Kreta 1973 – wieder auf Tour

Wieder einmal standen die Semesterferien vor der Tür und mir stellte sich die inzwischen fast schon obligatorische Frage: „Mit wem mache ich denn in diesem Jahr Kreta unsicher?“

Und wie der Zufall es wollte, traf ich zwei alte Freunde, mit denen ich im Jahre 1970 schon auf Sardinien gewesen war (auch aus diesem Jahr könnte ich Einiges berichten, aber ich will nicht zu sehr von Kreta abschweifen – vielleicht mache das mal irgendwann, wenn mir der Kreta-Stoff ausgeht): Jorgo (der natürlich nicht wirklich so hieß, sondern ein Deutscher aus Bonn war) und sein jüngerer Freund Jü.
Da wir uns schon geraume Zeit nicht mehr begegnet waren, setzten wir uns in die nächste Kneipe. Natürlich gedachten wir gemeinsam der wunderschönen Fahrt nach Sardinien – sie war wirklich super, abenteuerlich und fast Kreta-like – und dann kamen wir auf den diesjährigen Sommer zu sprechen … als wir uns drei Stunden später trennten, war der Plan festgezurrt: In diesem Jahr würden drei zusammen nach Kreta fahren.

Diesmal gibt es nichts Nennenswertes über die Anreise zu berichten. Jorgo war stolzer Besitzer eines VW-Busses, wir beide wechselten uns beim Fahren ab (das hatten wir 1970 schon gemacht, obwohl ich erst ein paar Monate später bei der Bundeswehr den Führerschein erwarb).

Zu erwähnen ist, dass ich damals eine alte Schaffnertasche besaß, die mich eigentlich auf Schritt und Tritt begleitete … auch auf dieser Fahrt. Da ich der „Griechenlanderfahrendste“ von uns war, hatte ich die Gruppenkasse übernommen und trug in ebendieser Tasche praktisch unsere gesamte Barschaft herum – es waren, als wir in Griechenland ankamen, sicher über 3.000 DM in den verschiedensten Währungen, in erster Linie aber noch der guten alten deutschen Mark.

Wir kehrten zwischen Thessaloníki und Kateríni zum ersten Mal in Griechenland ein, um etwas zu trinken. Es war eine Fernfahrerkneipe, deren Parkplatz nur wenig größer war als die riesige Terrasse direkt an der Nationalstraße. Die Terrasse war ziemlich voll (der Parkplatz auch).
Nachdem wir in aller Ruhe unsere Frappedes ausgetrunken hatten, bestellte ich noch drei und zahlte bei der Gelegenheit alles direkt. Es war spottbillig, denn es war wie gesagt eine Fernfahrerkneipe, in die sich Touristen selten verirren – und abgesehen davon gab es ja auch noch nicht so viele …

Etwa eine halbe Stunde später brachen wir auf und fuhren etwa 100 Kilometer weiter bis zu meinem beliebten Etappenziel Litóchoro. „Meine Wiese“ gab es nicht mehr, hier standen inzwischen mehrere Häuser, zum Teil fertig, zum Teil noch als Rohbau. Natürlich war ich enttäuscht, aber dann fuhren wir ein kleines Stück zurück, denn dort war (und ist wohl noch) der Bahnhof von Litóchoro (etwa drei Kilometer vom Dorf entfernt), dort war sicher auch ein Strand.

Natürlich war da einer und wir spülten uns den Staub und Schweiß der Fahrt im agäischen Meer vom Leib. Dann beschlossen wir, dem Kaffee von vor zwei Stunden einen etwas handfesteren Schluck folgen zu lassen, bevor wir nach Litóchoro hinauffuhren, um dort in den obligaten Souvlaki zu frönen und hinterher das Lokal mit den Wasserrädchen und Glöckchen aufzusuchen. Erst morgen früh sollte es dann schnurstracks nach Piräus und zur Fähre nach Kreta gehen.

Wir kleideten uns also wieder geziemend an. Ich übernahm das Lenkrad, denn ich kannte ja den Weg und fragte Jü, der hinten saß, über die Schulter: „Kannst du mir mal die Tasche nach vorne geben?“
Er schaute um sich und fragte dann zurück: „Welche Tasche, hier liegt nichts?“
„Na, meine Schaffnertasche mit unserer Kasse, wir wollen doch was trinken gehen … schau noch mal genau nach!“
„Hier ist die Tasche nicht!“
Mich erfasste so etwas wie Panik. Wo war die Tasche? Wir durchwühlten also den ganzen Bus, was eine Weile dauerte, denn wir hatten einiges an Gepäck dabei … doch die Tasche war verschwunden.
Ich erinnerte mich an einen Satz, den meine Mutter gerne verwendete: „Du musst mit dem Kopf suchen, nicht mit den Händen!“
Also versuchte ich genau dieses. Wann und wo hatte ich die Tasche zum letzten Mal bewusst gesehen? Da kam nur das Fernfahrerlokal in Frage, denn ich hatte dort bezahlt. Hatte ich sie danach noch einmal gesehen? Ich kam zu dem Ergebnis, dass nein …

So ein verdammter Mist, ich hatte offensichtlich unsere gesamte Barschaft auf der Terrasse eines Fernfahrerlokals einhundert Kilometer entfernt von hier hängen gelassen. Das war eine Katastrophe, wie ich sie mir in diesem Moment nicht hätte größer vorstellen können. Wir waren in Griechenland und verfügten in unseren Taschen gemeinsam gerade mal noch über etwa 50 Mark! Damit würden wir gerade mal bis Athen kommen, um uns dort vielleicht bei der deutschen Botschaft das Benzingeld für die Rückfahrt zu pumpen. Das konnte und durfte doch nicht wahr sein!

Ich erwartete schlimmste Vorwürfe von Jorgo und Jü, doch zu meinem großen Erstaunen blieben die völlig aus. Sie waren nur ebenso geschockt wie ich, dass diese Fahrt zu Ende sein sollte, bevor sie richtig begonnen hatte. Was tun?
„Egal, selbst, wenn es alles weg ist, wir müssen zumindest nachschauen und nachfragen … also zurück!“
Jorgo gab zu bedenken, dass die Tasche nicht in irgendeinem Bergdorf vergessen worden war, sondern an einer recht stark befahrenen Straße, und dass jeder, der am Tisch vorbeiging, nur hätte zugreifen brauchen. Auch der Kellner … wir hätten keinerlei Chance gehabt, auch nur das Geringste zu beweisen.
„Egal wie, wenn wir es nicht wenigstens versuchen und zurück fahren, ist die Kohle auf jeden Fall weg … und übrigens auch mein Pass und mein Führerschein!“
Ja, verdammt, meine ganze Identität war in dieser Tasche. Ich war nass vor Schweiß, als ich die hundert Kilometer zurück fuhr, nein zurück raste, mit allem, was der Bulli so hergab. Es kam zwar jetzt auch nicht mehr auf die Minute an, und es wäre sehr peinlich geworden, wenn ich jetzt der Polizei aufgefallen wäre, aber das war mir egal. Diese Ungewissheit (oder Gewissheit, dass wir nur wieder nach Hause fahren konnten – falls uns die Botschaft überhaupt Geld vorschießen würde …) brachte mich um den Verstand. Ich fühlte mich wie ein Volltrottel in Vollendung.

Mit quietschenden Reifen brachte ich den Bulli vor dem Lokal zum Stehen. Wir rannten hinein, ich war immer noch völlig aufgelöst. Hinter dem Tresen standen zwei Kellner, einer wandte uns den Rücken zu. Dann drehte er sich um und sah uns heranhasten. Ein feines Lächeln überzog sein Gesicht, er griff ganz langsam unter den Tresen. Als er seine Hand wieder hob, hielt er darin meine Tasche.
Mir wurde fast schwarz vor Augen, als er lächelnd zu mir sagte: „You forgot this!“

Ich hätte ihn knutschen können. Aber ich war so fertig, dass ich kaum ein vernünftiges Wort herausbrachte. Er schien mein psychisches Desaster zu bemerken, denn er goss mir ein großes Glas Kognak ein.
„It’s from me. I think you need it!“
Ich stürzte den Schnaps hinunter und fing mich allmählich wieder. Dann kramte ich in der Tasche, um ihm eine Belohnung zu geben, denn die hatte er sich verdient. Doch er wehrte ab.
„No money, you come to Greece, you are welcome. You love Greece and we love you.“

Das Einzige, was er annahm, war eine Zigarette. Ich glaube, als ich die mit ihm rauchte, war es die schönste Zigarette meines Lebens. Dieser Mann hatte uns gerettet. Ich war nicht nur dankbar, sondern ich empfand die allergrößte Hochachtung vor dieser griechischen Ehrlichkeit, die damals wirklich noch selbstverständlich war. Und doch war sie für mich in diesem Moment und an diesem Ort einfach unfassbar. Ich wusste genau, dass ich das Geld in der Tasche nicht nachzählen musste, es würde kein Pfennig fehlen (und es fehlte natürlich auch keiner).
Nach viel Hin und Her ließ er sich breit schlagen, einen Kognak auf meine Kosten mit mir zu trinken. Jorgo hatte sich die ganze Zeit vollkommen zurück gehalten und übernahm dann das Lenkrad, als wir wieder zurück gen Süden fuhren.

Nach den Souvlaki bei meinem nun schon alten Bekannten in Litóchoro, der sich wie immer freute, fuhren wir in das Bimmellokal oben am Berg hinauf (siehe Kreta 1972). Bevor wir uns aber dem Weine widmeten, wollten wir erst einmal herausbekommen, wo denn das ganze Wasser eigentlich herkam, das hier so spendabel durch das Lokal floss. Hinter dem Haus stürzte es von der Wand. Wir kletterten hinauf und entdeckten, dass es aus einer Art begehbarer Wasserleitung kam. Ein abgedeckter Kanal zog sich an der Hangseite entlang, die scheinbar in den Olymp hineinführte. Wir folgten ihm – man konnte ja darauf entlang laufen – bis weit in den Einschnitt des Berges hinein. Ein Zaun, an dem ein für uns unlesbares Schild stand, bremste uns nur vorübergehend, wir kletterten einfach darüber. Kurz hinter diesem Zaun endete der Kanal und wir standen vor einem kleinen glasklaren See oder Tümpel, der uns förmlich aufforderte, die Füße hineinzustecken. Das taten wir auch.
Erst etwas später entdeckten wir ein zweites Schild und bekamen ein wirklich schlechtes Gewissen:
„This water is for drinking. Please do not make it dirty!“
Wir hatten unsere Füße ins Trinkwasserreservoir von Litochoro getunkt, hoffentlich hat es keiner geschmeckt!

Der Wirt des Lokals erkannte mich übrigens ohne die Mädels vom letzten Jahr nicht wieder, was ich verstehen konnte, aber das war mir ziemlich egal … denn sein Salat war immer noch sehr schmackhaft.

Kreta 1973 – Teil 2

Wir waren inzwischen auf Kreta angekommen und hatten einige Tage zum Akklimatisieren wie so gerne beim Kiani Akti (bei Kalýves) verbracht. Der Bulli stand unter einem schattenspendenden Strohdach direkt am Fluss und wir verbrachten den größten Teil des Tages essend im Lokal. Es gibt dort zwar auch heute noch keine riesige Speisenauswahl, aber alles, was angeboten wurde und wird, war und ist allererste Klasse. Nicht umsonst ist das Lokal bei den Einheimischen sehr beliebt, wie andernorts schon mehrfach erwähnt.

Dann aber wollten wir die angefressenen Pfunde wieder ein wenig abtrainieren, also beschlossen wir, die Samaria-Schlucht anzugehen. Allerdings gedachten wir, es anders zu machen, als heutzutage üblich, nämlich in der Schlucht zu übernachten (was man heute ja nicht mehr darf). Es gab auch damals keinerlei winterliche Beschränkung, in der man dort nicht wandern durfe. Nach diesem Marsch weiß ich auch, warum es sich geändert hat …
Wir würden also fast unser komplettes Hab und Gut durch die Schlucht tragen, denn wir brauchten für die Übernachtung die Schlafsäcke, Lebensmittel etc.

Die „Planung“ sah dann so aus: Wir fahren mit dem Bulli nach oben und parken ihm am Schluchteingang. Unten von Agía Rouméli aus würden wir mit dem Schiff nach Chóra Sfakíon fahren – wir machten uns überhaupt keine Gedanken, ob es um diese Jahreszeit überhaupt ein Schiff gab – und dann zurück nach Chaniá trampen. Wer als erster ankam, sollte dann mit dem Bus oder ebenfalls per Anhalter wieder nach Omalós hinauf und das Auto holen. Und ansonsten wollten wir uns jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Lokal in der Nähe des Busbahnhofs treffen. Wie man sicher erkennen wird, es war alles sehr locker geplant (und genau so locker sollte es auch kommen – wir brauchten fünf Tage, um uns wiederzusehen. Fünf für mich recht angenehme Tage …).

Aber zuerst war die Schlucht angesagt. Recht schwer bepackt, denn wir wollten ja weder Hunger noch Durst leiden noch sonst etwas vermissen (auch die beiden Gitarren mussten mit), stiegen wir am späten Vormittag die hölzernen Treppen hinab. Wir hatten keine Eile, denn es war ja schließlich auch die Übernachtung vorgesehen. Ich weiß nicht, ob man es heute noch nachvollziehen kann, aber wir haben von oben bis zum verlassenen Dorf Samaria keine Menschenseele getroffen! Nur ein paar Ziegen an den Wänden der Schlucht beäugten neugierig die vorbeikommenden Wanderer. Damals hielt ich sie für echte Agrimia, heute zweifle ich ein wenig daran.

Auch im „Dorf“ war erst einmal niemand zu sehen. Also „besetzten“ wir eines der dächerlosen Häuser und richteten uns behaglich ein. Nachdem wir in der Umgegend Holz gesammelt hatten und der Abend hereinbrach, schürten wir unter dem Hordenpott ein Feuer, um uns einen wärmenden „Tschai“ zu bereiten, der aus wenig Tee, viel Rotwein, Rosinen und einer Flasche Rum bestand (letztere hatten wir zur Sicherheit aus Deutschland mitgebracht).

Erst als wir das Feuer entfachten, merkten wir, dass wir hier doch nicht ganz allein waren. Auf der anderen Seite des Bachbettes erschien eine Gestalt, die uns wild zuwinkte und einige unverständlich klingende, aber eindeutig ärgerliche Worte zurief. Wir ignorierten die Gestalt, nachdem wir ein paar Steine in ihre Richtung geworfen hatten und sie in Deckung ging. Der Tschai war gerade so richtig am Brodeln, da stand der Typ plötzlich neben uns – er musste sich heran geschlichen haben. Es war der örtliche Feldhüter, der natürlich hatte eingreifen wollen, als er das Feuer bemerkte.

Nun aber begutachtete er es aus der Nähe und stellte fest, dass hier wohl keine Marodeure, sondern Fachleute am Werk waren, und deshalb keine größere Gefahr bestand. Da auch wir eher friedlicher Natur waren, wurden wir schnell einig. Er saß mit uns die halbe Nacht am Feuer und trank und sang mit uns. Zu fortgeschrittener Stunde sang er ganz alleine Verse, die wir zwar nicht verstanden, die uns aber ziemlich anrührten. Wie ich später lernte, waren es alte kretische Mantinades. Musik und Gesang verbinden eben auch ohne dass man die Worte versteht.
Als wir den großen Topf geleert hatten, schwankte der Feldhüter davon (der Alkoholgehalt des Gebräus war wirklich heftig) und wir krochen in unsere Schlafsäcke. Vorher hatte er noch nach Süden gezeigt und versucht, uns etwas zu erklären, was mit dem Wort „neró“, also Wasser zu tun hatte. Wir kapierten es allerdings nicht wirklich

Am nächsten Morgen verstanden wir es. Wir waren aufgebrochen, um die engste Stelle der Schlucht zu erreichen und fanden sie voll Wasser vor. Das ist wohl auch der Grund, warum die Schlucht in heutiger Zeit nur im Sommer bewandert werden darf. Die „Sideroportes“ waren ein einziger Fluss. Was nun? Sollten wir umdrehen und wieder nach oben laufen?

Hallo, spinnst du, da hatten wir schon andere Sachen gemacht. Wir waren jung, fit und unbekümmert. Also zogen wir uns aus, packten sämtliche Kleidungstücke in die Rucksäcke, die Gitarren noch oben drauf, nahmen das Ganze auf die Köpfe und stiegen ins Wasser. Zwischendurch bekam ich mal gewisse Bedenken, denn die strömenden Fluten reichten uns bis zur Brust. Und doch ging es gut. Die Gitarren blieben trocken. Nur rollte mir mittendrin ein respektabler Stein über den Fuß und so vollendete ich den Rest des Marsches, nachdem wir wieder aus dem Wasser gestiegen waren, ebenso humpelnd wie fluchend.

Agía Rouméli bestand damals nur aus ein paar Häusern, aber eine Taverne war dabei. So bekamen wir auch etwas zu essen. Die Frage nach einem Boot oder Schiff nach Chóra Sfakíon beantwortete der Wirt zuerst nur mit einem Achselzucken … Weiteres Nachfragen ergab, dass es um diese Jahreszeit kein regelmäßig verkehrendes Boot gäbe.

Da wir uns darüber klar waren, dass wir den umgekehrten Weg durch die Schlucht wegen der Wassermassen wohl nicht schaffen würden, schauten wir wohl so unglücklich drein, dass der Wirt sich erweichen ließ und zum Telefon griff.
Dann erklärte er uns, am nächsten Morgen werde ein befreundeter Fischer mit seinem Boot aus Chóra Sfakíon kommen und uns abholen. Wir waren ihm dankbar und verzehrten an diesem Abend noch so einiges.

Der nächste Morgen war recht stürmisch. Als wir am Strand aus den Schlafsäcken lugten, waren wir mehr als skeptisch, ob das Fischerboot wirklich kommen würde. Doch es kam tatsächlich. Als wir es erblickten, bekamen wir doch ein wenig Bammel. Denn es war ein ganz kleines Boot. Die Bordwand lag nur unwesentlich höher als das Wasser ringsum.

Dennoch gelang es uns irgendwie, an Bord zu kommen und dicht unter Land heil und gesund Chóra Sfakíon zu erreichen. Der Fischer verlangte eine recht kommode Summe für die Fahrt, wie so oft waren wir sehr positiv überrascht.

Nun waren wir also in Chóra Sfakíon und wollten wie besprochen von hier aus nach Chaniá per Anhalter zurück fahren. Wie schon drei Jahre zuvor in Sardinien waren die Rollen schnell und klar verteilt: Da ich als der sprachgewandteste galt, würde ich alleine mein Glück versuchen und überließ den beiden anderen den Platz an der Straße, während ich gemütlich in dem Pinienhain hinter ihnen saß. Aus Sardinien waren wir gewöhnt, dass zwar wenig Autos vorbeikamen, das erste einen aber gewöhnlich mitnahm. Auf Kreta war das aber anders: Die beiden brauchten einige Stunden, bis sie endlich eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatten.

Ich schaute ihnen nach und stellte mich dann selbst an die Straße …

Kreta 1973 -Teil 3

Nach einer knappen Stunde hatte ich die Nase voll. Ich war es wie schon erwähnt aus Sardinien gewohnt, dass man schnell und unproblematisch mitgenommen wurde, aber hier lief das offensichtlich zumindest heute nicht. Also schulterte ich den Rucksack und die Gitarre wieder und wanderte die paar Schritte zurück ins Dorf. Vom Platz am Dorfeingang zweigt eine schmale Gasse im spitzen Winkel ab. Direkt am Anfang dieser Gasse gab es damals – es gibt sie schon lange nicht mehr – eine kleine Souvlakibraterei, in die ich einkehrte, denn es war Mittag und ich hatte Hunger.

Eine Stunde später etwa war der Hunger sehr erfolgreich gestillt, aber mir kam nicht in den Sinn, mich wieder an die Straße zu stellen. Ich würde einfach am nächsten Tag den Frühbus um sieben Uhr nehmen (damals der einzige Bus).
Der Wirt stellte ungefragt ein weiteres Kilo Wein vor mich hin und wies ebenso fragend wie freundlich auffordernd auf meine Gitarre, die hinter mir an der Wand lehnte.

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags (und des Abends) also mit Musik.
Irgendwann saß ein Mädchen neben mir, an dessen Aussehen ich mich nicht mehr erinnere. Ich weiß nur noch, dass sie einen dieser grob gestrickten kretischen Wollpullover trug, die damals bei Touristen sehr in Mode waren … einmal in die Waschmaschine und man konnte sie wegwerfen.
Bei jedem Lied rückte sie mir ein wenig näher. Irgendwann sprachen wir auch miteinander. Sie war Engländerin und fragte mich, wo ich denn eine Bleibe hätte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass ich vor lauter Wein und Gesang daran noch gar nicht gedacht hatte. Ich sagte, ich würde wohl irgendwo draußen unter den Bäumen schlafen, doch sie informierte mich, sie habe ein Zimmer zwei Häuser weiter und da sei noch ein Bett frei. Wenn ich denn wollte …

Kann man ein solches Angebot ablehnen, ohne unhöflich zu sein? Ich war noch selten im Leben unhöflich gewesen und zog also gegen etwa drei Uhr morgens mit ihr ab. Alle weiteren Einzelheiten möchte ich hier nicht wiedergeben, außer vielleicht, dass es in ihrem Zimmer kein freies zweites Bett gab.

Am nächsten Morgen erwachte ich durch lautes Hupen auf der Straße. Ich lief zum Fenster und sah den Frühbus, den ich hatte nehmen wollen, soeben abfahren. Was soll’s, wenn nicht, dann eben nicht. Ich kroch ins Bett zurück.

Man mag es übertrieben finden, aber diese Geschichte wiederholte sich drei Tage lang. Morgens verschlief ich regelmäßig den Bus, weil die süße Engländerin dafür sorgte, ich stellte mich ein bis zwei Stunden der Form halber an die Straße, bekam aber keine Mitfahrgelegenheit, kehrte wieder in das Lokal zurück und verbrachte auch die nächste Nacht am gewohnten Ort.

Dann aber überkam mich allmählich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, denn vermutlich machten sich die beiden anderen allmählich Gedanken, wo ich denn blieb. Und dann fasste ich den Entschluss, die nächste Nacht zwar in Morpheus, aber nicht in Jennys Armen zu verbringen – in diesem Moment fällt mir sogar ihr Name wieder ein – sondern mal „Butter bei de Fische zu tun!“

Nach einem sehr netten Abschied („I really don’t want to leave, but I have to“) rollte ich meinem Schlafsack auf dem Asphalt aus, auf dem der Bus morgens zu wenden pflegte – und so verpasste ich ihn diesmal nicht. Er hätte über mich drüber fahren müssen … Jenny stand übrigens oben am Fenster, wir winkten uns kurz zu, natürlich habe ich sie nie wieder gesehen (und sie hat mich sicherlich längst vergessen).

Die beiden anderen erwarteten mich wie verabredet in Chaniá. Sie hatten den Bulli längst vom Omalós abgeholt und fragten mich freundlicherweise nicht, warum ich so lange gebraucht hatte. Und da ich damals noch ein Gentleman war, erzählte ich ihnen auch nichts. Aber genossen habe ich die Tage sehr, wen wird es wundern.

Kreta 1973 – Teil 4

An viel mehr Einzelheiten aus diesem Jahr erinnere ich mich leider nicht mehr. Außer vielleicht, dass wir überraschend hinter einer unübersichtlichen Kurve vor einem monumentalen Erdrutsch nur mit Mühe zum Stehen kamen. Oder dass wir die alte Straße nach Káto Zákros nur ziemlich mühsam bewältigten … es gibt diesen Fahrweg heute noch, aber eben auch eine neue Asphaltstraße.

Ich erinnere mich nur noch eine Begebenheit, nämlich, wie ich zum ersten Mal erfolgreich zum Schmuggler wurde: Wir hatten auf Kreta vier 20-Liter-Kanister erstanden und sie mit Raki füllen lassen. Natürlich entsprach das nicht ganz den deutschen Einfuhrbestimmungen. Also nahmen wir gewisse Umbauten am Bulli vor. Die mittlere Sitzbank war wie damals üblich, sowieso verkehrt herum eingebaut, die Lehne der hinteren ruhte zwischen den zwei Bänken auf Wasserkisten, so hatten wir eine Schlafebene. Und unter dieser Lehne brachten wir die vier Kanister unter.

Eine eigentlich durchschaubare Angelegenheit, auf die jeder Zöllner hätte kommen können, natürlich … und kommen würde. Wir mussten uns also noch was zusätzlich einfallen lassen. Wir waren übrigens auf der Rückfahrt zu fünft, wir hatten bei Larissa noch ein Pärchen aus Frankfurt eingeladen. Das erwies sich nun als sehr praktisch.

Wir deckten die Liegefläche kurz vor Salzburg also mit mehreren Schlafsäcken sorgfältig ab und breiteten ein weißes Bettlaken darüber. In einer Bäckerei hatten wir vorher etwa 20 Brötchen und Erdbeermarmelade erstanden, nun wurden sie geschmiert und auf dem Laken drapiert. Die junge Dame aus Frankfurt machte das sehr hübsch.

Ein weiterer Trick wurde hinter der Kofferraumklappe vorbereitet, und wir waren für alles gewappnet. Als wir die Grenzstation anfuhren, saß Jorgo am Lenkrad, wir vier anderen hockten um die Brötchen und frühstückten.

Die Zöllner warfen einen Blick auf die schmierigen Brötchen und mochten sich damit nicht unbedingt abgeben. Aber den Kofferraum wollten sie doch inspizieren – das hatten wir auch eingeplant. Klappe auf … und mit Getöse knallte eine bereits vorher angebrochene in Míres gekaufte tönerne Amphore auf das Pflaster hinter dem Auto. Darin hatten wir übrigens ein paar gebrauchte Unterhosen untergebracht, um den Effekt zu verstärken. Ich zeterte ein wenig herum wegen des zerstörten Souvenirs … und die Zollbeamten waren ausreichend beeindruckt. Sie bedeuteten uns nur noch, unseren Kram wieder zusammen zu packen und zu verschwinden, und wir waren sogar so ordentlich, die Scherben des schon lange vorher kaputt gewesenen Tonkruges zu entsorgen.

Dann freuten wir uns nur noch darauf, auf jeden Fall bis auf weiteres genug zu trinken zu haben. Allerdings wird mir wohl jeder zustimmen: Raki schmeckt auf Kreta anders und besser. Warum eigentlich?