Kreta 1975 – Teil 5

Die Tage – oder besser die Nächte – vergingen wie im Flug. Zwischendurch kam mir dann und wann der Gedanke, dass ich doch eigentlich hier sei, um Urlaub zu machen und ein bisschen von der Insel zu sehen. Doch ich ließ diesen Gedanken jedes Mal an mir abprallen: Heute war Jetzt, ich würde ja sicher noch viele Jahre nach Kreta kommen, um mehr von der Insel kennen zu lernen. Ganz fremd war sie mir ja auch jetzt schon nicht mehr und der Rest durfte ruhig noch ein wenig warten. Abgesehen davon gingen meine beiden Freunde Nikos und Manolis inzwischen wie selbstverständlich davon aus, dass ich dabei war und inzwischen war ich auch wirklich nützlich, denn ich hatte viel gelernt.

Da unser „Koursaros“ zwar ein altes Boot, wegen seiner Bauweise aber noch bei schlechtem Wetter sehr seetüchtig war, fuhren wir auch dann, wenn andere Boote längst im Hafen blieben. Dabei war das Fahren nicht mal das Schwierigste, aber wer jemals versucht hat, bei ordentlichem Wellengang Paragádia auszulegen oder reinzuholen, der weiß, dass man dann eigentlich drei Hände braucht: Zwei zum Arbeiten und eine, um sich festzuhalten. Irgendwie hatten wir die drei Hände aber auch …

Manchmal dachte ich noch an meine fürchterliche erste Nacht auf dem Meer zurück und an meinen Schwur, das sei das erste und letzte Mal gewesen. Und dann musste ich jedes Mal lachen … ich war ja schon so sehr Fischer geworden, dass mich die jungen Touristinnen, die wir schon mal in alter Kamáki-Tradition am Komós-Strand umbalzten und zu kleinen Spritztouren mit dem Boot einluden, schon gar nicht mehr von den anderen unterscheiden konnten. Sie freuten sich höchstens, dass einer von den strubbeligen, braungebrannten und nach Salz riechenden Burschen „ein bisschen“ Deutsch konnte *zwinker*. War ja auch ein tolles Bild: Das Boot rauschte bis kurz vor den Strand, dort ankerten wir und wateten durch das hüfthohe Wasser an Land … dass wir dabei nass wurden, merkten wir kaum noch. Wenn wir dann eine Weile im Lokal saßen (na ja, es war eine bessere Kantina), trocknete die Jeans eben am Körper … und die Mädels – jedenfalls die, die ohne männliche Begleitung waren, saßen von ganz alleine bei uns am Tisch. Es war ja auch spannend für sie, dann mit dem Boot ein bisschen spazieren zu fahren … natürlich (!) nicht viel mehr als das.

Diese kleinen Spaßausflüge fanden aber nicht sehr häufig statt, da wir in erster Linie (ehrlich!) ans Fischen dachten.

Und dann wollten wir auch mal woanders hin, nämlich vor Préveli fischen. Ich war noch nie am dortigen Palmenstrand gewesen, also fand ich die Idee natürlich gut. Auch Lefteris und Michalis mit dem kleinen Boot waren wieder dabei, was sich als echter Glücksfall erweisen sollte. In Kókkinos Pýrgos hatte man uns gewarnt, es war ein kräftigerer Wind angekündigt. Doch das hatte uns noch nie besonders geschreckt, deshalb legten wir etwas früher ab als gewöhnlich, um rechtzeitig die Fischgründe zu erreichen. Von Sturm war nicht die Rede, das Meer lag ruhig wie Öl.

Wir legten die Paragadia vor der Palmenbucht aus und fuhren mit der fortgeschrittenen Abenddämmerung in die Bucht hinein. Wir legten das Kaíki geschützt ans westliche Ende der Bucht unweit der Felsen, über die der Fußweg zum heutigen Parkplatz hinauf führt und fuhren dann mit Michalis‘ kleiner Várka an den Strand.

Man muss sich diese Bucht aus heutiger Sicht vorstellen: Damals war da NICHTS. Na ja, fast nichts. Es gab nur am Westende eine kleine aus Steinen einfach aufgeschichtete Hütte mit einem Dach aus Schilf und Plastikplanen, in der der legendäre Barba Jorgos seine „Strandtaverne“ betrieb. Wer Barba Jorgos nicht mehr kennen lernen durfte: Er war ein kleines, vertrocknetes und uraltes Männchen, welches allmorgendlich oder auch mal nur alle paar Tage mit seinem Esel den Pfad heruntergetrottet kam. Der Esel trug den Nachschub an Getränken für die Taverne, die Barba Jorgos dann an die paar vereinzelten nacktbadenden Aussteiger in der Bucht für ein horrendes Geld verkaufte. Na ja, der „Antransport“ war ja auch nicht ohne. Er kühlte die Getränke übrigens immer direkt im Fluss, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Barba Jorgos war die ewige Sonne und die freizügig dargebotene Nacktheit der wenigen hübschen Mädchen und Knaben in dieser Bucht offensichtlich im Lauf der Zeit ziemlich aufs Hirn geschlagen, denn seine Lieblingsvokabel lautete „ficki ficki“!

Na egal, als wir auftauchten, war er noch anwesend und begrüßte uns sehr erfreut, denn wir hatten erstens etwas zu rauchen und zweitens auch genug zu trinken dabei, diesmal auch Wein, außer dem obligatorischen Raki … und drittens hatte er endlich mal wieder Gesellschaft von Landsleuten. Wir saßen also in seiner Hütte, die nur von einer Petroleumfunzel erleuchtet wurde und quatschten und tranken.

Zwischendurch tauchte mal ein junge Engländerin auf, die eine Cola kaufen wollte. Barba Jorgos schlug ihr prompt „ficki ficki“ vor, da sie das aber nicht verstand oder verstehen wollte, kassierte er und wies sie an, sich die Flasche selber aus dem Fluss zu holen. Offensichtlich hielt man sich hier damals noch an das ungeschriebene Gesetz, nicht zu klauen.
Als wir dann auch noch Hunger bekamen, teilten wir alles, was wir hatten, mit Barba Jorgos, dem es sichtlich schmeckte und rollten uns dann am Strand in die nach Fisch riechenden Decken, die wir vom Kaíki mitgebracht hatten (glaubt bitte nicht, dass ich meinen recht ordentlichen Schlafsack jemals mit aufs Boot genommen hätte).

Ich wachte auf, als sich jemand neben mir regte. Nikos saß aufrecht und horchte aufs Meer hinaus. Ich hörte noch, wie er einen ziemlich hässlichen Fluch murmelte, dann schlief ich wieder ein. Doch mir fiel im Halbschlaf auf: Da war Wind, wo vorher noch keiner war …