Als ich das Oberdeck erreichte, bemerkte ich, dass der Wind stark aufgefrischt hatte. Besonders auf dem ungeschützten Vorderdeck blies er wie Hechtsuppe. So wunderte ich mich nicht, keinen unserer Jungs dort noch vorzufinden, sie hatten sich ein windgeschützteres Plätzchen gesucht. Nur ein einsames Schlafsackbündel lag dort noch und wurde vom Wind gebeutelt. Es war Wanja, dem es wohl zu mühsam gewesen war, sich von hier noch einmal fortzubewegen.
Aber wo war mein Schlafsack? Der Rucksack lag noch da, doch der Schlafsack war einfach weg! War er etwa über Bord geweht worden? Ich erschrak zutiefst, doch dann entdeckte ich ihn. Etwa zwanzig Meter von mir entfernt flatterte er wie eine Fahne im Wind. Tatsächlich war er vom Wind fort getragen worden, aber glücklicherweise war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich an der Reling festzuhalten, d. h. er hatte sich um einen Pfosten gewickelt und dort „festgeklammert“. Glücklich sammelte ich den verlorenen Sohn wieder ein, trug ihn an seinen alten Platz zurück – der Wind war mir jetzt auch egal – und rollte mich tief in den Schlafsack (nicht ohne säuberlich vorher meine gestern in Iráklion erstandenen Riemchensandalen neben dem Schlafsack abzustellen – auch das erwies sich später als Fehler!).
Ich hatte es mir erst seit etwa zehn Minuten „gemütlich“ gemacht, als plötzlich nicht nur der Wind an mir rüttelte, sondern zu allem Überfluss auch noch Wanja. Er saß aufrecht neben mir in seinem Schlafsack und zeigte aufgeregt auf das Meer hinaus:
„Guck mal schnell, da drüben ist Land. Siehst du die Lichter?“
Ich steckte nur gerade mal die Nase aus dem Schlafsack.
„Wanja, du spinnst. Wir sind etwa auf halber Strecke zwischen Kreta und Piräus, wo sollen wir denn da so nah an Land vorbeikommen. Das ist bestimmt ein Schiff, vielleicht die Gegenfähre!“
„Ach so, bloß ein Schiff …“
Er ließ sich enttäuscht nach hinten sinken und wickelte sich wieder ein. Doch es dauerte nur Sekunden, dann ging es erneut los: Rüttel rüttel …
„Schau mal, da drüben sind ganz viele Lichter. Da ist eine Insel …“
„Ach Wanja, lass mich pennen. Da ist keine Insel … und wenn da eine wäre, warum sollte die um diese Zeit so festlich beleuchtet sein? Das ist ein Schiihiif.“
„Ach so, ein Schiff …“
Er sprang, kletterte auf die Reling (es ging dahinter nicht gleich bis unten ins Meer, sondern er wäre nur im Falle des „Falles“ ein Deck tiefer aufgetitscht). Er zog das Hemd aus und begann heftig, damit zum anderen Schiff hinüber zu winken.
„Wanja, jetzt ist es aber gut. Meinst du etwa, dich sieht einer auf die Entfernung? Und außerdem ist es stockdunkel hier. Roll dich wieder in den Schlafsack, bevor du dich erkältest oder es dich von der Reling weht.“
Erstaunlicherweise leistete er der Aufforderung ohne weitere Einwände Folge. Er hatte übrigens auf Kreta die gleichen Sandalen wie ich gekauft. Auch er platzierte sie nun säuberlich neben seinen Schlafsack.
Die Nacht verging ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle, wenn man denn ignorieren konnte, dass der Wind keineswegs nachließ …
Als es dämmerte, ließ der Kapitän wieder das Horn des Schiffes aufbrüllen – tatsächlich, wir liefen bereits langsam auf die äußere Hafenbegrenzung von Piräus zu.
Wir steckten beide unseren Kopf aus dem Schlafsack und sahen uns schlaftrunken um. Als ich nach meinen Sandalen tastete, griffen meine Hände ins Leere. Die Sandalen waren spurlos verschwunden. Ich hatte meine Rechnung wohl ohne den Wind gemacht.
„Wanja, sind deine Sandalen noch da?“
Er suchte, fand aber nur noch einen Schuh.
„Wahrscheinlich ist der andere vom Wind weggeweht worden. Meine sind übrigens gleich beide weg! Mist …“
Wanja bekam einen mittleren Wutanfall. Er sprang auf.
„So ein …, die waren noch ganz neu! Dann brauche ich den anderen ja auch nicht mehr.“
Er lief zur Reling hinüber und warf die Sandale mit einer ausholenden Bewegung weit hinaus in die schäumende Ägäis.
Muss ich eigentlich erwähnen, was ich zehn Minuten später ein Deck tiefer wiederfand? … Drei Sandalen!
Ich tröstete Wanja: „Wir kaufen dir in der Pláka (die Athener Altstadt) eine neue … wenn man die einzeln kriegt.“
Da Wanja Athen ein wenig besser kannte als ich vom einmaligen Durchfahren, lotste er uns auf kürzestem Weg von Piräus in die schmalen Gassen der Altstadt. Da ich vermutlich noch nicht wieder ganz nüchtern war, war die Kurbelei – einmal musste ich dreißig Meter zurücksetzen, weil uns ein größerer Wagen entgegen kam – etwas ermüdend. Und plötzlich fiel mir etwas auf.
„Wanja, kann es sein, dass wir jetzt schon das vierte Mal zu diesem Platz hier kommen? Fahren wir ständig im Kreis?“
„Ja, das tun wir. Erstens wollte ich mal sehen, wie du heute Morgen mit der Karre in diesen Gassen zurecht kommst, und zweitens … hast du bisher irgendwo einen Parkplatz gesehen? Wir wollten doch eine neue Sandale für mich kaufen …“
Mir blieb der Mund offen stehen. Natürlich wollten wir die Sandale kaufen und wir wollten auch auf den berühmten Flohmarkt, aber dafür musste er mich doch nicht wie einen Blöden durch die Gassen scheuchen!
„Sprüche kannst du ja schon wieder machen … du Armleuchter!“
„Sie Armleuchter, so viel Zeit muss sein, und … ich sehe was, was du nicht siehst, nämlich einen Parkplatz. Da vorne an dem kleinen Park.“
Na endlich! Wir parkten und verzurrten die Plane, um dann erst mal Kaffee und ein paar süße Gebäckstückchen im Imbiss gegenüber zu uns zu nehmen. Das hatte auch einen taktischen Grund, denn so konnten wir danach den Besitzer bitten, ein Auge auf unser Auto zu haben, während wir einkaufen gingen. Dieser versprach es uns, bedeutete uns aber auch, wir sollten uns mal keine Sorgen machen, in Griechenland käme schon nichts weg (was sich zumindest in diesem Jahr und auch in den folgenden bestätigte).
Wir gaben uns Mühe … aber wir fanden natürlich in der ganzen Pláka keine einzelne Sandale, so viele Läden wir auch frequentierten, wo diese aber nur paarweise verkauft wurden. Irgendwann kauften wir ein komplettes Paar und so hatte Wanja nun eine Ersatzsandale zum Wechseln.
Am frühen Nachmittag kehrten wir zum Wagen zurück, denn wir wollten nun aufbrechen. Etwa 2.800 Kilometer lagen schließlich noch vor uns, die wir wie auf dem Hinweg größtenteils nonstop zurücklegen wollten. Es gab noch eine Gýros-Pítta auf die Hand für unterwegs aus dem gleichen Imbiss und so gestärkt rollten wir bald nach Norden.
Die letzte Nacht in Griechenland verbrachten wir auf der gleichen Wiese wie die erste … nur ohne größere alkoholische Exzesse. Selbst zum Singen hatten wir nicht die richtige Lust. So saßen wir alle nur um unser letztes Lagerfeuer und tranken ein wenig Wein. Wir sprachen wenig, sondern lauschten gemeinsam dem für uns letzten Rauschen des ägäischen Meeres für dieses Jahr.