Kreta 1975 – Teil 3

Manolis und Nikos kamen am nächsten Spätnachmittag „pünktlich“ zu Jannis und holten mich ab, um von dort aus die wenigen Meter zur Mole zu fahren.
Der Ablauf war der gleiche wie am Abend und in der Nacht zuvor … mit dem für mich entscheidenden Unterschied, dass wir die Paragádia dieses Mal wesentlich näher an den Paximádia-Inseln auslegten und wir deshalb statt auf dem offenen Meer vor Treibanker dümpelnd eine kleine Bucht der Paximádia anliefen und dort ankerten.

Hier lag das Boot ziemlich ruhig, mein Magen war es zufrieden, und mein Gefallen am Fischerdasein wuchs … auch wenn es wirklich nicht halb so romantisch ist, wie es sich mancher vorstellen mag. Aber für mich hatte es den Geschmack von Freiheit und Abenteuer. In dieser Nacht fingen wir nur zwei Schwertfische, aber das reichte auch, um die Kosten zu decken.
Ich vergaß übrigens zu erwähnen, dass Nikos auch mir einen kleinen Anteil ausbezahlte, wenn wir erfolgreich waren.

Von da an hatte ich einen geregelten Tagesablauf: Gegen 5 Uhr nachmittags tauchten die beiden auf und gegen 9 oder 10 Uhr morgens kehrten wir zurück – mal verkauften wir unseren Fisch in Mátala, mal in Kókkinos Pýrgos … und mal … z. B. in der Nacht; die wir in Kalí Liménes an Land geschlafen hatten, waren die Paragádia zwar kilometerweit „spazieren gegangen“, sodass wir sie erst bei Tageslicht wiederfanden, aber kein einziger Xifías hatte angebissen …

In der Regel ging ich gegen 11 Uhr (vormittags) schlafen, um dann kurz vor 5 Uhr wieder aufzustehen. Gegessen wurde morgens und abends Fisch (das war das Einzige, was ich weniger spannend fand). Nur einmal die Woche war Ruhetag und dann zog ich mir Jannis eine Riesenportion Koteletts rein.

Meine Jeans blieb inzwischen nach dem Ausziehen senkrecht neben dem Bett stehen, so sehr war sie voller Meersalz. Einmal die Woche weichte ich sie zwar in Süßwasser ein, aber das hielt nie lange.
Mein Pidgin-Fischergriechisch wurde immer besser, zumindest verstand ich alles und konnte auch schon einiges anwenden … was aber nicht im Geringsten heißt, dass ich Griechisch gekonnt hätte, wie ich im folgenden Jahr leidvoll erfahren musste.

Ich muss noch erwähnen, dass wir manchmal sogar zu fünft unterwegs waren: Michalis, ein kleiner verschmitzter Glatzkopf, der auch ein eigenes kleines Boot mit Außenbordmotor besaß und sein Freund Lefteris, der nur selten und aus Hobby zum Fischen fuhr.

So war es auch in dieser Nacht: Wir hatten die Paragádia diesmal sogar außerhalb der Paximádia ausgelegt und sie nur sehr schwer wieder gefunden, und zwar erst, als es dämmerte. Es herrschte hier draußen ein ziemlicher Seegang und außerdem war der Morgennebel ziemlich dicht. Wir hatten nun zwar die Leinen wieder gefunden, wussten aber längst nicht mehr genau, wo wir waren. Irgendwo sehr weit draußen. Erwähnte ich bereits, dass dieses alte Boot natürlich über kein Radar verfügte?

Nikos blieb selbst am Ruder, da das Meer doch ziemlich rau war, dafür bekam ich einen fast ebenso spannenden Auftrag. Ich musste auf den kleinen Mast klettern, weil ich von da oben über die Kämme der Wellen wohl eher anhand der kleinen „Bojen“ die Richtung der Leine verfolgen konnte. Es ging tatsächlich einigermaßen und ich lenkte Nikos durch Zurufe und Gesten von oben. Die Leine verlief kreuz und quer, was recht ungewöhnlich war … Schwertfische kämpfen in der Regel nicht lange.

Zwischendurch überlegte ich, was passieren würde, wenn nun plötzlich aus dem Nebel ein großer Frachter vor uns auftauchen würde … doch ich verwarf den Gedanken lieber gleich wieder.

Dann hörte ich die ersten Rufe: „Echi práma!“
Der erste Schwertfisch wanderte an Bord … normales Kaliber. Ich konnte das von hier oben wie aus einem Logenplatz beobachten. Und gleich am nächsten Haken wieder einer, sogar eine Nummer größer. Die Stimmung an Bord stieg.
Doch dann bog die Leine wieder einmal fast im rechten Winkel ab und es dauerte eine Weile, bis das Boot richtig dran lag. Plötzlich beugte sich Manolis, der als vorderster die Leine einholte, über die Reling und brüllte: „Karcharías!“

Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal, aber ich merkte sofort, dass es auf die anderen wie ein Alarmruf wirkte. Und dann sah ich auch den silbrigen Schatten, der mit der Leine immer höher zum Boot gezogen wurde: Nicht so gedrungen wie ein Schwertfisch, sondern viel schlanker und um einiges länger. Was war das? Ich mache es kurz, es war ein Hai! Und der hatte vermutlich die Leine so durcheinander gebracht.

Ihn an Bord zu bekommen, kostete fast eine halbe Stunde … er wehrte sich nach Kräften, aber es gelang, ihn mit dem Gántzos kurz vor dem Schwanz zu erwischen und ein Tau darum zu binden. Ein weiteres Tau wurde um den Hals geschnürt und dann bekamen wir ihn endlich an Bord. Mit den Leinen wurde er vorne und hinten fest vertäut. Erst dann traute sich Manolis so weit an ihn heran, dass er ihm sein schweres Fischermesser etwa zwanzig Mal in den Kopf jagen konnte – richtig still lag der Hai danach noch lange nicht, aber er schien jetzt nicht mehr gefährlich zu sein, denn wir machten weiter.

Und tatsächlich brachte uns dieser Tag noch vier weitere Schwertfische, darunter einen echten Großvater, der alleine ca. 65 Kilo wog! Das war unser Tag …

Wer übrigens nun Bedenken bekommen sollte, auf Kreta Baden zu gehen, sei beruhigt. Solche großen Haie – er war immerhin ca. 4,50 Meter lang! – gibt es in Küstennähe nicht! Wir befanden uns mindestens 15 Kilometer weit draußen auf dem Meer. Das stellten wir fest, als jetzt endgültig die Sonne durch den Nebel brach und wir wenigstens wussten, in welche Richtung wir nun fahren mussten.

Es wurde auch viel später diesmal, wir kamen erst gegen Mittag wieder an. Nachdem der Fisch verkauft war (einen Teil brachten wir nach Agía Galíni, es war einfach zu viel), fuhren wir nach Kókkinos Pýrgos zurück und feierten erst einmal ausgiebig. Ich erfuhr während des Verkaufs auch, warum es noch einen zweiten Grund gab, warum die Fischer Haie nicht so gerne an der Angel hatten: Sie machten nicht nur ungleich mehr Mühe, sondern brachten auch nur ein Viertel des Kilopreises der Schwertfische ein.

Als unsere Feier um vier Uhr nachmittags noch nicht zu Ende war, stand für mich fest: Diese Nacht würden wir wohl nicht rausfahren. Und so war es auch …

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Kreta 1975 – Teil 4

Auch die nächste Nacht war „Ruhenacht“ – Nikos pflegte wohl seinen Kater – aber am Nachmittag drauf tauchten sie alle vier wieder auf.
„Éla, Niko Kapetánie, páme!“
Alles verlief ganz normal, nur etwas wunderte mich (ich fragte aber nicht nach): wir nahmen Michalis‘ kleines Boot ins Schlepptau, bevor wir wieder Richtung auf die Paximádia ablegten. Wozu das gut sein sollte, wusste ich noch nicht.

Ungefähr eine Stunde später hatten wir unsere heutigen Fanggründe erreicht (ich habe übrigens niemals kapiert, nach welchen Kriterien das Nikos jedes Mal neu aussuchte) und legten wie üblich die Paragádia aus.
Nikos, Manolis und ich waren inzwischen schon ein eingespieltes Team, sodass die beiden anderen zuschauen durften.
Danach gab es erst einmal die obligatorische Zigarettenpause. Es war inzwischen völlig dunkel geworden. Michalis packte die Essensvorräte aus, während Nikos vorne am Bug eine sehr helle Lampe aufhängte, direkt über dem Wasserspiegel.

„Wir haben heute keinen Mond, das ist gut!“ stellte er zufrieden fest. Ganz begriff ich die Zusammenhänge noch nicht, warum wollte Nikos bloß mitten in der Nacht das Meer beleuchten?
Wir hockten uns auf dem Deck nieder, die Rakí-Flasche kreiste. Nikos reichte mir ein Stück Brot, es gab wie üblich auch Dosenfisch und ein großes Stück Kefalotyri. Während wir kauten, schaute dann und wann einer der anderen über Bord und meinte lakonisch: „Sie kommen schon!“

Und allmählich begriff ich, was vor sich ging: Mit der Lampe lockten sie Fische an! Da wir keine Netze an Bord hatten und das Paragádi weit mehr als einen Kilometer entfernt lag, konnte das nur eines heißen: Dynamit! Diese Gangster … Jetzt war ich schon so oft mit ihnen Fischen gefahren und bisher war immer alles ganz korrekt gelaufen. Zuerst wollte ich protestieren, beruhigte mein Gewissen dann aber damit, dass es zum einen sowieso nichts nützen würde und dass sie zum anderen wenigstens nicht direkt unter Land bomben wollten, sondern hier, wo das Meer mehrere hundert Meter tief war. Sie würden also nicht viel kaputt machen, außer den Fischen, die sie anlockten. Jetzt erkannte ich auch die zahllosen kleinen silbrigen Schatten, die um das Boot und die Lampe tanzten, es waren Sardinen.

Deshalb war also die Abwesenheit des Mondes so wichtig gewesen, er hätte mit seinem Schein die Fischlein nur von unserer Lampe abgelenkt. Während die anderen die Essensreste wegpackten, tauchte Manolis aus der Luke auf, ein graues Päckchen unter dem Arm. Während er das Bündel öffnete, wurde mir doch ein bisschen mulmig. Ich hatte schon mehrfach über Fischer gelesen, denen eine Hand oder mehr fehlte, weil sie im Umgang mit Dynamit zu sorglos gewesen waren. Einen davon hatte ich sogar selbst schon getroffen, auch wenn er nicht zugab, wer oder was seine rechte Hand auf dem Gewissen hatte. Manolis schien weniger Bedenken zu haben, vielleicht las er selten, jedenfalls drückte er noch nicht einmal seine Zigarette aus.

Er wickelte ein Stückchen Zündschnur ab und fummelte es in eine Zündkapsel. Das Kernstück seines Päckchens war dann eine graue unförmige Masse (du lieber Himmel, sie hatten die Zündkapseln zusammen mit dem Dynamit aufbewahrt und wir hatten die ganze Zeit darüber gesessen!). Mit dem Messer bohrte er ein Loch in die Dynamitmasse und versenkte gleichmütig die Zündkapsel darin. Er umwickelte das Päckchen mit reichlich Klebestreifen, dann packte er es in eine blaue Plastiktüte, nur das Zündschnurschwänzchen schaute noch heraus. Dann umwickelte er das Ganze mit Unmengen von Klebestreifen und Bindfaden und band noch zwei Steine mit ein, damit die „Spezialangel“ auch tief genug sinken würde. Ein Jahrhundertwerk für einen einzigen Bums!

Dann schien er zufrieden zu sein und die anderen wurden jetzt von Unruhe ergriffen. Ich auch, allerdings aus anderen Beweggründen. Lefteris und Michalis zogen das kleine, im Schlepp mitgeführte Boot näher ans Heck des Kaíki (aha, dafür hatten sie es mitgenommen!) und stiegen hinein. Nikos holte aus dem Inneren des Kaíki zwei Kescher, auch im Beiboot konnte ich jetzt einen liegen sehen. In der allgemeinen Hektik rief mir Nikos zu, ich solle jetzt ans Ruder gehen und auf seine Anweisungen achten. Das half mir über meinen immer noch ein wenig vorhandenen Widerstand hinweg, auch mich ergriff jetzt das Jagdfieber. Also nahm ich flugs meinen Platz ein, während Nikos den Diesel startete.

Manolis stand schon am Bug und hatte sich eine neue Zigarette entzündet. Auch der Außenborder des kleinen Bootes brummte auf, sie blieben aber noch hinter unserem Heck. Nikos holte nach einem letzten Blick schnell die Lampe am Bug ein, Manolis hielt die Zigarette an die Zündschnur, diese zischte auf und dann flog das Bündel mitten zwischen die silbrigen kleinen Leiber, platschte auf und versank schnell.

Zwei, drei Sekunden vergingen, ich dachte schon, jetzt sei es doch schief gegangen, da rumste es heftig vor uns. Eine hohe Wassersäule stieg vor dem Boot hoch, und während sie noch in sich zusammenfiel, heulte der kleine Außenborder hinter uns auf und das kleine Boot schoss schräg an uns vorbei. Nikos brüllte, ich sollte endlich mal voran machen, Manolis und er hatten schon jeder einen Kescher in der Hand und standen gebückt rechts und links am Bug des Kaíki. Ich trat mit dem Fuß gegen die altertümliche Kupplung, auch wir ruckten an, ich war viel zu nervös und hatte zu viel Gas gegeben.

Nikos brüllte ein paar unfeine Flüche in meine Richtung, ich fing mich und das Boot wieder. Dann sah auch ich, dass der gesamte Meeresspiegel um uns herum von Unmengen toter und betäubter Fische silbrig bedeckt war. Weisungsgemäß hielt ich mitten hinein und Nikos und Manolis schaufelten eilig die Fische an Bord. Langsam verstand ich auch, warum es so schnell gehen musste. Die meisten Fische waren ja nur betäubt und wir wollten sie an Bord haben, bevor sie wieder zu sich kamen und sich empfahlen. Jetzt wollte und musste auch ich mein Bestes geben! Ich ignorierte Nikos‘ Rufe völlig, wühlte im Getriebe und manövrierte das schwerfällige Boot auf kleinstem Raum immer wieder durch die silbrige Flut. Aus den Augenwinkeln sah ich dabei das kleine Boot immer wieder im Zickzack um uns herumflitzen, Nikos, Manolis und Lefteris (im kleinen Boot) schaufelten wie wild, hektische Rufe klangen immer wieder auf. Da aber keine Flüche mehr dabei waren, schien Nikos doch einigermaßen mit meinen Fahrkünsten zufrieden zu sein.

Nach einer halben Stunde war die Meeresoberfläche wieder dunkel. Was wir nicht an Bord hatten, war weggetaucht, aber vielen Fischen schien das nicht gelungen zu sein. Auf unserem Vorderdeck stapelte sich ein mehr als respektabler Haufen silbriger Leiber, auch Lefteris im kleinen Boot stand bis zu den Knien darin. Nikos winkte mir zu, die Jagd sei zu Ende und ich stellte den Motor ab. Das kleine Boot kam längsseits, auch der Außenborder erstarb, es wurde fast gespenstisch ruhig. Manolis reckte sich und ließ ein zufriedenes Grunzen hören, während Lefteris und Michalis schon damit begannen, die Fische eimerweise herüberzureichen.
Nikos schleppte Kisten herbei, wir schaufelten die Fische hinein und eine Viertelstunde später war auch das geschafft. Das kleine Boot wurde wieder am Heck vertäut, Nikos steckte sich eine Zigarette unter die Nase und verkündete zufrieden, es seien mindestens 90, wenn nicht gar 100 Kilo.

Ich muss zugeben, dass ich trotz aller Ressentiments gegen die Dynamitfischerei von seiner Zufriedenheit angesteckt wurde, spätestens dann, als er mir auch eine Zigarette anbot und meinte, er habe doch gewusst, wie perfekt ich inzwischen mit dem Kaíki umgehen könne. Wieder kreiste kurz die Raki-Flasche, doch die Feier dauerte nicht lange, wir mussten ja wegen der Paragádia früh wieder raus. Wir rollten uns auf dem Deck zusammen, die Decken stanken gewaltig nach Fisch, doch das störte keinen mehr so richtig.

Das Einholen der Paragádia war die übliche Routine, davon muss ich hier nicht noch einmal in allen Einzelheiten berichten. Drei Schwertfische waren die Ausbeute … einer davon wog sogar über 40 Kilo!
Es war bereits acht Uhr, als die Paragádia alle an Bord wahren und ich das Boot wieder auf Kurs Richtung Kókkinos Pýrgos schwenkte. Michalis und Nikos nahmen die Schwertfische aus, während die beiden anderen das Boot reinigten. Ich hatte den gemütlichsten Job, aber einer musste uns ja nach Hause bringen :-). Zwischendurch kreiste wie immer die Flasche …

Wir näherten uns der Mole, auf der uns schon eine ganze Reihe Leute erwarteten. Das erste jedoch, was ich deutlich erkennen konnte, war eine Polizeiuniform. So ein Mist, das war’s wohl. Keine Netze an Bord, aber kistenweise Sardinen. Klarer ging es ja wohl nicht … Ich wurde unruhig, doch meine Freunde schien das völlig kalt zu lassen. Manolis ging lediglich zu den Kisten und füllte eine Plastiktüte mit Sardinen.
Während wir anlegten, liefen die üblichen Zurufe von Mole zu Boot und zurück ab: „Was gefangen?“ – „Nicht schlecht!“ – „Lasst mal sehen!“ Nikos hob den größten der Schwertfische hoch und man war beeindruckt! Und die Sardinen?

Die Haltetaue flogen herüber, Michalis zog das Boot an den Kai, einige der dort Stehenden halfen bereitwillig. Dann sprang Michalis auf die Mole herüber und überreichte dem Polizisten die Tüte. Dieser blickte kurz hinein, nickte lächelnd und ging seiner Wege …
Wir luden alles aus, unter weiteren fachmännischen und anerkennenden Kommentaren der Umstehenden. Nikos holte von seinem Wagen eine Waage, ich war wie üblich der „Tamías“, also beauftragt, das Kopfrechnen und das Kassieren zu übernehmen … Alles, aber auch wirklich alles war innerhalb einer halben Stunde verkauft. Mein Hemd war prall gefüllt mit Scheinen, als wir zu Jannis‘ Lokal hinauf stiegen.
Nikos bestellte eine Flasche Rakí und reichte eine Tüte mit Fischen, die er für uns abgezweigt hatte, in die Küche: „Fishermens Breakfast“ wie üblich!

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Kreta 1975 – Teil 5

Die Tage – oder besser die Nächte – vergingen wie im Flug. Zwischendurch kam mir dann und wann der Gedanke, dass ich doch eigentlich hier sei, um Urlaub zu machen und ein bisschen von der Insel zu sehen. Doch ich ließ diesen Gedanken jedes Mal an mir abprallen: Heute war Jetzt, ich würde ja sicher noch viele Jahre nach Kreta kommen, um mehr von der Insel kennen zu lernen. Ganz fremd war sie mir ja auch jetzt schon nicht mehr und der Rest durfte ruhig noch ein wenig warten. Abgesehen davon gingen meine beiden Freunde Nikos und Manolis inzwischen wie selbstverständlich davon aus, dass ich dabei war und inzwischen war ich auch wirklich nützlich, denn ich hatte viel gelernt.

Da unser „Koursaros“ zwar ein altes Boot, wegen seiner Bauweise aber noch bei schlechtem Wetter sehr seetüchtig war, fuhren wir auch dann, wenn andere Boote längst im Hafen blieben. Dabei war das Fahren nicht mal das Schwierigste, aber wer jemals versucht hat, bei ordentlichem Wellengang Paragádia auszulegen oder reinzuholen, der weiß, dass man dann eigentlich drei Hände braucht: Zwei zum Arbeiten und eine, um sich festzuhalten. Irgendwie hatten wir die drei Hände aber auch …

Manchmal dachte ich noch an meine fürchterliche erste Nacht auf dem Meer zurück und an meinen Schwur, das sei das erste und letzte Mal gewesen. Und dann musste ich jedes Mal lachen … ich war ja schon so sehr Fischer geworden, dass mich die jungen Touristinnen, die wir schon mal in alter Kamáki-Tradition am Komós-Strand umbalzten und zu kleinen Spritztouren mit dem Boot einluden, schon gar nicht mehr von den anderen unterscheiden konnten. Sie freuten sich höchstens, dass einer von den strubbeligen, braungebrannten und nach Salz riechenden Burschen „ein bisschen“ Deutsch konnte *zwinker*. War ja auch ein tolles Bild: Das Boot rauschte bis kurz vor den Strand, dort ankerten wir und wateten durch das hüfthohe Wasser an Land … dass wir dabei nass wurden, merkten wir kaum noch. Wenn wir dann eine Weile im Lokal saßen (na ja, es war eine bessere Kantina), trocknete die Jeans eben am Körper … und die Mädels – jedenfalls die, die ohne männliche Begleitung waren, saßen von ganz alleine bei uns am Tisch. Es war ja auch spannend für sie, dann mit dem Boot ein bisschen spazieren zu fahren … natürlich (!) nicht viel mehr als das.

Diese kleinen Spaßausflüge fanden aber nicht sehr häufig statt, da wir in erster Linie (ehrlich!) ans Fischen dachten.

Und dann wollten wir auch mal woanders hin, nämlich vor Préveli fischen. Ich war noch nie am dortigen Palmenstrand gewesen, also fand ich die Idee natürlich gut. Auch Lefteris und Michalis mit dem kleinen Boot waren wieder dabei, was sich als echter Glücksfall erweisen sollte. In Kókkinos Pýrgos hatte man uns gewarnt, es war ein kräftigerer Wind angekündigt. Doch das hatte uns noch nie besonders geschreckt, deshalb legten wir etwas früher ab als gewöhnlich, um rechtzeitig die Fischgründe zu erreichen. Von Sturm war nicht die Rede, das Meer lag ruhig wie Öl.

Wir legten die Paragadia vor der Palmenbucht aus und fuhren mit der fortgeschrittenen Abenddämmerung in die Bucht hinein. Wir legten das Kaíki geschützt ans westliche Ende der Bucht unweit der Felsen, über die der Fußweg zum heutigen Parkplatz hinauf führt und fuhren dann mit Michalis‘ kleiner Várka an den Strand.

Man muss sich diese Bucht aus heutiger Sicht vorstellen: Damals war da NICHTS. Na ja, fast nichts. Es gab nur am Westende eine kleine aus Steinen einfach aufgeschichtete Hütte mit einem Dach aus Schilf und Plastikplanen, in der der legendäre Barba Jorgos seine „Strandtaverne“ betrieb. Wer Barba Jorgos nicht mehr kennen lernen durfte: Er war ein kleines, vertrocknetes und uraltes Männchen, welches allmorgendlich oder auch mal nur alle paar Tage mit seinem Esel den Pfad heruntergetrottet kam. Der Esel trug den Nachschub an Getränken für die Taverne, die Barba Jorgos dann an die paar vereinzelten nacktbadenden Aussteiger in der Bucht für ein horrendes Geld verkaufte. Na ja, der „Antransport“ war ja auch nicht ohne. Er kühlte die Getränke übrigens immer direkt im Fluss, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Barba Jorgos war die ewige Sonne und die freizügig dargebotene Nacktheit der wenigen hübschen Mädchen und Knaben in dieser Bucht offensichtlich im Lauf der Zeit ziemlich aufs Hirn geschlagen, denn seine Lieblingsvokabel lautete „ficki ficki“!

Na egal, als wir auftauchten, war er noch anwesend und begrüßte uns sehr erfreut, denn wir hatten erstens etwas zu rauchen und zweitens auch genug zu trinken dabei, diesmal auch Wein, außer dem obligatorischen Raki … und drittens hatte er endlich mal wieder Gesellschaft von Landsleuten. Wir saßen also in seiner Hütte, die nur von einer Petroleumfunzel erleuchtet wurde und quatschten und tranken.

Zwischendurch tauchte mal ein junge Engländerin auf, die eine Cola kaufen wollte. Barba Jorgos schlug ihr prompt „ficki ficki“ vor, da sie das aber nicht verstand oder verstehen wollte, kassierte er und wies sie an, sich die Flasche selber aus dem Fluss zu holen. Offensichtlich hielt man sich hier damals noch an das ungeschriebene Gesetz, nicht zu klauen.
Als wir dann auch noch Hunger bekamen, teilten wir alles, was wir hatten, mit Barba Jorgos, dem es sichtlich schmeckte und rollten uns dann am Strand in die nach Fisch riechenden Decken, die wir vom Kaíki mitgebracht hatten (glaubt bitte nicht, dass ich meinen recht ordentlichen Schlafsack jemals mit aufs Boot genommen hätte).

Ich wachte auf, als sich jemand neben mir regte. Nikos saß aufrecht und horchte aufs Meer hinaus. Ich hörte noch, wie er einen ziemlich hässlichen Fluch murmelte, dann schlief ich wieder ein. Doch mir fiel im Halbschlaf auf: Da war Wind, wo vorher noch keiner war …

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Kreta 1975 – Teil 6

Der Morgen graute und was er brachte, war wirklich grauenhaft. Hier in der ziemlich geschützten Bucht herrschte zwar nur ein leichter Wind, aber draußen wütete ein Sturm. Wir sahen die Wellen geradezu toben und selbst mir wurde klar, dass wir bei diesem Wetter nicht raus fahren konnten, um die Paragádia einzuholen. Auch wenn wir nicht ängstlich waren, hier hätten drei Hände nicht gereicht. Was blieb uns also übrig, als einfach abzuwarten, ob sich der Wind im Laufe des Tages vielleicht legen würde. Ob unsere Paragádia dann aber immer noch ungefähr da sein würden, wo wir sie ausgelegt hatten, wusste keiner so recht.

So saßen wir trübsinnig am Strand herum, wir waren doch nicht zum Sonnenbaden hier – selbst einige nackte Badenixen konnten uns nicht aufheitern, viele waren es sowieso nicht, denn wenn hier knapp zehn Leute außer uns und Barba Jorgos waren, war das hoch gerechnet.
Gegen Mittag meldete sich allmählich der Hunger, nicht der kleine, sondern ein richtig großer. Aber wir hatten ja am vorigen Abend alles aufgegessen, weil wir davon ausgegangen waren, heute Vormittag wieder zu Hause zu sein. Das war nun aber nix!
Am späten Nachmittag war die Situation noch immer unverändert. Nikos stand plötzlich auf, wechselte ein paar Worte mit Michalis und kam dann zu mir.
„Éla!“ (Komm!)

Wir gingen zu Michalis‘ kleinem Boot, das auf dem Strand lag und schoben es ins Wasser. Nikos startete den Außenbordmotor und wir fuhren zum Kaíki hinüber, das im Schatten der Felsen zwar leicht schaukelte, aber nicht gefährdet schien – der Sturm tobte ein Stück weiter draußen. Als wir ankamen, bedeutete mir Nikos, mich nach hinten zu setzen und dafür zu sorgen, dass das kleine Boot nicht abtrieb. Dann kletterte er an Bord des „Koursaros“ und kehrte kurz darauf mit einer Schrotflinte zurück. Er setzte sich an den Bug des Bootes und wies mich an, das Boot nach Westen zu lenken, aber immer möglichst dicht an der steil aufragenden Felswand entlang, wo das Wasser zwar auch nicht vollkommen ruhig war, aber doch befahrbar.

„Polý kontá na páme, esý to xéris!“ Ich war mal wieder ein bisschen stolz, dass er mir unterstellte, mit dem kleinen Boot besser umgehen zu können als dessen Besitzer. Ganz Unrecht hatte er sogar nicht, denn ich hatte immer wieder dann, wenn mal zwischen den Fischzügen Zeit war, die Zeit genutzt, und war mit Michalis‘ Boot spazieren gefahren. Dieser hatte es offiziell erlaubt. Seine Sicherung des Bootes vor Diebstahl bestand darin, dass er den Verbindungsschlauch zwischen Benzintank (eher ein beweglicher Kanister unter der Rückbank) und Außenbordmotor abzog und bei Jannis deponierte. Dort durfte ich mir den Schlauch jederzeit abholen und auf Spritztour gehen, was ich gerne tat. Mehrfach fuhr ich z. B. mit netten Mädels (so etwas verirrte sich sogar dann und wann mal nach Kókkinos Pýrgos) im Boot nach Agía Galíni, wo ich immer einen Ankerplatz fand, um dort in einem Café etwas zu trinken. Wie man ein Boot fachgerecht anlegt, das wusste ich inzwischen, denn ich hatte es ja auch mit dem wesentlich größeren „Koursaros“ schon oft genug gemacht. Und bei so einem kleinen Boot schafft man das auch alleine. Zum Glück wurde ich niemals von einem Polizisten gefragt, ob ich das denn überhaupt dürfe, heute wäre das sicher so nicht mehr möglich.

Ich lenkte also das Boot zu den Felsen, wo das Wasser wirklich noch relativ ruhig war. Nikos hatte die Flinte geladen und stellte sich nun vorne ins Boot. Er spähte die Felswand hinauf. Dann und wann flogen dort nistende Wildtauben auf. Und schon krachte die Flinte … aber er traf nichts.
„Pio sigá me ti várka!“ (Ungefähr: Halt das Boot ruhiger!)
Ganz so einfach war das nun aber nicht, denn auch hier lag das Meer nicht ganz wie ein still ruhender See da. Aber ich gab mir Mühe … das Endergebnis waren etwa 30-40 verballerte Patronen und vier tote Tauben, die wir aus dem Wasser sammelten. Als ich mir die Quote so anschaute, kam ich zu dem Schluss, dass entweder ich ein schlechter Bootsführer oder Nikos ein schlechter Schütze sein musste. Dann hatten wir keine Patronen mehr und kehrten in die Préveli-Bucht zurück.

Als Barba Jorgos die Tauben sah – und war die Ausbeute auch noch so mickrig – kramte er begeistert in seinen Habseligkeiten und brachte tatsächlich Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln hervor. Olivenöl hatte er auch und so begann Manolis, der wohl von uns am besten kochen konnte, damit, zwei große Tapsiá (das sind diese runden Pfannen mit dem hohen Rand) entsprechend zu füllen – Nikos hatte inzwischen die Tauben küchenfertig gemacht. Zwar waren das eher Kartoffeln mit mickriger Fleischeinlage, aber wenigstens war es was zu beißen. Und so hungrig, wie wir waren, blieb natürlich nichts übrig.
Dass wir immer noch genug zu trinken hatten, versteht sich allerdings von selbst. Davon war immer reichlich an Bord des „Koursaros“ …
Dann und wann schaute einer oder eine der Strandbewohner vorbei, um ein Getränk zu kaufen und auf unsere Pfanne zu schielen, aber ich muss gestehen, wir hatten nichts abzugeben. Es war unsere einzige feste Mahlzeit an diesem Tag.

Wir hofften, am nächsten Morgen die Paragádia einholen und nach Hause fahren zu können.
Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Draußen auf dem Meer hatte sich nichts verändert.
Also blieb uns wieder nur Warten …
Gegen Mittag aber waren wir natürlich wieder hungrig bis unter die Ohren. Eine weitere Taubenjagd entfiel wegen fehlender Munition. Aber wir hatten ja noch das kleine Boot.
„Páme sti Damnóni!“
Dicht unter Land tuckerten wir fünf Leute also mit dem kleinen Boot nach Westen, denn in Damnóni gab es ja eine Taverne, da gab es bestimmt was zu essen.
Unterwegs kamen wir an einem Strand vorbei, an dem sich einige Leute nackt sonnten (heute weiß ich, dass es der „Pig Beach“ war). Manolis holte natürlich sofort sein Fernglas heraus und spannte hinüber.

In Damnóni bekamen wir so viel zu essen, dass das Boot auf der Rückfahrt sicher ein paar Zentimeter tiefer lag. Und wir tranken etwas, was ich heute noch als ekelhaft empfinde, damals aber trieb es der Durst hinunter: Retsina mit Cola!

Am nächsten Tag war das Wetter immer noch unverändert. Lefteris wurde ein bisschen quengelig, denn er musste am nächsten Tag arbeiten gehen. Auch Manolis meinte, seine Frau würde sich wohl schon Sorgen machen. Und ich dachte bescheiden an die Fähre, die ich am übernächsten Tag nehmen wollte, sollte und eigentlich musste.

Nikos hörte sich das alles an und entschied, dass wir nun nach Hause fahren würden. Möglichst dicht unter Land sollte es zu schaffen sein. Die Paragadia waren momentan offensichtlich uneinbringbar … mit etwas Glück würde man sie aber auch später wieder finden. Dass dann nichts mehr dran sein würde, was zu verwerten war, war allerdings klar und bedauerlich.

Also brachen wir auf. Ich bekam wieder die Rolle des Steuermannes zugeteilt, und als wir um die erste Felsnase im Osten bogen, wusste ich auch warum. Diese Mistkerle! Der Sturm erfasste uns mit voller Macht und ich musste meine ganze Kraft aufbieten, das Boot selbst ziemlich dicht an Land irgendwie auf Kurs zu halten. Wellen gischteten über das Deck, es war wie bei einem kleinen Weltuntergang. Irgendwann wickelte ich mir in einer kurzen Atempause die Ankerkette um das Bein, weil ich Sorge hatte, ich könne sonst irgendwann ins Wasser gerissen werden. Und dann stemmte ich mich wieder gegen das widerspenstige Ruder und visierte das nächste Kap an.

Derweil standen die vier anderen gemütlich unter dem Dach des Ruderhauses und rauchten.
Es wäre mir im Traum nicht eingefallen, sie um Hilfe zu bitten, da hatte ich jetzt auch meinen Stolz. Immer wieder schlugen die Brecher über mich, aber ich kniff den Hintern zusammen.
Nikos, wenn du unbedingt willst, dass ich dir beweise, wie gut ich inzwischen bin, bitte sehr, das kannst du haben! Und irgendwie war ich auch davon überzeugt, dass Nikos mir zu Hilfe gekommen wäre, wenn er es für nötig gehalten hätte. Und so machte mich sein Vertrauen in mich bei aller Plackerei doch stolz.

Etwa bei Ágios Geórgios ließ der Wind fast schlagartig nach. Plötzlich lief das Boot gehorsam geradeaus. Nikos zündete eine Zigarette an, kam damit nach hinten und steckte sie mir in den Mund.
„Bravo, kalá tó’kanes, vre mástora!“

Dann übernahm er das Ruder und wir fuhren ohne Fang, aber heil und gesund in den Hafen von Agía Galíni ein. Ich war pitschnass und ziemlich fertig, aber stolz wie Oskar, denn ich empfand in diesem Moment Nikos‘ Lob wie einen Ritterschlag. Nun war ich endgültig bei ihnen anerkannt … und ich fuhr in den vielen kommenden Jahren zwar nicht mehr jeden Tag, aber schon öfter mal mit ihnen und anderen wieder hinaus (ich war ja in den nächsten Jahren wieder in charmanter Begleitung, und da muss man auch mal ein wenig Rücksicht nehmen).

Im nächsten Jahr erst erfuhr ich, dass meine Kumpels erst eine Woche später die Paragadia bergen konnten … so lange war das Wetter nicht OK. Wir hätten also noch lange warten können.

Ende

Martinis Katastrophenmanagement

Von Martin Keller

Martini lag auf der Terrasse seines Hauses und ließ das Jahr Revue passieren. Nach einer Unterhaltung mit seinem Freund Frangiskos war er erstmals in seinem Leben ins Grübeln gekommen. Frangiskos war ein Freund, den man eigentlich nur aufsuchte, wenn alles schief lief und man dringenden Rat oder persönliche Hilfe brauchte. Frangiskos Hilfe war nicht umsonst, denn er war Martinis Psychiater. Wenn er genau überlegte, hatte er im letzten Jahrzehnt mit seinen psychischen Problemen Frangiskos fast zum Drachmenmillionär gemacht. Frangiskos hatte ihn im letzten Jahrzehnt auf allen Höhen und Tiefen begleitet. Martini schenkte sich das achte Amstel ein und begann über sein zurück liegendes Leben zu sinnieren. War es wirklich so, dass er sozusagen, die „Scheiße an den Hacken“ hatte? Hatte es irgendetwas mit Kreta zu tun? Sollte es „Zeus‘ Fluch“ sein, der ihn verfolgte?

Martini versuchte sich an das letzte Jahrzehnt zu erinnern und grinsend erkannte er ein gewisses Muster. Martinis Weg auf Kreta teilte sich bislang in 3 Gruppen: Die 93ger, die 94-96ger und die 2000er Gruppe.
Jedes Jahrzehnt hat für Martini im allgemeinen Highlights an Katastrophen, an denen er messen konnte, wie weit seine Gelassenheit zugenommen hatte und wann es wieder Zeit wurde, Frangiskos aufzusuchen und auf seinem plüschrotes Sofa das Jammern anzufangen.

Die sogenannte 93iger Gruppe war der Beginn seiner ersten psychischen Probleme, es war das Jahr, in dem er beschloss, sein Leben zu verändern. 1993 gab Martini seine Arbeit im regenverhangenen Deutschland auf, vermietete sein Haus, packte den Container voll, nahm seine Frau und die 2 Kinder und siedelte nach Kreta über. Selbständig wollte er sich machen, in der Sportbranche, viel Geld, immer Sonne, und dem Stress entfliehen. Das war ein „voller Erfolg“, nach nur 9 Monaten war er um 100.000 DM ärmer, arbeitslos, hatte Mieter in seinem Haus und war deshalb zunächst wohnungslos und gefrusteter als je zuvor.

Während der 94-96er Gruppe betätigte er sich als Wiederholungstäter aus. In einem Rundumschlag gegen alle, die ihn in der 93iger Gruppe das Leben zur Hölle machten, konnte Martini durch jahrelange Klagen vor Gericht sein Geld und seine Ehre zurück erlangen. In dieser Zeit der Klagen war er sehr oft in einer Taverne in einem kleinen Bergdorf. Hier dachte er ebenso oft, wenn er erst mal seine sauer verdiente Kohle zurück hätte, würde er vielleicht in diesem Dorf ein Grundstück kaufen, denn irgendwie strahlte dieses Dorf eine innere Ruhe aus.

Was dann passierte, machte Frangiskos zum Besitzer eines neuen Reitpferdes. Martini kaufte ein Grundstück, baute ein Haus und danach war Ende 96 seine Ehe kaputt, alles Geld steckte in seinem Haus und den Hypotheken und der Traum war mal wieder ausgeträumt.
Frangiskos meinte in der Zeit immer wieder: „Gib nicht auf, denn hier auf Kreta ist alles anders und alles möglich.“ Martini goss sich das zehnte Amstel ein und dachte schmunzelnd an die 2000er Gruppe.

Als überzeugter Wiederholungstäter gibt man tatsächlich nicht auf, jedenfalls nicht, wenn man einen guten Psychiater hat. Im Jahr 2000, im neuen Jahrhundert, dachte Martini, muss doch alles besser werden. Also wagte er unerschütterlich den nächsten Schritt, seinen Traum zu verwirklichen und auf Dauer auf Kreta zu leben.
Mit neuer Lebensgefährtin machte er sich wieder auf: Arbeit kündigen, Haus vermieten, alles zu Geld machen und Freiheit atmen. Aber diesmal war da noch der Faktor „Kinder einer der besten Lebensgefährtinnen der Welt“, denn die meinten (während er auf Kreta die Kartons auspackte) in Deutschland: „Nein, wir wollen doch nicht mit!“

So hing Martinis Leben eigentlich nur noch an einem seidenen Faden und Frangiskos verdiente sich seinen Swimmingpool. Zurück in Deutschland, wieder arbeitslos, ohne Perspektive, begann bei Martini erstmals das Gehirn seine Funktion aufzunehmen!
Warum alles Geld in Psychiater, Häuser und Sonne investieren? War vielleicht Kreta doch nicht sein Endziel? Martini fragte seinen Freund Frangiskos, der ihm in Vorahnung eines neuen Bungalows riet, es doch mal etwas mehr mit Vorbereitung zu planen!

Martini fasste folglich den Entschluß, alle Faktoren auszuschließen, die ihn an seiner neuen 2005er Gruppe hindern konnten. Und so sahen seine Überlegungen aus:
1. Warten, bis die Kinder aller Ex-Frauen erwachsen sind.
2. Alle Kinder der „besten Lebensgefährtin der Welt“ möglichst bald verheiraten.
3. Seine Mieter raus klagen und das Haus verkaufen.
4. Soviel Geld verdienen, dass er Psychiater im großen Stil bezahlen kann.
5. Noch mehr Geld verdienen, um niemals wieder seine Arbeit kündigen zu müssen, denn mit noch mehr Geld würde er niemals wieder arbeiten müssen!
6. Überlegen, welche Katastrophen ihn in Zukunft unberührt lassen sollten.

Martini stand auf, stellte fest, daß er 3 Kästen Amstel getrunken hatte, erbrach sich und beschloss, in Zukunft etwas weniger zu trinken sowie am nächsten Morgen seinen Psychiater aufzusuchen, um einen Mengenrabatt auszuhandeln. Frangiskos jammerte, wie er denn nun seine Familie durch den Winter bringen sollte … und überhaupt, der Euro stehe vor der Tür und werde garantiert sein Geschäft ruinieren.
Martinis zähe Überzeugungsarbeit liess Frangiskos aber dann doch einlenken. Er lobte seine guten Vorsätze, hoffte aber insgeheim auf Martinis verlässliche Fehlplanungen und auf die Übernahme von Martinis Haus!

Wie Frangiskos durch seine Mittelsmänner in Nordeuropa erfuhr, ist Martini auf dem allerbesten Weg, ihn nicht zu enttäuschen. Martini hatte 2000 mit einer Umschulung begonnen, um bis 2005 durchzuhalten. Diese ödete ihn wenig später aber sehr an und er träumte insgeheim von einer Vorverlegung seiner 2005er Gruppe in eine 2001er Endkatastrope. Zu Ostern will er wieder nach Kreta kommen. Und Frangiskos denkt klammheimlich schon über die final zu ergreifenden Maßnahmen nach!

Von Martin Keller

Katastrophen-Management Teil 2

Von Martin Keller
Stellvertretend für viele andere: Ein Katastrophentag in der in der 94-96er Gruppe.
Martini begann mit dem zweiten Kasten Amstel und überlegte, was sind eigentlich für ihn persönlich solche kretischen Katastrophen?
Dabei fiel ihm ein Tag der 94-96er Gruppe ein, der Frangiskos damals seinen ersten Lamborghini einbrachte.

Aber der Reihe nach:
Der erste Aufenthalt mit der „besten Lebensgefährtin der Welt“ auf Kreta war angesagt. Als er das erste mal über die enge Brücke im Vorort von Rethymnon fuhr, an der immer nur ein Auto zur Zeit durch passte, (was Generationen von Automechanikern schon reich gemacht hatte) meinte er zu seiner neuen „besten Lebensgefährtin der Welt“:
„Wieso sind die mit den Brückenarbeiten für die neue breitere Brücke bloß noch nicht fertig. Seit April sind die in Gange und jetzt haben wir Oktober! Mann, wenn jetzt der erste Herbstregen kommt, wird die Behelfsstraße, die unterhalb der Brücke durch das Flussbett führt, mitsamt den Baumaterialien in den Wassermassen versinken.“
„Du immer mit deinen pessimistische Vorahnungen“, meinte die „beste Lebensgefährtin der Welt“.

Angekommen legten Sie sich sich nach dem allgemeinen Hausreinigungsritual völlig erschöpft ins Bett und freuten sich auf den ersten sonnigen Morgen im sonnigen Kreta. Martini wachte morgens nach einer schlaflosen Nacht auf, die voller Sorgen war, wie er das Geld für seine nächste Sitzung bei Frangiskos aufbringen könnte.
Neben ihm lag die „beste Lebensgefährtin der Welt“ und murmelte etwas wie: „Nein, nein, verjag die Skorpione aus unserm Schlafzimmer“. Was sollte ihm das sagen? Er stand auf, blickte aus dem Fenster und sah die schwarzen Wolken am sonst so blauen Himmel. In der Nacht hatte in den Bergen ein unheimliches Gewitter getobt, aber so langsam klarte es auf. Na ja, was soll’s, erst mal eine schönen Kaffee und dann mit der „besten Lebensgefährtin der Welt“ zum Shopping in die Stadt.

Doch da war es wieder: das „Kretasyndrom“!
Warum brauchen die Kaffemaschinen eigentlich so lange, bis zum herrlich erfrischenden Kaffee? Aha, die „ich-bin-in-Betrieb-Kontrollleuchte“ verweigerte den Dienst, das hieß also, alle Sicherungen im Sicherungskasten prüfen! Der Skorpion im Rahmen des Sicherungskasten war mindestens 2 cm lang und Martinis Lebensgefährtin konnte vom Schlafzimmer aus einen herrlichen sportlichen Doppelachsel erleben. Martini dachte bei sich, erzähl bloß nichts von dem Viech, sonst wird die beste Lebensgefährtin niemals die Waschmaschine in Betrieb nehmen, die in diesem Raum steht.
Die Sicherungen waren alle in Ordnung, also hatte Martini keinen Schimmer, was da los sein könnte! Also, erst mal duschen, denn die Solaranlage bringt das heiße Wasser auch ohne Strom an den Körper. Noch eingeschäumt trocknete Martini sich ab, mit der neuen Erkenntnis, das heißes Wasser die heiße Sonne an den Solarzellen auf dem Dach voraussetzt. Während eines Gewitters scheint auch auf Kreta selten die Sonne.
Egal, dachte Martini, Kaffee kann man auch mit einer Gaskartusche kochen. Dass das Zischen des Gaskochers nach 2 Minuten verklang und das Wasser bis zum Kochen noch ungefähr 60 Grad benötigte, überspielte Martini geschickt mit der Bemerkung: „Liebling, habe ich dir eigentlich schon erzählt, wie gut der Kaffee in Christos‘ Taverne schmeckt? Ich lade dich heute zum Frühstück ein, ist das nicht eine tolle Idee?“

Also, auf geht’s und hinunter in den Vorort. Aber warum passte der Schlüssel nicht in dieses verdammte Türschloss? Nun gut, der Wagen stand jetzt schon 5 Monate auf dem Dorfplatz, aber konnten deshalb Türschlösser zuwachsen?
Mit einem Grinsen öffnete Georgis, der gerade vorbei kam, sein Taschenmesser und beförderte aus den Türschlössern mindestens eine Schachtel Streichhölzer! Martini liebte die Kinder des Dorfes wieder ein großes Stück mehr! Aber insgeheim freute Martini sich darüber, das es Kinder gibt, die nicht nur den ganzen Tag vor dem Fernseher saßen. Also, rein ins Auto. Hurra, es sprang an, obwohl er in diesen Winter die Batterie nicht ausgebaut hatte. Runter ging es die abschüssige Bergstraße. Über die Straße schoss immer noch eine Flut aus Matsch, diverse Plastiktüten suchten sich ihren Weg zurück zum Supermarkt.
„Lass uns doch zuerst mal am Strand die Riesenwellen anschauen, bei dem Sturm heute Nacht muss es bestimmt eine Mordsbrandung geben“ meinte Martini.

Etwa hundert Meter vor dem Strandparkplatz begann Rudolph (Martinis Auto) plötzlich zu stottern und rollte dann stumm an die Mörderbrandung heran. Leicht genervt schritt Martini um den Wagen herum und verwünschte den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, ein eigenes Auto auf die Insel zu bringen. Er öffnete die Motorhaube und staunte über soviel Technik. Fachmännisch fiel sein Blick auf den kleinen Benzinfilter, benutzten die eigentlich neuerdings Sand als Filtermittel, irrte ein schaumiger kaffeeloser Gedanke durch seinen Kopf?
Benzinfilter, Sand, Schlauchleitung nach hinten? Die Streichhölzer aus dem Tankschloss entfernte er im Handumdrehen, man ist ja lernfähig! Als er den Tankdeckel abschraubte, irritierte ihn der Sand am inneren Gewindestutzen. Scheiß Kinder! Die haben uns Sand in den Tank gefüllt, entfuhr es ihm wutschnaubend!
Dann: Gehirnwiderspruch! Hatten Kinder den Tankdeckelschlüssel? Nicht dass Martini wusste!
Seine Hand griff in den Kotflügel und fuhr am Tankstutzen entlang, bis seine Finger wahrnahmen, das dort ein Loch von etwa 5×5 cm klaffte. Tja, der Rost rostete hier Kreta eben auch etwas schneller. Schnell wurde ihm klar, das der Matsch von der Bergfahrt durch den Reifen in das Tankrohr geschleudert worden war.
Wie viel Sand fasst wohl so ein Tank, sinnierte Martini und schaffte es, das der Tankdeckel viermal auf der Wasseroberfläche aufditschte, bevor er versank.

Winer seiner Lieblingsausdrücke war „improvisieren“, also joggte er zur Tankstelle und erwarb einen 5 Zentimeter dünnen Gummischlauch und einen neuen Benzinfilter vom Tankwart, der frischgeduscht gerade seinen dampfenden griechischen Kaffee trank. Des Tankwarts Frage, warum Martini so schmierige Finger hatte und seine Hose total schlammig war, konterte dieser mit einem lässigen „kalinichta, ola kala“.

er Schlauch war schnell installiert und die beste Lebensgefährtin der Welt hatte einen 5 Liter Kanister zwischen den Füßen im Beifahrerfußraum. Martini saugte unter freundlichen Zuspruch der besten Beifahrerin der Welt das Benzin im Schlauch an und übergab sich dank leeren Magens nicht in den Motorraum.
Aber der Geschmack im Mund erinnerte ihn an sein Versprechen: „Kaffee trinken in aller Ruhe“ und eine innere Unruhe überfiel ihn!
Zwei Stunden später sprang der Motor anstandslos an und Martini warf seiner Beifahrerin ein triumphierendes Lächeln zu: „Na also, es geht doch!“

Von Martin Keller

Katastrophen-Management Teil 3

Von Martin Keller
Nach fünf Kilometern war der Reservekanister leer. Die beste Beifahrerin errechnete freundlich einen durchschnittlichen Verbrauch von 100 Litern auf 100 Kilometer. Also stellten sie das Auto ab und dann rannten im mittlerweile strömenden Regen zur Bushaltestelle. Zeus sei Dank lag diese nur für Kilometer entfernt am Ausgangsort. Komischerweise kam der Bus sofort, was eigentlich nie etwas Gutes bedeuten konnte, aber die Lage entspannte sich zunehmend. Martini entschloss sich spontan, seiner leicht genervten Lebensgefährtin einen Shoppingbummel in der Arkadiou zukommen zu lassen.

Zwei Stunden später stand Martini völlig genervt und ohne Kaffee (dafür aber mit einem Dutzend Tüten) an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der diesmal nicht sofort kam und auch später nicht. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens erkannte Martini recht schnell und zügig, das die vermeintliche Bushaltestelle nur für den Schulbus galt. Dieser verkehrte nur bis zum Schulschluss um 13.00, was durchaus logisch erschien.
Der Taxifahrer, den Martini mit einem Sprung auf die Straße stoppen wollte, schaffte es elegant auszuweichen. Gleichzeitig gelang es ihm aber, die ungefähr 50 Zentimeter tiefe Pfütze zu durchfahren, die sich als Flutwelle über den Bürgersteig wälzte. Nun gut, es hätte schlimmer kommen können, dachte Martini als er mit seiner nassesten Lebensgefährtin der Welt nach fünfzig Minuten Fußmarsch die Taverne von Christos in Platanes erreichte.

Endlich, ein Kaffee würde den Tag retten und wer sagt eigentlich, das man Kaffee immer nur morgens zum Frühstück braucht? Im übrigen war es bis jetzt doch nicht mehr als ein überdurchschnittlicher Katastrophentag gewesen, befanden die beiden.
Die Sonne schob sich auch mal für 10 Minuten hinter den Wolken heraus und die Pfützen an ihren Füßen bahnten sich Ihren Weg in Richtung Tavernenausgang.
Nach so vielen Erlebnissen überlegte Martini als „Profipessimist“ gerne, was wohl als nächstes passieren könnte. Dabei fielen ihm die Brückenbauarbeiten ein, die er gestern bei der Anreise böswillig kommentiert hatte. Er überlegte und kam zu dem Schluss, das nun irgendwann im ausgetrocknete Flussbett das Wasser vom Gewitter der Nacht eintreffen müsste. Aus Erfahrung wusste er nämlich, das das etwa 5-6 Stunden dauerte, da sich das Wasser erst aus den Gebirge seinen Weg suchen musste.

„Hase, lass uns doch mal die 300 Meter zur Brücke laufen, vielleicht ist da schon was los“, rief Martini und war eigentlich schon los gelaufen. Er ahnte mit Schaum vor dem Mund sensationsgeifernd die nahende Katastrophe. Einer erfahrenen alten Griechin, die neben ihm im Bademantel zum Ort des vermutlichen Geschehens eilte, ging es wohl ähnlich. Und Martinis düsterste Phantasien wurden von der kretischen Realität wieder einmal bei weiten übertroffen!
Die Behelfs-Asphaltstraße, die durch das Flussbett führte, da die Brücke ja verbreitert werden sollte, war mittlerweile von der Flutwelle erreicht und völlig weggerissen worden. Panisch standen drei kretische Bauarbeiter bis zum Bauch im Wasser und versuchten unter Hilfe eines Baggers, Holzbalken, die auf Paletten lagerten, aus dem Wasser zu retten.

Johlend freute sich die mittlerweile stark angeschwollene Menge der Schaulustigen über jede Palette, die in Richtung offenes Meer davon trieb. In der roten Brühe trieb gerade ein Schaf mit ungläubigem Blick vorbei, als ein Raunen durch die Menge ging. Irritiert drehte sich Martini um und sah gerade noch den alten Stelios, der wild fuchtelnd hinter einem jungen Albaner herlief, der gerade sein Moped gestohlen hatte und versuchte davon zu brausen. Martini geriet in Panik, wohin sollte er denn nun schauen, – welche Katastrophe brachte ihm die größte Befriedigung? Er war wie im Rausch, ja, da war er, der ultimative Katastrophentag! Der Bagger drohte gerade in die Fluten gerissen zu werden und ein völlig verwirrter Autofahrer, der unbedingt die versunkene Straße befahren wollte, war ebenso spannend wie Stelios‘ erfolgreiche Überwältigung des Albaners.

Martini war sich sicher, dieser Tag sei nicht mehr zu toppen und genoß es, daß sich die Katastrophen nicht mehr alleine gegen ihn und die „beste völlig aufgelöste Lebensgefährtin der Welt“ richteten.
Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, dachte Martini und überraschend und völlig unerwartet fiel ihm der Frühstückskaffee ein. Zurück in Christos‘ Taverne genoss Martini mit der besten Lebensgefährtin den dampfenden Kaffee Elliniko, sozusagen als leicht verspätetes Frühstück. Die Tüten mit den Einkäufen stapelten sich neben dem Tisch. Nach und nach drangen die ersten Gerüchte über die völlige Vernichtung der Brücke in die Taverne. Die Griechin im Bademantel rief noch von der Taverne den Fernsehsender Antenna 1 an und verhandelte über die Exklusivrechte des Katastrophenberichtes, als gerade die Polizei mit einem Albaner vorbei fuhr, der den Traum von seinem ersten Mofa anscheinend in der drei mal drei Meter großen Zelle der Touristenpolizei beenden würde.

Martini genoss es, den Verkehr auf der Straße zu beobachten, das wilde Durcheinander hatte eine besondere Faszination in Hinblick auf zu erwartende Verkehrsunfälle.
Mein Gott, was für Rauchwolken stößt der Bus aus, der wohl an der Bushaltestelle stand, aber nicht einsehbar war für Martini. Der Rauch wurde noch etwas intensiver, völlig klar, gleich würden wohl die Kolben des Busses Sirtaki tanzen und der Motor in den Bushimmel gelangen.
Aber dann war der Rauch leider wieder weg, schade. Martini ging vor die Taverne um sich anzusehen, ob der Bus nun verreckt sei. Aber da war kein Bus. Sein Blick fiel auf einen Schornstein, der sich auf dem Dach einer anderen Taverne befand. Aus ihm kam der Rauch, mal mehr, mal weniger, verbrannte der seine ungeliebte Großmutter oder wieso hatte er im Oktober noch einen Ofen an?

Dann wurde der Rauch mit einem Mal schwarz, dann rötlich, dann wieder weiß, irgend etwas ließ Martini ahnen, das hier etwas Merkwürdiges vor sich ging. Er bündelte seinen Blick auf das Innere der verschlossenen Taverne und meinte zu erkennen, daß im Kamin ein Feuer brannte.
Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, aber beim näheren Hinsehen war zu erkennen, das der Kamin seine Tätigkeit auch außerhalb des Brennraumes aufgenommen hatte. Der Besitzer hatte für solche Fälle an alles gedacht und knochentrockene Palmwedel unter der Decke angebracht! Martini schlussfolgerte in Bruchteilen von Sekunden: Rauch, Flammen, Palmwedel, Holzausbau, Großbrand … War dieser Tag eigentlich nur für ihn gemacht, sozusagen als Lehrstück in Sachen Chaos?

Die Taverne füllte sich mit hellem Rauch, mit einem Feuerlöscher würde man den Brand sicherlich im Handumdrehen löschen können. Das Wichtigste war, nicht die Türen zu öffnen um dem Schwelbrand keinen Sauerstoff zuzuführen, dass hatte Martini auf einem Brandschutzkursus gelernt. Aber wusste dieses auch der Besitzer, der gerade angerannt kam? Insgeheim hoffte Martini, dass er es nicht wusste und wurde mit einer Galavorstellung des „Flammenden Infernos“ belohnt.
Der Wirt riss die Schiebefenster auf, um den Rauch heraus zu lassen und der Sauerstoff drängte sich an ihm vorbei in Richtung Deckenpalmwedel. Mit einem Overflash entzündeten sich die Brandgase und sorgten dafür, das der Wirt wie Ikarus 5,82 nachgemessene Meter aus seiner Taverne segelte.
Ungläubige Überraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht wieder, als er neben Martini aufschlug und dieser ihm fachmännisch belehrte: Nicht die Türen aufmachen! So mit geballtem Fachwissen vollgestopft lief er zurück und schob die Türen wieder zu. Aber die Glasscheiben wollten angesichts der Hitze nicht im Rahmen bleiben und zogen es vor mit heftigem Abschiedsgeräusch dem begeisterten Wirt, (nennen wir ihn ab jetzt Ikarus) um die hitzegeröteten Ohren zu fliegen.
Martini rechnete aus, wie lange er brauchen würde, um seine Videokamera aus dem Bergdorf zu holen, verwarf diese Idee angesichts der ihm dann entgehenden Urlaubseindrücke sogleich wieder.

Die Straße vor Ikarus‘ Taverne füllte sich in Sekundenschnelle mit Schaulustigen, fast erinnerten Martini diese Massen an eine Osterprozession. In der ersten Etage der brennenden Taverne brach nun eine gewisse Unruhe aus.
Martini sah dort als erstes die Griechin im nassen Bademantel, die kommandostark die restliche Familie in eine Massenpanik versetzte. „Feuer, Feuer“, riefen sie, was ihnen angesichts der nun aus dem Schornstein leckenden Flammen jeder glaubte.
Frauen geraten eben schnell in Panik, dachte Martini gerade, doch da fiel ihm ein, daß er seine beste Lebensgefährtin seit längerem nicht gesehen zu haben. Sie saß wohl immer noch in Christos‘ Taverne, direkt neben dem brennenden Haus. Neben dem brennenden Haus? Bestand vielleicht Gefahr für das Nebengebäude und somit für seine beste Lebensgefährtin der Welt?
Christos‘ Taverne war nicht mehr zu sehen, dicker schwarzer Rauch versperrte die Sicht und ließ schwer einschätzen, ob auch sie in Gefahr war.

An dieser Stelle setzte in Martinis Gehirn der selten genutzte „Wäge-ab-Mechanismus“ ein. Dieser Gehirnteil wird immer erst aktiviert, wenn Beziehungen lange Jahre bestehen. War die beste aller Lebensgefährtinnen wirklich die beste? Lohnte sich ein Rettungsversuch? Waren eine Rauchvergiftung oder eine monatelanger Krankenhausaufenthalt wegen schweren Verbrennungen sozusagen „gerechtfertigt“?
Martinis Gehirnzellen spulten gerade das Lebensversicherungsprogramm der „Besten“ durch. Ergebnis, keine Chancen, Prämien nicht bezahlt! Aber die Einkaufstüten mit dem Schachspiel für 15.000 DRS lagen noch neben der „Besten“. Das gabe den Ausschlag, Martinis Gehirn meldete: „Rettung ist erforderlich“!
Nun begann also das Programm „Edler Retter“, Martini suchte sich hustend einen Weg durch den Rauch.
Frauen sind doch treue Wesen, natürlich saß Martinis „Beste“ noch am Tisch. Frauen würden in Gefahrenmomenten niemals ihr gerade gekauftes Parfüm im Stich lassen. Der Rauch verlieh ihrer Schönheit einen mystischen Glanz und sie hatte den „Rette-mich-mein-Prinz-Blick“ in den Augen.
Martini zog schnell die Tüten mit seinem gerade gekauften Schachspiel an sich und erklärte der „Besten“, dass in wenigen Minuten auch diese Taverne in Schutt und Asche liegen würde und das es besser wäre, ihr Parfüm in Sicherheit zu bringen. Sie sprang zur Eingangstür und verschwand in den Rauchschwaden.
Martini machte sich bittere Vorwürfe ihr nicht gesagt zu haben, das vorne die Gefahr am größten war, aber sein Gehirn erinnerte ihn daran, daß der Notausgang nach hinten für zwei Leute sowieso zu eng gewesen wäre.
Als Martini und sein Schachspiel sich auf den Hinterhof gerettet hatten, hörten sie panische Frauenschreie.
Die Frau im Bademantel hatte ganze Arbeit geleistet! In einer Art Massenhysterie wollten die Frauen im ersten Stock kollektiven Selbstmord begehen und über die Brüstung springen. Unten standen die Ehemänner und flehten die kreischenden Frauen an, nicht zu springen (verständlich, wer sollte dann essen kochen und sich um die Bälger kümmern?)
Wo bleibt eigentlich in dieser Geschichte die Feuerwehr?

Martini ahnte, wo sie sich aufhielt oder besser aufgehalten wurde! Der Leser auch? Man denke an die Brücke und ob Feuerwehrautos auf Kreta schwimmfähig sind!
Mitnichten. Wie Martini später aus gut informierten Kreisen erfuhr, war die Feuerwehr unter Hauptmann Nikos Bozakis wie üblich den Strandweg gefahren, aber an der überfluteten Flussüberquerung war die Alarmfahrt zu Ende. Also hieß es umdrehen und zurück in die Stadt zu fahren, um die Auffahrt zur Schnellstraße zu nehmen und so zur Einsatzstelle zu gelangen.
Etwa vierzig Minuten nach Brandausbruch und nach einem kurzen Aufenthalt an der örtlichen Tankstelle traten dann endlich die todesmutigen Feuerkämpfer in Aktion. Wegen Mangel an Rettungsleitern warfen sie den Frauen im ersten Stock gute Ratschläge und Betttücher hinauf und bestanden auf einem Abseilen der Frauen.
Menschenrettung geht in Griechenland eben nicht unbedingt vor Feuerbekämpfung, denn auch hier gilt das „Umschlagsystem“!

Ikarus (der Tavernenwirt) der sich um seine Lebensexistenz bedroht sah, händigte dem Feuerwehrhauptmann unauffällig diesen Umschlag aus und säuselte etwas von Lage und Evakuierungsplan. In Wirklichkeit waren mindestens soviel Drachmen drin, um Martinis nächste Sitzung bei Frangiskos zu bezahlen.
Nun lief die volle Löschmaschinerie ab! Wasser Marsch! Aber wie? Kein Wasser am Strahlrohr?
Barsche Befehle der Männer verschleierten geschickt diese Tatsache, bis man bemerkte, das ein Pick-Up mit seinem Reifen auf dem C-Schlauch stand. Rein zufällig war es das Auto der Konkurrenztaverne!

Aber nun wurde gelöscht, die Taverne wurde sozusagen geflutet! Überraschend war das Tempo, mit dem das voranging, störend waren nur die sich abseilenden Frauen, welche die Sicht versperrten. Mittlerweile hatte der Brand den Strommast neben der Taverne in Brand gesetzt und die Kabel hielt nichts mehr am Netz.
Martini war fasziniert, als die Stromkabel sich schlangengleich, funken versprühend auf der nassen Straße hin und her bewegten. Sicherlich behinderten sie die Männer bei ihrer Arbeit, aber sozusagen als Abfallprodukt konnte hier die Vorauswahl im Weitspringen für die Olympischen Spiele 2004 getroffen werden. Die Bestmarke, die von den umstehenden Schaulustigen ermittelt wurde, lag bei 5,85 m und somit über dem Flugrekord des Tavernenwirtes Ikarus!
An dieser Stelle ärgerte sich Martini, das er diesen Rekord nicht mit seiner „besten aller Lebensgefährtinnen“ teilen konnte und überhaupt, wo war Sie? Hatte Sie einen noch besseren Katastrophenausblick?

Martini fand sie rußgeschwärzt mit irrem Blick in den Armen einer alten Frau, die ihr gerade erklärte, das auch Parfümflaschen bei starker Hitze platzen. Froh nahmen sich die beiden in die Arme und versuchten verzweifelt die Eindrücke zu verarbeiten. Der Brand war gelöscht und der Umschlag hatte Ikarus wenig geholfen, hätte er den Inhalt doch lieber in eine Feuerversicherung investiert! Aber der Vertreter der Versicherung war ja schon vor Ort, angezogen wie eine Motte. Vielleicht könnte man ja über seinen Vetter Vangelis im nachhinein noch etwas an der Erstprämie drehen, dachte Ikarus und überschüttete den Versicherungsvertreter mit seinem Leid!

So schnell wie das Chaos entstand, legte es sich auch wieder. Der rauchende Stuhl auf der Straße konnte Martinis Aufmerksamkeit nicht mehr fesseln und so beschloss er mit dem „besten aller Brandopfer“ hinauf ins Bergdorf zu fahren!
Fahren? Angesichts eines Verbrauchs von 20 Litern für die Strecke nahm Martini Abstand von dieser Idee. Auf einer Ladefläche eines Pick-up, der gerade seine Schafabfälle zur Müllhalde gebracht hatte, kamen die beiden in ihr geliebtes Bergdorf.

Nun sei der Wunsch nach einem Bad mehr als legitim, meinte die „Beste aller Lebensgefährtinnen“, denn ein Gemisch aus Schaf und Brandgeruch begleitete die beiden zur Dusche!
Da war jetzt nur noch das kleine Problem mit dem heißen Wasser, dachte Martini. Ihm schwante Böses. Sein Hinweis, dass das Duschen mit kalten Wasser Cellulitis vorbeuge, traf mit dem entsetzten Aufschrei der „sauersten aller Lebensgefährtinnen“ zusammen.

Als die Dämmerung hereinbrach, saßen die beiden bei Stromausfall im Dunkel der Leuchte, waren sich aber darüber einig, das so ein Tag kaum noch zu steigern sei! Martini war aber mit seinen Gedanken bei dem Bericht einer Tageszeitung, in dem er gelesen hatte, dass Schafe Erdbeben früher spüren als Menschen.
„Määäääää“, hörte er da von draußen und wurde blass ….

Von Martin Keller

Abschied vom Großvater

Von Anja und Thomas Otto,
im Gedenken an den am 19.09.2004 verstorbenen Großvater

Wir sind wieder auf unserer Lieblingsinsel Kreta.
Kurz vor unserer Abreise ist Großvater schwer erkrankt, aber niemand verwehrt uns unsere Urlaubsreise, denn Großvater ist ein zäher Bursche und hat schon tiefgreifenderen Ereignissen erfolgreich die Stirn geboten. Alle sind überzeugt, er wird auch dieses Mal die Oberhand behalten.

Heute brechen wir früh auf, wollen wir doch Freunde treffen und mit ihnen eine Wanderung unternehmen. Als wir die Stadt verlassen, steht ein alter Kreter in vollem Sonntagsstaat, auf eine Mitfahrgelegenheit hoffend, an der Straße und winkt. Er möchte in sein Dorf in den Bergen, das zwar nicht direkt an unserer Route liegt, aber mit einem kleinen Umweg zu erreichen ist. Wir laden ihn ein, mit uns zu fahren.

Stolz wie ein König thront der alte Herr auf dem Beifahrersitz, sein sonnengebräuntes, von tiefen Falten durchzogenes Gesicht erzählt aus seinem Leben. Er freut sich über jeden neuen Ausblick und grüßt mit großer Geste alle, die schon so früh unseren Weg kreuzen. Der kretische Morgen weht kühl durch das geöffnete Fenster herein, es stört unseren unverhofften Fahrgast nicht, im Gegenteil, er genießt die Fahrt durch seine Heimat in vollen Zügen.

In seinem Bergdorf angekommen, verabschiedet sich unser Begleiter überschwänglich, er mag gar kein Ende finden, er lädt uns sogar ein, den Tag im Dorf zu verbringen. Wir aber wollen weiter, denn wir werden ja von unseren Freunden erwartet. Mit einem festen Händedruck und vielen guten Wünschen entlässt uns der alte Herr, steht winkend an der Straße, bis wir hinter der nächsten Kurve entschwunden sind. Wir fahren schweigend weiter, hängen unseren Gedanken nach, versuchen, das eben Erlebte einzuordnen.
Ein paar Serpentinen weiter oben fasst Anja einen Gedanken in Worte, der auch mich die ganze Zeit schon bewegt: „Wie unser Großvater!“ Der alte Kreter ist unserem Großvater so frappierend ähnlich, die beiden könnten durchaus Brüder sein.

Unsere Freunde treffen wir etwas später, wir wandern zusammen durch eine Schlucht, es ist ein kurzweiliger, interessanter Tag mit vielen neuen Eindrücken und Begegnungen, aber die erste Begegnung des Tages mit dem kretischen Großväterchen geht uns nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder mischt sich Erstaunen in unsere Gedanken, wie sehr er doch dem kranken Großvater zu Haus ähnlich war.

Abends zurück im Quartier erreicht uns die Nachricht, dass unser Großvater am Morgen seine Augen für immer geschlossen hat. War es sein Abschied in den kretischen Bergen?

Von Anja und Thomas Otto,
im Gedenken an den am 19.09.2004 verstorbenen Großvater

Julio

Von Roger Möckel
Zu mitternächtlicher Stunde am Hafenplatz von Agía Galíni an der Südküste Kretas. Die Tavernen sind gut besucht, man sitzt bei einem Gläschen und plauscht mit Freunden. Einheimische wie Urlauber genießen den lauen Sommerabend. Musik aus dem Hintergrund untermalt die Gespräche und trägt zu einer ausgelassenen und zufriedenen Stimmung bei, als drei kleine Mischlingshunde die Haupttreppe aus der „Fressgasse“ hinunter kommen:

Julio, Vater aller zentral-südkretischen Hunde mit legendärem Ruf in Begleitung zweier seiner Eroberungen. Angesichts der großartigen Zuschauerkulisse begibt sich Julio direkt zwischen zwei vollbesetzten Tavernen ans Werk. Erst werden nur wenige Gäste auf sein Tun aufmerksam, dann spricht es sich herum wie ein Lauffeuer. Es entwickelt sich Stadionatmosphäre, wobei alle Zuschauer parteisch zu sein scheinen. Er wird angefeuert, was das Zeug hält. Die Leute klopfen sich auf die Schenkel, die Blicke verliebter Pärchen sagen alles, junge Mädchen werden rot.

Und Julio gibt alles. Als er von „ihr“ ablässt und sie zufrieden ein paar Schritte dahin trippelt, geht Dame Nr. 2 in Position. Die Zuschauermenge wartet gespannt, was nun kommen möge.

Julio stellt sofort unter Beweis, dass sein Ruf nicht von ungefähr kommt: Er arbeitet hart! Die Stimmung in der Menge steigt weiter, Anfeuerungsrufe steigern sich zu einem rhythmischen Klatschen. Julios Show ist unbezahlbar.
Nachdem auch Hundedame Nr. 2 mit scheinbar zufriedenem Lächeln von dannen tippelt, johlt die Menge drum herum.
Julio ficht dies überhaupt nicht an. Er hat schließlich nur das getan, was er immer tut. So einfach ist das alles auf Kreta.
Hätte er sich jetzt eine Zigarette angezündet, mich hätte es nicht gewundert!

Von Roger Möckel

Kreta 1974 – volle Kanne auf die Insel

In diesem Jahr trat meine erste wirklich große Liebe in mein Leben. Die zweite kam zwei Jahre später und wir sind heute noch verheiratet … aber bis ich das erzähle, braucht ihr noch ein wenig Geduld.

Bleiben wir also bei der Ersten. Ich war damals Fakultätssprecher unserer Studentenschaft und es begann ein neues Semester. Also kamen viele zur Studienberatung. Wir hatten nur ein recht kleines Büro, das gerade mal Platz für drei Schreibtische bot. Mein ganz persönlicher Schreibtisch stand im Hintergrund am Fenster, während weiter vorne die Beratungen stattfanden. Ich war ziemlich beschäftigt, aber dann schaute sie etwas schüchtern zur Tür herein. Ich vergaß jede Art von Beschäftigung … und winkte sie zu mir.

Sie hieß Helga und wollte auf „Lehramt an berufsbildenden Schulen“ studieren, mit Schwerpunkt Romanistik. Nachdem wir uns ausführlich über Prüfungsordnungen und sonstiges Spannendes unterhalten hatten, konnte ich nicht anders: „Hast du heute Abend schon was vor?“
Sie hatte nicht … Alle weiteren Einzelheiten werde ich nun eurer Phantasie überlassen, denn sie hatten nicht sehr viel mit der Tatsache zu tun, dass wir in diesem Jahr dann zusammen nach Kreta fuhren. Und darum soll es hier ja ausschließlich gehen.

Das Quartett der Reisenden wurde von zwei Freunden komplettiert, Brigitte und Wilfried. Brigitte war (und ist noch) eine dunkelhaarige kühle Schönheit und Wilfried ist auch heute noch einer der größten Gemütsmenschen, die man sich vorstellen kann. Sie sind übrigens immer noch verheiratet. Ganz im Gegensatz zu Wilfrieds Gemütlichkeit stand sein Auto, dass uns damals nach Kreta trug, ein BMW 2002 TII mit sage und schreibe 140 PS.
Nachträglich besehen wundert es mich nicht, dass wir in Jugoslawien in mindestens 4 kostenpflichtige Radarfallen sausten.

Wir fuhren mal wieder abwechselnd und wir fuhren nicht brav – wie erwähnt. Der Autoput war auch damals noch bis auf ein kurzes Stück zwischen Belgrad und Nis nur zweispurig, aber es war ein Genuss, relativ unbesorgt überholen zu können, denn man war mit so einem Wagen recht schnell vorbei. Ich erinnere mich sehr gut, dass die Tachonadel häufig 180 km/h zeigte.

Langer Rede kurzer Sinn: Persönlicher Rekord Köln – Athen in 32 Stunden. Den natürlich obligatorischen Stopp in Litochoro habe ich abgerechnet. Auf Kreta allerdings mussten wir feststellen, dass ein tiefer gelegter Bolide nicht das Idealgefährt ist.

PicturesKJ/JANNIS.jpgDiesmal fuhren wir mit der Fähre nach Iráklion, denn ich wollte mit den anderen in das vermutlich hässlichste Dorf Kretas fahren: Kókkinos Pýrgos. Warum ich dieses Dorf in jenen und vielen folgenden Jahren so liebte, weiß ich selbst nicht so genau. Vermutlich lag es aber an den Menschen, die ich da kannte, allen voran der legendäre Jannis … den ich als Foto – zusammen mit Helga – beifüge. Jannis war eigentlich von allen meinen Freundinnen im Lauf der Jahre sehr angetan, allerdings kann ich vorausschauend schon feststellen … Yvonne, mit der ich erst zwei Jahre später bei ihm auftauchte, liebte er besonders. Na, ich ja auch …

Wir fuhren nach Norden, um uns Spíli anzuschauen. Nett fanden wir es und hatten auch recht gut gegessen, als wir wieder nach Kókkinos Pýrgos aufbrachen. Wir wollten aber noch etwas anderes sehen und nahmen den Umweg über Mélambes. Die Straße von Mélambes nach Agía Galíni war damals noch sehr übel. Von Asphalt keine Spur. Und so kam es, wie es leider kommen musste.

Irgendwann spürte ich, dass der Wagen über den Boden schurrte. Ich nahm es nicht besonders ernst. Erst als die Tankanzeige rapide gegen Null fiel und wir hinter uns eine entsprechende feuchte Spur ausmachten, da wussten wir, wir hatten uns ein Loch in den Tank gefahren – und das in der „Wildnis“. So standen wir also da. Ich krabbelte unter das Auto (ich war und bin ja dünn genug) und entdeckte das Loch. Was tun?

Uns fiel nichts Besseres ein, als mit versammelter Mannschaft Kaugummi weich zu kauen, dieses in Plastikfolie einzuwickeln – bloß kein Zucker im Tank – und dann das Ganze mit viel Pflaster aus der Bordapotheke anzubringen. Mit den 5 Litern aus dem Reservekanister schafften wir es dann bis Agía Galíni und dort wiederum konnten wir den leckenden Tank so weit füllen, dass wir bis nach Timbáki kamen, wo sich eine Werkstatt unseres Wagens annahm.