen. Wir gingen die Straße des 25. August hinunter, um die Fährtickets für uns zu erstehen. Die Knaben waren längst durch die Stadt ausgeschwärmt, wir hatten die Parole ausgegeben, uns um 16 Uhr wieder am Auto zu treffen (welches wir natürlich unversehrt am gleichen Platz wieder vorfanden). Wir tranken in aller Ruhe gegenüber einen Kaffee und amüsierten uns unauffällig über die wütenden Blicke, die der immer noch nicht beruhigte Ladenbesitzer von Zeit zu Zeit hinüber warf.

Dann machten wir uns allmählich zum Hafen auf, nicht ohne uns freundlich von dem Ladenbesitzer zu verabschieden: „Thank you very much, see you next year!“ Er schien erleichtert zu sein, dass wir nun für ein ganzes Jahr nicht mehr vor seinem Geschäft parken würden …

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Kreta 1971 – Teil 10

Abschied von Kreta
Am Hafen machen wir uns reisefein. Allerdings sahen Wanja und ich „obenrum“ nach diesen Wochen ziemlich verwegen aus, da wir uns während der ganzen Zeit nicht einmal rasiert hatten.

PicturesKJ/_ich01.jpgWir fuhren extra ziemlich früh zum Schiff, weil je eher man an Bord ging, desto später musste man nächsten Morgen wieder beim Auto sein, wie uns andere Reisende verraten hatten. Erstens konnte man so etwas länger schlafen und dann in aller Ruhe beim Anlegemanöver zuschauen. Zudem waren so früh die besten Schlafplätze an Deck noch frei. Wir wählten diesmal das noch völlig menschenleere Vorderdeck.

Warum dieses so leer und dass unsere Wahl nicht die optimale war, erfuhren wir erst viel später in der Nacht.
Wir breiteten also unsere Schlafsäcke aus und beschwerten sie mit Rucksäcken, weil wir nicht riskieren wollten, dass der Wind sie fort trug.

Dann genossen wir das bunte Treiben auf der Mole. LKW um LKW fuhr in den Bauch des Schiffes, die meisten davon rückwärts, vermutlich hatten sie am nächsten Morgen dann weniger Rangierarbeit und LKW-Fahrer haben es im Gegensatz zu fahrenden Gesellen wie uns ja immer eilig.

Die Stunde des Ablegens nahte und mit jeder Minute wuchs der Abschiedsschmerz. Aber es sind ja immer die schönsten Zeiten, die zu früh zu Ende gehen, wie ich anderweitig schon schrieb.

PicturesKJ/_Schiff02.jpgAls die Besatzung dann pünktlich und unter ohrenbetäubendem Tuten die Leinen los warf und das Schiff sich langsam vom Kai entfernte, ging in diesem Moment symbolträchtig die Sonne hinter dem Gebirge im Westen unter. Wanja, der neben mir an der Reling lehnte, und ich schauten uns an und wir mussten beide wohl Staubkörner in den Augen haben …
Dann sagte er zu mir: „Ich habe noch ein bisschen privates Geld, nicht aus der Kasse, das hauen wir jetzt auf den Kopf.“

Ich hatte nichts dagegen, denn wenn schon der erste Abend mit einer Ouzosause begonnen hatte, so durfte das auch der letzte Abend tun. Allerdings nahm ich mir vor, nur beim Ouzo zu bleiben und nicht wieder zu mischen.

Wie so oft, begann der Abend erst einmal ganz harmlos. Während die Jungs das ganze Schiff unsicher machten (aber sie waren auch alt genug, um nicht über Bord zu fallen), betraten wir die Bar der zweiten und dritten Klasse und bestellten uns zwei kleine Ouzo. Als wir jeder drei Stück getrunken hatten, wurde uns das Prozedere zu umständlich und wir bestellten der Einfachheit halber eine ganze 0,7 l Flasche.

Da wir zur „Feier“ des Tages in Iráklion alle zusammen Gyros-Pitta gespachtelt und zwar bis „zum Abwinken“ (jeder durfte so viel von den ziemlich fettigen Fladen essen, wie er wollte), hatten wir offensichtlich für eine gute Grundlage gesorgt. Zwischendurch kam immer wieder mal einer oder mehrere der Jungs vorbei und den älteren unter ihnen gaben wir durchaus auch Mal ein kleines Gläschen ab.

Als die Flasche leer war, schauten wir uns fast erstaunt an. Unsere Traurigkeit war inzwischen fast gänzlich einer gewissen Aufgekratzheit gewichen, aber betrunken fühlten wir uns eigentlich kaum bis überhaupt nicht. Also orderten wir eine zweite Flasche.
Der Barkeeper zog nur kurz eine Augenbraue hoch, servierte dann die Flasche aber umgehend und nahm sogar dankend an, als wir ihm auch ein Glas anboten. Und so leerten wir gemächlich die zweite Flasche und wurden immer lustiger. Allerdings bin ich sicher, dass wir uns nicht daneben benahmen.

Als wir dann aber noch eine weitere Flasche haben wollten, lehnte der Barmann sehr höflich, aber doch entschieden ab. Wir seien zwar „very nice people“, aber ob wir denn nicht der Meinung seien, dass es vielleicht besser sei, den Abend allmählich zu beenden? Wir waren zwar nicht seiner Ansicht, da er aber so freundlich und höflich war, wollten wir keinesfalls mit ihm streiten. Also beglichen wir die Rechnung und gaben ihm ein anständiges Trinkgeld, es ging ja aus Wanjas Privatschatulle und nicht aus der Gruppenkasse. Dann verließen wir zwar etwas enttäuscht, aber mit Würde die Bar.

Auf dem Weg zum Oberdeck kamen wir aber an einer anderen Bar vorbei und Wanja meinte spontan: „Wenn wir schon unten nichts mehr kriegen, dann trinken wir eben hier noch einen!“ Ich widersprach nicht, also traten wir ein.
Diese Bar sah wesentlich vornehmer aus als die andere, doch das focht uns wenig an. Wir setzten uns an den Tresen und bestellten zwei Ouzo, denn eine weitere Flasche wäre wohl tatsächlich des Guten zu viel gewesen.

Der Barmann bedachte uns mit einem indignierten Blick (erwähnte ich unsere Bärte schon?). Dann informierte er uns ebenso höflich, aber auch ebenso bestimmt wie sein Kollege ein Deck tiefer, dass wir uns hier in der Bar der ersten Klasse befanden und dort gebe es keinen Ouzo, sondern nur Whisky oder Ähnliches. Also änderte Wanja die Bestellung kurzerhand in zwei Whisky. Leider wurde auch dieser Wunsch abschlägig beschieden, mit der immer noch sehr höflich wiederholten Begründung, dies sei wie gesagt die erste Klasse und wir sähen – „sorry Sirs“ – nicht so aus, als wenn wir Passagiere ebendieser Klasse wären.

Es schien also nichts zu machen sein. Gut erzogen, wie wir nun einmal waren, erhoben wir uns und verließen ohne Aufsehen das Etablissement. Vor der Tür blieb Wanja allerdings stehen. „Wenn der glaubt, nur weil der uns so höflich abwimmelt, lassen wir uns auch einfach abwimmeln, irrt er sich. Komm mit, ich habe da eine blendende Idee!“
Wir kehrten also wieder in die Bar zurück. Wanja ging schnurstracks auf einen würdigen älteren Herren zu, der allein an einem der Tische im Sessel saß, und erklärte diesem in seinem schauerlichen Pidgingemisch aus Griechisch und Englisch, wir seien deutsche Pfadfinder, die noch einen kleinen Schlummertrunk zu sich nehmen wollten, ihn aber nicht bekämen, weil wir keine Passagiere der ersten Klasse seien. Ob er uns denn nicht zwei Whisky bestellen könnte, denn er sei ja offensichtlich im Gegensatz zu uns hier richtig. Wir würden selbstverständlich unsere Getränke auch selber bezahlen …

Und nun bewahrheitete sich der alte Spruch, dass die Wege des Herrn unergründlich sind und das Leben immer Überraschungen bereithält.
Der weißhaarige Mann lächelte fast gütig und erwiderte, es sei ihm selbstverständlich ein Vergnügen, zwei deutsche Pfadfinder einzuladen … und dann stellte er sich als der oberste Führer aller griechischen Pfadfinder vor … wir waren baff. Der Herr ließ uns kaum Zeit, unserer Verblüffung Ausdruck zu geben und winkte ebenjenem Kellner zu, der uns soeben aus der Bar komplimentiert hatte. Als dieser an den Tisch kam und uns erneut erblickte, schaute er uns wieder wie zwei fremdartige Insekten an. Unser freundlicher Gastgeber bestellte die Getränke. Da er ziemlich schnell sprach, verstanden wir das meiste nicht, was er dem Kellner sagte, aber zwei Mal waren die Worte „Jermani proskopi“ herauszuhören. Der Kellner lächelte, nickte, eilte davon und kehrte wenig später mit … vier Gläsern Whisky zurück. Er stellte je zwei vor uns hin, wobei er uns bedeutete, dass es ihm leid täte und dass deshalb die beiden zusätzlichen Gläser auf seine Kappe gingen. Inzwischen hatten sich noch zwei andere Herren an unseren Tisch gesellt. Als auch sie mit Getränken versorgt waren, tranken wir darauf, dass deutsche Pfadfinder als Gäste in Griechenland sehr willkommen seien. Wir gaben die entsprechenden Höflichkeiten zurück. Dieser Whisky brachte für Wanja das Fass aber offensichtlich zum Überlaufen.

„Signomi!“
Er sprang auf und eilte aus der Bar. Er schloss die Tür nach draußen nicht, sodass ich – aber nur ich – sehen konnte, wie er sich über die Reling beugte und das fröhliche Ouzo-Gelage wieder rückgängig machte. Er kam nicht wieder zurück. So saß ich da mit drei älteren griechischen Herren und drei (!) Gläsern Whisky, die ich natürlich aus Höflichkeit jetzt alle alleine vernichten musste.

Ich blieb noch fast eine Stunde sitzen, während die drei eine sehr kritische Diskussion über die amtierenden Machthaber um den Obristen Papadopoulos und dem mir schon begegneten General Pattakos begannen. Sie taten das vermutlich aus Höflichkeit mir gegenüber auf Englisch. Da der Whisky aber auch bei mir allmählich Wirkung zeigte, beschränkten sich meine Wortbeiträge auf die ständige Wiederholung der Mitteilung, dass sie froh sein könnten, dass sie außer mir niemand höre. Sie lachten dann jedes Mal.

Nach besagter Stunde hatte ich dem Whiskys tapfer den Garaus gemacht und lehnte nun meinerseits ebenso höflich wie bestimmt jeden Nachschlag ab. Ich begründete dies damit, dass ich am nächsten Morgen fahren müsse und bedankte mich noch einmal herzlich für die genossene Gastfreundschaft. Dann verließ ich die Runde, um mich zu meinem Schlafsack zu begeben.

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Kreta 1971 – Teil 11

Als ich das Oberdeck erreichte, bemerkte ich, dass der Wind stark aufgefrischt hatte. Besonders auf dem ungeschützten Vorderdeck blies er wie Hechtsuppe. So wunderte ich mich nicht, keinen unserer Jungs dort noch vorzufinden, sie hatten sich ein windgeschützteres Plätzchen gesucht. Nur ein einsames Schlafsackbündel lag dort noch und wurde vom Wind gebeutelt. Es war Wanja, dem es wohl zu mühsam gewesen war, sich von hier noch einmal fortzubewegen.

Aber wo war mein Schlafsack? Der Rucksack lag noch da, doch der Schlafsack war einfach weg! War er etwa über Bord geweht worden? Ich erschrak zutiefst, doch dann entdeckte ich ihn. Etwa zwanzig Meter von mir entfernt flatterte er wie eine Fahne im Wind. Tatsächlich war er vom Wind fort getragen worden, aber glücklicherweise war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich an der Reling festzuhalten, d. h. er hatte sich um einen Pfosten gewickelt und dort „festgeklammert“. Glücklich sammelte ich den verlorenen Sohn wieder ein, trug ihn an seinen alten Platz zurück – der Wind war mir jetzt auch egal – und rollte mich tief in den Schlafsack (nicht ohne säuberlich vorher meine gestern in Iráklion erstandenen Riemchensandalen neben dem Schlafsack abzustellen – auch das erwies sich später als Fehler!).

Ich hatte es mir erst seit etwa zehn Minuten „gemütlich“ gemacht, als plötzlich nicht nur der Wind an mir rüttelte, sondern zu allem Überfluss auch noch Wanja. Er saß aufrecht neben mir in seinem Schlafsack und zeigte aufgeregt auf das Meer hinaus:
„Guck mal schnell, da drüben ist Land. Siehst du die Lichter?“
Ich steckte nur gerade mal die Nase aus dem Schlafsack.
„Wanja, du spinnst. Wir sind etwa auf halber Strecke zwischen Kreta und Piräus, wo sollen wir denn da so nah an Land vorbeikommen. Das ist bestimmt ein Schiff, vielleicht die Gegenfähre!“
„Ach so, bloß ein Schiff …“
Er ließ sich enttäuscht nach hinten sinken und wickelte sich wieder ein. Doch es dauerte nur Sekunden, dann ging es erneut los: Rüttel rüttel …
„Schau mal, da drüben sind ganz viele Lichter. Da ist eine Insel …“
„Ach Wanja, lass mich pennen. Da ist keine Insel … und wenn da eine wäre, warum sollte die um diese Zeit so festlich beleuchtet sein? Das ist ein Schiihiif.“
„Ach so, ein Schiff …“

Er sprang, kletterte auf die Reling (es ging dahinter nicht gleich bis unten ins Meer, sondern er wäre nur im Falle des „Falles“ ein Deck tiefer aufgetitscht). Er zog das Hemd aus und begann heftig, damit zum anderen Schiff hinüber zu winken.
„Wanja, jetzt ist es aber gut. Meinst du etwa, dich sieht einer auf die Entfernung? Und außerdem ist es stockdunkel hier. Roll dich wieder in den Schlafsack, bevor du dich erkältest oder es dich von der Reling weht.“
Erstaunlicherweise leistete er der Aufforderung ohne weitere Einwände Folge. Er hatte übrigens auf Kreta die gleichen Sandalen wie ich gekauft. Auch er platzierte sie nun säuberlich neben seinen Schlafsack.
Die Nacht verging ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle, wenn man denn ignorieren konnte, dass der Wind keineswegs nachließ …

Als es dämmerte, ließ der Kapitän wieder das Horn des Schiffes aufbrüllen – tatsächlich, wir liefen bereits langsam auf die äußere Hafenbegrenzung von Piräus zu.
Wir steckten beide unseren Kopf aus dem Schlafsack und sahen uns schlaftrunken um. Als ich nach meinen Sandalen tastete, griffen meine Hände ins Leere. Die Sandalen waren spurlos verschwunden. Ich hatte meine Rechnung wohl ohne den Wind gemacht.
„Wanja, sind deine Sandalen noch da?“
Er suchte, fand aber nur noch einen Schuh.
„Wahrscheinlich ist der andere vom Wind weggeweht worden. Meine sind übrigens gleich beide weg! Mist …“
Wanja bekam einen mittleren Wutanfall. Er sprang auf.
„So ein …, die waren noch ganz neu! Dann brauche ich den anderen ja auch nicht mehr.“
Er lief zur Reling hinüber und warf die Sandale mit einer ausholenden Bewegung weit hinaus in die schäumende Ägäis.

Muss ich eigentlich erwähnen, was ich zehn Minuten später ein Deck tiefer wiederfand? … Drei Sandalen!
Ich tröstete Wanja: „Wir kaufen dir in der Pláka (die Athener Altstadt) eine neue … wenn man die einzeln kriegt.“
Da Wanja Athen ein wenig besser kannte als ich vom einmaligen Durchfahren, lotste er uns auf kürzestem Weg von Piräus in die schmalen Gassen der Altstadt. Da ich vermutlich noch nicht wieder ganz nüchtern war, war die Kurbelei – einmal musste ich dreißig Meter zurücksetzen, weil uns ein größerer Wagen entgegen kam – etwas ermüdend. Und plötzlich fiel mir etwas auf.
„Wanja, kann es sein, dass wir jetzt schon das vierte Mal zu diesem Platz hier kommen? Fahren wir ständig im Kreis?“
„Ja, das tun wir. Erstens wollte ich mal sehen, wie du heute Morgen mit der Karre in diesen Gassen zurecht kommst, und zweitens … hast du bisher irgendwo einen Parkplatz gesehen? Wir wollten doch eine neue Sandale für mich kaufen …“
Mir blieb der Mund offen stehen. Natürlich wollten wir die Sandale kaufen und wir wollten auch auf den berühmten Flohmarkt, aber dafür musste er mich doch nicht wie einen Blöden durch die Gassen scheuchen!
„Sprüche kannst du ja schon wieder machen … du Armleuchter!“
„Sie Armleuchter, so viel Zeit muss sein, und … ich sehe was, was du nicht siehst, nämlich einen Parkplatz. Da vorne an dem kleinen Park.“

Na endlich! Wir parkten und verzurrten die Plane, um dann erst mal Kaffee und ein paar süße Gebäckstückchen im Imbiss gegenüber zu uns zu nehmen. Das hatte auch einen taktischen Grund, denn so konnten wir danach den Besitzer bitten, ein Auge auf unser Auto zu haben, während wir einkaufen gingen. Dieser versprach es uns, bedeutete uns aber auch, wir sollten uns mal keine Sorgen machen, in Griechenland käme schon nichts weg (was sich zumindest in diesem Jahr und auch in den folgenden bestätigte).

Wir gaben uns Mühe … aber wir fanden natürlich in der ganzen Pláka keine einzelne Sandale, so viele Läden wir auch frequentierten, wo diese aber nur paarweise verkauft wurden. Irgendwann kauften wir ein komplettes Paar und so hatte Wanja nun eine Ersatzsandale zum Wechseln.

PicturesKJ/_tempo01.jpgAm frühen Nachmittag kehrten wir zum Wagen zurück, denn wir wollten nun aufbrechen. Etwa 2.800 Kilometer lagen schließlich noch vor uns, die wir wie auf dem Hinweg größtenteils nonstop zurücklegen wollten. Es gab noch eine Gýros-Pítta auf die Hand für unterwegs aus dem gleichen Imbiss und so gestärkt rollten wir bald nach Norden.

Die letzte Nacht in Griechenland verbrachten wir auf der gleichen Wiese wie die erste … nur ohne größere alkoholische Exzesse. Selbst zum Singen hatten wir nicht die richtige Lust. So saßen wir alle nur um unser letztes Lagerfeuer und tranken ein wenig Wein. Wir sprachen wenig, sondern lauschten gemeinsam dem für uns letzten Rauschen des ägäischen Meeres für dieses Jahr.

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Kreta 1971 – Teil 12

Der nächste Morgen traf uns schon früh auf der Piste an. Diesmal hatte Wanja die erste Schicht übernommen. Unterwegs sammelten wir noch zwei deutsche Anhalter aus München ein, die natürlich hocherfreut waren, fast die ganze Strecke in einem Rutsch hinter sich bringen zu können.

Die Grenzkontrollen in Evzóni erlebte ich diesmal wach mit, es verlief alles problemlos: Wanja und ich gingen mit dem ganzen Stapel Ausweise nach drinnen, diese wurden ohne große Kontrolle abgestempelt, die Anzahl der Pässe wurden nicht einmal mit der Anzahl der Reisenden verglichen, denn wenn man Griechenland verließ (und nicht gerade vorher aus der Türkei gekommen war), interessierte sich die griechische Polizei nur noch bedingt für einen. Griechen wurden damals bei der Ein- und der Ausreise weitaus penibler und sorgfältiger kontrolliert als Ausländer!

Der einzige, der einen längeren Blick in Wanjas Pass warf, war der Kollege vom griechischen Zoll, denn er musste ja die Wiederausfuhr des Fahrzeugs im Pass bestätigen.
Dann waren wir entlassen. Die jugoslawischen Beamten ein Stückchen weiter in Gevgelija interessierten sich noch weniger für uns, denn wir waren ja nur Durchreisende. Auch hier störte sich niemand daran, dass wir mit zehn Personen unterwegs waren.

Die Strecke durch Jugoslawien zog und zog sich. Es war schon ziemlich Nachmittag, als wir endlich Belgrad erreichten. Ich übernahm wieder das Lenkrad. Um den von der Hinfahrt hinlänglich bekannten nicht ungefährlichen Verkehr auf dem Autoput und später auch die drei erwähnten Alpenpässe zu umgehen, entschlossen wir uns, die weitaus weniger befahrene Nebenstrecke nördlich des Put Richtung Maribor zu nehmen. Wir würden zwar langsamer vorankommen, da man auf dieser Strecke durch zahlreiche Ortschaften fahren musste, aber vor allen Dingen in der Nacht, die vor uns lag, würden wir kaum Verkehr haben. Also würde sich der Zeitverlust in Grenzen halten und es pressierte uns auch nicht.

Es war schon einige Stunden später und stockdunkel, als wir plötzliche alle Hinweisschilder an der Straße vermissten. Außerdem wurde sie irgendwie immer schmaler und wies auch keinerlei selbstleuchtende Begrenzungen auf. Waren wir etwa falsch abgebogen und hatten uns verfahren?
„Egal,“ meinte Wanja, „fahr erst mal immer geradeaus weiter, irgendwo kommen wir schon raus! Und irgendwo wird es dann wieder ein Ortsschild geben, dass wir lesen und auf der Karte finden können.“
„Hoffen wir das Beste!“
Da die Straße vollkommen leer war und ziemlich ohne Kurven verlief, kamen wir recht flott voran. Dann entdeckte ich einige hundert Meter voraus ein Licht.
„Wenn das jetzt eine Tankstelle oder eine Kneipe wäre, könnte man vielleicht mal fragen.“
„Ich glaube nicht, dass das ein Gebäude ist. Siehst du nicht die roten Lampen? Das ist vermutlich ein stehendes Auto. Vielleicht Polizei …“
„Das wäre mal was Neues. Hier in Jugoslawien hatten wir das Vergnügen ja noch nicht!“

In der Zwischenzeit waren wir nahe genug dran, um zu erkennen, dass es sich um einen PKW handelte, der am rechten Straßenrand stand.
„Das ist keine Polizei, die hätten schon lange die Kelle draußen … fahr also zügig vorbei!“
Also gab ich wieder etwas mehr Gas und lenkte den Wagen auf die linke Straßenseite.
Doch plötzlich lief mir irgendetwas kalt über den Rücken. Es war, als wolle mich irgend wer oder irgend etwas vor einer drohenden Gefahr warnen.

An einen Überfall dachten wir wohl beide nicht, aber ich spürte etwas anderes in der Luft, was mir Angst machte.
„Wanja, verdammt, da stimmt etwas nicht. Ich weiß nicht was, aber ich habe ein Scheißgefühl!“
Ich nahm das Gas weg und bremste den Wagen herunter. Gleichzeitig knipste ich das Fernlicht an, um besser zu sehen. Langsam und sehr vorsichtig pirschten wir uns an dem haltenden Wagen vorbei, wobei Wanja feststellte, dass offensichtlich niemand darin saß. Ich schaute nur angespannt nach vorne.
Und dann war er da, der Moment des großen Schrecks. Ich trat mit aller Macht auf die Bremse. Als der Wagen zum Stehen gekommen war, schauten wir beide einen Moment durch die Frontscheibe und wir wollten nicht glauben, was wir sahen: Die Straße endete unvermittelt und ohne jede Warnung in einem riesigen Loch, von dem wir im Licht der Scheinwerfer nur erkennen konnten, dass es etwa die Ausmaße einer Kiesgrube haben musste.

„Mein Gott, hättest du nicht doch gebremst … dann wären wir jetzt alle tot.“
„Na, besser jetzt, als auf der Hinfahrt …“
Es sei versichert, dass dies ein dummer Spruch ohne echten Hintergrund und sicherlich durch den Schock ausgelöst worden war.
Einige der Jungs hinten waren durch die Vollbremsung wach geworden, ein paar fragende Rufe waren zu hören.
„Alles in Ordnung, schlaft weiter!“

Wanja stieg aus und leuchtete mit der Taschenlampe umher. Dabei stellte er nicht nur fest, dass es vor uns scheinbar bodenlos in die Tiefe ging, sondern er entdeckte nur wenige Meter vor dem steil abfallenden Hang einen schmalen Feldweg, der rechts ein Stück hinunter und dann um die Grube herum führte. Wir diskutierten nur kurz, ob wie diesen Weg einfach auszuprobieren oder lieber umkehren wollten. Wir entschlossen uns für Ersteres, denn der Schreck ebbte langsam wieder ein wenig ab.

Vorsichtig lenkte ich den Wagen den dunklen Weg hinunter. Er war erstaunlich gut befahrbar, vermutlich machten es die ortskundigen Einheimischen genauso. Und dass es keinerlei Warnschilder gegeben hatte, erklärten wir uns allmählich damit, dass wir uns wirklich verfahren haben mussten, und dass hier vermutlich niemals andere als Ortskundige entlang fuhren.
Beim Umfahren der Grube wurde uns erst richtig deutlich, wie groß diese wirklich war. Wanja hatte Recht gehabt: Wenn wir diese Grube im freien Flug kennen gelernt hätten, wäre das für alle das Ende gewesen. Und mit ziemlicher Sicherheit nicht nur das Ende dieser Fahrt.

Wir fanden tatsächlich im Dunkeln eine andere Straße, die auch Beschilderungen aufwies. Wir hatten uns um einige 20 Kilometer verfahren.
Wir redeten kaum, denn wir dachten wohl beide über die verdammte Verantwortung nach, die wir mit uns schleppten, und der wir mit Glück und Instinkt gerade noch mal gerecht geworden waren. Plötzlich wurde uns erst so richtig bewusst, was es bedeutet, in einem fremden Land weitab von zu Haus für die Kinder anderer Leute verantwortlich (gewesen) zu sein. Aber es war ja diesmal gerade noch mal gut gegangen. Und wir würden es jetzt auch alle gesund nach Hause schaffen. Nur beinahe hätten diese schönen Tage in einer Katastrophe geendet …

Erst eine halbe Stunde später versuchte Wanja einen Scherz, über den wir beide aber nur ein wenig gezwungen lachen konnten: „Das war bestimmt eine Touristenfalle. Früher lockten doch die Fischer gerne Schiffe mit falschen Leuchtfeuern auf die Klippen, um sie auszuplündern … hier lockt man Autos in Kiesgruben …“

Die jugoslawisch-österreichische Grenze passierten wir gegen drei Uhr nachts ohne dass die Jungs auf der Ladefläche wach wurden. Beide Seiten zeigten nur sehr mäßiges Interesse an uns. Wir fuhren über Bruck und Leoben quer durch Österreich, wobei wir auf dieser Strecke alle wirklichen Pässe vermieden (ich habe zukünftig immer diese Strecke genommen – natürlich aber nicht durch die Kiesgrube).

Der Morgen war schon ziemlich fortgeschritten, als wir Salzburg passierten. Der nächste und letzte Grenzübertritt war nicht mehr fern.
Wanja saß wieder am Steuer und ich hatte mich zu einem Nickerchen nach hinten verzogen. Und dann passte er leider nicht auf. Wir hatten nämlich vorgehabt, auf dem letzten Parkplatz vor der deutschen Grenze unser Auto wieder der deutschen Straßenverkehrsordnung anzupassen und außerdem wenigstens die beiden Tramper zu Fuß über die Grenze zu schicken.
Wir verpassten den Parkplatz, auch der österreichische Grenzposten war irgendwie nicht besetzt und mir nichts dir nichts standen wir mitten im deutschen Zoll.

Ich erwachte durch einen erregten Wortwechsel zwischen Wanja und den Grenzbeamten.
Natürlich wurde alles beanstandet. Das Fahrzeug sei überladen – lächerlich, Wanja hob den Kleinsten hoch und fragte die Zöllner rhetorisch, ob der denn vielleicht eine Tonne wiege –, dann beförderten wir zu viele Personen – na ja, das stimmte – langer Rede kurzer Sinn, trotz aller Streitereien und aus Griechenland übernommener Argumentationsversuchen ließ man uns hier tatsächlich nicht nach Deutschland hinein. Wir waren kurzfristig ausgebürgert. Deutschen Polizisten gegenüber konnte man offensichtlich keine griechischen Methoden anwenden.

Wir setzten also die beiden Münchner ab, räumten das Gepäck nach hinten und setzten uns wieder gesittet und vorschriftsmäßig auf die vorgesehenen Bänke, erst dann ließ man uns überhaupt (!) wieder weiterfahren … leider aber nur in die falsche Richtung, zurück nach Österreich.
So richtig Sorgen bereitete uns dies allerdings nicht, nach dem überstandenen Schrecken der vergangenen Nacht war dieses Problem ein winziges – es gab schließlich noch andere Grenzübergänge.
Wir entschieden uns für den „Nahverkehr-Grenzübergang“ an einer Landstraße unweit Salzburgs.

Und das war auch schon wieder unklug gewesen. Die deutschen Grenzer betrachteten den Wagen mit dem fernen Kennzeichen argwöhnisch und fragten als Erstes, wo wir denn her kämen. Als sie die Antwort „Griechenland“ vernahmen, wurden sie noch misstrauischer. Warum wir denn aus Griechenland kommend nicht den Grenzübergang an der Autobahn benutzten (sie vermuteten vermutlich, wir wollten irgendetwas schmuggeln).
Die schnell vorgebrachte Ausrede, wir hätten in Salzburg übernachtet und das sei hier der kürzeste Weg, zog leider nicht: Wir waren ihnen einfach suspekt.

Zuerst hieß es, alle Rucksäcke auszuladen. Dann krabbelten zwei Beamte auf die Ladefläche und durchwühlten wirklich alles bis auf den letzten Winkel.
Lustige Zurufe wie „wenn Sie bei der Gelegenheit meine Zahnbürste finden, wäre ich Ihnen dankbar“ oder „Vorsicht, in der Tüte sind nur meine Stinksocken“ ignorierten sie hoheitsvoll. Erst, als einer der beiden versehentlich voll in den Kochtopf griff, in dem sich noch reichlich Reste gestern verzehrter Spaghetti mit Tomatensauce befanden – das Spülen hatte sich nicht mehr gelohnt –, da fluchte er doch auf kräftig bayrisch vor sich hin:“Herrgottssakra noch eimo …“ (oder so ähnlich).

Die Visitation des Autos wurde daraufhin abgebrochen, dafür mussten wir sämtliche Rucksäcke in die Wache hineintragen und sie bis auf das letzte Taschentuch auspacken.
Gefundene Wein- oder Schnapsflaschen und Zigaretten stellten bzw. legten die Zöllner wie Trophäen auf den Tresen. Als sie dann aber letztendlich die Flaschen und uns durchzählten, wobei nur die Älteren als volle Personen gerechnet wurden, stellten sie bedauernd fest, dass die ganze Aktion ein absoluter Schuss in den Ofen war. Wir hatten keinen Tropfen zu viel dabei … und auch keine einzige Zigarette. Damals im ersten Jahr hatten wir uns noch nicht so recht getraut.
„Verdammt, da können wir nix mochn,“ zischte einer der Zöllner seinen Kollegen zu.
Und an uns gewandt: „Nu haut’s scho ab! Seht’s zua, dös ihr Land g’winnt.“
Wir ließen uns das nicht zwei Mal sagen.

Deutschland hatte uns wieder. Wenn wir das nicht vorher gewusst hätten, hätten uns die Erlebnisse an dieser letzten Grenze endgültig überzeugt! Es war unwiderruflich vorbei … gegen Abend kamen wir wieder an der Burg an, wo schon einige erleichterte Eltern auf uns warteten – wir hatten von unterwegs ein paar Telefonate geführt – und ihre braun gebrannten, leicht schmuddeligen und müden, aber gesunden und erholten Söhne wieder in die Arme schließen duften. Niemand außer Wanja und mir wusste an diesem Tag, dass es um ein Haar nicht zu diesem Wiedersehen gekommen wäre …

PicturesKJ/_sandlilie.jpgAls wieder Ruhe auf Burg Hohlenfels eingekehrt war, tranken Wanja und ich genussvoll unser erstes Bier seit fast sechs Wochen. Auf Kreta hatten wir uns diesen damals noch sehr kostspieligen Luxus nicht gegönnt …

Dazu hörten wir noch einmal die beiden Langspielplatten, eine mit kretischer Musik, eine mit Bousoúki, die Wanja am letzten Tag in Iráklion gekauft hatte … und wir träumten uns noch einmal zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Und dachten nur noch an die schönen Momente.

Aber die Fahrt und der Bericht sind zu Ende …

Vái

PicturesOG/vai1_gwg2.jpgDer Palmenhain von Vái im äußersten Osten Kretas zählt zu den bekanntesten und am meisten fotografisch abgebildeten Plätzen der Insel. Der Legende nach wurde dieser Palmenhain unabsichtlich von arabischen Seeräubern angelegt, die hier auf Kreta anlegten, Datteln kauten und die Kerne in den Sand spuckten, wo sie wurzelten und zu Bäumen wurden. Mehr als eine Legende ist diese Geschichte aber nicht, denn Botaniker bezeichnen diese Art der Dattelpalme nicht als Importgewächs, sondern als einheimische und nur auf Kreta vorkommende Pflanze. Oder sollten auch an der Mündung des Megalopotamós arabische Seeräuber gelandet sein? Das zumindest wäre eine neue Entdeckung!

Der Palmenstrand von Vái ist jedenfalls ein sehr hübsches Fleckchen Erde, dessen Entdeckung durch die ersten Rucksackler schon schnell viel fahrendes Volk anzog (mich selbst 1971 das erste Mal, und ich war begeistert!). Der Strand und auch der Palmenhain von Vái verdreckten leider durch viele wilde Camper und Strandschläfer (und „Wildk…“) völlig, bis vor mehreren Jahren die kretischen Behörden reagierten: Sie zäunten den größten Teil des Palmenwaldes in Vái ein und erklärten ihn zum Naturschutzgebiet – Betreten verboten.

PicturesOG/vai2_gwg2.jpgDer Strand und der kleine weiterhin betretbare Teil des Palmenhains darf heutzutage nur von 7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends betreten werden. Übernachten oder gar Campen ist verboten! Abends wird der Strand im wahrsten Sinne des Wortes „geschlossen“. Das ist auch ganz gut so (auch wenn man grundsätzlich gegen restriktive Maßnahmen aller Art ist und sein darf!), denn so – und leider nur so – konnte die Schönheit dieses Fleckchens Erde gerettet werden. Für Vái war es wirklich 5 vor 12!

Trotz dieser Einschränkungen hat Vái augenscheinlich seine Anziehungskraft nicht verloren, hier ist immer reichlich was los, auch wenn sich die Klientel sehr verändert hat. Ein Restaurant hat sich rechts am Hang eingerichtet. Trotz der relativen Monopolstellung des „Estiatório Vái“ von Antónis Kalambókis (denn die nicht weit entfernte Snack-Bar am Strand stellt eine ziemliche Zumutung dar) sind die Preise normaler Durchschnitt und die Essensqualität erstaunlich gut. Beim Essen bietet sich zudem ein schöner Blick über die Bucht gratis.

Vor allem mittags fahren hier viele Reisebusse der „Eastern-Crete-in-5-Hours-Touren“ (die heißen natürlich nicht wirklich so) vor und speien ihre Fracht aus. Entsprechend voll ist es dann, das Lokal und sein Personal werden aber bisher damit recht gut fertig. Durchaus zu empfehlen, vor allen Dingen, weil sich das Essensangebot nicht nur auf das übliche Tavernenessen beschränkt, sondern auch Leckeres aus Topf oder Backofen angeboten wird.

Da sich der Strand von Vái vom Rucksäcklerparadies zum Tagesbadestrand von (durchaus auch sehr vielen individuellen) Ausflüglern aus Sitía gewandelt hat, ist natürlich eine entsprechende Infrastruktur vorhanden: Man kann Windsurfbretter und Tretboote, Sonnenschirme und Strandliegen mieten, kurz alles, was man so braucht. In der Saison ist sogar Wasserski im Angebot.
Der Strand selbst ist grob sandig und sehr schön. Im Wasser trifft man aber auf diverse Felsplatten. Ganz hält also das Meer nicht, was der Strand verspricht.

PicturesOG/vai3_gwg2.jpgKlettert man die Steintreppe links neben dem Restaurant hinauf und überquert den Aussichtsfelsen, so erreicht man (immer den roten Punkten folgend) eine weitere Badebucht, die fast noch schöner ist. Sie ist allerdings nicht für kleine Kinder geeignet, da das Wasser hier (im Gegensatz zur eigentlichen Bucht von Vái) recht steil tiefer wird.

Eine öffentliche Toilette und eine Süßwasserdusche (beide gebührenpflichtig) findet man am (ebenfalls gebührenpflichtigen) Parkplatz.

Öffentliche Verkehrsmittel
Etwa 5 x täglich kommt der Bus aus Sitía hierher.

Gerüchten zufolge (aber die gibt es schon seit Jahren) soll oberhalb von Vái der größte europäische Ferienclub mit 7.500 (!) Betten und einer eigenen Meerwasserentsalzungsanlage entstehen. Der Bauherr soll ein englischer Konzern sein. Dann wäre leider ziemlich Feierabend hier … oder sieht das jemand anders?