Kreta 2001 – eine Art Reisetagebuch

PicturesKJ/ierap_tassos1.jpgZuerst wollte ich das gar nicht alles niederschreiben.

Dann allerdings empfand ich diesen Kreta-Aufenthalt als so spannend und abwechslungsreich, dass ich einfach nicht mehr anders konnte.

Und so ist hier nun zu lesen, was ich mir unterwegs in ein blaues Schulheft notiert habe.

Einiges in diesem Bericht ist allerdings inzwischen Historie. So ist das Ehepaar Weide inzwischen leider gestorben. Der Flughafen von Sitía ist Anfang 2009 immer noch nicht eröffnet. Ich habe aber bewusst an diesem Bericht nichts verändert – dies hier ist kein Reiseführer!

Viel Spaß!

Samstag, 30. Juni – Kreta 2001

Obwohl es heute Nacht nach Kreta geht, bin ich ausgesprochen mies gelaunt. Kein Wunder … nach nur einer Stunde Schlaf. Ich habe mitten in der Nacht erst gepackt und garantiert die Hälfte vergessen. Um kurz nach zwei Uhr klingelt der Wecker. Im Bad führe ich das übliche Zwiegespräch: „Ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber ich rasiere dich trotzdem!“

Dann ist mein „Taxi“ in Form einer lieben Freundin, die sich für mich die Nacht um die Ohren schlägt, schon da. Und ich nerve sie auch noch mit meiner schlechten Laune.

Die Abfertigung am Flughafen zieht sich hin, dafür fliegen wir pünktlich ab. Nach dem Frühstück zeigt das Bordfernsehen einen Lehrfilm: „Warum fliegen Flugzeuge eigentlich?“ Es ist so spannend, dass ich einschlafe und den zweiten Teil verpasse: „Warum stürzen Flugzeuge gelegentlich ab?“ Und das ist auch gut so.

Ich werde wach, als wir gerade Santoríni überfliegen. Neben mir sitzt plötzlich eine sehr junge Dame, die sich den Hals verrenkt (sie ist das erste Mal überhaupt mit dem Flugzeug unterwegs). Also biete ich ihr meinen Fensterplatz an und unaufgefordert noch diverse Informationen über den Vulkanausbruch, die Caldera und den schwarzen Sand von Santoríni.

Als das Flugzeug nach Kreta rechts einschwenkt, erzählt sie mir, dass sie mit Mutter und Schwester (die hinter uns sitzen!) in Chersónissos wohnen werde. Das war „just in time“, denn wir fliegen gerade daran vorbei.
„Toll,“ sagt sie, „überall Swimming Pools!“ Das Meer direkt daneben übersieht sie irgendwie, aber wir fliegen ja schon die ganze Zeit darüber hinweg.
Der Pilot legt eine der sanftesten Landungen hin, die ich je in Iráklion erlebt habe.

Passkontrollen sind wegen des Schengener Abkommens nun endgültig passé, dafür dauert es um so länger, bis das Gepäck kommt. Der erste Koffer, der wie meiner aussieht, kommt allerdings aus Tschechien. Meiner taucht später zusammen mit der Gitarre anderswo auf.
Lambros wartet draußen wie üblich mit dem Auto auf mich. Jetzt kennen wir uns schon so viele Jahre und er sagt immer noch „Kyrie Klaus“ zu mir. Ich bin einen Moment enttäuscht, als er mich statt des bestellten Jeeps zu einem Suzuki Swift führt.
„Den Jeep haben wir erst ab Dienstag wieder, egal, wo du auf Kreta bist, wir bringen ihn hin und tauschen die Autos aus!“

PicturesKJ/neubaustrasse1.jpgSein Chef Jorgos begrüßt mich im Büro von Citycar herzlich. Fast zwei Stunden sitzen wir da und quatschen über Gott und die Welt. Dann einigen wir uns darauf, dass ich vorerst nur für den Swift bezahle (natürlich nur einen Appel, nicht mal ein Ei dazu) und spätestens Montag anrufe, wenn ich einen Fahrzeugaustausch will (und dann die Differenz nachzahle). Dann entlässt er mich auf Kretas Straßen.

Ich habe entgegen meiner üblichen Hinweise, sich auf Kreta nicht zu viel vorzunehmen, ein volles Programm für diese zwei Wochen lose im Hinterkopf. Heute will ich zuerst mal zu Rainer nach Ierápetra. Der erste Halt in Mália. Es hat sich nicht viel geändert.

So bleiben Diktiergerät und Kamera weitgehend in der Tasche, denn die hatte ich nicht dafür mitgenommen, leicht bekleidete Touristinnen auf dem Weg zum Bade zu fotografieren. Als ich später schon fast in Síssi bin, ärgere ich mich dann doch, dass ich aus Rücksicht oder Schüchternheit die alte Frau, die in Mália Bananen feil bot, nicht fotografiert habe. Auch Síssi hat sich übrigens kaum verändert und das ist auch gut so.

PicturesKJ/selinari1.jpgAllmählich wird es richtig heiß und ich bin froh, auf der Strecke nach Ágios Nikólaos eine halbe Stunde unter den schattigen Kiefern des Klosters Agíou Giórgou Selinári rasten zu können. Dazu erfrischt das kühle Wasser aus dem Klosterbrunnen.

Da ich erst letztes Jahr länger in Ágios Nikólaos war, lasse ich den Ort diesmal links liegen. Neben der kurvenreichen Strecke Richtung Osten sind an einigen Stellen schon neue Brücken zu sehen, die Kreter treiben ohne große Rücksicht auf die Landschaft den Bau der „New Road“ weiter voran. Für den Verkehr mag das ja ein Fortschritt sein, optisch überzeugt es mich allerdings wenig. Kurz vor Istró entdecke ich neben der Straße eine antike Straßenwalze, die am Bau der Neubaustrecke wohl nicht mehr aktiv beteiligt ist. Die ist doch ein Foto wert!

PicturesKJ/dampfwalze.jpgLangsam bekomme ich Hunger. Da war doch in Istró dieses nette Lokal, in dem ich vor zwei Jahren mehrmals gegessen und auch schon manchen Abend Gitarre spielend und singend verbracht habe. Also rechts ran und mal kurz „kalí méra“ sagen.

Jannis erkennt mich erst auf den zweiten Blick, dann allerdings heftig. Er will sofort wissen, wo ich bleibe, wohne oder hin will. Als ich „Ierápetra“ nenne, winkt er ab und meint „vielleicht morgen! Heute bleibst du auf jeden Fall hier. Wir haben ein Zimmer für dich, kein Problem! Hast du deine Gitarre dabei?“

Die habe ich immer dabei! Und weil ich wegen der Kürze der vergangenen Nacht noch immer müde bin, hat er mich schon überredet.
Die Aussicht auf einen Nachmittagsschlaf in einem kühlen Bett ist verlockend, und keiner wartet auf mich. Meine beiläufige Frage nach dem Zimmerpreis weist Jannis kategorisch zurück: „Du bist unser Gast. Es reicht, wenn du heute Abend spielst und singst, nachdem Du gut gegessen hast, dann haben wir eine schöne Zeit miteinander!“

Zuerst einmal wehre ich mich nach Kräften, beuge mich dann aber seinem Heimrecht und den Gesetzen der Naturalwirtschaft. Immerhin einigen wir uns darauf, dass ich für Essen und Trinken bezahlen darf (und ich glaube in einer gewissen Form temporärer Naivität sogar daran).

Ein Bier später genieße ich von der Terrasse des Appartements (von wegen „Zimmer“) den Blick auf die Bucht von Istró und dann gehe ich erst mal schlafen. Das war vernünftig, denn es wird eine sehr lange Nacht.

Jannis hat umgehend ein paar Freunde alarmiert und bis auf einen leicht verrückten älteren Herrn aus Sitía, der den ganzen Abend lang fünf englische Touristinnen verzweifelt mit Wodka-Lemon abfüllte und dann doch außer ein bisschen Knutscherei nicht zum Zuge kam, verlief alles harmonisch. Allerdings wurde es wirklich sehr spät, denn als das Lokal um Mitternacht schloss, ging es erst richtig los.

Sonntag, 1. Juli – Kreta 2001

Ich schlafe lange und nehme als Frühstück nur einen eiskalten Frappé zu mir. Mein Versuch, Essen und Trinken zu bezahlen, schlägt natürlich fehl. Da ich andererseits vermeiden will, dass man mich hier ankettet, mache ich mich lieber mit herzlichem Dank vom Acker. Und vergesse beinahe meine Gitarre! Das wäre grande Katastroph gewesen, ist aber gerade noch gut gegangen.
Weiter Richtung Ierápetra also.

PicturesKJ/gournia3.jpgKurz hinter Goúrnia und kurz vor Pachiá Ámmos spiele ich ein ganz persönliches Glücksspielchen. Wenn es genau an der Abzweigung nach Ierápetra (gleich hinter Pachiá Ámmos) nicht mehr als 50 Kilometer bis Sitía sind, dann fahre ich den Schlenker dahin eben auch noch. Bis heute Abend bin ich dann schon in Ierápetra. Ich verliere das Spiel, denn das Straßenschild an der Abzweigung weist 49 Kilometer aus. Also weiter geradeaus. Der kleine Swift schnurrt brav alle Steigungen hinauf und ebenso brav um alle Kurven.

Schon nach weiteren 20 Kilometern versichere ich ihn endgültig meiner Zuneigung: „Kleiner, ich tausche dich Dienstag nicht um, wir bleiben die 14 Tage zusammen!“

Darüber ist er so begeistert, dass er spontan den linken Seitenspiegel zersplittert, als ich diesen zum wiederholten Male richten will. Was soll’s, es sind ja noch zwei andere Spiegel da!
Mein linker Unterarm verfügt längst über einen respektablen Sonnenbrand, also kaufe ich mir in Sitía Sonnenmilch und gleich noch was gegen die Mücken. Ein Spaziergang durch den Ort ergibt wenig grundlegend Neues. Aber ich erfahre bei der Gelegenheit, dass der neue Flughafen beste Fortschritte macht und noch dieses Jahr eröffnet werden soll.

Dann geht es noch weiter Richtung Osten, weil mir wieder eingefallen ist, dass an der Straße dorthin ein schwäbisches Ehepaar eine „Schwarzwälder Stube“ eröffnet haben soll. Ich brauche so etwas prinzipiell hier ja nicht, Fotos kenne ich schon aus dem Internet, aber das muss ich doch mal in natura sehen. Und außerdem hat Frank Weide mich explizit eingeladen.

PicturesKJ/christa1.jpgIrgendwann begegnet mir ein Schild rechts der Straße: „Noch 3 KM – Wurstsalat, Radler, Weißbier!“ Ich komme mir tatsächlich für einen Moment vor wie im falschen Film. Egal, jetzt geht es einfach tapfer weiter … und dann plötzlich an der Abzweigung zum Kloster Toplou: Vorne Steine und Macchia, hinten, rechts und links dito und direkt vor mir ein großes blau-weißes Schild: „Christas Bauernstube“.

Ich parke und nähere mich ganz vorsichtig, damit die Fata Morgana nicht wieder verschwindet. Dann stelle ich aber fest, es ist alles echt und wirklich da! Ist denn sonst keiner da?
Als ich näher komme, öffnet sich die Tür und ein weißbehüteter Mann schaut mir entgegen. Und dann tatsächlich ein schwäbisch angehauchtes und freundliches „Hallo!“
„Hallo, ich bin der Klaus!“
„Ja?“
Das reichte wohl offensichtlich doch nicht so ganz! Also ein zweiter Versuch mit etwas mehr Betonung.
„Kreta-Klaus. Sagt Ihnen das irgend etwas?“

PicturesKJ/christa4.jpgJetzt lächelt er noch freundlicher und erklärt mir, das sei sein Sohn, mit dem ich bisher Kontakt hatte. Er selbst heißt Walter und bittet mich sogleich in die gute Stube hinein. Wo bin ich hier gelandet? Rot-weiß karierte Tischdecken auf massiven Schwarzwälder Möbeln, an den Wänden diverse Accessoires, die sicherlich nicht von hier stammen. Unglaublich! Mittendrin Christa, die Chefin und Walters Frau.

Wir vertragen uns schnell bestens und sie vertraut mir an, dass sie bisher noch nirgendwo auf der Welt auf diversen Reisen ein deutsches Lokal vermisst hätte. Dabei klingt aus ihrer Stimme fast so etwas wie Verwunderung, dass sie und Walter nun genau so etwas verwirklicht haben.

Ich bleibe fast sechs Stunden bei den beiden sitzen und stelle immer mehr fest, sie sind zwei „absolut liebenswert Verrückte“! Und Christas Wurstsalat ist wirklich hervorragend. Wir lachen uns gemeinsam schief, als wir versuchen, für die Speisekarte des Lokals für Griechen verständliche Übersetzungen für „Vesperteller“ (Walter sagt natürlich Veschperteller) zu finden. Zum Schluss wird es „Loukanikópiato“.

PicturesKK/christa2.jpgDie Zeit rast dahin. Walter zeigt mir alles, unter anderem auch seine gärtnerischen Bemühungen. Nächstes Jahr ist das hier sicherlich ein Blumenmeer! Und dann ist es plötzlich fast Abend. Diesmal lehne ich das freundliche Angebot, im Lokal zu schlafen, dankend ab, denn jetzt möchte ich doch eigentlich wirklich noch nach Ierápetra.

Das Feilschen um die Rechnung wird zum Schluss noch einmal spaßig. Walter verlangt pauschal 20 DM, was angesichts meines Verzehrs lächerlich ist. Ich schlage deutlich mehr vor, aber er bedeutet mir, er sei hier der Chef. Ich habe also schon wieder verloren. Das sollte nicht zur Gewohnheit werden!

On the road again. Die Sonne steht schon ziemlich tief, zum Fahren sehr unangenehm.
Von unterwegs erreiche ich Rainer in Ierápetra und kündige meine Ankunft in ca. 1 1/2 Stunden an.
„Kannst du mir bitte ein Zimmer klar machen?“
„Dufte, dass du kommst. Das Zimmer ist längst geregelt, ist alles voll im Griff!“

Also dann. Der kleine Swift macht mir weiterhin Spaß und ich fliege die kurvenreiche Strecke nach Ierápetra fast wie Walter Röhrl hinunter. Na ja, fast! Zum Schluss steht die Sonne so tief, dass ich mögliche Hindernisse auf der Straße nur noch ahne. Röhrl hatte für so was immer einen Beifahrer! Also dann doch ein bisschen vorsichtiger!

Rainers Büro „Protos“ in Ierápetra ist schnell gefunden. Sein Vater hält dort die Stellung. Mich treibt es dringend auf die Toilette, aber die gibt es nur gegenüber im Café California. Ich will – höflich wie ich sein kann – da nicht rein laufen, ohne was zu verzehren, also frage ich, ob ich uns was zu trinken mitbringen soll.
„‚N‘ kleenet Bier wär jut!“

Also zwee kleene Biere. Ich will sie gerade bezahlen, da kommt Rainer reingestürmt, bestellt ein drittes kleenes Bier und verhindert das Zahlen wieder einmal. 3:0 für Kreta, ich gerate hoffnungslos in Rückstand.

Im Büro geht es zu wie in einem Bienenstock, aber Rainer (ein echter Entertainer – „heute is nix los hier“) hat alles im Griff. Und er gehört zu den wenigen Leuten, die noch mehr reden als icke. Na ja, Berliner …
Später holt mich Manolis ab, der Besitzer der „Cretan Villa“, in der ich mein Nachtquartier finden soll. Das Hotel sieht wirklich so aus, wie es heißt, es liegt ruhig und zentral zugleich. Dort lerne ich auch Manolis‘ Freundin Despina kennen. Wenig später kreuzt dann auch Rainer auf und entführt mich zu einem nahrhaften Abstecher in den Fischerhafen. Danach treffen wir die beiden anderen im „Odíon“ wieder, einem gemütlichen Gartenlokal im Zentrum. Eine sehr gute Wahl, denn am Meer ist es recht windig.

Danach schlafe ich wie ein Stein und bemerke nicht einmal, dass mich die erste Mücke dieses Urlaubs besucht.

Montag, 2. Juli – Kreta 2001

Ein ausgiebiges Frühstück im „California“, das derzeit ein echtes „Drei-Mäderl-Haus“ ist: Elke, Birgit und Voula schmeißen charmant den Laden.

Hinterher erledige ich ein paar wichtige Einkäufe, Sachen, die ich beim Einpacken mitten in der Nacht vergessen hatte. Da war doch noch noch irgend etwas mit „K“, was ich kaufen wollte. Na, es wird mir schon wieder einfallen.

Dann gehe ich Despina in ihrem kleinen Laden „To Karaváki“ besuchen, den sie mir am Vorabend auf dem Nachhauseweg zum Hotel gezeigt hatte. Ich will was kaufen, aber das gestaltet sich sehr schwierig. Mit Mühe (und mit einem kleinen kretischen Trick) schaffe ich es am Ende, doch ein paar Drachmen für eine Haarspange loszuwerden, nachdem sie mir das edle Kombolói geschenkt hatte.

Als sie den Laden schließt, um für sich und Manolis zu kochen, setze ich mich auf ein Bier in Tassos‘ altes Kafenío am Platz vor dem Museum, einem meiner Lieblingsplätze in Ierápetra. Zum Bier bekomme ich sage und schreibe vier Tellerchen mit nahrhaften Dingen serviert: Hackfleischbällchen (mindestens 10 Stück), Oliven, Feta, Wurst, Tomaten, Gurken, Zwieback. Eine komplette Mahlzeit! Siehe auch Startseite dieses Berichts …

PicturesKJ/ierap_tassos2.jpgWährend ich das Ganze genieße, beobachte ich den Platz und versuche herauszufinden, ob der Verkehr hier nach irgendwelchen Regeln funktioniert. Offensichtlich nicht!

Dann schreibe ich eine Weile an diesem Reisetagebuch weiter und bestelle bei der zahnlosen älteren Wirtin noch ein Bier. Ich bitte sie herzlich, mir nichts mehr zu essen dazu zu bringen, weil ich pappsatt bin, aber sie trägt dennoch wenig später eine große Portion Bohnen mit Kartoffeln in Sauce herbei.
Ich könne doch das Bier nicht „pur“ trinken, befindet sie. Zum Schluss verlangt sie für ganze Herrlichkeit nicht einmal 6 DM. Ich überrumpele sie und lege den gleichen Betrag einfach noch drauf, und oh Wunder, sie nimmt es lächelnd und dankend. Jetzt habe ich endlich das 3:1 geschossen (es war immer noch preiswert).

Auf dem Heimweg zum Nachmittagsschlaf ruft Jorgos (mein Autovermieter) an und fragt mich, wohin er denn am nächsten Tag den Jeep bringen sollte. Ich erwidere, er solle sich doch die Mühe nicht machen, ich würde den Swift behalten, aber nach langem Hin und Her wird mir klar, dass er selbst den Swift dringend braucht. Deshalb will er mir unbedingt den Jeep bringen und das auch noch ganz ohne Aufpreis.
„Also gut, Jorgo, ich sitze bis morgen mittag im ‚California'“, und beschreibe ihm die Anfahrt.

PicturesKJ/ierapetmosch2.jpgNach dem Mittagsschlaf treffe ich mich bei Rainer mit Wolfgang, einem schnauzbärtigen Original aus Ludwigsburg, der hier seit Jahren vollkommen umsonst und nur aus Spaß an der Freude Touristen die verborgenen Schönheiten der Stadt und der Umgebung nahe bringt. Mit Elan führt er mich durch die Altstadt, nicht ahnend, dass ich auch schon öfter mal hier war.

Ich bringe ihm das irgendwann schonend bei und sobald er gemerkt hat, dass er seine Aufgabe ein klein wenig uminterpretieren sollte, wird es ein nur noch amüsanter Spaziergang, der mit einigen leckeren Gläsern Bier bei Petros (dem Nachbarn von Tassos‘ Kafenío) ausklingt. Wir hatten beide wirklich Spass miteinander.

Danach reicht meine Energie gerade noch für eine Weile Quatschen bei Rainer im Büro und einen kleinen Absacker im ‚California‘.

In dieser Nacht bringt die Mücke im Hotel ihre Familie mit.

Dienstag, 3. Juli – Kreta 2001

Ich schlafe bis 9 Uhr und räume dann mein Zimmer. Spätestens mittags will ich wieder auf der Piste sein, so bald Jorgos den Jeep gebracht hat. Manolis weigert sich kategorisch, auch nur einen Pfennig für die Übernachtungen in seinem Hotel zu nehmen.
„Es ist alles bezahlt!“

Irgendwann muss ich das akzeptieren. Dann vereinbaren wir eine Werbung auf meiner Homepage. Als er mich nach dem Preis fragt, bekommt er von mir diesmal auch die richtige Antwort: „Es ist alles bezahlt!“
Das ging endlich mal unentschieden aus (nachträglich besehen nicht ganz, denn dieser Tage kam aus Kreta ein großer Brief von Despina und ihm mit einem wirklich schönen Druck eines alten Stichs von Kreta!).

Nach dem wiederum sehr guten Frühstück im ‚California‘ werde ich ein wenig unruhig. Wo bleibt Jorgos? Irgendwann rufe ich ihn an, und erfahre, dass er es heute nicht schafft und mich auf morgen vertrösten möchte. Meinetwegen, ist kein Problem, ich brauche den Jeep doch gar nicht so dringend!

„Morgen bin ich aber in Keratókambos. Genauer gesagt in Kastrí. Ich rufe dich morgen früh an und beschreibe dir den genauen Weg zu dem Haus, wo ich zu finden bin!“

PicturesKJ/kerat_horn.jpgAlso hält mich jetzt nichts mehr in Ierápetra, ich mache noch eine Verabschiedungsrunde (das gehört sich so) und dann hat die Straße mich wieder.

Westwärts geht es bis Mýrtos, dann unten am Meer entlang auf der neuen schmalen Asphaltstraße. Irgendwann aber wird die wieder zu Schotter und ich will den Swift nicht überfordern. Also hinauf in die Berge zur Hauptstraße und dann wieder hinunter ins wie eh und je verschlafene Árvi. Von hier aus dann doch auf der Schotterstraße unten entlang nach Keratókambos. Aber diese Strecke ist mit etwas Vorsicht auch mit einem normalen PKW zu befahren.

In Keratókambos kehre ich bei Manolis ein und grüße ihn von Marianna aus Leoben. Er freut sich und bleibt lange bei mir am Tisch sitzen. Dann lasse ich mir den Weg zu Petros und Anna Sütterlins Haus beschreiben, die mich über Internetkontakte zu sich eingeladen hatten. Es war mir bis heute neu, dass Keratókambos aus zwei Dörfern besteht, nämlich aus Keratókambos und Kastrí (wo die beiden ihr Sommerdomizil haben). Kastrí findet man auf keiner Karte und in keinem Reiseführer (aber natürlich jetzt im „Online-Guide Kreta“). Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag auf der Terrasse, zusammen mit ihrem Sohn Patrick und dessen Hund Paco. Zum Abendessen entschließen wir uns dann, wieder zu Manolis ins „Lyvikon“ zu gehen.

PicturesKJ/kerato_manoli2.jpgMichael aus Frankfurt und seine Freundin gehen auch mit. Da ich in den vergangenen Tagen praktisch kaum Geld losgeworden bin (und bei Petros und Anna schon wieder umsonst übernachten werde), erkläre ich mich hochoffiziell zum Gastgeber für den Abend (was sowohl die anderen, als auch Manolis akzeptieren). Wir vertilgen jeder ein Hauptgericht und vorher mindestens 10 verschiedene Vorspeisen gemeinsam. Zusammen mit reichlichem Weingenuss wird es ein wahrhaft gelungener Abend. Manolis überrascht mich mit der Rechnung, ich darf nicht mehr als 80 DM bezahlen, was ein Witz ist! Selbst, als ich reklamiere, das sei viel zu wenig, lächelt er mich nur ebenso gleichmütig wie verschmitzt an: „Nein, Klaus, das stimmt schon!“ Dabei kennt er mich erst seit ein paar Stunden …

Nach den in jeder Hinsicht anstrengenden letzten Tagen schlafe ich zwar mal wieder zu kurz, aber dafür wie ein Stein. Die Mücken sind offensichtlich in Ierápetra geblieben.

Mittwoch, 4. Juli – Kreta 2001

Ich sitze mit Petros etwas unausgeschlafen am Frühstückstisch. Ich habe langsam das Gefühl, dass ich dringend einen Ruhetag ohne irgendwelche gesellschaftlichen Verpflichtungen einlegen sollte. Abends früh in’s Bett gehen, ausschlafen … und dann wieder auf die Piste. Es fällt mir schnell ein, dass ich das am besten in Agía Galíni machen könnte, das sollte sowieso mein nächstes Ziel sein.

Also rufe ich schnell Jorgos an, er soll mir den Wagen nach Agía Galíni bringen. Und dann verabschiede ich mich von Petros, dankbar für einen schönen Tag … aber ich hasse lange Abschiede. Ich komme mal wieder, und das wirklich gern!

PicturesKK/buchtgournia.jpgIch entscheide mich für die asphaltierte Südküstenstrecke nach Tsoútsouras, da ich sowieso mal feststellen will, wie gut sie inzwischen ausgebaut ist (wie mir kürzlich gemailt wurde).
Sie ist völlig problemlos zu befahren, nur an einer Stelle muss man aufpassen: Da geht die Straße scheinbar geradeaus weiter (allerdings als Schotter), die richtige Strecke nach Tsoútsouras biegt links ab ein Stück hinunter, führt über eine winzige Brücke und dann weiter nach Westen. Eine Beschilderung gibt es (natürlich) nicht, ich bin einfach nach Gefühl gefahren und es hat mich nicht getrogen. Die Berghänge hier sind karg und wild, die Straße ist bestens ausgebaut, aber natürlich z. T. sehr kurvenreich.

Tsoútsouras hat sich nicht viel verändert, außer, dass viele Häuser hinzu gekommen sind und eine neue (überdimensionierte) Hafenanlage auch hier nicht fehlen darf. Und dann die Straße hinauf … vorbei ist es mit der Abenteuerlichkeit der Strecke. Bester Asphalt, alle auch nur halbwegs gefährlichen Kurven durch starke Leitplanken gesichert.

In Áno Kastellianá erreiche ich wieder die Hauptstrecke nach Westen, die ja inzwischen durchgehend asphaltiert ausgebaut ist. Agía Galíni, ich komme! Da fällt mir ein, dass meine Frau Yvonne ja erst heute von dort abfahren und abends ab Iráklion fliegen will. Ich treffe sie also wider Erwarten doch noch (sie war schon 10 Tage früher nach Kreta gefahren als ich). Wie praktisch, dann kann Jorgos sie ja mit nach Iráklion nehmen, wenn er mir den Jeep gebracht hat.

Doch dann regt sich ausnahmsweise der treusorgende Ehemann in mir. Wird sie es nicht viel schöner finden, wenn ich sie selbst zum Flughafen bringe? Also fahre ich rechts ran und hole das Handy raus. 1. Anruf in Agía Galíni: „Fahr nicht mit dem Bus, ich bin in etwa einer Stunde da und fahre dich heute nachmittag rechtzeitg zum Flughafen!“ Sie freut sich tatsächlich …
2. Anruf in Iráklion: „Jorgo, vergiss alles, du brauchst mir den Wagen nicht zu bringen. Kurz nach 5 Uhr bin ich bei dir und hole den Jeep ab!“ Er freut sich auch!
Und ich freue mich, dass sich zwei Leute freuen.

PicturesOG/aggalini.jpgDie letzten Kilometer von Ágii Déka bis Agía Galíni fliegt der Swift nur so über die gut ausgebaute Straße. Der arme Kerl weiß noch nicht, daß ich ihn schnöde verraten habe und er ab heute abend für eine deutsche Familie mit Kleinkindern Dienst tun wird. Klaus, Autos haben keine Seele!

Im „Romantiká“ in Agía Galíni gibt es das erwartete herzliche Willkommen. Heidi und Kyriakos, Jorgos, der Kellner, Makis, der Koch, und Carlo, der Sohn, alle freuen sich. Und ich mich auch über das sofort frisch gezapfte Bier zum Empfang.

Nach einer Weile erfährt auch Yvonne, dass ich da bin und kommt die paar Meter vom Strand herauf. Da es Mittagessenzeit ist, vertilge ich eine große Portion Lamm mit Auberginen, zusammen mit zwei weiteren Bieren. Dann erfahre ich voller Freude, daß Heidis Zimmer inzwischen alle eine Klimaanlage aufweisen. Also auf zum Mittagsschlaf (bis eben war es Yvonnes Zimmer, jetzt ist es meins), ich habe ja heute nachmittag noch mal 150 Kilometer zu fahren. Ich merke überhaupt nicht, dass Yvonne ihre Sachen packt, ich schlafe süß und traumlos.

Die Fahrt verläuft ereignislos (auf der Strecke kenne ich wirklich jede Kurve mit Namen), am Flughafen äußert Yvonne lächelnd den Verdacht, dass ich sie nur deshalb gefahren hätte, um mich zu vergewissern, dass sie auch wirklich abfliegt.
Ich mache den Spaß mit: „Du hast es genau erfasst!“

PicturesKJ/agheidi2kl.jpgDie Rückfahrt mit dem Samurai lässt mich an meinem Entschluss, das Auto zu wechseln, noch einmal zweifeln. Mein Gott, dieses Auto ist ein anderes Kaliber. Der verlangt eine harte Hand! Bodenwellen in Kurven verleiten ihn gar zu gewissen unkontrollierbaren Sprüngen … egal, seine Stunde kommt noch, wenn ich es demnächst mal abseits befestigter Wege probieren werde.

Ich komme todmüde wieder in Agía Galíni an. Es reicht nur noch zu einem Bier und ein bisschen Smalltalk. Ich schlafe mit dem beruhigenden Gefühl ein, dass ich morgen einen absoluten Ruhetag einlegen werde (ich Naivling).

Donnerstag, 5. Juli – Kreta 2001

Von wegen Ausschlafen. Um neun Uhr bin ich wach. Ich genieße das reichliche Frühstück, setze mich danach in einen der gemütlichen Sessel der neuen Cafeteria im „Romantika“ und sinniere vor mich hin. Ruhetag! Nichts tun! Ausspannen! Urlaub! Wie, Urlaub?

Sollte ich nicht wenigstens mal nach Kalamáki rüberfahren, um mal bei Judith und Thanassis anzuklopfen? Ist doch keine Strecke. Warum eigentlich nicht? Genug ausgeruht!

Also fahre ich eben mal nach Kalamáki. Ich will doch endlich Judith und Thanassis auch persönlich kennen lernen, denn wir kennen uns bisher nur per E-Mail. Ich parke den Wagen nicht direkt vor dem Büro, das sieht nicht so gut aus, wenn da ein Auto eines anderen Vermieters steht.

Drinnen herrscht geschäftiges Treiben, Judith allerdings ist selbst nicht da. Ich darf telefonieren und gehe dann die paar Meter zu ihrer Wohnung hinüber. Judith freut sich sehr, dass ich auftauche, denn sie hat gerade ein kognitives Problem mit einem Findelhund, von dem sie vermutet, es könne jener sein, der vor kurzem im Kreta-Forum gesucht wurde. Er ist es nicht, er hat das falsche Geschlecht.

PicturesKJ/kalamakjudith.jpgNachdem das geklärt ist, haben wir noch genug anderes zu erzählen. Als mittags um zwei das Büro geschlossen wird, fahren Judith, Thanassis und ihre beiden kleinen Töchter Marianna und Melina mit mir zuerst zu ihrer „Farm“. Sie haben sich außerhalb (unweit von Kamilári) ein Grundstück eingerichtet, wo sie nicht nur alle Arten von Obst und Oliven selbst züchten, sondern auch ihre lebendig-fleischerne Speisekammer haben (Kaninchen, Hühner, Enten, Puten). Und zwei Hunde, die sie natürlich nicht essen, die aber auf das Ganze aufpassen sollen. Wie die meisten  griechischen Hunde sind diese aber eigentlich ein wenig zu ängstlich …

Thanassis versorgt Tiere und Pflanzen mit Wasser und sammelt die Eier ein (die ich schlussendlich als Geschenk mitbekomme), Judith zeigt mir derweil die Plantage und einen ganz frischen Wurf Kaninchen (Nachschub für die Speisekammer).

Als die landwirtschaftlichen Pflichten erledigt sind, fahren wir weiter nach Ágios Ioánnis, wo wir köstliches Kaninchen mit ebenso köstlichen Kartoffeln und Salat zu uns nehmen. Ich mache erst gar nicht den Versuch, zu zahlen.

PicturesKJ/matala6.jpgMarianna und Melina bestehen auf einem Eisbecher zum Nachtisch, also geht es noch nach Mátala und zu einem herrlichen großen Eisbecher mit frischen Erdbeeren für jeden. Dieses Mal bin ich schlau genug, selbst ohne Nachfragen vom Wirt die Rechnung zu verlangen.

Thanassis sträubt sich: „Klaus, ich bin nicht einverstanden!“
Und ich weiß zum Glück die richtige Antwort: „Das interessiert mich kein bisschen!“
Der Wirt lacht und bringt mir mein Wechselgeld, während Thanassis mit gewisser Anerkennung zu Judith sagt: „Er kennt das griechische System!“

PicturesKJ/matala5.jpgBestens gelaunt fahren wir vorbei an der „Horsefarm Melidoni“ (siehe Online-Guide) vorbei auf einem spannenden Feldweg nach Kalamáki zurück (Thanassis hatte auch einen Jeep genommen, einen Vitara allerdings, der richtig sanft wirkt gegen meinen Samurai). Die beiden müssen das Büro wieder aufmachen, ihre drei Stunden Mittagspause haben wir gemeinsam verbracht und zum Mittagsschlaf ist natürlich niemand gekommen. Ich verabschiede mich, denn jetzt müssen sie wieder arbeiten. Außerdem werde ich ja spätestens in einer Woche wieder da sein, dann haben wir uns mit Jürgen und Stefanie von „Kreta-Netz“ verabredet.

In Agía Galíni halte ich dann selbst doch noch ein Schläfchen, bevor ich bei Heidi wieder zu Abend esse. Danach wird es mir hier etwas zu ruhig, also beschließe ich, meine Freunde vom Campingplatz zu besuchen, der ja nur unweit vom „Romantika“ liegt.
Auch hier werde ich herzlich begrüßt, sowohl von den Wirtsleuten, als auch von den beiden Berliner Dauercampern, mit denen ich hier zwei Jahre zuvor einige feuchtfröhliche Abende zur eigenhändigen Gitarrenmusik verbracht habe.
Auch die Wirtin Maria erinnert sich daran natürlich, und so bleibt es nicht aus, dass ich die vorsorglich mitgebrachte Gitarre aus dem Jeep hole und es wieder mal ein langer Abend wird.

Freitag, 6. Juli – Kreta 2001

„Rölfchen“ aus Berlin hat mich am Abend vorher gefragt, ob ich ihn evtl. am nächsten Tag nach Timbáki bringen kann. Sein Auto ist dort in Reparatur und er kann es gegen Mittag abholen. Natürlich kann ich ihn fahren, es sind ja nur ein paar Kilometer.

Ich bin pünktlich bei ihm und das Auto ist tatsächlich fertig. Also unternehme ich jetzt etwas auf eigene Faust. Ich habe von einer neuen Asphaltstraße gehört, die von Gerakári quer durch das Kédros-Gebirge führt. Da ich diese noch nicht kenne und auch die ganz alte Strecke von Süden nach Réthymnon über Agía Paraskeví und Áno Méros lange nicht mehr gefahren bin … auf geht’s.

Am Ortsausgang von Timbáki bremse ich neben einem jungen rucksackelnden Paar. Sie wollen nach Agía Galíni und dann weiter nach Spíli (wie sich später herausstellt, wollen sie eigentlich im Endeffekt nach Plakiás bzw. Mýrthios). Da ich nach Spíli fahren will, wenn auch nicht auf dem ganz direkten Weg, biete ich ihnen an, eine knappe Stunde ihrer Urlaubszeit zu investieren und mich auf meinem „Umweg“ zu begleiten. Außerdem würden sie diese Strecke unter normalen Umständen nicht einmal aus der Entfernung zu Gesicht bekommen. Natürlich finden sie das ein gutes Angebot.

Während sich der Jeep die schmale Straße entlang immer höher ins Kédros-Gebirge schraubt, quatschen wir über Kreta und die Welt, griechische Mythologie, ungiftiges Gewürm, Familienfeiern und was uns sonst noch so alles einfällt. Es ist eine für alle Teile unterhaltsame Tour.

Tatsächlich ist die Straße von Gerakári nach Spíli sogar ausgeschildert. Viel mehr weiter bergan geht es nicht mehr und dann führt die Straße in engen Kurven und mit herrlichen Ausblicken hinunter ins Spíli-Becken. Einen 20 cm tiefen Graben quer über die Straße übersteht unsere Vorderachse wider Erwarten unbeschadet.

PicturesKJ/spili.jpgDa ich allmählich Hunger bekomme, lade ich sie auf einen kleinen Imbiss in Spíli ein. Aber erst sollen sie natürlich den berühmten Brunnen bewundern. Die Löwenköpfe sind neu geweißt und das eiskalte Wasser erfrischt wie gewohnt. Hinterher sitzen wir dann im Lokal „Jannis“ unweit des Brunnens und lassen uns „Apáki“ (geräuchertes gegrilltes Schweinefleisch) mit köstlichen Kartoffeln und Salat schmecken.

Danach schlage ich ihnen vor, noch ein paar Kilometer weiterzufahren, bis zu dem Platz, wo sie in den Bus von Réthymnon nach Plakiás umsteigen können. Entweder merken sie es nicht oder sie lassen es sich nicht anmerken, dass wir längst diese Stelle passiert haben und die Kourtaliótiko-Schlucht durchfahren. Ich erzähle ihnen etwas über die Quellen des Megalopótamos, die unterhalb der Straße in einer Felswand entspringen. Leider können oder wollen wir ihr Gepäck im offenen Jeep nicht ganz unbeaufsichtigt an der Straße stehen lassen, also entfällt der Spaziergang hinunter. Wir schnurren weiter die schmale und kurvige Straße entlang, bis plötzlich (und vollkommen unerwartet *g) hinter einer Kurve das Ortsschild von Mýrthios auftaucht.
„Voilá, da sind wir!“

PicturesKJ/kourtaliot1.jpgSie geben sich ein wenig überrascht und natürlich sehr erfreut, denn mit einem solchen Lift hatten sie wirklich nicht gerechnet. Sie versprechen noch, dass sie mir irgendwann etwas über ihre weiteren Erlebnisse auf Kreta berichten wollen (bisher – Vorwurf! – ist das allerdings nicht geschehen), dann lasse ich sie in der Taverne „Panorama“ mit herrlichem Blick auf die Bucht von Plakiás zurück.

Auf der Rückfahrt durch die Kourtaliótiko-Schlucht schaue ich mir noch das in den Felsen gebaute Kirchlein der Agía Paraskeví an, welches einem eigentlich nur auffällt, wenn man von dieser Seite aus durch die Schlucht fährt.
Gut gelaunt geht es zurück nach Agía Galíni in dem Bewusstsein, vielleicht ein ganz kleines bisschen von der Gastfreundschaft, wie ich sie nicht nur in den vergangenen Tagen erlebte, weiter gegeben zu haben.

Abends sitze ich wieder bei Kyriákos und Heidi im „Romantika“, aber ich werde auch nicht richtig alt dort.

Sonntag, 8. Juli – Kreta 2001

Der Tag verläuft ereignislos, ich lese, bummele herum und tue gar nichts. Da ich ahne, dass der Abend etwas länger dauern wird, ist das das Beste, was ich tun kann.

Abends finde ich mich zur verabredeten Stunde bei Leandros, seinen Töchtern Marika und Clio und Jorgos, dem Ehemann der letzteren ein. Jorgos hat alles organisiert: Wir werden noch zu Jorgos‘ Schwager (der ebenfalls Jorgos heißt) hinüber gehen, da allgemein gewünscht wird, dass ich wieder Gitarre spiele und singe, dies aber in Leandros‘ Haus wegen des kürzlichen Todes seiner Frau Evangelia nicht so ganz passend wäre.

Als wir dort ankommen, ist Schwager Jorgos, ein Schäfer, noch in Verkaufsverhandlungen betreffs einiger Kilo Lammfleisch und er bittet uns sogleich, ihm schnell mal beim Rechnen zu helfen (der Käufer ist nicht in Hörweite).
„13 einhalb Kilo mal 2.200 Drachmen, wie viel ist das.“

Da ich weiß, dass viele Griechen Schwierigkeiten beim Kopfrechnen haben, übernehme ich freiwillig die Antwort: „29.700 Drachmen!“
Die beiden Jorgos schauen ungläubig, weil die Antwort so schnell kam.
„Und wenn ich 2.400 Drachmen pro Kilo verlange?“ Der Schäfer grinst verschmitzt.
„Dann sind es 32.400 Drachmen!“

Der andere Jorgos will es nicht glauben und holt Papier und Bleistift. Nach einigen Minuten findet er mein Ergebnis zu seinem Erstaunen bestätigt. Sein Schwager geht zufrieden fort und kehrt wenig später noch zufriedener zurück. Aufgrund seines kleinen Tricks hat er die ursprünglich erwünschten 30.000 Drachmen bekommen. Das muss gefeiert werden.

Wie immer, wenn Marika und Clio kochen, gibt es viel zu viel zu essen. Spaghetti, Lamm, Ziege, Kartoffeln, Salat, Käse … ich kann kaum noch Papp sagen. Dann holt der Sohn des Hauses eine Mandoline hervor, ich packe die Gitarre aus und wir musizieren stundenlang gemeinsam bis weit nach Mitternacht (zum Glück steht das nächste Haus einige Meter weiter). Die letzten beiden Stunden trinke ich nur noch Cola, denn ich habe doch etwas Bammel vor den inzwischen auch in Griechenland und besonders hier unten in der Messará-Ebene gern durchgeführten Alkohol-Kontrollen. Vor allen Dingen deshalb, weil ich an Kókkinos Pýrgos vorbei muss, in dessen Bars es vor allen Dingen am Wochenende heiß hergeht …

Aber heute findet keine Kontrolle statt, oder wenn, dann anderswo. Unbehelligt erreiche ich mein Bett und die Klimaanlage …

Montag, 9. Juli – Kreta 2001

Heute ist wieder ein etwas größerer Trip angesagt. Ich hatte vor einigen Tagen bei Christos in Chaniá angerufen und erfahren, dass er und seine Frau nicht zu unserem geplanten „Webmaster-Treffen“ am kommenden Donnerstag in Kalamáki kommen können. Seine Frau ist nämlich nach eigener Aussage „ein bisschen schwanger“. Wenn ich richtig rechne, war das „bisschen“ der 6. Monat. Da würde ich auch dreimal darüber nachdenken, ob ich mich bei den Temperaturen wegen eines netten Abends quer über Kreta bewegen wollte.

Also muss ich nun rauf nach Chaniá, denn ich will Christos persönlich kennen lernen.
Nach dem Frühstück also in den braven Jeep und auf geht’s. Keine großartigen Umwege dieses Mal, heute ist das Ziel das Ziel. Ein paar Stopps lege ich natürlich ein, den letzten in Kalýves, denn ich will doch wenigstens der Familie Vlamákis in meinem Lieblingslokal hallo sagen. Das gestaltet sich allerdings unerwartet schwierig. Man durfte ja offiziell schon immer nicht die erste Abfahrt nach Kalýves von der „New Road“ aus links (!!!) abfahren, also lasse ich das lieber, denn da stehen die Herren mit den blau-weißen Wagen gerne. Die zweite Abfahrt rechts vor der Kurve und der Brücke über den Fluss war auch noch nie eine offizielle Abfahrt, jetzt ist es überhaupt keine mehr! Höchst stabile Leitplanken verrammeln alles. Da bleibt mir nur übrig, einige Kilometer an Kalýves vorbei bis zum Fort Izzedine zu fahren und von dort aus wieder zurück.
Ein Musterbeispiel kretischer Verkehrsplanung … Der Tankwart im Dorf zuckt nur gleichmütig die Schultern, als ich ihn frage, ob er jetzt überhaupt noch Kunden habe. Was will er sonst auch tun?

Dann fahre ich zum „Kyani Akti“. Das Hinweisschild oben an der Straße steht wieder und unten hat sich rein gar nichts verändert. Großvater Ilias, den ich nunmehr seit 30 Jahren kenne, wird scheinbar einfach nicht älter. Seine Söhne und Enkel indes schon. Nach einem Bier, einer Portion Käse und Oliven entschließe ich mich dann aber, das letzte Stück nach Chaniá jetzt in Angriff zu nehmen, denn die größte Mittagshitze steht bevor. Noch ahne ich nicht, dass es viel schlimmer kommt, als erwartet.

Wieder vorbei am Fort Izzedine passiere ich das militärische Sperrgebiet, in dem das Fotografieren all der Dinge, die man sowieso nicht sehen kann, streng verboten ist. Leider versäume ich auch, eines der lustigen Verbotsschilder zu fotografieren, denn dort sind noch richtig antike Balgenkameras abgebildet. Wer also eine moderne hat, dürfte dann doch …?

Die Straße senkt sich hinunter nach Soúda, dann geht es einige Meter wieder leicht bergan. Und dann öffnet sich die Ebene von Chaniá vor mir … und offensichtlich gleichzeitig die Tür eines Backofens. Die Luft, die von außen durch den ringsum offenen Jeep strömt, kühlt nicht im geringsten, im Gegenteil. Du lieber Himmel, in Agía Galíni war es ja schon heiß, aber das hier schlägt alles! Ich drücke ordentlich auf’s Gaspedal, die Straße ist hier zwei- bis dreispurig, auch die im Frühsommer noch durchgeführten Bauarbeiten sind offensichtlich beendet. Vorbei an der zweiten Ausfahrt nach Soúda, vorbei an der Ausfahrt nach Mourniés (und Chaniá). Jetzt muss ich aufpassen. Wie hatte Christos am Telefon gesagt?
„Die nächste Ausfahrt musst du nehmen, da sind ein paar Brücken, darunter stehe ich und hole dich ab.“
Ich nehme die Ausfahrt, aber ich bin eigentlich früher als ursprünglich verabredet. Aber wozu leben wir im Zeitalter des Handys? Ich erreiche ihn sofort und muss dann feststellen, dass er eine andere Brücke gemeint hatte als ich. Aber er kapiert schon, wo ich gerade bin.
„Stell dich unter die Brücke in den Schatten, ich komme mit dem Roller!“
„O.k., ich habe einen weißen Samurai mit einem gelben Sonnendach!“

Es dauert wirklich nicht einmal 10 Minuten, da sehe ich im Rückspiegel den Roller auftauchen und neben mir halten. Ich kannte bisher weder Christos persönlich noch ein Foto von ihm und erwartete der Stimme am Telefon nach einen dunklen Kreter. Pustekuchen. Der Mann spricht nicht nur norddeutsch, er sieht auch so aus. Ich gebe meiner Verblüffung Ausdruck.
„Hi, Christo, du siehst aber überhaupt nicht griechisch aus!“

Die etwas taktlose Begrüßung übergeht er mit der Aussage, dass offensichtlich seine (deutsche) Mutter durchgeschlagen habe. Und dann folge ich ihm über diverse Schleichpfade zu seiner Wohnung. Als wir die Treppe hinaufsteigen, zeigt er auf das Thermometer, das hier im Schatten hängt: „43 Grad!“ Ach so, das war also der Backofen.

Zum Glück hat seine Wohnung eine Klimaanlage. Seine Frau begrüßt mich herzlich (sie ist genauso blond wie meine), sein Hund auch (er verliert genau soviel Haare wie meiner!). Die Klimaanlage und ein eisgekühlter Frappé lassen mich zufrieden auf einem Sessel zusammensinken.
Wir quatschen den ganzen Nachmittag und entscheiden uns dann dagegen, bei diesen Temperaturen nach Chaniá hinein zu fahren. Stattdessen wollen wir lieber zu Hause was essen.

Immerhin ist es inzwischen schon wieder so erträglich draußen, dass Christos und ich einkaufen gehen könne. Gemeinsam ärgern wir uns über einen Mann, der mit brennender Kippe im Supermarkt neben uns an der Fleischtheke steht, und gemeinsam bewundern wir dann die Leistungsfähigkeit der Hackfleischmaschine, die sogar steinhart tiefgekühltes Fleisch zu verarbeiten imstande ist. Das tiefgekühlte schmeckt genauso gut wie das frische, ist aber erheblich preiswerter. Christos‘ Frau allerdings beschwert sich nicht zu Unrecht hinterher, dass ihr die Hände abfrieren, als sie das Hackfleisch verarbeiten wollte. Da haben Christos und ich für einen Moment wohl nicht nachgedacht.

Trotzdem wird das Abendessen ein voller Erfolg. Ich liebe Hackfleischröllchen mit Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln. Inzwischen sind wir auf die Terrasse gewechselt, so bekomme ich ein Stück vom alltäglichen Leben hier in diesem Vorort von Chaniá mit, wir essen, trinken und reden.
Und da das Kinderzimmer momentan ja noch mutterintern ist, darf ich im zukünftigen bestens schlafen. Und ich schlummere ein in dem angenehmen Gefühl, wieder einmal nette Leute aus der Nähe kennen gelernt zu haben.